Die Siedlung Neugrüen in Mellingen (CH)

Gemeinsam energieeffizient

Während energiesparendes Bauen oft v. a. von technischen Aspekten bestimmt wird, stehen beim neuen Quartier im schweizerischen Mellingen nicht die Kennwerte im Vordergrund, sondern die Art des Zusammenlebens. Und dennoch bewegt sich das Konzept zwischen Passivhaus- und Nullenergie-Standard.

  • Architekten: Dietrich Schwarz Architekten
  • Text: Manuel Pestalozzi Fotos: Manuel Pestalozzi, Dietrich Schwarz Architekten
Was braucht ein Mensch, der sich in der Siedlung Neugrüen wohlfühlen soll? Die Website zum Projekt weiß es: Er möchte nachhaltig leben, aber nicht auf Komfort verzichten. Er will zentral wohnen und sich im Grünen entspannen. Er will Leute treffen und Ruhe genießen. Mit anderen Worten: Er will das eine tun, aber das andere nicht missen. Wahrscheinlich ist er ein ganz normaler Mensch. Werbebotschaften mögen platt, überdreht und kitschig sein – und doch verkünden sie oft eine tiefere Wahrheit. In diesem Fall bringen sie Gegensätze zusammen und verkünden, dass sich Stadt, Agglomeration und ländliche Gebiete überall annähern. Und dass eine nachhaltige Bauweise nicht Asketen und Fanatikern vorbehalten ist, sondern auch für Otto Normalverbraucher eine angenehme, zeitgemäße Wohnstätte sein kann.
Neues Quartiersdenken
Neugrüen befindet sich am Ortsrand von Mellingen im Schweizer Mittellandkanton Aargau. Das historische Städtchen liegt über Luftlinie exakt 20 km nordwestlich vom Zentrum Zürichs und an der von Luzern kommenden Reuss. Mit seinen 198 Mieteinheiten lässt das neue Quartier Mellingens Bevölkerung von 4 650 auf rund 5 300 Einwohner anwachsen. Dazu kommen rund 2 600 m² an Gewerbe- und Dienstleistungsflächen.
In der Schweiz hat das Projekt schnell beträchtliche Aufmerksamkeit geweckt – nicht nur, weil es antrat, die Energiestandards Minergie-P-ECO und Minergie-A-ECO sowie das Gütesiegel greenproperty Gold zu erfüllen. So wollen Bauherr und Architekten den Nachhaltigkeitsgedanken über die Gebäudehülle der individuellen Siedlungseinheit hinaustragen und das gesamte Quartier ins ökologische Konzept mit einbeziehen. Dies ist ein neuer Ansatz, die Neugier, ob er sich bewährt, ist groß.
Neugrüen nimmt ein Gebiet an der südwestlichen Gemeindegrenze ein, unmittelbar an einer stark frequentierten regionalen Verbindungsstraße gelegen. Das Ortsbild erfährt durch die neue Siedlung eine Konsolidierung, schafft sie doch an der richtigen Stelle eine angemessene Dichte. Auf gut 31 000 m² sind 130 Wohnungen in Etagenbauten und 68 Reiheneinfamilienhäuser angeordnet. 34 Reihenhäuser bestehen aus verschränkten Doppelhäusern mit je einer 4,5- und einer 5,5-Zimmer-Hälfte in Split-Level-Technik.
Die verschiedenen, von Nordwest nach Südost orientierten Zeilenbauten und die viergeschossigen Punkthäuser innerhalb des Areals werden ergänzt durch eine in vier Volumen gegliederte Randbebauung, die dem Verlauf der regionalen Verbindungsstraße folgt. In ihrem EG, das als gemeinsamer Sockel zweigeschossige Aufbauten trägt, sind Gewerbe- und Dienstleistungsflächen untergebracht.
