Zum derzeitigen Bauzustand von Masdar City (VAE)

Aus der Traum?

Die Einkünfte der Vereinigten Arabischen Emirate werden allein aus dem Ölgeschäft auf täglich 160 Mio. US-Dollar geschätzt. Doch zu Zeiten der Finanzkrise scheint dies nicht auszureichen, um neben zwei weiteren städtebaulichen Großprojekten die Investitionen auch auf die knapp 30 km östlich von Abu Dhabis Zentrum geplante Ökostadt Masdar City zu lenken. 2008 begonnen und mittlerweile aus futuristischen Träumen erwacht, erweist sich das Projekt als weit überzogen. Oder dauern solare Wunder nur etwas länger?

Text: Gernot Brauer, Fotos: Gernot Brauer, Nigel Young

Schon 2016, hatte es noch vor drei Jahren geheißen, würden auf arabischem Wüstenboden 50 000 Menschen in einer Stadt der Zukunft leben, in Masdar. Mitten im allgegenwärtigen Sand der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) würden sie eine grüne Oase bewohnen. Solarenergien würden die gesamte Stadt komplett CO2-neutral versorgen. Nicht einmal die Baumaschinen, mit denen diese Stadt wie im Sturmschritt entstehen sollte, hätten mit Benzin oder Diesel aus Rohöl betrieben werden sollen. Eine deutsche Fondsgesellschaft hatte bereits einige Millionen Euro eingesammelt, um stattdessen eine Biodiesel-Raffinerie zu errichten. Sie hätte Altfette aus den wie Pilze aus dem Boden schießenden Resort-Hotels an den Küsten des Persischen Golfs zu Bio-Sprit verarbeiten sollen.
Doch diese Stadt wurde – und wird wohl auch – nie gebaut. Denn für Masdar, zwischen dem Zentrum von Abu Dhabi und dessen internationalem Flughafen rund 30 km landeinwärts gelegen, blieben fast alle Pläne bislang Papier. Nur eine Mini-Flotte an Baumaschinen ist angerückt. Mit ihnen haben Kontraktarbeiter aus Pakistan und aus Bangla Desh annähernd im Zentrum des 6 km2 großen und tausend Fußballfelder bedeckenden, rechtwinklig aus dem Wüstenboden ausgestanzten Landstrichs 7 m über Bodenniveau eine riesige Betonplatte errichtet.
Status quo
Auf diesem Betonpult stehen die bislang wenigen Häuser der Stadt. Sie gehören zum Masdar Institute, einer Hochschule und Forschungseinrichtung für die ökologische Zukunft. Auf der 7 m-Ebene soll allein der Fußgänger König sein und sich darunter das auf Betonstelzen stehende Basisgeschoss als Versorgungsebene ausdehnen: Metro, Fern- und S-Bahn sollten hier ebenso verkehren wie vollautomatische, knubbelige Viersitzer, mit denen man – solarelektrisch betrieben und so ökologisch korrekt – fahren kann. Insgesamt 15 000 sollten davon hergestellt werden und zwischen rund 1 500 Start- und Ziel-Stationen verkehren. Doch was eine gigantische Steuerungsaufgabe geworden wäre, hätte die Mobilitätsbedürfnisse der Bewohnerschaft nur auf wenigen Quadratkilometern gelöst. Nur zehn dieser Fahrkokons ohne Lenkrad und Gaspedal wurden bislang vom holländischen Unternehmen 2getthere tatsächlich geliefert. Neun sind einsatzbereit, aber nur fünf fahren auf in den Boden eingelassenen Induktionsschleifen wirklich. Auf einer einzigen Strecke verbinden sie das Masdar Institute mit einer zweiten Basisstation unter dem Betonpult weiter draußen. Das ist einstweilen alles, und dabei wird es auch bleiben. An der Ankunftsstation werden weiterhin zahlreiche geländegängige, durstige Benzinkutschen mit Achtzylindermotoren parken – bei Spritkosten von 30 Euro-Cent/l sind sie dort ohnehin nicht gefährdet. Dennoch wartet daneben nun auch eine Flotte japanischer Elektroautos. Auf sie setzen die Planer von Masdar mittlerweile, schließlich soll der Strom dafür weiterhin umweltfreundlich erzeugt werden.
