Tendenzen des »Urban Farming«

Gemeinschafts- gärten, Fischtanks und Farmscraper

Die moderne Landwirtschaft ist alles andere als energieeffizient: Um eine Nahrungskalorie zu erzeugen, werden heute 15–20 Kalorien aufgewendet, die überwiegend aus fossilen Quellen kommen. Der Agrarsektor verursacht fast ein Drittel der globalen Treibhausgas-Emissionen, er zerstört Böden und Biodiversität. Das muss sich ändern, davon sind fast alle Experten überzeugt. Denn nicht nur das Öl, auch fruchtbares Land wird knapp. Seit einiger Zeit wird deshalb »Urban Farming« als hoffnungsvolle Alternative gehandelt – ein Überblick der vielfältigen Pionierprojekte.

Text: Christoph Gunßer, Fotos: Marco Clausen, Something & Son, Vincent Callebaut u. a.

Locavores heißt die neue Menschenspezies, die »Nah-Esser«. Sie ernähren sich aus lokal oder zumindest regional produzierten Lebensmitteln. Das vermeidet weite Transportwege und sorgt für Frische und Transparenz bei der Herstellung. Was bislang eher als urbaner Edel-Trend daherkommt, könnte Schule machen. Zum einen entdecken immer mehr Menschen gerade in den Städten das Gärtnern für sich – weil es gesund ist, Kontakte bringt, Stress abbaut und nebenbei ein bisschen die Welt verbessert; zum anderen tragen Forschungen zu neuartigen verdichteten Anbaumethoden im städtischen Kontext erste, auch kommerziell verwertbare »Früchte«.
Ausgangspunkt des gegenwärtigen Trends zum »Urban Farming« waren – von der Permakulturbewegung inspirierte – Projekte in den ärmeren Vierteln New York. Wo ohnehin niemand investieren wollte, wurden seit den 70er Jahren mit Unterstützung oder zumindest Duldung der Stadtverwaltung Gärten für die Community angelegt. Ursprünglich eine Strategie, um soziale Brennpunkte zu befrieden, breitete sich das »Greening« weiter aus, bis auch Hausfassaden und Dächer begrünt und öde Restflächen in Akten des »Guerilla Gardening« durch Pflanz-Aktionen oder »Samenbomben« erobert wurden. Heute gibt es allein in New York 800 Selbstversorgergärten, und auch in anderen US-Metropolen sind sie eine feste Größe. In den ehrgeizigen Entwicklungsplänen für NYC 2030 spielen sie neben Naherholung und Grünvernetzung eine wichtige Rolle. Würden sämtliche Potenziale genutzt, könnten in New York 700 000 Menschen ernährt werden, heißt es.
Global denken, lokal gärtnern
Viele Brachen und ein vitales, alternatives Milieu ließen hierzulande zuerst in Berlin ähnliche Gärten sprießen. Ein durch die Medien mittlerweile sehr bekanntes Beispiel ist der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg: Auf dem 6 000 m2 großen Grundstück einer Baulücke kultivieren Freiwillige seit 2009 rund 500 verschiedene Pflanzen, betreiben ein Gartencafé, leiten Schulklassen an. Gepflanzt wird in Containern, damit ein Umzug von der nur gemieteten Fläche jederzeit möglich ist – »Nomadisch Grün« heißt denn auch der Trägerverein.
Auch auf dem Gelände des aufgegebenen Flughafens Tempelhof sind die Gemeinschaftsgärtner wohl nur Zwischennutzer, Initiativen wie das Allmende-Kontor genießen dort enorme Freiräume. Ähnliches betreibt der Verein Agropolis im Stadtentwicklungsgebiet in München-Freiham. Aber auch in kleineren Städten entstehen Grün-Initiativen, die von der Politik aufgegriffen werden: Andernach wurde z. B. die erste »essbare Stadt«, nachdem sterile Grünflächen zu Gemüsebeeten und Hausfronten zu Rankgerüsten umgestaltet wurden.
All dies sind faszinierende Labore für Improvisation und Selbstorganisation, die weit über die herkömmliche Idee des Schrebergartens hinausgehen, von denen es in Deutschland immerhin auch rund eine Million gibt. Während diesen jedoch der Ruf der Spießigkeit anhaftet, kommt in den neuen Gärten eine kreative, multikulturelle Generation zum Zuge, die sich medial vernetzt und durchaus auch mit neuen Formen von Landbautechnik und Vermarktung experimentiert.
