PassivhausWohnanlage »Samer Mösl« in Salzburg

Vorreiter

Der Werbeslogan des Bauherrn und der beteiligten Unternehmen, dass es sich bei der im September fer-tig gestellten Anlage um »Österreichs derzeit größte mehrgeschossige Passivhauswohnanlage in Holzbauweise« handelt, war weniger ausschlaggebend für die Projektauswahl. Zwei andere Merkmale sind eher von Bedeutung: »Samer Mösl« ist zum einen als sozialer Wohnungsbau errichtet, zum anderen überzeugt er vor allem durch die Gestaltung. Denn während vergleichbaren Anlagen hierzulande oft noch etwas Ökohaftes anlastet, etwa Regenrückhaltebecken oder Solaranlage ins Auge springen, war man hier mit einem entsprechend »ökologischen« Erscheinungsbild beachtenswert zurückhaltend.

{Text: Christine Fritzenwallner

Die, die hier eine Wohnung zugeteilt bekamen, durften sich freuen. Immerhin sind die Salzburger Wartelisten für eine Sozialwohnung lang. Die neuen Wohnungen sind hell, nach Südwest und Nordost ausgerichtet jeweils »durchwohnbar«, die räumliche Aufteilung und Zonierung ist durchdacht, die Miete erschwinglich. Zusätzlich halten die großen, dreifachverglasten Fensterflächen gemeinsam mit den hoch gedämmten Außenwänden die Nebenkosten gering. Jede der insgesamt sechzig Wohneinheiten, aufgeteilt in drei parallele, gleichartige Baukörper, hat entweder einen eigenen Balkon oder eine Terrasse mit Garten. Auch andere für Mieter wesentliche »Details« stimmen: Die Anlage steht auf der grünen Wiese am Rande einer Wohnsiedlung und grenzt unmittelbar an das Moorgebiet »Samer Mösl«, das der Anlage ihren Namen gab. Unter einem Teil des Komplexes befindet sich eine Tiefgarage, an die der Waschkeller anschließt, in dem die Anwohner ihre Wäsche, vor nachbarlichen Übergriffen geschützt, in extra abschließbaren Trocknungsparzellen aufhängen können. Ein großer Fahrradraum erwartet all jene, die auf das Auto verzichten, ebenso wurde an ausreichend Platz und Abstellnischen für Kinderwagen und einen Spielplatz gedacht. Ein Drittel aller Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen ist rollstuhlgerecht. Entgegen dem immer noch verbreiteten Klischee vom hermetisch abgeriegelten Passivhaus lassen sich die Fenster jederzeit öffnen. Selbst die kontrollierte Wohnraumlüftung können die Bewohner individuell regulieren, wenn auch nicht ganz ab-schalten. Und das sicher auch vor dem Hintergrund, dass Mieter in den letzten Jahren durch weniger Lüften und damit weniger Wärmebedarf Heiz-kosten zu sparen versuchen – und so unwillkommene und schädliche »Mitbewohner« einladen. Man könnte mutmaßen, ob – neben ökologischen Aspekten – nicht auch diese Tatsache das Land Vorarlberg zur Änderung der Wohnbauförderungsrichtlinien bewogen hat, wonach ab 2007 alle Sozialwohnungen gemeinnütziger Unternehmen in Passivbauweise errichtet werden müssen. In Salzburg wiederum sollen die Förderungsrichtlinien ab 2010 insofern geändert werden, dass nur noch Niedrigenergie- und Passivhäuser förderungswürdig sind.
