Startseite » Architektur »

Alfried Krupp Krankenhaus in Essen

… In die Jahre gekommen
Alfried Krupp Krankenhaus in Essen

Für eine Architektur mit durchschnittlichen Anforderungen an Funktionalität und Gebäudetechnik sind 30 Jahre eigentlich kein Alter. Ein Krankenhaus hingegen darf nicht in die Jahre kommen, denn niemand möchte sich heute auf dem Stand von 1981 medizinisch versorgen lassen. Doch Konzepte für Pflege und Versorgung sowie die Häuser selbst altern auch im Klinikbau, die technische Entwicklung in der Medizin geht oft so schnell, dass die Gebäude kaum hinterherkommen. Wie eine von Beginn an nachhaltige Planung die notwendigen Erneuerungszyklen seit 30 Jahren mitmacht und damit Gestaltungsspielräume eröffnet, zeigt das Alfried Krupp Krankenhaus in Essen.

    • Architekten: Wörner + Partner Tragwerksplaner: W.-R. Wsewoloschsky, Alfred See

  • Text: Uta Winterhager Fotos: Dirk Hennings u. a.
Das 1980 im Essener Stadtteil Rüttenscheid eröffnete Alfried Krupp Krankenhaus steht als Stiftungskrankenhaus in der Tradition der Familie Krupp: ihrem fortschrittsorientierten unternehmerischen Denken und ihrer Selbstverpflichtung für die Gesundheitsfürsorge. Letztere galt zunächst den Arbeitern der Gussstahlfabrik Fried. Krupp und den Kriegsversehrten, sie wurde aber 1920 mit der Gründung der Kruppschen Krankenanstalten auf alle Essener Bürger ausgeweitet. Diese wurden im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört, jedoch provisorisch wiederhergestellt, bis 1955 ein 575-Betten-Krankenhaus mit modernsten technischen Einrichtungen daraus entstanden war – das sich allerdings in 22 verschiedenen Gebäuden befand. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Urenkel des Lazarettgründers und damaliger Firmeninhaber, schrieb 1963 einen Wettbewerb für den Neubau des Krankenhauses aus, den Heinrich Wörner, zu der Zeit noch in der Bürogemeinschaft Köhler-Kässens in Frankfurt tätig, gewann. Zur Realisierung kam es zunächst nicht, da Krupp 1967 starb. Doch 1971 nahm die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, der er sein gesamtes Vermögen vermacht hatte, die Planungen wieder auf und lobte unter Vorsitz von Berthold Beitz einen zweiten Wettbewerb aus. Wieder gewann Heinrich Wörner, der inzwischen mit Wörner + Partner ein eigenes Büro gegründet hatte. ›
› Die Anforderungen der Stiftung an den Klinikneubau waren von einem aus der Kruppschen Historie erwachsenen unternehmerischen Markenbildungsdenken geprägt, dessen Übertragung auf eine sich dem Gemeinwohl verpflichtende Institution ihrer Zeit weit voraus war. Voraussetzung für diese Art der Profilierung war, dass die Stiftung über eigenes Kapital verfügte und nicht auf ein städtisches Minimalbudget angewiesen war, und dass das 45 000 m2 große Baugrundstück eine »tabula rasa«-Situation ohne städtebauliche Zwänge bot. In dem Zielkonflikt zwischen Menschlichkeit und technisch perfekter Gesundheitsfürsorge bezog die Stiftung die eindeutige Position »weg von der Genesungsmaschine« und setzte in einem von Beginn an ganzheitlichen und interdisziplinären Planungsprozess darauf, dass Architektur und Gestaltung einen wesentlichen Beitrag dazu leisten sollen.
Während in Aachen zur gleichen Zeit ein aufsehenerregendes High-Tech-Klinikum (Architekten Weber Brand & Partner) geplant wurde, zeigte man sich in Essen in der Form vergleichsweise konservativ. Das eigentlich Innovative liegt in der Schaffung der Marke Alfried Krupp Krankenhaus, einer Einheit aus kompetenter Gesundheitsfürsorge, ökonomischer Verantwortung und einer identitätsbildenden Gestaltung, die auch heute, wo sie gut 30 Jahre im Betrieb ist, kaum gealtert zu sein scheint.