Von Aquaponik zu »Aerofarming«
So entwickelten findige Forscher eine traditionelle Technik aus Südostasien weiter, die Fischzucht mit Gemüseanbau verbindet: In der sogenannten Aquaponik (eine Wortzusammensetzung aus Aquakultur und Hydroponik) werden z. B. Barsche oder Karpfen in Becken gehalten, deren Abwässer über ein geschlossenes Kreislaufsystem Gemüsekulturen düngen. Die Pflanzen wiederum filtern das Wasser und wandeln CO2 in Sauerstoff um – ein biologischer Reinigungsprozess; im Gegensatz zur Aquakultur muss das Wasser hier nicht ausgetauscht oder gar zusätzlich gefiltert werden. Das effiziente System findet sogar in einem Container mit aufgesetztem Gewächshaus Platz und wird derzeit in einer Pilotanlage in Berlin vorgeführt. Das Startup-Unternehmen ECF Farmsystems hat bisher drei solcher Containerfarmen realisiert und sucht gegenwärtig weitere Investoren, um mit Aquaponik-Gewächshäusern ab 2 000 m2 in Serie zu gehen. Man darf ihnen viel Erfolg wünschen, denn, um keinen zusätzlichen Baugrund in Anspruch zu nehmen, ließen sich solche Containerfarmen sinnvollerweise auch auf Supermarktdächern unterbringen, wo die Abnehmer direkt beliefert werden könnten. Ein ähnliches Konzept betreibt die Initiative Farm:shop in England. Sie hat einen Londoner Altbau zur urbanen Farm mit Direktvermarktung und Café umgebaut und zuletzt bei Manchester ein viel beachtetes ›
› Gewächshausprojekt auf einem Hochhausdach mit angeschlossenem Laden realisiert.
Je mehr Verbraucher solche lokalen Lösungen »von unten« nachfragen, desto rascher werden sie sich durchsetzen, davon sind die Aquaponik-Pioniere überzeugt. Doch auch »von oben« kommt mancherorts Hilfe: So soll in den schweizerischen Migros-Supermärkten in Zukunft nur noch frischer Bio-Fisch angeboten werden, der durchaus aus solchen Aquaponik-Kulturen stammen könnte. In Schweden werden neuerdings neben Nährwert-Angaben auf den Verpackungen auch die bei Produktion und Transport entstandenen Treibhausgase bilanziert. Wenn Verbraucher die oft irrwitzigen Wege der Produkte und ihrer Bestandteile nachvollziehen könnten [1], so das Kalkül, änderten sie beim Einkauf ihre Präferenzen. Für Deutschland rechnen Forscher damit, dass sich die CO2-Emissionen durch lokale Kreislauf-Produktion wie die Aquaponik um 20-50 % reduzieren ließen [2]. Dabei wäre indes noch manches Detail zu klären: etwa, ob die städtische Intensivtierhaltung artgerecht ist oder urbane Schadstoffemissionen nicht Luft und Böden übermäßig belasten – entlang von Hauptstraßen werden im Erdreich z. B. noch immer überhöhte Bleiwerte gemessen. Gleichwohl sehen viele Forscher in solcherart räumlich verdichteten Aufzuchtstationen für Tiere und Pflanzen unter kontrollierten Laborbedingungen die Landwirtschaft der Zukunft – ohne dass dafür Land im eigentlichen Sinne benötigt würde, denn die Erzeugnisse wachsen ja längst in oder mit Nährlösungen, teilweise sogar bei Kunstlicht.
Von »Farmscrapern« und »Aerofarming« sprechen selbsternannte Visionäre wie der französische Architekt Vincent Callebaut, der in einem aktuellen Projekt für das chinesische Shenzhen organisch geformte, begrünte Glasblasen himmelhoch auftürmt und auch schon für New York ein spektakuläres »grünes« Hochhaus in Gestalt eines Libellenflügels vorgeschlagen hat, das Wohn- und Büronutzung in raffinierter Symbiose mit dem Anbau von Nutzpflanzen kombiniert. Das niederländische Starbüro MVRDV skizzierte vor Jahren gar eine »Pig City« in Hochhausform, die eine halbe Million Menschen versorgen und dabei die Landschaft von den negativen Effekten der Schweinehaltung entlasten könnte – in den Niederlanden leben etwa ebenso viele Schweine wie Menschen. Weniger futuristisch muten treppenförmig gestapelte Gewächshäuser an, die sich als eine Art Dach über Stadtplätzen errichten ließen. Und in Südkorea wird bereits mit der Umnutzung vorhandener Hochhäuser für die Pflanzenaufzucht experimentiert.