Als wichtiger Bestandteil der Neugrüen-Idee umgibt ein abwechslungsreicher Außenraum das Gesamtensemble – er zeugt von der Einsicht, dass sich wahre Nachhaltigkeit nicht auf das »Liefern« von technischen Lösungen beschränken darf, sondern auch die seelische Befindlichkeit und die Alltagsbedürfnisse der Menschen berücksichtigen muss.
Soziale Nachhaltigkeit
Kommt die Rede auf die städtebaulichen Überlegungen, sprechen die Schöpfer von sozialer Nachhaltigkeit. Der Weg zu diesem Ziel führt über »Qualitäten einer dörflichen Struktur«. So hob man die übliche Trennung der Verkehrsebenen auf: Anstatt eine große Gemeinschafts-Tiefgarage zu graben, versah man das Areal mit einem dichten, teils befahrbaren Wegenetz. Eine Nebenstraße dient als Zubringer und verteilt den motorisierten Individualverkehr, Stichstraßen erschließen die einzelnen Gebäudezeilen und leiten zu Parkplätzen im Hofgeschoss der Zeilenbauten. Dieses liegt aufgrund der Split-Level-Konzeption ein halbes Geschoss unterhalb des privaten Außenraums.
Das dichte Netz von Wegen, privaten Gärten, Begegnungsflächen und Plätzen schafft eine interessante Balance zwischen privaten und kollektiven Bereichen. So lässt sich der Gemeinschaftsraum unter freiem Himmel ganz unterschiedlich nutzen und bespielen, während ihn die straßenbegleitende Randbebauung vom Verkehrslärm abschirmt.
Zur sozialen Nachhaltigkeit zählt auch der angestrebte »Mix«, sowohl beim Angebot von Läden und Praxen als auch hinsichtlich der Altersstruktur. Einrichtungen gehen auf den besonderen Bedarf des Alterswohnens ein, und es lassen sich im Quartier auch kleinere Wohnungen für junge und ältere Singles oder für Paare mieten. Diese angestrebte Vielseitigkeit steht im Einklang mit dem reduzierten Tempo, zu dem die Siedlung im gemeinschaftlichen Außenraum anhält: Alle sollen in der »Langsamverkehrssiedlung« an den Vorzügen der Entschleunigung teilhaben und die Chance erhalten, einen gemeinsamen Lebensrhythmus zu finden.
IN BESTER SCHINDELTRADITION
Die Konstruktion der Bauten spiegelt die erklärten hehren Absichten wider, die bei der Planung verfolgt wurden. Sie entspricht einer Haltung, die man als emotionale Effizienz bezeichnen könnte: Rationelle Fertigungsmethoden und traditionelle Details treffen sich und geben der Siedlung ein Gepräge, das einen hohen Erinnerungswert verspricht. ›
› Alle Gebäude sind in Holzbauweise erstellt. Die tragenden Decken bestehen aus Brettstapeln und entsprechen einer Holz-Beton-Verbundbauweise. Erdbebensicherheit und Fluchtwege werden von den aussteifenden, in Beton gefertigten Lift- und Treppenkernen garantiert. Die in einer Zimmerei vorfabrizierten Außenwände fügte man vor Ort zusammen, was für den schnellen Baufortschritt sorgte und einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit leistet. Eigentliches Kennzeichen der Siedlung sind die großformatigen Schindeln der Außenhülle. Mit einer pigmentierten Lasur behandelt, wird so eine künstliche Alterung erzeugt, eine Patina, die das Einbinden der Gebäude in die Umgebung beschleunigt.
Die Architekten kommen ins Schwärmen, wenn sie vom architektonischen Vokabular sprechen, das sie für ihre Siedlung entwickeln konnten und das ganz ihrem Verständnis von Nachhaltigkeit entspricht. Mit dem Rückgriff auf traditionelle Details entstand eine Ornamentik, die sich direkt aus der Konstruktion ergibt. Ein Beispiel dafür ist der leicht vorstehende »Abwurf« über den Fenstern, der durch ein stärkeres Ausstellen der entsprechenden Schindelreihe erzeugt wird. Einerseits dient diese Maßnahme dem Witterungsschutz der Schiebeläden, andererseits ist sie auch plastisches Gestaltungs- und Gliederungselement.
