Wie lässt sich die Akzeptanz für den Wandel in der Konsumkultur erhöhen?

Weniger ist weniger – und anders

Ein Weniger an Ressourcenverbrauch im Sinne der Suffizienz ist unabdingbar. Doch wie lässt es sich erreichen und wie die allgemeine Akzeptanz für einen Wandel in der Konsumkultur erhöhen? Wir zeigen auf, worauf es auf jeden Fall ankommt und gehen auf bereits bestehende Ansätze ein. Die zehn Kriterien zur Suffizienz-Bewertung können dem Planer überdies als Leitfaden und Suffizienzbewertungsmaßstab dienen.

Text: Arne Steffen und Matthias Fuchs

Vor dem Hintergrund bestehender Energieeinsparungs- und Klimaschutzziele erscheint der Schlüsselbegriff »Nachhaltigkeit« die Bedeutung als historische Chance eines dauerhaft neuen Naturverständnisses zu erlangen. Quasi als Heilsversprechen wird im Zusammenhang des »Green New Deal« angenommen, dass sich das Wachstumsparadigma durch technische Innovationen sowie einer Entkoppelung von Bruttoinlandsprodukt und Treibhausgasen weiterhin verfolgen lässt.
Wie bereits in zwei Ausgaben der db in Artikeln zum Thema Suffizienz ausgeführt (siehe db 05/2012 und db 08/2013), muss es einen jedoch nachdenklich stimmen, wenn man die bisher in Deutschland erzielten Ergebnisse, den Energiebedarf im Gebäudesektor zu reduzieren, einer Gesamtschau unterzieht: Der Einsparung mittels Dämmmaßnahmen und rationeller Energieumwandlung von 9 % steht im gleichen Zeitraum (1995 bis 2005) ein Mehrverbrauch von 13 % infolge gestiegenen Wohnflächenbedarfs gegenüber. Aktuelle Veröffentlichungen nehmen daher eine Gegenposition ein [1] und stellen die unbequeme These auf, dass innerhalb eines begrenzten Universums und endlicher Ressourcen kein fortwährendes Wirtschaftswachstum gelingen kann – demnach würden auch unsere Lebens- und Konsumgewohnheiten auf dem Prüfstand stehen. Der Schweizer Architekt und Hochschullehrer Peter Steiger bemerkte in diesem Zusammenhang, dass bezeichnenderweise ein Begriff für das Gegenteil von Wirtschaftswachstum, der in gleicher Weise Hoffnung auf höheren Wohlstand, jedoch ohne unerwünschte Umweltbelastungen verspricht fehlt [2]. Da Begriffe wie »Verzicht«, »Vermeidung« oder »Rückbildung« im allgemeinen Sprachgebrauch negativ besetzt sind, lösen sie dementsprechend keine positiv motivierten Handlungen aus. Auch nach Auffassung des Soziologen Wolfgang Sachs reicht es nicht aus unter Zukunftsfähigkeit nur eine Reihe von Reduktionszielen zu verstehen. »Vielmehr muss man die Produktionsformen, Lebensstile und Denkweisen erkunden, in die ein maßvoller Naturverbrauch eingelassen sein könnte, […] denn Reduktionsziele allein informieren höchstens, beflügeln aber keinen.« [3]
Eine Hauptaufgabe wäre also, eine Ästhetik der nachhaltigen Lebensweise auszubilden und die (bio-physischen) Grenzen zu (zivilisatorischen) Chancen zu wenden. Denn zukunftsfähig kann nur ein Nachhaltigkeitsleitbild sein, das die Maximen nach Generationengerechtigkeit und globaler Gerechtigkeit gleichermaßen berücksichtigt.
PARADIGMENWECHSEL
Als derzeit einziges positives und zugleich funktionierendes »Zielsystem«, definiert das Schweizer Konzept der »2000-Watt-Gesellschaft« den Pro-Kopf-Energieverbrauch als maßgebliche Nachhaltigkeits-Messgröße. Eingebettet in die Empfehlungen des Weltklimarats, dass ein pro Kopf CO2-Ausstoß von bis zu 1,3 t noch »klimaverträglich« sei – in Deutschland emittieren wir momentan rund 9 t – strebt das Modell für die unterschiedlichen Sektoren wie z. B. Wohnen und Arbeiten, Güter und Nahrung sowie Mobilität entsprechende Richtwerte in Watt an, um den Durchschnittsverbrauch in der Schweiz (von derzeit etwa 6 300 Watt / Dauerleistung Primärenergie) in den kommenden Jahrzehnten drastisch zu senken.
