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Strandbad in Lochau von Innauer Matt Architekten

Präzise »Badelaube«
Strandbad in Lochau

Trotz seiner vermeintlich untergeordneten Rolle erweist sich das unbeheizte und nur saisonal genutzte Funktionsgebäude des Strandbads Lochau als konsequent gestaltete und überaus durchdacht detaillierte Architektur, die im städtebaulichen Kontext zudem noch ordnend wirkt.

Architekten: Innauer-Matt Architekten
Tragwerksplanung: Merz Kley Partner

Kritik: Martin Höchst
Fotos: Adolf Bereuter

Es gibt wohl lauschigere Orte am österreichischen Bodenseeufer als den Abschnitt, an dem das Strandbad der Vorarlberger Gemeinde Lochau liegt. Landeinwärts hinter dem Areal führt unmittelbar der Bodenseeradweg zwischen Lindau und Bregenz entlang, gefolgt von Eisenbahngleisen und einer lärmenden Bundesstraße. Die über 200 000 Radfahrer allein, die jedes Jahr den Bodensee umrunden, sind bei Weitem nicht alle, die übers Jahr auch am Strandbad in Lochau vorbeikommen, die meisten davon logischerweise genau dann, wenn auch das Strandbad Saison hat.

Innauer-Matt Architekten aus Bezau im nahen Bregenzerwald hatten den geladenen Realisierungswettbewerb auch aufgrund der Geste des schützenden Rückens, wie der ca. 56 m lange, eingeschossige Holzbau ihres Entwurfs auf dem Strandbadareal schliesslich wirkt, gewonnen. Ein Streifen mit Fahrradabstellplätzen, der aber auch als Platz für eine kurze Rast bietet, dient dabei als entschärfender Puffer zwischen dem Gebäude und dem stark befahrenen Radweg. Durch die Bebauung dicht an der Grundstücksgrenze wurde zumal ein möglichst großer Teil der bestehenden Liegewiese am Seeufer erhalten.

Die herausragende Qualität des Entwurfs sah die Jury 2018 jedoch v. a. in dessen äußerst klar strukturierten Gebäudeorganisation. Der zum Wettbewerbsbeitrag nahezu unveränderte umgesetzte Neubau birgt zwei funktionale Einheiten: einerseits die für den Badebetrieb notwendigen Räumlichkeiten wie Garderoben, Toiletten, Duschen, Kassen- und Bademeisterraum und andererseits einen Kiosk mit jeweils einem Verkaufstresen zum Radweg und zur Terrasse an der Seeseite. Der Kiosk und das Strandbad sollten, so der Bauherrenwunsch, auch mit unterschiedlichen Öffnungszeiten, funktionieren und der Wechsel der Gäste von einem zum anderen kontrollierbar sein.

Die Architekten sorgen für Kontrollierbarkeit

Diese Anforderungen erfüllt das Gebäude v. a. dank seiner zwei Eingänge – der eine seitlich an der Stirnseite des Kiosks und der andere torartig zwischen Garderobentrakt und Kiosk. Dieser Eingang in der Mitte, mit Drehkreuz und mannshohem Tor aus Streckmetall ausgestattet, führt den Besucher vorbei am Kassen- und Bademeisterraum direkt zur Liegewiese oder auch zu einem der insgesamt vier Zugänge des Umkleidetrakts an der Seeseite. Der ebenfalls durch ein Metalltor zu sichernde Eingang am Kiosk wiederum leitet den Gast, flankiert von einer Betonwand, unter dem weitergeführten Dach hindurch unmittelbar auf die Terrasse.

Ein Wechsel von Kiosk zum Strandbad ist, abgesehen von einer Kletterpartie über die Terrassen-einfriedung aus Metallbügeln, nur unmittelbar vor dem Fenster des Kassen- und Bademeisterraums möglich. Die angestrebte Kontrolle funktioniere nach bisheriger Erfahrung zwar nicht zu 100 %, jedoch sehr viel besser als beim in die Jahre gekommenen Vorgängerbau, da sind sich Architekt Sven Matt und Gerold Apollonio vom Bauamt Lochau beim Termin vor Ort einig.

