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Kurhaus Badenweiler

… in die Jahre gekommen
Kurhaus Badenweiler

»Heute ist Badenweiler auch für Architekten eine Reise wert«, urteilte die Bauwelt in ihrer Ausgabe 30/31 des Jahres 1972, als das neue Kurhaus in Badenweiler eben eröffnet worden war. 40 Jahre später ist der preisgekrönte Betonbau nahezu unverändert, seine Wirkung ungebrochen, doch die Welt, in der er sich behaupten muss, ist eine andere.

    • Entwurf: Klaus Humpert / Staatl. Hochbauamt I Freiburg, Leitung Erwin Heine

  • Text: Dagmar Ruhnau Fotos: Willi Pragher, Harald Hermann, Badenweiler Thermen und Touristik GmbH
Die klassische mehrwöchige Kur mit ihrem Bedarf an Unterhaltung gibt es heute in Badenweiler kaum noch, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 3,5 Tage. Dafür kommen die Gäste das ganze Jahr: zum Wellnesstag in der benachbarten Therme, zum Wandern oder zur Tagung in besonders schöner Landschaft. Insbesondere der letzte Aspekt hat in dem Ort, der von Freiburg, Basel oder Straßburg schnell zu erreichen ist, deutlich zugenommen. Doch ist u. a. die technische Ausstattung des Kurhauses für diese Nutzungen nicht mehr zufriedenstellend. Das soll sich nun durch eine umfangreiche Sanierung ändern. Im 1. Bauabschnitt, der Mitte Februar begonnen wurde, stehen erst einmal Betonsanierung, energetische Ertüchtigung und Abdichtung der Flachdächer an. Im 2. Bauabschnitt, über dessen Finanzierung voraussichtlich Ende des Jahres entschieden wird, sind die organisatorischen und betrieblichen Veränderungen an der Reihe.
Flanieren und Ruhen in drei Dimensionen
In dem gediegenen Kurort ist die Entdeckung des Betonbaus in der Architektursprache der 60er Jahre noch heute eine Überraschung. Im Vorbeifahren ist er kaum zu sehen, weil die Ruine der Burg Baden auf einem Bergkegel (und dazu die eigenwillige Straßenführung) alle Aufmerksamkeit beansprucht. Wo der Berg in den Kurpark übergeht, sind hinter einigen Bäumen die Bänder der Betonbrüstungen des Kurhauses auszumachen, die weitläufige Terrassen auf drei Ebenen begrenzen. Tief unter den Terrassen liegt im Schatten die Fassade, bestehend aus raumhohen Holz-Glas-Elementen, die mäandernd Innen- und Außenräume definieren. Beim Näherkommen und beim Betreten des lichten dreigeschossigen Foyers beginnt man die Dimensionen des Gebäudes erst zu ahnen, ganz erschließen sie sich erst im Durchwandern: Über unzählige Treppen geht es (wie im Ort selbst auch) ständig auf und ab, jede Geschossdecke hat ihre eigene Form, hinter jeder Kurve erschließt sich unerwartet ein neuer Raum. Letztlich ist es möglich, vom Kurpark kommend durch das ganze Gebäude bis nach oben zu flanieren – womit der Aufstieg zur Burg ›
› schon halb geschafft wäre. »Wie ein Baumpilz« – so der Kommentar des Entwerfers Klaus Humpert, der damals Mitarbeiter des Stadtplanungsamts Freiburg war – saß das Gebäude schon in einem frühen Planungsstadium am Fuß des Bergs und »war [von dort] … nicht mehr zu verdrängen.« Es entwickelte sich während der Planungszeit von sieben Jahren und unter den Händen vieler verschiedener Mitarbeiter zu einem organischen Gebilde. Wie damals erfüllt es auch heute noch den Anspruch, eine städtebauliche Klammer für die Kureinrichtungen, das Ortszentrum, den Kurpark sowie die historischen Bauten – Burg, römische Therme, Großherzogliches Palais, Grandhotel aus der Gründerzeit – zu schaffen. Die Grundrisse der drei Geschosse fächern sich untereinander auf, mit dem zylindrischen Theaterraum als Drehpunkt. Die größte Fläche umfasst das unterste, das sogenannte Wiesengeschoss. Hier befinden sich ein großes Foyer, in dem ursprünglich ein Trinkbrunnen stand, das Theaterparkett und ein großes Tanzcafé mit Zugang zur Konzertmuschel draußen. 1972 befand sich der Kurbetrieb auf seinem Höhepunkt; deshalb wurde der Konzertplatz so angelegt, dass nicht nur die unmittelbar dazugehörenden Sitzplätze, sondern auch sämtliche darüberliegende Terrassen den Zuhörern dienen konnten und können. So flexibel ist das Café leider nicht zu bespielen, und so werden gerade hier die (stilistisch schon in die 70er Jahre weisenden) geschwungenen Sitznischen mitsamt ihren Podesten entfernt und die mit Marmor ausgelegte Fläche in einen Bankettsaal für 160 Personen verwandelt – schwierig genug bei den recht eng stehenden Pilzstützen im 60°-Raster.
