Campus und Quartier: Alte und neue Arbeitswelten

Vom Hinterhof zum Standort

»Arbeiten im Park« hieß eines der sieben Projektfelder der IBA Emscher Park, das den »Hinterhof des Reviers« nicht nur ökologisch und landschaftlich erneuern, sondern auch für den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft nutzbar machen wollte. Angesichts der schwierigen Standortbedingungen sah man die Notwendigkeit, hochwertige Standorte für die Ansiedlung innovativer Gewerbe- und Dienstleistungen zu entwickeln. Man setzte dabei unter anderem auf: ökologische Bauweise, hohen Grünflächenanteil, sorgfältigen Umgang mit kontaminierten Böden und Funktionsmischung. Zehn Jahre nach Abschluss der IBA und kurz vor dem nächsten Großereignis ist es Zeit, die ehemaligen Zukunftsansätze kritisch zu hinterfragen und ihre Weiterentwicklung im Zusammenhang mit der RUHR.2010 zu betrachten.

  • Architekten: Jourda & Perraudin, Drecker & Kirchhellen, Kiessler & Partner, Gerber Architekten
  • Kritik: Frank Maier-Solgk Fotos: Manfred Vollmer, Uwe Grützner
High-tech im Park
Etwa zwanzig neue Gewerbeparks sind in den Jahren der IBA Emscher Park (1989–1999) entstanden, von unterschiedlicher architektonischer und städtebaulicher Bedeutung und Prägnanz. Einige wie der Innenhafen Duisburg oder die Zeche Nordstern sind als »Zukunftstandorte« zu zugkräftigen Symbolen für den Wandel der Region geworden, manche der auf den ehemaligen Brachen errichteten neuen Zentren erfüllen ihre Kernfunktion, zeigen baulich wie konzeptionell einen Zuschnitt, der vermutlich heute anders ausfallen würde. Obwohl Gewerbe- und Technologieparks in der Regel nicht zu den Bautypen gehören, die Anlass für allzu avantgardistische Architekturentwürfe geben, verbinden einige der neuen Arbeitswelten ökologische Modernität mit einer architektonischen Ausdruckskraft, die zeittypische Aspekte besitzt, aber auch heute überzeugt. Die in Herne-Sodingen auf der Fläche der ehemaligen »Zeche Mont-Cenis« 1999 eröffnete Fortbildungsakademie des nordrhein-westfälischen Innenministeriums (Jourda & Perraudin) zum Beispiel – eine großzügig dimensionierte, ringsum verglaste Halle (176 x 72 x 15 Meter), ist solch ein Exempel bildhaft gewordener Technologie. Das Glas wirkt als Mikroklimahülle, die Solarzellen, mit der etwa die Hälfte des Daches belegt ist, beleuchten und verschatten zusätzlich die innere Plaza wie die eingestellten Gebäude, und durch Sonneneinwirkung und Wärmerückgewinnung werden auch im Winter angenehme Temperaturen erreicht. Im übrigen produziert die ehemals größte (im Guiness-Buch verzeichnete) Photovoltaikanlage der Welt Strom für 350 Einfamilienhäuser. Gestalterisch kommt man ohne große Schnörkel aus: Entlang eines Wasserbeckens reihen sich die containerartigen, zum Teil in Holzbauweise ausgeführten Bautrakte – Gästehotel, Restaurant sowie auch kommunale öffentliche Einrichtungen –, während das Dach auf einer Holzkonstruktion von 56 Fichtenstämmen ruht. Prägend ist die offenbar als bewußter Kontrast zum historischen Charakter des Ortes konzipierte südlich-exotisch anmutende Atmosphäre. Eine Vorhalle ist mit rauhen Schotterflächen ausgelegt, während außerhalb die Wiesen von einem weiten Kranz von Pappeln umringt sind, die die optische Distanz zum städtischen Umfeld betonen. Trotz der später in der Nachbarschaft errichteten neuen Geschäftshäuser und der behindertengerechten Wohnhäuser sowie einem neuen Ärztehaus steht dieses Beispiel für Transparenz und Leichtigkeit auf dem leeren Brachgelände wie ein luftiger Exot, der jederzeit wieder davonschweben kann.