Ärger mit dem Wüstensand
Doch auch an anderen Stellen hat sich die Ökostadt bereits von einigen Träumen verabschieden müssen, etwa beim Masdar Institute (Architekt Norman Foster). Die Häuser des ersten Bauabschnitts beeindrucken mit lebendigen Fassaden, deren Verschattung aus floral gelöcherten, erdfarben pigmentierten Betonelementen eine Aufheizung im Sommer verhindert – und die zugleich eng genug nebeneinanderstehen, um sich auch gegenseitig Schatten zu spenden. Zwischen ihnen hat Foster eine alte arabische Bautradition wiederbelebt, die man in Dubai, der rund eine Autostunde von Abu Dhabi entfernten Nachbar-Metropole, noch zahlreich sieht: Hohe Windtürme, die über ihre vertikalen Lüftungskanäle und den Kamineffekt warme Luft absaugen und den leichten Windhauch über den Dächern einfangen und so etwas kühlere und weniger schwüle Luft nach unten drücken. In die oberen Turmöffnungen wurden früher nasse Tücher gehängt, um mit Verdunstungskälte zusätzlich für Erfrischung zu sorgen. Der Windturm von Masdar sprüht Wasser in seine Mitte und erzeugt so den gleichen höchst simplen und wirkungsvollen Effekt.
Auf den bisherigen Dächern fangen PV-Anlagen Sonnenlicht ein, doch auf denen des zweiten, gerade im Bau befindlichen Abschnitts, wird es keine Solarkollektoren mehr geben. Der puderfeine Wüstensand, der in dieser Region stets in der Luft schwebt, legt sich wie ein Tuch über die PV-Elemente – hier ebenso wie am Rand von Masdar, wo eine zu ebener Erde errichtete Anlage 10 MW Strom und damit den Löwenanteil des Solarstroms erzeugt. Damit das funktioniert, müssen Arbeiter die Technik mit archaischen Mitteln am Laufen halten: Mit Putzeimern, Wasser und Lappen wischen sie regelmäßig die Solarpaneele sauber. Auf Hausdächern ist das auf Dauer jedoch keine Lösung.
Damit der Sandstaub sich nicht mehr festsetzen kann, forschen Firmen wie Siemens gemeinsam mit dem Institut an Techniken des sogenannten PV Coating, einer völlig lichtdurchlässigen, jedoch staubabweisenden Nano-Technologie für die Ummantelung der Paneele. Noch ist diese Technik nicht einsatzbereit. Ohnehin produzieren Solarpanels nachts keinen Strom, sodass ›
› Masdar bei Dunkelheit wie das übrige Abu Dhabi auf das öffentliche Stromnetz und damit auf die Energieversorgung aus Gaskraftwerken angewiesen ist.
Nur noch ein Leuchtturm
Weil es keine komplizierte Mobilitätsversorgung mit automatischen Pods mehr geben wird, ist die gesamte Idee der 7 m-Plattform obsolet geworden. Zwar werden gegenwärtig die Apartmenthäuser der bislang etwa 170 Masdar-Studenten wie von Anfang an vorgesehen auf der Höhe der Plattform um ca. 100 Apartments erweitert. Auf der anderen Seite der Institutsgebäude drehen sich Baukräne aber auf einer neu angelegten Art abgetreppter Terrasse. In Stufen verlässt dieser Neubaubereich also das aufgeständerte Niveau in Richtung ebene Erde zur erneuerten Symbiose von Mensch und (elektrischem) Automobil, die Idee der Zwei-Ebenen-Stadt Masdar ist folglich Geschichte: Das Projekt wandelt sich von einer autofreien Stadt mit einer reinen Fußgängerebene in eines mit begrenztem Zugang auch für Autos und damit für Mischverkehr.