Wertkonservativ und innovationsbereit
Der Entwurf von Heinrich Wörner basiert auf dem damals im Krankenhausbau häufig angewandten »Breitfuß-Typ«, der als Stahlbeton-Skelettkonstruktion errichtet wurde. Auf einem zweigeschossigen Unterbau, in dem sich alle Untersuchungs-, Behandlungs-, und Versorgungseinheiten befinden, steht ein siebengeschossiges Bettenhaus in dreiflügeliger Windradform. Leicht erhöht sitzt diese Großstruktur in einer Parklandschaft am Essener Stadtrand. Damals wie heute erscheint sie von außen so wenig gefällig, dass sich unweigerlich die Frage aufdrängt, ob denn so das »humane Krankenhaus« aussehen kann, in dem der Patient im Mittelpunkt stehen soll.
Für den von Heinrich Wörner vorgeschlagenen Breitfuß-Typ sprach die Möglichkeit, den Unterbau sukzessive erweitern zu können, um so in späteren Betriebsjahren Raum für die Integration technischer Neuerungen zu schaffen. Dazu ist es jedoch erst 2001 gekommen, als die Klinik von woernerundpartner, wo inzwischen Petra Wörner das Projekt ihres Vaters übernommen hat, um einen ambulanten Operationsbereich und einen Hörsaal erweitert wurde. Ferner wurde die ursprünglich nur für Klinikmitarbeiter geplante Cafeteria ausgebaut und für Patienten und Besucher geöffnet und die bis dahin neben dem Haupteingang liegende Notfallvorfahrt ins UG verlegt.
Das Bettenhaus wurde dagegen als fest gegebene Einheit betrachtet: Zur Zeit seiner Eröffnung konnte es 560 Patienten in elf Fachabteilungen aufnehmen, heute sind es 13 Betten mehr. Ein struktureller Vorteil der Windradform liegt in dem zentralen Ver- und Entsorgungskern, um den sich pro Etage drei einflurige Stationen gruppieren. In dieser Kernzone, von der aus der Etagendienst z. B. die Essensausgabe oder den Bettentausch organisiert, kreuzen sich die horizontalen und vertikalen Erschließungswege, die Stationen in den Bettenhausflügeln werden, vom Durchgangsverkehr befreit, zu Ruhezonen.
Vertrauen bilden und Kommunikation fördern
Das Alfried Krupp Krankenhaus versteckt sich nicht hinter einer Kulisse schönen Scheins, sondern pflegt die nüchterne Sachlichkeit. Doch die schiere Größe und die wohlgeordnete Erscheinung des Krankenhauses vermitteln eine der Maßgaben, unter denen der Neubau stand: die Konzentration auf das Wesentliche. Aus der Nähe zeigt sich, dass der erste Eindruck der Fassade hinsichtlich des Materials trügt, denn es ist Granit und kein Beton, mit dem die Außenwände des Bettenhauses bekleidet sind. Im Foyer findet sich eben dieser »Rosa sardo« in geschliffener Form auf dem Boden. Wäre der Mehrzahl der Besucher nicht Leid oder Sorge deutlich ins Gesicht geschrieben, würde man sich in der großzügigen und edel gestalteten Lobby eher in einem Hotel, denn in einem Krankenhaus wähnen – weil man von Krankenhäusern eben diese Gestaltung nicht kennt und nicht erwartet. › › Doch diesem Raum, der nicht der medizinischen Behandlung, sondern der Kommunikation dient, wurde eine eigene Ästhetik zugestanden, aus der – dem ganzheitlichen Anspruch des Auftraggebers entsprechend – das gesamte Farb- und Materialkonzept der Klinik abgeleitet wurde.
Die von Wörner gewählte Gebäudestruktur ermöglicht es, das Wegenetz und das Kommunikationssystem, von deren Funktionieren die Leistungsfähigkeit und das Klima eines Krankenhauses maßgeblich abhängen, zu optimieren. Auch wenn die Architektur den Patienten und Besuchern Angst und Unsicherheit nicht gänzlich nehmen kann, kann sie durch eine klare Wegeführung die Orientierung in fremder Umgebung erleichtern. Durch die über der Norm im Krankenhausbau liegende Anzahl der Aufzüge kann der Transport verschiedener Benutzergruppen – Besucher, Kranke und Ärzte und Pflegepersonal – unabhängig voneinander organisiert werden.
