Eine Kritik des Cradle-to-Cradle-Prinzips

Design statt Bewusstsein

Kompostierbare T-Shirts, Turnschuhe und Sitzbezüge gibt es schon, Rücknahmesysteme für Bürostühle, Fliesen und Teppichböden ebenfalls. Und einige weitere Produktideen folgen dem derzeit viel beachteten Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C-Prinzip), das, analog zur Natur, Abfall als Nahrung und intelligentes Recycling als Chance für ein Wirtschaften ohne Müll versteht. Der ist indes noch immer das sicherste Kennzeichen menschlicher Zivilisation, zumal im Bausektor. Er verursacht hierzulande allein 60 % der Abfälle, von denen nicht einmal die Hälfte recycelt wird. Gerade am Bau stößt das C2C-Prinzip rasch an seine Grenzen. Und bietet zudem wenig Neues. Ein paar Pilotprojekte und populäre Slogans wie »Verschwendet! Aber richtig.« sind Anstöße, aber offenbar kein Ersatz für die schon bekannten Nachhaltigkeitsstrategien. Hier eine – vorläufige – Bilanz des neuen Öko-Labels.

Text: Christoph Gunßer

Seit über drei Jahrzehnten steht in den Industrienationen »Energiesparen« auf der Agenda. Für die riesigen Stoffströme unserer Wirtschaft haben die Umweltforscher längst die ökologischen »Rucksäcke« und »Fußabdrücke« definiert, sie haben Verzicht, Vermeidung und vor allem Effizienz gepredigt, und gar manches davon ist in politische Vorgaben eingegangen: Die bürokratische Regelungsdichte im Umweltsektor ist mittlerweile enorm. Zugleich hat der offensichtliche Klimawandel das Schuldbewusstsein vieler Menschen wachsen lassen – und das Bedürfnis nach »Ablass«-Möglichkeiten, was u. a. zu einem Boom der Öko-Labels geführt hat. »Bauen als Umweltzerstörung« [1] wahrzunehmen, ist inzwischen weit verbreitet. Gleichwohl wirken Denk- und Konsummuster vielfach fort, sodass das erklärte Ziel [2], Wohlstand und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, gegenwärtig noch weit entfernt scheint.
In dieser Situation treten nun zwei Forscher auf den Plan, die das Diktat von Sparsamkeit und Effizienz für »unnatürlich« erklären: Jeder Kirschbaum verschwende einen Großteil seiner Blüten, baue aber die abgeworfenen Teile als Nahrung wieder ein. Ameisen, von der Biomasse her eine weit größere Population als der Mensch, lebten, ohne Abfall zu produzieren. »Verschwendet! Aber richtig.«, fordern daher der deutsche Chemiker und ehemalige Greenpeace-Aktivist Michael Braungart und der US-Architekt William McDonough plakativ – und wenden sich gegen den allgemeinen »Schuld-Kult« der Umweltzerstörung. Mit schlechtem Gewissen lasse sich die Welt nicht retten. Statt freudloser Vermeidung (man denke nur an die unglückliche Wortschöpfung »Passivhaus«) seien neue Ideen gefragt, positives Denken, Kreativität!
Das Cradle-to-Cradle-Prinzip, kurz C2C, wurde in den 90er Jahren von Braungart und McDonough entwickelt und bedeutet wörtlich »Von der Wiege bis zur Wiege«. Gemeint sind geschlossene Stoffkreisläufe, die Produkte nach Gebrauch nicht wie bislang als Müll deponieren oder zu minderwertigen Dingen »downcyclen«. Ihre produktive Sicht der Kreislaufwirtschaft – die sie nicht erfunden, sondern nur weiterentwickelt haben – kommt bei Unternehmen wie Designern gut an. Großkonzerne wie Nike, Ford oder Philips lassen sich von den findigen Forschern beraten, zertifizieren und vermarkten, was manche Kritiker indes nur für geschicktes »Greenwashing« halten. Selbst in Kunst und Mode kokettiert man seit Längerem mit dem »Recycling-Look«.
Vorreiter Niederlande
