Anti-Hochhaus-Beschluss für Kopenhagens historisches Zentrum

Willkommen in der hochhausfreien Zone

Nach langer und zum Teil heftiger Debatte haben die Kopenhagener Lokalpolitiker in diesem Jahr beschlossen, dass im historischen Zentrum der Hauptstadt keine Hochhäuser gebaut werden dürfen. Wenn es der Stadt nicht gelingt, aus der Entscheidung das Beste zu machen, droht sie architektonisch wie städtebaulich international womöglich den Anschluss zu verlieren.

Text: Clemens Bomsdorf

»Kopenhagen scheint gespalten zwischen Bewahrungsfanatikern und Entwicklungsnaivlingen.« – Es waren harte Worte, mit denen der Architek- turkritiker Karsten Ifversen der dänischen Zeitung »Politiken« im Sommer 2007 die Kopenhagener Bürger und Politiker charakterisierte und die Debatte darum, ob in der Innenstadt der dänischen Hauptstadt Hochhäuser gebaut werden dürfen oder nicht, beschrieb. Gut ein Jahr später zeigte sich, dass die »Bewahrungsfanatiker« gewonnen haben. Ende August 2008 beschloss das Kopenhagener Stadtparlament, dass Neubauten nicht höher als vierzig Meter sein dürfen. Die Entscheidung und die vorangegangene Diskussion, die nicht immer sachlich geführt wurde, richteten sich in besonderem Maße gegen ein Projekt des britischen Architekten Norman Foster. Der hatte auf dem Gelände des Vergnügungsparks Tivoli ein Hotel errichten wollen. Weil dessen Turm höher gewesen wäre als der des benachbarten Rathauses und ein altbekanntes Gebäude des Tivoli abgerissen werden sollte, hatte sich die Anti-Hochhausbewegung – zum Teil organisiert in der Gruppe »Kopenhagener gegen fehlplatzierte Hochhäuser« – schnell auf das Projekt eingeschossen. Die »Entwicklungsnaivlinge« hingegen hatten davon geträumt, die Frankfurter Skyline in die ähnlich große dänische Hauptstadt zu holen.
Entscheidung ohne Ausnahme
Das, was Politik unter anderem ausmacht, nämlich das Aushandeln von Kompromissen, blieb bei der im Sommer 2008 mit breiter Mehrheit gefällten Entscheidung auf der Strecke. Zukünftig ist es also generell verboten, in der historischen Innenstadt »middelalderbyen« hoch hinaus zu wollen. Die meist fünfstöckigen, zwischen 1600 und 1900 erbauten Häuser innerhalb des alten Festungsgrabens sollen nicht »in den Schatten gestellt« werden. In dem Gebiet liegen sowohl das touristische Zentrum der Stadt mit Hafenzeile und Postkartenmotiv »Nyhavn« sowie dem Platz »Kongens Nytorv« als auch die Einkaufsmeile »Strøget«, das Parlament »Christiansborg« und die gehobenen Büros der Stadt. Viele der Häuser sind denkmalgeschützt, und es gibt in dem Gebiet ohnehin nur noch wenige Möglichkeiten zu bauen, so dass das Hochhaus-Verbot die Entwicklungsmöglichkeiten im Stadtkern weiter einschränkt. Nur wenn die Politiker bewusst außergewöhnliche, wenn auch niedrigere Bauten im Stadtkern zulassen und in der unmittelbaren Umgebung einige höhere Projekte genehmigen, wird Kopenhagen seinen Ruf als architektonisch und städtebaulich bedeutende Stadt verteidigen können. Denn selbstverständlich zeigen etliche bemerkenswerte Gebäude in Kopenhagen – wie das Schauspielhaus (2008) von Lundgaard & Tranberg oder die Königliche Bibliothek (1995–99), Schwarzer Diamant genannt, von Schmidt Hammer Lassen – dass gute und aufsehenerregende Architektur auch mit weniger als 13 Stockwerken möglich ist. Solche Gebäude braucht die Innenstadt, soll sie nicht zum Freilichtmuseum verkommen. Sie bestimmen zwar nicht die Skyline der Stadt, können aber das Stadtbild entscheidend prägen. Und weil das historische Zentrum eben doch nur das historische Zentrum ist, zur Innenstadt aber ein viel größeres Gebiet gehört, stoppt der gefällte Beschluss sicher nicht die zukünftige Gesamtentwicklung der Stadt.
Außerhalb der sogenannten befriedeten Zone sollte Kopenhagen auf das eine oder andere Hochhaus setzen, selbst wenn die »Bewahrungsfanatiker« auch in diesem Fall dagegen sind. Spannende Vorschläge gibt es genug. So soll nach einem Entwurf von Steven Holl die Kopenhagener Dependance der UN gleich aus zwei Hochhäusern bestehen. Die 24 und 27 Stockwerke hohen Gebäude, von Wasser getrennt, will er in 65 Meter Höhe (17. Etage) durch eine Brücke miteinander verbinden. Eines der interessantesten Projekte hat Kopenhagen aber schon verloren: sechs Hochhäuser, in denen die oberen sechs Etagen jeweils als Spitzdach ausgeformt sind. Der Vorschlag des niederländischen Büros Eric van Egeraat wurde nach Protesten der Hochhausfeinde bereits vor dem Anti-Hochhausbeschluss von der Politik abgelehnt. •