Auf dieser Grundlage entwickelte der Schweizer Architekten- und Ingenieurverein (SIA) mit dem »Effizienzpfad Energie« speziell für das Bauwesen geeignete Strategien und Referenzgrößen. Für die Nutzungen Wohnen, Büro und Schulen wurden in den Bereichen Baumaterial (graue Energie), Raumklima, Warmwasser, Licht und Apparate sowie Mobilität ein spezifischer Bedarf für den Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft festgelegt [1]. Die Primärenergie bildet die gemeinsame Bezugsgröße für alle Zielwerte, die in der Einheit MJ / m2a oder Watt / Person angegeben werden.
Als erste Gemeinde hat die Stadt Zürich die 2000-Watt-Gesellschaft verbindlich in ihrer Gemeindeordnung festgeschrieben; ¾ der Stimmberechtigten votierten bei einem Bürgerentscheid im Jahr 2008 für dieses energiepolitische Modell. Mittlerweile sind in der Pilotregion Zürich (und auch in Basel und Luzern) zahlreiche Bauten entstanden, die daran erinnern, dass Architektur auch die Aufgabe zukommt, zur Beantwortung gesellschaftlich drängender Fragen beizutragen [2/3].
Die frühen Arbeitshilfen und Instrumente zum 2000-Watt kompatiblen Bauen [4] thematisierten zumeist technische Lösungen wie Dämmmaßnahmen (Effizienz) und Nutzung erneuerbarer Energien bzw. Verwendung nachwachsender Baustoffe (Konsistenz). Suffizienz als dritte maßgebliche Nachhaltigkeitsstrategie – die das Nutzerverhalten mit einbezieht – blieb dabei ausgeblendet. In der Veröffentlichung »Suffizienzpfad Energie« [5] untersuchen die Nachhaltigkeitsexperten Katrin Pfäffli und Hansruedi Preisig diese bisher unberücksichtigten Potenziale. Sie kommen zum bemerkenswerten Ergebnis, dass sich bei effizient und konsistent errichteten Gebäuden durch moderate Suffizienz der Primärenergieverbrauch und die Treibhausgasemissionen nochmals um ca. 45 % reduzieren lassen. Somit wären Suffizienzkonzepte das »As im Ärmel«, um die Klimaschutzziele im Bausektor eventuell doch noch zu erreichen.
Von Nutzern und Nutzen
Da eben das Potenzial der Suffizienz nicht durch technischen Fortschritt in Sachen Effizienz oder Konsistenz ausgeschöpft werden kann, erfordert ein Weniger an Ressourcenverbrauch zunächst entsprechend motivierte Nutzer – die Beweggründe gestalten sich meist vielschichtig und stets individuell. Die dann für die Funktionen notwendigen Räume werden vom Architekten bereitgestellt. Wobei hier absichtlich nicht von einem Bau oder einer Erstellung durch den Architekten geschrieben wird, sondern von einer Bereitstellung, da Suffizienzkonzepte nicht immer bauliche Lösungen herbeiführen.
»Genügsame« Gebäude, die einen geringeren Ressourcenverbrauch befördern, sind naturgemäß mit den Beteiligten zu entwickeln, um die Akzeptanz ›
› und spätere Gebrauchstauglichkeit sicherzustellen. Verordnete oder abstrakte und vermeintlich perfekte Weniger-Konzepte, die nicht angenommen werden, erweisen sich von der Ressourcenbilanz in Bezug auf den Nutzer als überaus negativ.
Es ist nicht zu erwarten, dass Lebensformen der Askese demnächst von großen Teilen der Bevölkerung leidenschaftlich nachgefragt werden. Solange in unserem Wertemodell die Freiheit besteht, zum langfristigen Nachteil der Umwelt und eigenem kurzfristigen Vorteil zu handeln, werden Menschen ihr Verhalten vermutlich beibehalten. Zurzeit scheinen langfristig nur politische, regulative Rahmenbedingungen wirklich zu einem begrenzten Ressourcenverbrauch pro Person zu führen. Bis die Politik sich traut, solche zu formulieren, stellt sich die Frage, warum und wie man jetzt schon suffizient agieren kann.
Harald Welzer wählte für seinen Beitrag auf dem db-Suffizienzkongress 2014 den unterhaltsamen Titel: »Freiheit statt Konsum. Weniger ist nicht mehr, sondern weniger«. Und er hat Recht. Ein materielles (gegenwärtig kaum vorstellbares) Weniger ist ein Verlust, den man nicht schönreden kann, aber auch nicht schön reden muss. Denn wenn mit dem Weniger andere Nutzen ausgelöst werden, kann das ein gutes Tauschgeschäft für alle Beteiligten inklusive der Umwelt werden.