Samer Mösl könnte also das Vorzeigeobjekt auf der Homepage des Bauträgers sein: Erstmals einen Sozialwohnungsbau statt in konventioneller, massiver Bauweise als Holz- und gleichzeitig Passivbau errichten zu lassen, setzt schließlich – auch gegenüber der Konkurrenz – ein deutliches Zeichen. Dennoch wirbt das 1951 gegründete, gemeinnützige Wohnbauunternehmen »Heimat Österreich« auf seiner Internetstartseite zunächst mit wenig ansprechender Architektur – parallel zur Devise »Lebensqualität beginnt daheim!«. Für den gelungenen Neubau wurde das Unternehmen jedenfalls bereits mit dem Rosenheimer Holzbaupreis 2006 ausgezeichnet. ›
Ungewöhnliche Anforderungen
Für das geplante Projekt lobte der Bauträger 2003 einen österreichweit offenen, zweistufigen Wettbewerb aus. Dass sps-Architekten gewannen und schließlich die Ausführung übernahmen, war für den Gründer des jungen, eher kleinen Architekturbüros im Hinblick auf die anderen Mitbewerber überraschend. »Samer Mösl« ist sein derzeit größtes Projekt. Die Jury hatte dabei unter anderem das gute Verhältnis von Nutzfläche zu Verkehrsfläche, die Möglichkeit des »Durchwohnens« und die städtebauliche Lösung überzeugt. Gleichzeitig war es den Planern bereits in der Wettbewerbsphase möglich, zusammen mit einem Generalunternehmen, wie gefordert, eine Kostengarantie zu übernehmen – eine ungewöhnlich früh gestellte, wenn auch mittlerweile fast verständliche Anforderung.
Energetisch-ökologische Planung
Der energetische Vorteil beginnt bereits bei der Ausrichtung der Baukörper: Durch die Orientierung der großflächigen Fensteröffnungen lassen sich im Tagesablauf von zwei Seiten solare Gewinne erzielen, was für Passiv-bauten mit der ansonsten üblichen, geschlossenen Nordfassade eher ungewöhnlich ist. Die Wärmeversorgung der Anlage erfolgt über eine etwa 200 m² große Solaranlage auf dem Dach des mittleren Baukörpers, die pro Jahr etwa 70 000 bis 80 000 kWh liefern soll. Unterstützt wird sie von einer Pelletheizung, die den Restenergiebedarf abdeckt. Der mächtige zentrale Pufferspeicher ist ebenfalls im mittleren Gebäudekomplex untergebracht und fasst einen Inhalt von etwa 22 000 l; mit einer Höhe von 11 m bei einem Durchmesser von 1,60 m wurde er speziell an die bauliche Situation angepasst.
Eine »hocheffiziente Frischluftheizung« – ein spezieller Wärmetauscher in der kontrollierten Lüftungsanlage – deckt den geringen Wärmebedarf von weniger als 15 kWh/(m²a) und soll laut Hersteller einen Wärmerückgewinnungsgrad von 92 % gewährleisten. Zusätzlich zur so genannten Frischluftheizung gibt es ungewöhnlicherweise (vgl. db 11/2006, Seite 76) pro Wohnung auch einen Heizkörper (siehe Interview), der über dezentrale »Wohnungsstationen« mit Warmwasser im Durchlaufprinzip versorgt wird.
Der rechnerische Wert des Heizwärmebedarfs ist so gering, dass er den Energieplaner noch heute regelrecht begeistert, er liege zwischen 7 und 9 kWh/(m²a). Wie sich dieser Wert letztlich in der Praxis einpendelt, wird sich zeigen, denn »da schaut es oft ganz anders aus«, zitiert er den »Herrn vom Land«, den für die Förderungen zuständigen Beamten, für den sich die Förderungskriterien verständlicherweise nur auf die errechneten Werte beziehen.
Materialien
Die drei Obergeschosse sind jeweils komplett in Holz errichtet, seit der Gesetzeserweiterung in Salzburg im Jahr 2004 wäre hier sogar noch ein weiteres Geschoss erlaubt gewesen. Nur das Untergeschoss und die Treppenhäuser sind größtenteils in Sichtbeton gehalten (Bild 3). Wohltuend wirkt dort die Verwendung von Glasbausteinen – auch wenn sie letztlich aus Kostengründen nicht exakt dem ursprünglichen Ausführungswunsch des Architekten entsprechen. Bei der Holzfassade entschied man sich, dem Effekt des langsamen Vergrauens von Holz – vor allem wegen der weit verbreiteten, negativen Einstellung demgegenüber – entgegenzuwirken: Die sägeraue Fichtenholzschalung erhielt eine silbergraue Lasur, die den natürlichen, ungleichmäßigen Verwitterungsprozess überlagern soll.
