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Confiserie in Oviedo (E)
Köstliche Krümel

Der spanische Konditor Julio Blanco arbeitet und gestaltet auf höchstem Niveau. Die edlen Produkte zelebriert er in seinen Filialen in entsprechendem Ambiente. Auf und vor unterschiedlich gefärbten Gläsern und mit wenigen, dafür umso kräftigeren Farbakzenten entfalten Pralinen und Torten in dem kleinen Verkaufsraum in Oviedo ihre appetitanregende Wirkung.

    • Architekten: Francesc Rifé Studio

  • Kritik: Markus Jakob Fotos: Fernando Alda
Schokolade sei eine Schweizer Spezialität? Das war einmal. Nur die Schweizer scheinen noch nicht gemerkt zu haben, dass in Belgien, Frankreich, aber auch in Spanien inzwischen viel raffinierteres Naschwerk aus Kakao und anderen, in der Kunst der Pâtisserie zuvor teils undenkbaren Zutaten hergestellt wird. Der aus der Apothekersprache stammende Begriff »Konfekt« klingt fast schon wie eine Beleidigung für diese deliziösen, sogar »architektonisch« interessanten Miniaturen. In Barcelona, wo auch der Entwerfer der Pastelería Pomme Sucre seinen Sitz hat, sind die Confiserien besonders zahlreich. Andere Städte und auch die Provinz ziehen nach. ›
Mit Klasse bis in die Hauptstadt
Oviedo, die Hauptstadt des Fürstentums Asturien im Norden Spaniens, ist ein urbanes Kleinod und kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken. Zu dieser gehört entfernt auch die jedem spanischen Schulkind geläufige Schlacht von Covadonga, mit der anno 722 angeblich die Reconquista eingeleitet wurde. ›
› Und eben in der nach dem kleinen, östlich von Oviedo gelegenen Ort benannten Calle Covadonga befindet sich die Confiserie Pomme Sucre. Die Gasse ist eine der Achsen, die vom Bahnhof zum teils überaus lauschigen, teils unwahrscheinlich monumentalen historischen Kern führen, und die Oviedos Geschäftszentrum bilden. Sogleich spürt man den bürgerlichen Charakter der Stadt, deren Lage sie zum politischen und finanziellen Zentrum einer der ältesten Industrieregionen Spaniens prädestinierte – auf halbem Weg zwischen den Steinkohleminen vor den Picos de Europa und den atlantischen Hafenstädten Gijón und Avilés.
Im proletarischen (aber tief urbanen, architektonisch von höchst eigenwilligen Bauten strotzenden) Gijón eröffnete der Confisier Julio Blanco 2002 sein erstes Geschäft unter dem Namen Pomme Sucre. Man kann den Erfolg seiner Feinbäckerei vielleicht sogar als Zeichen für das Wiedererwachen der krisengeplagten Region sehen. Auch in Avilés – neuerdings wegen des makellos weißen Kulturzentrums von Oscar Niemeyer in aller Munde – wurde eine »Pomme Sucre«-Filiale eröffnet. Wie jene in Gijón ist sie jedoch architektonisch weniger kühn als die etwas später von Francesc Rifé eingerichtete in Oviedo. Zuletzt hat Blanco in Madrid Fuß gefasst und dazu ein zweites Mal mit dem katalanischen Architekten zusammengearbeitet. Dort konnte Rifé in der Auseinandersetzung mit einem alten Gemäuer seinen Hang zur formalen Verknappung sogar noch spannender in Erscheinung treten lassen als dies in dem an sich belanglosen Haus in Oviedo möglich war.