Es braucht die Offenheit, über eine alternative Nutzenbefriedigung nachzudenken. Dann kann suffizienzmotiviertes Handeln zu relevanten Nebennutzen führen. Wie auch viele nebennutzen-motivierte Handlungen zu Suffizienz führen können.
Wenn man beispielsweise in Ballungsräumen heutzutage kleine Wohnungen baut, geschieht das meistens nicht im ethisch-ökologischen Sinne, sondern aus Gründen einer markttauglichen Wirtschaftlichkeit. Andersherum führt eine Reduktion von Wohnfläche aus einer nachhaltigen Verantwortung i. d. R. zu erheblichen finanziellen Einsparungen. Zudem kann mit einer kleineren Wohnung verbunden sein, dass der Anteil am öffentlichen Leben sich erhöht, also z. B. verstärkt soziale Kontakte auslöst. Auch kann der Sinn einer Verkleinerung von Wohnraum dazu dienen, das Leben zu vereinfachen im weitverbreiteten Sinne von »Simplify your life«. Andernorts ist es kulturell nicht opportun zu viel Raum zu beanspruchen oder eine Größenbeschränkung löst Fördergelder aus wie es im geförderten Wohnungsbau vorgeschrieben ist [4].
Dabei sind – ein bisher selten diskutierter Aspekt – »Investitionen« in Suffizienz anders als Aufwendungen in Effizienz oder Konsistenz meist hochrentabel bei oft geringstmöglicher Amortisationszeit von null.
Weniger ist also tatsächlich weniger, kann aber eben auch anderen Nutzen auslösen. Damit ist Suffizienz nicht mehr per se mit Verzicht, Opfer oder Reduktion verbunden. Vielmehr kann es sich dann um eine qualitative Veränderung von Nutzenaspekten handeln und es können mit einem maßvollen Lebensstil neue Vorzüge verbunden werden. Ob diese subjektiv (und quantitativ) als »mehr«, »weniger« oder »gleich hoher, aber anderer« Nutzen erlebt wird, lässt sich letztlich nur individuell beantworten.
Aufgabe der Architektur
Um raffinierte Suffizienz-Konzepte zu entwickeln, benötigen Architekten wahrscheinlich ein verändertes Rollenverständnis. Sie werden nicht mehr diejenigen sein, die für jedes Problem eine möglichst umfangreiche, gebaute Lösung anbieten: ein fast materieloser Waldkindergarten ist immer suffizienter als ein noch so ökologisch gebauter »Gebäudekindergarten«. Die neuen Aufgaben umfassen demnach das Verständnis einer, erst in Ansätzen erkennbaren, Suffizienz-Werkzeug-Klaviatur. Wie kann eine Gebäudestruktur also erstens wenig Ressourcenverbrauch und zweitens die suffiziente Nutzung erleichtern, wenn nicht sogar fördern? Vor dem Hintergrund dieser Erkundung, wird in Abb. [5] versucht, die wesentlichen Einflussfaktoren zu identifizieren und zu definieren. Dabei konzentriert sich die Kriterienstruktur auf Aspekte, auf die wir Planer Einfluss haben und für die wir oftmals ohnehin zuständig sind (d. h. nicht weiter thematisiert wird suffizientes Konsumverhalten wie »kürzer als 5 Minuten Duschen« oder »18 Grad sind mit dickem Pullover im Winter auch behaglich«).
Inwieweit diese Kriterien dabei helfen, das jeweilige Suffizienz-Potenzial einzuschätzen, vielleicht sogar zu quantifizieren, soll an einer prototypischen Anwendung auf Basis eines dokumentierten Gebäudes aus diesem Heft getestet werden, am Projekt R50 in Berlin (s. Abb. [6/7] und S. 32 ff). ›
PARTIZIPATIONS- UND PLANUNGSPROZESS
Es hat sich gezeigt, dass die Akzeptanz von »ungewohnten« Konzepten zur Gebäudenutzung höher ist, wenn die späteren Nutzer am Entwicklungsprozess beteiligt werden. Um einen belastbaren Entwurf erstellen zu können, sollten sich Architekten und Nutzer bzw. Bauherren vor Beginn der eigentlichen Planung in einen hochkreativen und substanziellen wie auch gut strukturierten Prozess begeben, in dem möglichst mit Moderatoren
  • die unterschiedlichen Interessen und der unterschiedliche Bedarf erörtert und definiert werden,
  • die (vermutlich alt-bekannten) Ergebnisse in Bezug auf die oben aufgeführten Suffizienzkriterien infrage gestellt werden,
  • prinzipielle Varianten der Interessen- und Bedarfsbefriedigung von Fachleuten, mit der Anregung diese auf die individuelle Situation zu übertragen, vorgestellt werden
  • das Für und Wider, das Weniger als auch der andere (neue) Nutzen diskutiert und gegebenenfalls beschlossen werden.