Nicht ohne Technik
Soziale Nachhaltigkeit und durchdachte Baudetails reichen aber nicht aus, um die erwähnten Minergie-Zertifikate oder das greenproperty Gold-Gütesiegel zu erhalten. Die entsprechenden Standards bedingen auch im Neugrüen eine dichte, gut gedämmte Gebäudehülle und eine ausgewogene, Ressourcen sparende Gebäudetechnik. Eine mechanische Komfortlüftung versorgt die Innenräume der Siedlung mit Frischluft. Die Energie für Heizung und Warmwasser erzeugen Erdsonden und Wärmepumpenanlagen, die Wärme des Abwassers wird zurückgewonnen, Bodenheizungen dienen im Sommer zum Freecooling. Auf den 15 Hausdächern verteilen sich 1 797 monokristalline Solarmodule, zusammengenommen ergibt das eine Fläche von 2 940 m². Man ist zuversichtlich, dass die jährlich erzeugten und ins Netz des lokalen Elektrizitätswerks eingespeisten 430 000 Kilowattstunden den Energieaufwand für den Betrieb der Neugrüen-Wärmepumpen abdeckt. •
  • Standort: Große Kreuzelg, CH-5507 Mellingen, www.neugruen.ch Bauherr: Credit Suisse Anlagestiftung Real Estate Switzerland Architekten: Dietrich Schwarz Architekten, Zürich Energieplanung: Michael Wichser + Partner, Dübendorf BGF: 26 327 m² BRI nach SAI: 129 634 m³, davon 102 990 m³ oberirdisch und 26 644 m³ unterirdisch Energiebezugsfläche: 27 852 m² Baukosten: ca. 97 Mio. Euro Anzahl Wohneinheiten: 198 Gewerbeflächen: 2 600 m² Bauzeit: 2012-14
  • Beteiligte Firmen: Generalunternehmer: Implenia AG, Dietlikon Holzbauingenieur: Josef Kolb AG, Romanshorn Montagebau Beton: Element AG, Veltheim Holz-Metall-Fenster: Lingel GmbH, Kreuzlingen Aluminium-Fenster: Ernst Schweizer AG, Hedingen Elektroanlagen: Lebag AG, Wettingen Heizungsanlagen und Erdbohrungen: EBL Wärmesysteme GmbH, Laufen Lüftungsanlagen: Boschetti AG, Aarau Sanitäranlagen: Felix + Co. AG, Gebenstorf Aufzüge: Otis AG, Kriens
Dieser Beitrag erschien erstmals im Schweizer Energiefachbuch 2014 und wurde vom Autor für die db auf den aktuellen Stand gebracht.
Minergie ist ein Label (www.minergie.ch), das seit 1998 von einem Verein für energieeffizientes Bauen vergeben wird. In der Schweiz hat es sich zum anerkannten Standard entwickelt. Die später eingeführten Ergänzungen P, ECO und A entsprechen dem Wunsch nach einer differenzierteren Betrachtung der Nachhaltigkeit.
Der Standard Minergie erfordert den rechnerischen Nachweis eines Energieverbrauchs von nicht mehr als 38 kWh/m². Minergie-P orientiert sich stärker am Passivhaus-Standard, der Verbrauchs-Schwellenwert liegt bei 30 kWh/m². Minergie-A orientiert sich am Nullenergiehaus, es muss die benötigte Energie selbst gewinnen. Der Zusatz ECO bescheinigt unabhängig vom Energieverbrauch, dass hohe Anforderungen bezüglich Gesundheit (Materialien, Licht, Akustik) eingehalten werden.

Energie (S. 68)
Manuel Pestalozzi
s. Montreux (CH)