Im äußeren Erscheinungsbild störend wirken die die oberen Balkone schützenden Glasdächer, die auf einer eher wuchtigen Stahlkonstruktion leicht geneigt befestigt, der ansonsten ruhigen Wirkung der Anlage entgegenstehen. Dass den drei Wohnriegeln dennoch eine gewisse Strenge und Ruppigkeit anhaftet, die die vertikale Holzschalung unterstreicht, daran ändert der an den Balkonbrüstungen angebrachte, gelbe Stoff (auf den Fotos 1 und 2 noch nicht sichtbar) genauso wenig wie die geschlängelten Wege zwischen den Baukörpern. Und egal wie genau hier bis in jedes Detail geplant wurde: Einen Mieter hinderte es dennoch nicht, bereits am ersten Wochenende seinen kleinen Garten zu umzäunen.
Vier abschliessende Fragen an die Planer
Die Außenwände sind 45 cm dick, wodurch Sie Probleme beim Nachweis der maximal erlaubten Geschossflächenzahl von 0,7 bekamen. Seither gibt es einen »Dichtebonus«. Wie lässt sich das erklären?
Speigner: Allein die Dämmung beträgt 36 cm, so dass wir den zulässigen Wert der Geschossflächenzahl überschritten haben und in der Förderung eine Benachteiligung gegenüber Neubauten ohne Passivhausstandard feststellten. Daher konnte, wie seit 2005 aufgrund der hohen Wandstärken bei Passivbauten in Salzburg üblich, ein Dichte-Bonus von 5 % der Geschoss- flächenzahl zugeschlagen werden.
In den Wohnungen gibt es zusätzlich einen Heizkörper. Das widerspricht den gängigen Regeln eines Passivhauses, bei denen auf eine zweite Leitungsführung verzichtet und nur über den Installationsweg der kontrollierten Lüftung, also über den Wärmetauscher, geheizt werden soll.
Speigner: Eine zusätzliche warme Oberfläche als Heizkörper war vom Bauträger vor allem für die Rollstuhlfahrer gewünscht. Ein Drittel der Wohnungen sind rollstuhlgerecht. Sicher ist die Idee auch etwas aus Angst vor Nutzerbeschwerden entstanden.
Stampfer: Wenn der flächenbezogene Heizwärmebedarf unter 10 kWh/(m²a) liegt und es somit auch die maximale Förderung vom Land gibt, ist eine elektrische Zusatzheizung grundsätzlich erlaubt. Da die Wohnungen aber ohnehin dezentral mit Warmwasser versorgt werden – pro Wohnung gibt es eine Station, in der das Wasser über einen Plattenwärmetauscher erhitzt wird, haben wir uns für diese Variante entschieden.
Wegen des benachbarten Moorgebiet hatten Sie Gründungsprobleme. Wieso kam in diesem Fall beispielsweise nicht auch die Nutzung von Erdwärme über die Pfahlgründung, also der Einsatz von Geothermie in Frage?
Stampfer: Eine Wärmepumpenanlage in dieser Größenordnung ist in den Förderungsrichtlinien nicht berücksichtigt. Eine Wärmepumpe ist schließlich eine »Stromheizung«.
Der Bauherr wollte Ihnen, wie in den Wettbewerbsunterlagen beschrieben, zunächst nur 74 % Planungsleistung übertragen.
Speigner: Der Bauträger wollte ursprünglich Planungsleistungen in Eigenleistung erbringen. In Abstimmung mit dem Bauherrn und dem Gestaltungsbeirat von Salzburg konnten wir uns dann aber dennoch darauf einigen, den Architekten als Generalplaner einzusetzen – was sich schließlich bewährt hat. •
Mit Simon Speigner und Dietmar Stampfer sprach Christine Fritzenwallner am 2. Oktober 2006 in Salzburg.
Bauherr: Heimat Österreich, Salzburg
Architekt / Generalplaner: sps-Architekten, Thalgau
Mitarbeiter: Simon Speigner, Helga Huber-Hochradl, Dirk Obracay, Reinhold Tinchon
Wettbewerb: sps-Architekten mit Meiberger Holzbau, Lofer
Tragwerksplanung: Nowy Zorn, Innsbruck
Bauphysik: TB Stampfer, Ingenieurbüro für Gebäudetechnik
Grundstücksfläche: ca. 8300 m²
Wohnnutzfläche: ca. 4500 m²
Umbauter Raum: ca. 19 400 m²
Baukosten: 6,3 Mio Euro
Bauzeit: Juni 2005 bis September 2006
Beteiligte Firmen:
Generalunternehmer: Ebster Bau, Henndorf
Holzbau: Meiberger Holzbau, Lofer
Haustechnik/Heizung: Drexel und Weiss, Wolfurt