Bei all diesen sogenannten Vertical-Farming-Projekten könnte die Verwendung von Brauchwasser für die Pflanzendüngung die städtischen Abwassersysteme entlasten und regenerative Energie die intensive künstliche Beleuchtung und Temperierung der Kulturen ermöglichen, die das ganze Jahr über für Ernteerträge sorgt.
Aufforsten von Ackerflächen dank vertikaler Agrarfabriken?
Ein Rückbau städtischer Baustrukturen zugunsten von Grünflächen, wie ihn postmoderne Stadtkritiker stets erträumten [3], ist allerdings bislang nicht erkennbar. Kein Hochhaus, keine Schnellstraße wurde bislang für urbane Farmen abgetragen – sie gelten zumeist als Provisorien, ehe rentablere Interessenten anrücken. Die v. a. aus demografischen Gründen »schrumpfenden Städte« [4] der westlichen Hemisphäre dürften künftig gleichwohl ein weites Feld auch für dauerhaftere, notfalls selbsttätige Verwandlungen bieten. In Notzeiten wurden z. B. früher häufig städtische Grünflächen beackert: Sogar vor dem Berliner Reichstag gab es in den späten 40er Jahren noch großflächige Gemüsebeete. Bei den meisten baulich-technischen Visionen von Urban Farming handelt es sich hingegen um hochartifizielle Strukturen, die den urbanen Bestand eher verdichten als entlasten – positive Ausnahme: die auf bestehenden Flachdächern installierten Farmen. Doch wenn etwa Erdbeerkulturen in der Vertikalen um den Faktor 30 weniger Fläche benötigen, könnte man im Gegenzug ungenützte Ackerflächen aufforsten und so dem Treibhauseffekt entgegenwirken, argumentieren die Befürworter der neuen Kulturtechniken [5].
V. a. Asiens rasant wachsende Megacities haben offenbar Interesse (und auch die Durchsetzungskraft), solche kompakten Agrarfabriken zu realisieren. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich große Konzerne wie Unilever, Kraft, McDonald´s und Nestlé nach der letzten globalen Nahrungsmittelkrise von 2008 zusammentaten, um Fallstudien zum »Vertical Farming« durchzuführen. Unabhängige Experten halten dieses allerdings derzeit – u. a. wegen des hohen Aufwands insbesondere für Beleuchtung – noch für unwirtschaftlich. Spitzt sich die Energie- und Landknappheit aber zu, könnte sich das rasch ändern. Mit den sinnstiftenden Selbstversorgergärten der Anfangszeit des Urban Farming hätten diese Fabriken neuen Typs aber rein gar nichts mehr zu tun. Gegenwärtig ist nur eines gewiss: Wenn 2050 zwei Drittel der dann wohl knapp 10 Mrd. Erdenbürger in Städten leben, wird deren Versorgung nicht mehr nach dem bisherigen, verschwenderischen Muster gelingen – ein Mitteleuropäer benötigt heute im Durchschnitt 4 000 m² Land für seine Ernährung, kein Vorbild für den Rest der Welt. •
Weitere Informationen: Zum Berliner Aquaponik-Projekt oder dem Farm:shop in Großbritannien siehe auch verschiedene Beiträge unter www.taz.de: »Tomate trinkt gern Fischwasser«, »Der Barsch von nebenan« sowie »Gestapelte Wirtschaft in England«
[1] Bekannteste Beispiele: die zur Verarbeitung nach Marokko gereisten Nordseekrabben; die zum Waschen nach Italien gebrachten Heidekartoffeln; die 9 115 km Transportwege für die Zutaten eines »Landliebe«-Erdbeerjoghurt
[2] Steinbuch, Lena, Nahrungsmittelproduktion in der Stadt, Diplomarbeit am Städtebaulichen Institut der Universität Stuttgart, 2012
[3] »This used to be real estate. Now it´s only fields and trees«, heißt es etwa in einem ironischen Song der Talking Heads von 1988
[4] Schrumpfende Städte/Shrinking Cities war ein Forschungsprojekt am Bauhaus Dessau, 2002-2005
[5] Fücks, Ralf, Intelligent wachsen, Die grüne Revolution, München 2013

Energie (S. 66)
Christoph Gunßer
s. db 1-2/2013, S. 144