Zeitgemäß und ortsverbunden

Wie schon bei den meisten bereits realisierten Projekten von Innauer-Matt Architekten kam auch beim Strandbad in Lochau wie sooft Holz, in diesem Fall Fichte, zum Einsatz. Angesichts der vielen gut gealterten, ungestrichenen und historischen Holzbadehäuser am Bodensee verwarfen die Architekten ihre anfänglichen Überlegungen, sowohl den tragenden Bauteilen aus gehobeltem Leimholz als auch den sägerauen Lattenrosten und Bretterschalungen einen weißen Farbton zu geben. Auch unbehandelt vermittelt der in Teilen vorgefertigt realisierte Holzbau und insbesondere das sehr schlank gehaltene Ständerwerk ein hohes Maß an Eleganz, was, wie Sven Matt sagt, folglich auf die enge Zusammenarbeit der Architekten mit ihren bei Holzbauprojekten bevorzugten Tragwerksplanern Merz Kley Partner zurückzuführen sei.

So konnte z. B. auch ein Tragsystem ohne die üblichen diagonalen Zugseile zur Queraussteifung entwickelt werden. Diese Aufgabe übernehmen stattdessen die in einem Abstand von 5 m angeordneten und scheibenartig wirksamen Mittelstützen und ein breiter Unterzug. Beide sind aus Brettsperrholzplatten, zusammen mit der Dachscheibe. Die Einbauten für Spinde, Umkleide-, Dusch- und WC-Kabinen aus hellgrau beschichteten, wasserfesten Holzwerkstoffplatten wiederum enden allesamt in gut 2 m Höhe, folglich bleibt die Untersicht der Schmetterlingsdachkonstruktion über die komplette Länge des Garderobentrakts sichtbar. Die ca. 1 m hohen Fassadenfelder, die sich ringsum oberhalb der Einbauten zwischen der Dachkonstruktion und den Fassadenstützen ergeben, füllen Gitter aus einfachen diagonal überkreuzt angeordneten Holzlatten. Sie lassen viel Tageslicht einfallen, dienen ausserdem der Verschattung und der Luftzirkulation und sind ganz nebenbei auch noch dekoratives Element.

Die Architekten wollten zumal eine barackenartige Atmosphäre im Garderobentrakt unbedingt vermeiden. Vielmehr sollte er aufgeräumt, großzügig und sommerlich luftig wirken. Das ist vollauf gelungen: Wären erst ein paar Reihen Garderobenschränke wieder ausgebaut, fänden hier ohne Weiteres auch sommerliche Feste und Konzerte einen stimmungsvollen Rahmen.

Dezent ornamentiert

Das Motiv der Diagonalen bei den innen wie außen sichtbaren Gitterelementen findet an der Fassade in zwei Spielarten seine Fortsetzung: Am Garderobentrakt sind die geschlossenen Wandabschnitte, abgesehen von jenem aus Sichtbeton an den Radstellplätzen, mit einer durchgängig im 45°-Winkel nach rechts ansteigenden Bretterschalung bekleidet, die die bündig integrierten Türöffnungsflügel nur durch vertikale Fugen andeutet. Am Kiosk wiederum findet sich die Schalung ab Brüstungshöhe als diagonales Auf und Ab vor den geschlossenen Wandabschnitten und ebenso als Fensterläden an den Durchreichen.

Um am Kiosk einen noch besseren Witterungsschutz, als er ohnehin schon durch die großen Dachüberstände besteht, zu ermöglichen, sind die Fassaden an beiden Längsseiten noch um jeweils 1,5 m eingerückt. Dadurch zeigen sich die schlanken Außenstützen des Tragwerks, die am Garderobentrakt in die Fassade integriert wurden, am Kiosk sehr elegant freigestellt. Ob es nun die Edelstahlhüllen zur Kaschierung eines schnöden Stahlteils an den Fußpunkten eben dieser Stützen oder die sorgfältig ausgewählten Ausstattungskomponenten der Toiletten sind, nichts scheint hier unbedacht und ungestaltet.