2010 kam die »Pomme Sucre«-Filiale in Oviedo in die engere Auswahl für den Premio FAD. Diese begehrte, in Barcelona verliehene Auszeichnung berücksichtigt Projekte auf der ganzen Iberischen Halbinsel. Die Ironie wollte es, dass der Preis für das beste Intérieur dann zwar tatsächlich nach Oviedo ging, aber an die nur einige Schritte von der Confiserie entfernte Cocktail Bar »I+Drink« der Designer Merche Alcalá und Marion Dönneweg, die mit Anklängen an technische Flugzeugmöbel das Rennen machten.
Süsses edel ausgerichtet
Die knapp 35 m², auf denen Julio Blanco in Oviedo seine Kostbarkeiten präsentiert, liegen in einem historisch komplexen Umfeld. Leider wirkt die unmittelbare Nachbarschaft eher vulgär. Der Laden nimmt das halbe Parterre eines sechsgeschossigen Ziegelsteinbaus ein (und nochmals dieselbe Fläche im UG, für Kühl-und Lagerräume sowie die Toiletten). Die eigentliche Feinbäckerei, »obrador« genannt, befindet sich jedoch längst für alle Filialen zentral in einem Industriebezirk abseits der Ballungszentren.
Im Grau-in-Grau der Calle Covadonga wird nun gerade das schwarze Quadrat (sprich die annähernd quadratische Ladenfront) von Pomme Sucre durch umliegende schrille Beschilderungen – insbesondere die eines ›
› Häusermaklers – buchstäblich zum Verschwinden gebracht. Äußerst diskret tritt die Confiserie nach außen auf: Eine knapp bemessene horizontale Markise grenzt den Laden nach oben ab, aus dem Schwarz der das Schaufenster und den Eingang rahmenden Mauer ist der Schriftzug POMME SUCRE geschnitten, opalgläsern, kaum mehr als eine Handbreit. Nur sehr aufmerksamen Betrachtern wird das so ungewöhnliche wie unscheinbare Schwarz des äußeren Erscheinungsbilds – der Phenolharzanstrich, der dem Eingangsbereich eine fast lackartige Glätte verleiht – überhaupt auffallen.
Die leichte Abschrägung des kurzen Windfangs, gleichfalls schwarz, durch den weniger die Laufkundschaft als vielmehr die Eingeweihten diese Schatulle betreten, lässt sich als Augenzwinkern auf die nachfolgend herrschende Rechtwinkligkeit verstehen. Ins Auge fallen aber noch zuvor die Farben bzw. die drei hier verwendeten Materialien: der Boden knallgelb und acrylglänzend, die Wand linker Hand in milchig schimmerndem Opalglas, ebenso wie die von so präzis wie beliebig ausgeschnittenen Lichtrechtecken durchbrochene Decke. Die Rauchglas-Spiegelpaneele zur Rechten verdoppeln optisch den keine 3 m breiten, lang gezogenen, durch seine Helligkeit umso freizügiger wirkenden Raum. Er endet an einem kleinen, die Sogwirkung erhöhenden Verkaufstisch. Dort sitzt die Pâtisserie-Mamsell und serviert Kaffee aus der aufklappbaren Wand, die – als Fortsetzung des Bodens – in Gelb den Raum abschließt. Zu ihrer Linken setzt transparentes Rauchglas die Spiegelwand fort und leitet zur Treppe ins UG. Den Architekten haben drei der unentbehrlichen Zutaten der Zuckerbäckerei zur Wahl dieser Materialien inspiriert: Eigelb (der Boden), Mehl (das Opalglas) und Kakao (der Rauchspiegel).