Auf dem terrassierten Gelände baut das Emirat Abu Dhabi mit dem britischen Unternehmen Sheppard & Robson derzeit für Siemens. Der in München beheimatete Konzern lässt dort seit Oktober 2011 seine Firmenzentrale für den Mittleren Osten errichten, von wo er seine Öl- und Gas-Technologien weltweit vermarkten will. Zusätzlich plant Siemens in dem Komplex ein Leadership Management Training Center sowie ein Excellence Center für Gebäudetechnologien. Das Haus soll ehrgeizige Unternehmensvorgaben verwirklichen: mehr als ein Drittel Wasserersparnis und fast 70 % weniger Energieverbrauch als derzeit in Bürogebäuden von Abu Dhabi üblich (wo Energiesparen in weitgehend verglasten, ungedämmten Bürohochhäusern bislang überhaupt kein Thema war). In den voll klimatisierten Gebäuden sollen Technologien zur Klimaautomatik die Innentemperatur bei Nacht beispielsweise auf bis zu 28 °C ansteigen lassen – dann stört das ja niemanden. Auf der Agenda steht auch das schon erwähnte Photovoltaik Coating sowie eine Technologie, um überschüssiges CO2 in Ölfeldern zu verpressen.
Siemens ist derzeit allerdings der einzige Lichtblick in der sonst verhangenen Zukunft dieser ökologischen Vorzeigestadt. In diese Zukunft zu investieren, wäre jedoch dringend nötig. Denn die VAE haben nach Analysen des Global Footprint Network noch immer den größten ökologischen Fußabdruck weltweit, auch wenn er von 2010 bis 2012 von 10,7 auf 8,9 Zähler gesunken ist. Würde die ganze Welt so wirtschaften wie die VAE, wäre der ökologische Fußabdruck aller Menschen fünfmal größer als die Erdoberfläche. Der Spitzenwert liegt zum einen daran, dass Abu Dhabi ähnlich wie Dubai erfolgreich damit zugange ist, Wüsten mit künstlich entsalztem Wasser in grüne Oasen zu verwandeln, und zum anderen an den gigantischen Aufwendungen für die Klimatisierung.
Zu den Technologien, die Energie sparen helfen, aber im mittleren Osten noch zu selten zum Einsatz kommen, gehören Absorptionskältemaschinen. Sie binden ein gasförmiges Kältemittel an ein Sorptionsmittel. Kommt Hitze von der Sonne (und von kürzlich ganz in der Nähe von Masdar entdeckten heißen Quellen) dazu, verdampft es und entzieht dabei der Umgebung Wärme – die Luft kühlt sich ab. Anschließend bindet das Gas wieder an das Sorptionsmittel und der Kreislauf beginnt von vorn. Dieser Prozess braucht nur rund halb so viel Energie wie herkömmliche elektrische Klimaanlagen.
Wie weit das Masdar Institute am Einsatz dieser Technologien beteiligt ist, lässt sich nur schwer beurteilen. Es schottet sich mit immer neuen Ausflüchten so vor Antworten ab, als hätte es etwas zu verbergen. Rund herum baut von den geplanten 1 500 ökologisch orientierten Firmen außer Siemens derzeit keine einzige. Und von Bewohnern Masdars, die nicht gerade studieren, gibt es noch keine Spur. Masdar bleibt einstweilen also ein spannender Scheck auf die Zukunft. 
Weitere Informationen:
Die ursprünglichen Planungen zu Masdar City und den daran beteiligten Firmen sind auf der – scheinbar schon lange nicht mehr aktualisierten – Wikipedia-Seite nachzulesen, http://de.wikipedia.org/wiki/Masdar. Vom derzeitigen, tatsächlichen Stand hat sich Gernot Brauer im April dieses Jahres vor Ort ein Bild machen können.
Masterplan und Architektur Masdar Institute: Foster + Partners, London Energiekonzept Masdar City: Transsolar Energietechnik, Stuttgart

Energie (S. 62)
Gernot Brauer
1940 geboren, Publizist. Mehr als 25 Jahre Unternehmenssprecher in der Industrie, Vorstandsmitglied des Bayerischen Journalisten-Verbands. Seit 1996 eigene Agentur. Verschiedene Lehraufträge, zuletzt u. a. an der TU München. Gegenwärtig journalistische Tätigkeit für das Münchner Forum und als Fachbuchautor.