Höhepunkt der Gestaltungslust

Im wahrsten Wortsinn Höhepunkt der Gestaltungslust ist jedoch der beeindruckend große, mit verzinktem Streckmetall bekleidete Dachaufbau. Er verhüllt unschöne technische Installationen auf dem Dach. Darüber hinaus soll er als eine Art Billboard dem Strandbad bereits von Weitem zu einer gewissen Präsenz verhelfen. Gut, dass die Beschriftung darauf nicht allzu plakativ ausgefallen ist, sodass der Aufbau ein wenig rätselhaft wirkt und die ansonsten so präzise durchdachte »Badelaube« noch um eine etwas unscharfe und vielfältig zu deutende Komponente bereichert.


Ein Strandbad an einem kalten Oktobertag zu besuchen, wirkt auf den ersten Blick ein wenig befremdlich. Beim Termin am Bodensee von Redakteur Martin Höchst (rechts) traten Witterung und Jahreszeit dank der anregenden Erläuterungen von Architekt Sven Matt (links) jedoch rasch in den Hintergrund.


  • Standort: Lindauer Straße 1, A-6911 Lochau
    Bauherr: Gemeinde Lochau
    Architekten: Innauer-Matt Architekten ZT GmbH, Bezau
    Projektleitung: Simon Moosbrugger
    Tragwerksplanung: Merz Kley Partner ZT GmbH, Dornbirn
    HLS-Planung: GMI Ing. Peter Messner Gmbh, Dornbirn
    Elektroplanung: Ludwig Schneider Elektroplanung, Egg
    Bauphysik: Günter Meusburger, Schwarzenberg
    Überbaute Fläche: 498 m²
    Nutzfläche: 451 m²
    BRI: 1 920 m³
    Baukosten: 1,8 Mio. Euro
    Bauzeit: Oktober 2019 bis Mai 2020
  • Beteiligte Firmen:
    Holzbau: Kaspar Greber Holz- und Wohnbau GmbH, Bezau
    Betonarbeiten: Bau Moosbrugger GmbH, Lauterach
    Lochblech Dachaufbau: MEVACO GmbH, Göppingen
    Fenster-, Türbeschläge: FSB Franz Schneider Brakel GmbH + Co. KG, Brakel
    Elektroschalter: Berker GmbH & Co. KG, Blieskastel
    Sanitärobjekte: LAUFEN Bathrooms AG, Laufen;
    HEWI Heinrich Wilke GmbH, Bad Arolsen; PROOX GmbH, Fussach
    Armaturen: Hansgrohe Deutschland Vertriebs GmbH, Schiltach

 Innauer Matt Architekten


Markus Innauer

2002-09 Architekturstudium an der University of
California, Los Angeles und Universität für angewandte Kunst, Wien, 2009 Diplom. 2009-12 Mitarbeit in verschieden Architekturbüros. 2012 Büro mit Sven Matt. 2020 Gastprofessur an der aac Hamburg. 2021 Lehrauftrag an der TH Rosenheim.


Sven Matt

2000-13 Architekturstudium an der TU Innsbruck. 2003-04 Mitarbeit bei Feichtinger Architectes, Paris und Wien. 2004-07 Architekturstudium an der TU Wien, Diplom. 2004-12 Mitarbeit bei Bernhard Bader Architekten, Dornbirn. 2012 Büro mit Markus Innauer. 2020 Gastprofessur an der TU München.


Martin Höchst (~mh)

2001 Diplom an der Universität Stuttgart. Mitarbeit
in mehreren Architekturbüros. Volontariat bei der db, seit Juli 2012 Redakteur.

 

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