Der Erfolg eines solchen Prozesses hängt wesentlich von einem klar bestimmten Rahmen in Hinblick auf Zeitpunkt und Zeiten, auf die Art der Mitbestimmung sowie auf die Entscheidungswege ab. Dabei ist die Wertschätzung der Erfahrungen und Wünsche der Nutzer von besonderer Bedeutung. Wenn diese auch keine Bauexperten sind, gilt es, sie trotzdem aufmerksam zu hören und eine Offenheit mitzubringen, ihre Bedürfnisse tatsächlich zu berücksichtigen und auch umzusetzen. Zufriedene Bewohner sind letztlich die Grundvoraussetzung für einen langjährigen, nachhaltigen Gebäudebetrieb.
Bei den zu Beginn des Suffizienzzeitalters vermutlich ungewöhnlichen Konzepten tragen mehrere Faktoren dazu bei, die Sorge von Bauherren vor Fehlinvestitionen zu mindern. Dazu zählen beispielsweise reversible Strukturen – die mit geringem Aufwand notwendige Korrekturen ermöglichen – und anpassungsfähige Konzepte, an denen risikoarm die suffiziente Nutzung von Gebäuden geprobt werden kann. Als vorteilhaft erweisen sich auch flexible Geschäftsmodelle für die Nutzung sowie vorausgedachte Zweitverwendungsmöglichkeiten von spezifischen Suffizienz-Zonen.
Verbrauch Pro Nutzer
Heute wissen wir mehr über die Ursachen, Zusammenhänge sowie die notwendigen Zielsetzungen der sich bereits abzeichnenden globalen Risiken und Aufgaben als zu jeder anderen Zeit. Aus diesem Wissen resultiert unsere Verantwortung, die Probleme wahrzunehmen, Lösungen zu formulieren und entsprechend zu handeln.
Wir sollten daher nicht abwarten, bis – durchaus glaubwürdige – Wirtschaftskrisen-Szenarien (z. B. infolge »Peak-Oil« und sprunghaft ansteigender Rohstoffpreise) unsere Wahlmöglichkeiten begrenzen. Auch vornehmlich verordnete oder regulatorische Suffizienz erscheint als Gesellschaftsform nicht wirklich erstrebenswert. Politik und Gesetzgebung sind eher gefordert die Voraussetzungen auszugestalten, die ein »leichtes Leben« ermöglichen.
Zu ändern wäre hingegen der bisherige Betrachtungsrahmen »Verbrauch pro Fläche«. Gleichermaßen in Vorschriften (EnEV), Förderungen (KfW) und Nachhaltigkeitszertifizierungen (wie DGNB bzw. BNB) sollte »Verbrauch pro Nutzer« die maßgebliche Messgröße darstellen. Gekoppelt mit einem positiven Leitbild – wie beispielsweise der 2 000-Watt-Gesellschaft – könnte dies zielgerichtete Denk- und Handlungsweisen hervorbringen, die substanzielle gesellschaftliche Reorganisationsprozesse bewirken.
Der Konsument kann dann selbst entscheiden, wie er sein Energiebudget einsetzt. Und er wird – unserer Auffassung nach – oftmals zum Schluss gelangen, dass Suffizienz zwar weniger ist, weniger verbraucht, dafür aber viel anderen Nutzen bringt. •
Quellenangabe:
[1] Niko Paech: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie; München 2012
[2] Peter Steiger: Der kritische Weg zur nachhaltigen Bauweise. In: Baustoff Atlas, München 2005
[3] Wolfgang Sachs: http://magazin.cultura21.de/perspektiven/denkanstoesse/mas-voll-leben.html
[4] Hansruedi Preisig, Katrin Pfäffli (u. a.): Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (Hrsg.): SIA D 0216. SIA Effizienzpfad Energie. Zürich 2006
[5] Katrin Pfäffli, Hansruedi Preisig (u. a.): Grundlagen zu einem Suffizienzpfad Energie. Das Beispiel Wohnen. Zürich 2012