»Let´s cradle!«, beschlossen auch schon mehrere Städte und Regionen in den Niederlanden und legten sich damit auf längere Zeit fest. Die holländische Regierung will demnächst gar ihre gesamte Materialbeschaffung, immerhin 40 Mrd. Euro jährlich, auf C2C umstellen. Die Stadt Venlo nutzt 2012 die Gartenschau »Floriade«, um einen Gewerbepark nach C2C-Prinzipien zu gestalten: Dort wird die überschüssige Wärme der Gewächshäuser nicht durch Lüftung entsorgt, sondern in unterirdische Speicher gepumpt, um einen angegliederten Bürokomplex zu temperieren (»Villa Flora« von Jon Kristinsson). Dieses Verfahren wird in Holland bereits in kommerziellen Gewächshäusern neueren Typs angewandt, wo die Wärme des Tages zur nächtlichen Beheizung der Kulturen dient. Auf ähnlich innovative Weise will der Amsterdamer Architekt Thomas Rau die menschliche Abwärme in Schulen oder Büros zwischenspeichern und nutzbar machen. Erstes aktuelles Beispiel in Deutschland: das Bürogebäude des Pharmaherstellers Bionorica in Neumarkt/Oberpfalz. Hier setzt der Architekt Wolfgang Brummer auf Solarisierung, Biomasse-BHKW und intelligente Steuerung, v. a. aber glänzt der Bau mit einem bekannten Solarfassaden-System.
Ein Prinzip, das schon länger in der Nachhaltigkeitsszene zirkuliert (etwa als »Nutzen statt Besitzen«), wird von Cradle-to-Cradle weitergedacht und gerade auch auf Gebäude erweitert: Statt komplizierte technische Dinge zu kaufen und am Ende wegzuwerfen, können Kunden bei C2C-Unternehmen Verträge für Nutzung inklusive Energie und Wartung abschließen. Statt eines Autos kauft man hier eine km-Leistung, statt eines Fernsehers soundsoviel Stunden Fernsehen, statt eines Fensters 25 Jahre Sicht und Dichtheit, statt eines Hauses eine definierte Zeit beheizten Wohnens in intakten Räumen.
Architekten als Nährstoffmanager?
So entsteht ein Anreiz für die Anbieter, ihre Produkte langlebig und energiesparend zu gestalten. Projekte wie die boomende Mietrad- oder die Carsharing-Branche zeigen, dass solche Modelle Akzeptanz finden – auch wenn persönliches Eigentum zur Distinktion und für den »Fetisch-Charakter« der Waren durchaus weiterhin bedeutsam sein dürfte. Hier kann es insbesondere mit dem »Leasing« von Architektur schwierig werden, soll sie doch seit jeher auch Selbstbild und Status des Bauherrn ausdrücken und, etwa für eigene Umbauten, voll verfügbar sein. Das identitätsstiftende »Bauen als Prozess« würde im Leasing-Modell zumindest kompliziert. Auch ob sich Architekten zu »Nährstoffmanagern« entwickeln werden, wie Braungart prognostiziert, bleibt fraglich, und ob die Baukünstler so gar keine Spuren hinterlassen wollen? »Gebäude wie Bäume«, »Städte wie Wälder« fordert Braungart plakativ in biologistischer Tradition – und Menschen wie Ameisen?
Ein Hang zum Planwirtschaftlichen wird C2C denn auch attestiert. Tatsächlich werden Rücknahmesysteme erst sinnvoll bei reduzierter Vielfalt des Angebots. Die Forscher schlagen zu diesem Zweck eine zentrale Materialbank vor, von der alle Stoffe zu beziehen wären. Statt basisnahes Do-it-yourself begünstigt C2C also tendenziell Großstrukturen oder sogar Monopole – wäre die Welt nicht einfacher mit nur wenigen Anbietern, wenigen Haustypen? Das ist derzeit sicher eine Illusion. Ein luzider Vordenker alternativen Wirtschaftens, Hermann Scheer, hielt deshalb die Kreislaufwirtschaft auch nur auf regionaler Ebene für machbar. Hier bleibt sie für die Menschen gestaltbar, bietet ihnen Autonomie und Möglichkeiten zur Rückkopplung [3].
Unstillbarer Energiehunger
