Dialog der Konstrukteure (Berlin)

~Bernd Hettlage

Der Konflikt ist wohl so alt wie die beiden Disziplinen selbst: Der Architekt sieht – überspitzt formuliert – den Bauingenieur als rei- nen Rechenkünstler, der seine ästhetischen Vorgaben umzusetzen hat. Der wiederum betrachtet den Architekten als Künstler, der schöne Entwürfe zeichnet, aber sonst nicht viel Ahnung vom Metier hat. Heutzutage ist das natürlich längst überholt. – Oder etwa nicht?
Die Ausstellung »Dialog der Konstrukteure. Zur Zusammenarbeit von Ingenieur und Architekt in der Schweiz« im Deutschen Architektur Zentrum DAZ stellt zumindest die These auf, dass auch aktuelle architektonische Tendenzen eher von einem unbekümmerten Verfolgen einer Form zeugen, ungeachtet der kons-truktiven Wirklichkeit. In der Schweiz allerdings sei dies anders, dort existiere eine teils intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit. Um diesen Dialog zwischen den Fachgebieten darzustellen, lud das Architekturforum Zürich 2006 zwölf Architektur- und Ingenieurbüros aus der deutschen Schweiz ein, ihre fächerübergreifende Zusammenarbeit in einer Ausstellung zu zeigen. Die aktuelle Präsentation im DAZ ist eine erweiterte Neuauflage dieser Züricher Schau. Die Ausstellung wie auch das Begleitprogramm sind Teil der Veranstaltungsreihe »Baukunst im Dialog« der Schweizerischen Botschaft in der Bundesrepublik. Wie auch immer man zur These der Ausstellungsmacher um die Kuratorin Aita Flury stehen will, die überaus gutbesuchte Eröffnung, eingerahmt von Vorträgen und einer Podiumsdiskussion, zeugte vom großen Interesse an diesem Thema.
Die Ausstellung selbst ist in vier Bereiche gegliedert: Drei Essays und eine Einführung der Kuratorin, auf große Tafeln gedruckt, beschäftigen sich eingangs theoretisch mit dem Thema. Ihnen folgen vier Kojen mit Werkberichten der eingeladenen Architektur- und Ingenieurbüros. Auch hier gibt es – neben Fotos und Konstruktionszeichnungen – sehr viel Text zu lesen. Im Prinzip ist nahezu der ganze 120-seitige Katalog zur Ausstellung auf den Texttafeln abgedruckt. Zur Auflockerung gibt es im flächenmäßig größten Teil immerhin Arbeitsmodelle zu den vorgestellten Projekten zu sehen. Zum Schluss betritt man ein kleines Kino, das in den Saal gebaut wurde. Hier werden zwei Videos gezeigt. Eines davon präsentiert die besprochenen Bauwerke während der Bauzeit beziehungsweise im fertigen Zustand.
Will man nicht den Großteil der Texte später im Katalog nachlesen, muss man viel Zeit mitbringen für diese Schau. Schade ist, dass letztlich nur zwei Büros, die Ingenieure von Schwartz Consulting und der Architekt Christian Kerez, über das gleiche Gebäude sprechen – das Schulhaus Leutschenbach – und so direkt unterschiedliche Ansätze sichtbar gemacht werden können. Auch bei den Modellen ist leider nicht gekennzeichnet, welche von den Architekten und welche von den Ingenieuren stammen. Dennoch: Wenn man sich auf die Ausstellung einlässt und Querverbindungen selbst zieht, was von den Ausstellungsmachern ausdrücklich gewünscht ist, wird es durchaus interessant. Bei allen beteiligten Büros zeigt sich eine ebenso enge wie selbstverständliche Zusammenarbeit schon in der Planungs- und Entwurfsphase, ob es sich um ein Einfamilienhaus oder ein Fußballstadion handelt. Ob das heutzutage wirklich nur oder vor allem in der Schweiz so gehandhabt wird, kann dann ja auf den begleitenden Veranstaltungen diskutiert werden.
Bis 2. Mai. Deutsches Architektur Zentrum DAZ, Köpenicker Straße 48/49, Di-Fr 12-19, Sa+So 14-19 Uhr, Eintritt frei Katalog 26 Euro, www.daz.de