Dank der jährlich etwa 10 000 Fortbildungsteilnehmer und übrigens auch der Bewohner des Stadtteils ist diese südliche Enklave im Revier aber durchaus belebt. Den Eindruck gewinnt man nicht immer beim seinerzeit ›
› ebenfalls mehrfach preisgekrönten Wissenschaftspark Rheinelbe in Gelsenkirchen-Ueckendorf. Er folgt stärker noch dem Ideal eines in Grün eingebetteten Campus. Kernstück der auf dem Gelände des ehemaligen Gußstahlwerks errichteten Gebäudekomplex (Kiessler & Partner) ist eine 300 Meter lange Glasarkade, die auf dem Dach eine moderne Solarstromkraftanlage trägt, und von der neun quergestellte Büroflügel kammartig abzweigen. Ihr gestalterisches Markenzeichen ist die nach Westen ausgerichtete und bei Bedarf hochfahrbare Schrägfassade, an die der im landschaftlichen Stil angelegte Park (Büro Drecker, Kirchhellen) mit einem kleinen See (der als Regenrückhaltebecken dient) unmittelbar grenzt. Mit Anklängen an die historische Gewächshausarchitektur macht diese lichtdurchflutete und mit ihrer elegant wirkenden Galerie versehene Verteilerhalle innerhalb der städtischen Umgebung fraglos einen leicht fremdartigen Eindruck. Bezüge zur industriellen Vergangenheit des Ortes sind kaum sichtbar. Vor allem ist dem Bau trotz seiner zentrumsnahen Lage weder architektonisch noch durch seine Einrichtungen – auf eine ursprünglich geplante Buchhandlung und ein Restaurant wurde verzichtet – die Absicht einer kulturellen oder anderweitigen Integration in die urbanen Zu- sammenhänge anzumerken. Obwohl seit einiger Zeit Kunstausstellungen organisiert werden, dominiert der Charakter des neutralen Wissenschaftsparks. Beide Standorte, architektonisch anspruchsvoll und mit Lichtkunstinstallationen gelegentlich ästhetisch eindrucksvoll verfremdet, erscheinen als Arbeitswelten, die ästhetisch die Distanz zur städtischen Umgebung betonen.
Funktionsmischung
Nicht alle Gewerbe- oder Technologieparks der Generation Emscher Park sind architektonisch ähnlich sprechen. Ein Gebäudeensemble wie das des Innovations- und Gründerzentrums Herne am Nordrand der Stadt unweit des Emscher Kanals ließe sich vermutlich auch andernorts finden. Ähnlich wie in Gelsenkirchen fungiert ein langgestreckter, (doppel-)verglaster Erschließungsriegel als Atrium und Verteiler zu mehreren, im rechten Winkel abzweigenden Baukörpern. Die Parkatmosphäre springt mit den begrünten Außenfassaden sofort ins Auge, doch standen flexible Flächennutzung, funktionale Räumlichkeiten und eine kostengünstige (Stahlskelett)-Bauweise offenbar im Vordergrund. Die Firmen, die den Komplex nutzen, kommen vordringlich aus dem IT-, EDV- und Logistikbereich. Auch in Bochum-Wattenscheidt, auf der Fläche der ehemaligen Zeche Holland, hat sich der Schwerpunkt gewerblicher Nutzungen inzwischen erweitert. Die um einen Hof gruppierten und sanierten Zechengebäude, die ursprünglich einem »Eco-Textil-Zentrum« Platz boten, das sich der Entwicklung umweltverträglicher Verfahrenstechniken in der Textilindustrie widmen sollte, sind nun zum Gründerzentrum für ein breites Feld innovativer ›
› Unternehmen aus der Region geworden, nachdem sich die eindeutige Orientierung nicht als tragfähig erwiesen hatte. Der angrenzende Gewerbepark funktioniert gleichwohl auch heute; die Flächen sind überwiegend vermietet. Ein neu angelegter Landschaftspark und die entlang einer Teichanlage errichteten neuen Wohnhäuser haben die einstige Brache fraglos aufgewertet – ob sich aus der räumlichen Nähe von Wohnen und Gewerbepark jedoch etwas anderes als eine Schreibergartenidylle entwickeln lässt, kann man bezweifeln. Das gestalterisch markanteste Element des Areals ist jedenfalls der denkmalgeschützte Förderturm der Zeche Holland, dessen Sanierung in Verbindung mit einem Büroneubau für dieses Jahr erhofft wird.
Kreative Arbeitswelten
Ursprünglich sollte jeder der neuen Arbeitsstandorte ein bestimmtes branchenspezifisches Profil besitzen, mit öffentlich/staatlichen Institutionen als Keimzellen, um die herum sich die entsprechenden Firmen ansiedeln sollten. Das Cluster-Prinzip ist jedoch, wie auch in Gelsenkirchen, wo sich der ursprüngliche Schwerpunkt Energiewirtschaft um den Bereich der Gesundheit erweitert hat, zugunsten einer größeren Diversifizierung modifiziert worden. So bleibt auch heute die Gretchenfrage die nach den Arbeitsfeldern mit der günstigsten Zukunftsperspektive bei gleichzeitig größter Flexibilität. Ist es die Wasserstofftechnologie, auf die man in Herten setzt? Einige der einschlägigen Firmen werden das innerstädtische »ZukunftsZentrum« mit seiner markant-schrägen Solarzellenfassade bald verlassen, um auf das Gelände der Zeche Ewald zu ziehen. Hier soll, rund um den neu entstehenden »Blue Tower«, einer Prototypanlage zur Erzeugung und Nutzung von Wasserstoff, ein neues Kompetenz-Zentrum entstehen, das die ehemalige Bergbaustadt in eine international führende Wasserstoffmetropole verwandeln soll.
Oder ist es doch die viel beschworene und inzwischen auch bundesweit in ihrer Bedeutung erkannte Kreativwirtschaft? Die größten Anstrengungen in diese Richtung hat in den vergangenen Jahren im Ruhrgebiet die Zeche Zollverein unternommen. 170 Unternehmensansiedlungen, 70 Prozent davon der Kreativwirtschaft zuzurechnen, sind dort inzwischen erfolgt und 1100 Arbeitsplätze seit der Stillegung der Zeche entstanden, wobei das Thema Design nach wie vor den Kern der Aktivitäten bildet. Hier wie andernorts hat sich die Nähe zu Universität und Forschung als der vielleicht entscheidende Vorteil erwiesen. Demnächst wird die Folkwang FH Design aus dem Zentrum auf das Zechengelände ziehen, dann zum Teil auch die Zollverein School von Sanaa nutzen, hauptsächlich aber die neu errichteten Gebäude der Designstadt bevölkern. Für diese zeitgenössische Variante eines Gewerbeparks werden ab Herbst 2009 fünf kürzlich ausgezeichnete »mobile working spaces« realisiert, die jeweils von Teams aus Designern und Architekten »abseits des Gewöhnlichen« entwickelt wurden. Hier wird er also wahr, der Traum der Entsprechung von Erbauern und Nutzern, und es entspricht dem vorsichtiger gewordenen Zeitgeist, wenn wie in diesem Fall von mobiler Architektur die Rede ist.