Die aufklappbare Stirnwand ist die logische Ergänzung dessen, was sich an den längeren Seitenwänden abspielt. Sind diese doch, in all ihrer Glätte, keineswegs plan: Wenn Rifé die vorkragenden Teile der Rauchglaswand mit Schokoriegeln vergleicht, mag man das als kundenspezifisches Architektenpalaver abtun; ihre – kaum wahrnehmbare – Staffelung gehorcht jedoch jenem klassischen Grundsatz der Ästhetik, laut dem eine Linie ihre Richtung immer wieder ändern soll, nur um in sich selbst zurückzufinden. Ebenso bilden die beiderseits eingefügten Nischen (zur Präsentation der vorverpackten Ware) und die aus den Wänden vorkragenden Vitrinen eine gezackte Schlangenlinie, die den Raum erst eigentlich interessant macht. Die selbst im Vergleich mit einem Juwelier höchst präziöse Präsentation der Ware wirkt nicht überinszeniert, sondern in ihrer Kargheit beinahe zeitlos. Einkaufen bei Pomme Sucre: auf eine gewisse Kundschaft mag die unterkühlte Kantigkeit des Ladens einschüchternd wirken, für andere ist seine aalglatte Gefälligkeit ein ästhetisches Erlebnis.
Der Umgang mit den Materialien ist Rifés vorderstes Anliegen. Ihm zufolge haben gerade wertvolle Materialien »eine disziplinierende Wirkung«: Sie zwingen zur Präzision und zu adäquater handwerklicher Verarbeitung. So erforderte auch die Confiserie Pomme Sucre, um so schlicht zu erscheinen, einigen möglichst verborgen bleibenden technischen Aufwand: ein Antikondensationssystem und die Kaltlampen für die Kühlvitrinen etwa, die sich durch ihre Stahlstruktur von den beiden anderen aus den Seitenwänden vorkragenden Schaukästen unterscheiden. Elegant gelöst ist auch die Raumklimatisierung in einer schmalen, schwarzen, die Deckenpaneele durchstechenden Schiene. Was ist daran auszusetzen, wenn eine Confiserie dieser Klasse klinisch rein, fast aseptisch erscheint? Und warum sollte man sie auf den ersten Blick nicht mit einer Bijouterie verwechseln können, zumal die süßen Verlockungen wahre Schmuckstücke sind?
Francesc Rifé hat sich mit seinem heute ein Dutzend Mitarbeiter beschäftigenden Studio seit 1994 so gut wie am ganzen Spektrum innenarchitektonischer Aufgaben versucht, von Messeständen über Wohnungen und Läden bis zu Möbelentwürfen. Seine Einzelobjekte – Stühle, Leuchten, Teppiche (und ist nicht daran die wahre Qualität eines Designers zu messen, eher als an einem gefälligen Messestand?) – sind zwar eher mäßig: Konfekt, ist man versucht zu sagen. Der minimalistische Pragmatismus, mit dem Rifé bei seinen Intérieurs zu Werke geht, ist hingegen eine »Dienstleistung« im besten Sinne – ein Häuschen, an dem nicht zu knabbern ist. •
  • Standort: Calle de Covadonga, 21, E-33002 Oviedo Bauherr: Pomme Sucre, Gijón Architekten: Francesc Rifé Studio, Barcelona Bauzeit: September 2009 Fläche: 2 x 35 m² Baukosten: 165 000 Euro
  • Beteiligte Firmen: Zimmermannsarbeiten: Carpintería-Ebanistería Braña, Boal, www.carpinteriaboal.com Beleuchtung: Ferretería Robert Cardús, Sant Sadurní d’Anoia Gläser: Cristalería Bonanova, Barcelona
1 Eingang 2 Vitrine, +4 °C 3 Bonbons 4 Ladentisch 5 Büro 6 Vitrine, nicht temperiert 7 Vitrine, -2 °C

Oviedo (E) (S. 18)

Francesc Rifé
1969 in Sadurní d’Anoia (E) geboren. Studium der Innenarchitektur, des Industrial Design und der Architektur in Barcelona. Freie Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros. Seit 1994 eigenes Studio in Barcelona. Zurzeit Professur an der Designhochschule Elisava in Barcelona.
Markus Jakob
1954 in Bern geboren, langjährige Tätigkeit als Kulturkorrespondent für die Neue Zürcher Zeitung in Spanien. Heute Tätigkeit als Übersetzer, freier Journalist und Buchautor in Barcelona.
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