Problematisch bleibt indes nicht nur die Art, sondern das schlichte Ausmaß des gegenwärtigen Ressourcenverbrauchs. Das Beispiel Biosprit ist geeignet, das zu illustrieren: Angesichts der zur Neige gehenden Erdölvorräte sollen nachwachsende Rohstoffe sicherstellen, dass sich am Mobilitätsverhalten der Menschen nichts ändern muss. Leider entzieht die lukrative Spritproduktion auf dem Acker vielen Armen aber die Nahrungsgrundlage oder verteuert ihr Essen so, dass bereits Unruhen und Flüchtlingsströme darauf zurückzuführen waren. Wer tankt danach noch mit gutem Gewissen »bio«? Und womit werden die zig Millionen Neuwagen betankt, die wir den Chinesen gegenwärtig verkaufen? Macht es da wirklich einen Unterschied, ob die Sitzbezüge C2C-konform kompostierbar sind [4]?
Beim schönen Kreislauf der Dinge, wie ihn C2C ausmalt, bleibt denn auch der Energieaufwand eine Schwachstelle. Solare Energien mögen in gebauten Pilotprojekten schon im Überfluss vorhanden sein – bis sie aber für Produktion, Logistik und Recycling all der Dinge, welche die Wachstumswirtschaft zu brauchen glaubt, ausreichend zur Verfügung stehen, kann verschwenderisches Verhalten nicht empfohlen werden.
Label statt Revolution
Beim Bau von Häusern daran zu denken, wie sich die Materialien einmal wiederverwenden lassen, neben der Minimierung von Bedarfen auch – positiv – den Nutzen für Mensch und Umwelt einzuplanen, wie es eine C2C-Architektur-Charta von 2009 [5] fordert, daran kann nicht oft genug erinnert werden. Erneuerbare Energien zu nutzen, Anpassungsfähigkeit zu fördern, die Raumluftqualität zu verbessern, Bauherren und Lieferanten einzubeziehen – alles gut und schön. Wer statt Energieproblemen »Materialchancen« erkennt, mag sich besser fühlen. Die »nächste industrielle Revolution«, von der Braungart spricht [6], ist das zumindest im Baubereich (noch) nicht.
Eher wirkt C2C wie ein weiteres Label, das Aufmerksamkeit heischt und dessen Zertifizierung im Vergleich global und wenig transparent wirkt [7]. Sie gibt es bislang auch nur für Produkte, nicht für Gebäude: 600 Produkte sind in den vier Kategorien von Bronze bis Platin anerkannt, darunter neben Fliesen und Fußbodenbelägen auch ein Gründachsystem (Kosten der Zertifizierung: 300-500 Euro pro Produktkomponente). Architekten dürfen sich nach einem viertägigen Kurs (2 500 Euro) mit der »C2C-Service Mark« schmücken. Gebäude können bislang nur »nach C2C-Prinzipien errichtet« werden, was v. a. die Beratung durch Braungarts Institut voraussetzt und Interpretationen Tür und Tor öffnet – siehe oben.
Fazit: Der dringend nötige Umbau unseres Wirtschaftssystems wird nicht ohne unbequeme Verhaltensänderungen möglich sein. Solange Verzicht in der Wachstumswirtschaft aber unerwünscht ist (was nicht erst die C2Cler mit ihrem Positiv-Design erkannt haben), erscheint die gegenwärtige »Effizienzrevolution«, wenn sie ehrlich betrieben wird, als ein alternativloser Schritt in die richtige Richtung. Und das Label C2C, konkreter und weniger aggressiv vermarktet als derzeit, kann dazu neue, positive Anstöße geben – mehr nicht. •
Quellen und weitere Informationen:
[1] So lautete ein bekannter Buchtitel von Rolf Keller von 1986
[2] zuletzt gefordert von der Enquete-Kommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestags, Frühjahr 2011
[3] Hermann Scheer, Der energethische Imperativ, München 2010
[4] Bislang ist ein Teil der neuen Airbus-Sitzbezüge nach C2C-Vorgaben kompostierbar gestaltet, was im extrem umweltbelastenden Luftverkehr wahrlich wie ein hilfloses Symbol des »Umsteuerns« wirkt.
[5] Wortlaut unter www.c2carchitecture.org/wp-content/uploads/C2C_charter_EN.pdf
[6] Buchtitel von Braungart, Frankfurt 2008
[7] mehr dazu unter www.epea.com


Christoph Gunßer

1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Universität Hannover. 1992 -97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig.