Black Mountain (Berlin)

~Bettina Krause

An dieser Hochschule wurde nicht nur gelehrt – hier wurde fürs Leben gelernt. Erstmalig in Deutschland zeigt der Hamburger Bahnhof in Berlin eine umfangreiche Ausstellung zum legendären, 1933 nahe des gleichnamigen Orts in North Carolina gegründeten »Black Mountain College«. Ein Hauptanliegen des innovativen, experimentellen und interdisziplinären Ausbildungskonzepts, bei dem Lehrer und Schüler ebenbürtig agieren, war die prinzipielle Offenheit für neue Einsichten und Erfahrungen. Bildende Kunst, Ökonomie, Physik, Tanz, Architektur und Musik wurden gleichrangig gelehrt. Zum Konzept gehörte die College-eigene Farm zur Selbstversorgung sowie die Selbstverständlichkeit, dass Lehrer und Schüler beim Bau des neuen Lehrgebäudes mithalfen. Es war ein Aufbruch in eine andere Zeit, in ein anderes Denken und eine Suche danach, wie man freie Persönlichkeiten ausbilden kann. Nach der Gründung des Colleges durch den Lehrer und Visionär der amerikanischen Moderne John Andrew Rice auf Grundlage der reformpädagogischen Ideen des Philosophen John Dewey zog das universitäre Experiment Black Mountain viele bedeutende, radikal denkende Persönlichkeiten an. Darunter waren – neben John Cage, Richard Buckminster Fuller und Albert Einstein – Josef Albers und Walter Gropius, der dem Institut als enger Berater verbunden war und in den USA die Bauhaus-Pädagogik weiterentwickelte. 1957, also 24 Jahre nach Gründung, kam es wegen finanzieller und personeller Engpässe zur Schließung der Hochschule. Insgesamt wurden dort etwa 1 000 Studenten unterrichtet. Die von Eugen Blume und Gabriele Knapstein kuratierte Ausstellung greift die experimentelle Atmosphäre der Black-Mountain-Ära auf, für die die Berliner Interessengemeinschaft »Raumlabor« das entsprechende Ambiente gestaltete. Schwarze, Rahmen bildende Gestänge teilen die riesige Ausstellungshalle in kleine, mit Holz verkleidete und z. T. mit Treppen und Plateaus versehene Räume, in denen die Exponate gezeigt werden. Der chronologische, exemplarische Gang durch die Geschichte des Colleges beginnt mit Briefen aus dem Jahr 1933, in denen Mies van der Rohe die endgültige Schließung des Bauhauses verkündete. Neben historischen Objekten sind künstlerische Arbeiten wie Zeichnungen, Bilder, Partituren, Webproben und Filmaufnahmen zu sehen. Großformatige Fotos aus dem Alltag des Colleges, oftmals ausgelassene, fröhliche Szenen, hauchen der Ausstellung Leben ein. Sie vermitteln authentisch das Gefühl von Freiheit, Inspiration und Offenheit jener Zeit. Das innovative und interdisziplinäre Konzept der Hochschule spiegelt sich zudem in »Performing the Black Mountain Archive«, unter Leitung von Arnold Dreyblatt, wider. Studenten verschiedener Ausbildungsstätten lesen, spielen und inszenieren Material aus dem umfangreichen Archiv und lassen den Zeitgeist für einen Moment wieder aufleben. Durch den entstehenden Atelier-Charakter interpretiert das Gezeigte die Geschichte neu und befruchtet die Debatte über heutige Hochschulkonzepte.
Bis 27. September. Black Mountain – Ein interdisziplinäres Experiment 1933-57. Hamburger Bahnhof Berlin, Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin, Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr. www.hamburgerbahnhof.de