Einen großen Teil der jeweiligen Geschosse nimmt das offene Treppenhaus mit seinen Natursteinwandungen und Bodenbelägen aus Travertin ein. Durch einen unregelmäßigen verglasten Aufsatz ist bereits aus der untersten Ebene der dramatische Blick zur Burg freigegeben, der sich im Höherkommen stetig weitet. Im Promenadengeschoss, der weitläufigen Haupt-Eingangsebene, liegen der Zugang zum Logenbereich des Theaters und zum Restaurant. Letzteres wird samt seiner riesigen Küche zu einem Bistro verkleinert. Die frei werdenden Flächen bezieht die Touristeninformation, wodurch sie optisch im Ort endlich präsent sein wird.
Zurückgezogen sitzt das kleinste, das Musengeschoss auf den beiden Repräsentationsgeschossen. Es bietet einen offenen Bereich zum Zeitunglesen, einen Lese- und Fernsehraum mit umschlossener Terrasse sowie einen Vortragsraum. Teppiche und dicke sechseckige Polstersessel sorgen für eine intime Atmosphäre. Seit 1972 nahezu unverändert, wird hier die Sanierung auch nur den Vortragsraum umfassen. Er wird sich von einem reinen »Hörsaal« mit 12 cm hohen Stufen zu einem Seminarraum wandeln, mit einheitlicher Fußbodenhöhe für flexible Möblierung und zeitgemäßen technischen Installationen. Dafür erhält er eine Innendämmung, die zugleich akustisch wirksam ist.
Die Gestalt geht vor
»Das Kurhaus ist noch kein Baudenkmal, aber wir handeln es sehr hoch«, sagt Peter Kirch, Abteilungsleiter Hochbau der Besitzerin Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Entsprechend behutsam geht man die Sanierung an. Die Konstruktion ist insgesamt in bemerkenswert gutem Zustand, deshalb ist die energetische Sanierung am wichtigsten. Ursprünglich fand im Winter kein Kurbetrieb statt, die Verglasung war somit nur Witterungsschutz für den Sommer. Hier werden nun dreifach verglaste Holz-Aluminium-Elemente mit einem Ug-Wert von 0,7 W/m²K und zweifach verglaste Oberlichter eingesetzt. Die Dächer und Terrassen werden abgedichtet und auf der Oberseite komplett neu gedämmt, ihr Belag aus sechseckigen Waschbetonplatten gegenwärtig gesäubert. Die charakteristischen Betonbrüstungen werden selbstverständlich nicht eingepackt, auch nicht gestrichen oder gar – wie auf einer Bürgerversammlung gefordert – verputzt, sondern rein mineralisch überarbeitet und repariert. Trotz solcher »Lecks« wird sich der Energiebedarf des Kurhauses ›
› von derzeit 175 kWh/m²a auf 113 kWh/m²a reduzieren, deutlich näher am aktuellen Durchschnittswert für Stadthallen von 93 kWh/m²a also. Klaus Humpert übrigens gab den Planern im Vorfeld der Sanierung freie Hand, den (schon damals mehr oder weniger zufällig entstandenen) Verlauf der Fassade nach Bedarf zu verändern, er sei da nicht ehrenkäsig. Doch, sagt Projektleiter Frank Tegeler, »wir sind ehrenkäsig.« Diese Bedachtheit aufs Original geht so weit, dass auch in der Innenausstattung einmal »aufgeräumt« werden soll. Mit der Zeit haben die Nutzer »den Bezug zur Gestalt verloren«, so beschreibt es Peter Kirch – das Ergebnis sind Lichterketten mit bunten Glühlampen im Außenbereich, während innen die Kugelstehleuchten von 1972, die die Terrassen- und Parkbeleuchtung reflektieren, fast komplett verschwunden sind. Die Reste sollen nun wieder aufgestockt werden, und auch für die sogar in den Augen der Behörde ausgedienten weil ineffizienten Downlights von damals wird es einen zeitgemäßen Ersatz geben. •
Standort: Am Schlossplatz, 79410 Badenweiler
Sanierung: 1. Bauabschnitt 2011-12 (Fensteraustausch, Beton- und Flachdachsanierung): 5 Mio. Euro; 2. Bauabschnitt 2012-13 (Nutzungsänderungen): 2,5 Mio. Euro
Bauherr, Projektentwickler und Sanierungskonzept: Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Freiburg
Betreiber: Badenweiler Thermen und Touristik GmbH
Auszeichnung: Hugo-Häring-Preis 1972

… in die Jahre gekommen (S. 50)
Dagmar Ruhnau (dr)
1968 in Stuttgart geboren. Studium von Kunst, Sprachen, VWL und Architektur. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros, Volontariat. Seit 2004 freie Architekturjournalistin, seit 2006 in der db-Redaktion.
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