Der Weg zur architektonischen Unternehmensidentität
Durch seine Tätigkeit für das Nationale Olympische Komitee lernte der Stiftungsvorsitzende Berthold Beitz Otl Aicher kennen, der als Gestaltungsbeauftragter das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele in München 1972 entwickelt hatte. Auch wenn »Architectural Corporate Identity« zu der Zeit noch kein gängiger Begriff war, war es wohl genau das, was Beitz für die Klinik vorschwebte. So sind das simple Orientierungs- und Leitsystem, das Aicher für die Klinik entwarf, die von ihm entwickelte Rotis-Schrift und das verfeinerte Krupp-Logo der drei Radreifen bis heute elementare Bausteine des Erscheinungsbildes der Klinik.
Die lisenenartigen Rücksprünge in der strengen Lochfassade des Bettenhauses erklären sich mit dem Blick in die Patientenzimmer, denen die kleine Schräge etwas von ihrer orthogonalen Strenge nehmen soll. Seit August 2010 hat die Klinik begonnen, die Patientenzimmer zu sanieren. Die Umbaumaßnahmen, denen in den nächsten fünf Jahren alle Stationen unterzogen werden, wurden zum Anlass genommen, sich von den gelbstichigen Tönen zu lösen. Zimmer und Flure werden allgemein heller und moderner gestaltet, um sich insbesondere auf den Wahlleistungsstationen beispielsweise mit der Holzoptik des Bodenbelags und den holzvertäfelten Wänden von der Krankenhausästhetik wegzubewegen.
Seit 2010 besitzt die Klinik ein Markenhandbuch, das einen 140 Seiten starken, von woernerundpartner und Building Brands interdisziplinär erstellten »Spezialteil II – Architektur im Raum« enthält, in dem Farben, Materialien, Mobiliar und Belichtung dem ganzheitlichen Anspruch der Marke Krupp entsprechend definiert sind. Schon immer hat es in der Klinik nur weiße Bettwäsche und niemals Tapete gegeben; das Inventar wurde auf einen einzigen neuen Vasentyp beschränkt, der das typische Sammelsurium im Vasenschrank der Stationen ersetzt. Und da kein Detail dem Zufall überlassen wird, sind für die weißen Papierkörbe in den Patientenzimmern weiße Müllbeutel vorgegeben. Seit einem Jahr gibt es das »Essener Bett«, das inklusive Nachtschränkchen speziell für die Krupp-Kliniken entwickelt wurde. Nun bleibt die Frage, ob dem Patienten, der in diesem Bett liegt, die Ästhetik ebenso wichtig ist wie die medizinische Betreuung. Würde ihn der blaue Müllbeutel wirklich stören?
Den mehr als zweistündigen Rundgang schließt Petra Wörner mit der Feststellung, dass der Krankenhausbau allgemein unterschätzt werde. Natürlich, ein Krankenhaus ist kein Opernhaus und die Architektur dort kein Selbstzweck, sondern in den meisten Fällen bloßes Hintergrundrauschen, das nur vordringt, wenn Fehler gemacht wurden. woernerundpartner fühlen sich hier jedoch als Botschafter dafür, dass es auch einen dritten Weg gibt. •
In dem Buch »einfacharchitektur«, herausgegeben von woernerundpartner, finden sich neben der Präsentation des Alfried Krupp Krankenhauses (S. 8-25) weitere Gesundheitsbauten des Büros. Es erschien 2011 im Niggli Verlag, Zürich.

… in die Jahre gekommen (S. 50)
Uta Winterhager
1972 in Bonn geboren. 1992-95 Architekturstudium in Aachen. 1995 Diplom und 1999 Master an der Bartlett School in London. 1997-99 Bürotätigkeit in London, seit 2000 freie Autorin für Architektur und Kinderliteratur.
Aktuelles Heft
Anzeige
Anzeige
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
3 Berliner Architektin Helga Blocksdorf entwirft »Erlebnisportal Weimar«
Temporärer Bau
Anzeige