Sicherlich ist die Zeche Zollverein als jährlich von mehr als 800 000 Menschen besuchte Weltkulturerbestätte, als Ort kultureller Großveranstaltungen und als das seltene Beispiel einer historischen Architektur, die die Sachlichkeit der frühen Moderne mit Monumentalität und Ausdrucksstärke verbindet, in jeder Hinsicht ein Sonderfall. Ästhetisch besitzt der Ort jedenfalls jene atmosphärische Dichte, die für die Akteure der Kreativität seit je besonders reizvoll anmutet. Dennoch waren auch hier, abseits der städtischen Pulsadern, erhebliche öffentliche Infusionen notwendig, von der Ansiedlung von Institutionen bis zur Durchführung branchenspezifischer Messen. Ob sich die Kreativwirtschaft, die nach gängiger Definition vom Architekturbüro über die Werbeagentur ›
› bis zum Games-Entwickler heute elf Teilbranchen umfasst, darüber hinaus auch eine urbanistische Wirkung entfalten kann, die den Gewerbeparks der »Arbeiten-im-Park-Generation’«meist abging, wird sich noch zeigen müssen. Die Probe aufs Exempel wird man vermutlich in Dortmund erleben. Im kommenden Frühjahr eröffnet das Dortmunder U – ehemals Symbol des Dreiklangs von Kohle, Stahl und Bier – als rundumerneuertes »Zentrum für Kunst und Kreativität«. Der knapp sechzig Meter hohe Backsteinkoloss wird derzeit von Gerber Architekten aufwendig instandgesetzt. Unterhalb eines spektakulären Veranstaltungssaals und den neuen Räumen des Museums am Ostwall werden sich dann Einrichtungen aus dem Zwischenbereich von Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft ansiedeln, darunter das »Zentrum für kulturelle Bildung im Informations- und Medienzeitalter«. Spannend wird die Frage, ob das kulturelle Kraftzentrum auch in seinem Umfeld Wirkungen erzeugen kann, um die heute triste Szenerie aus Brachen und fünfziger Jahre Wohnblocks zum Kreativquartier zu entwickeln. Bernd Fesel und das für Kreativwirtschaft verantwortliche Team der RUHR.2010 sieht jedenfalls genügend Potential. Im Ruhrgebiet seien rund 25 000 Unternehmen in diesem Sektor tätig (mit steigenden Beschäftigtenzahlen), die jährlich zwischen 8 bis 9 Mrd. Euro (im Vergleich: Berlin 7 Mrd. Euro) Umsatz erwirtschaften. Gemeinsam mit den Stadtverantwortlichen werden derzeit die Leerstände katasterartig erhoben, um später Künstlern und kulturellen Einrichtungen günstige Raumangebote machen zu können. Immerhin bestehen mit dem nahen Bahnhof eine ideale Verkehrsanbindung und mit dem FZW im Schatten des U eines der etabliertesten Rockveranstaltungshäuser der Region. Auch in Dortmund wird viel davon abhängen, wie behutsam und im Blick auf welche Mieter die weitere bauliche Entwicklung vorangetrieben wird. Für Kreativquartiere gilt gemeinhin als günstiges Zeitfenster die Phase zwischen Brache und Gentrifizierung. Der Trend jedoch ist eindeutig: Ob in Dortmund, Essen oder einem der neu geplanten Kreativquartiere in Bochum, Dienstlaken, Oberhausen oder Unna-Massen (wo sich das Flüchtlingsaufnahmelager in das Künstlerdorf Unna-Massimo verwandeln soll), die kreativen Arbeitswelten der kommenden Generation setzen auf den vorhandenen baulichen Bestand und eine urbane Quartiersentwicklung. Nicht zuletzt aus der Erkenntnis heraus, dass die Relikte des Industriezeitalters die bildstärksten (und medial vermittelbarsten) Elemente sind, die die Region besitzt. Ob jedoch die sanierten, kulturell bespielten und von Designer bevölkerten Zechenanlagen ähnlich wie vor langer Zeit ein Atomei neben dem Biergarten zum Symbol des gesellschaftlichen Aufbruchs werden – ist eine offene Frage, die nicht nur im Revier entschieden wird. •