Interview mit dem Zoodirektor Dieter Jauch

Kultureinrichtung Zoo

Zoos grundsätzlich ablehnen oder als erforderlich erachten? Zooarchitektur ernst nehmen oder als Bühnenbild verstehen? Bei der Konzeption zu diesem Heftschwerpunkt entbrannte in der Redaktion eine heftige Diskussion zu diesen Fragen. Dieter Jauch ist promovierter Biologe und seit 21 Jahren Direktor der Stuttgarter Wilhelma; zuvor war er dort bereits Kurator für den Bereich Reptilien, Amphibien, Insekten und Fische. Wir fragten ihn nach Richtungen bei der Zoo- und Gehegearchitektur, Vor- und Nachteilen von Kulissenarchitekturen in diesem Umfeld, Planungsprozessen sowie den vorrangigen Zielen einer Zoo- tierhaltung.

Interview: Christine Fritzenwallner und Ulrike Kunkel Fotos: Tomislav Vukosav

db: Das Affenhaus ist stets eine der besonderen Attraktionen im Zoo. Vor einigen Jahren wurde ein neues Affenhaus in München eingeweiht, 2008 eins im Frankfurter Zoo, in diesem Jahr ein weiteres in Dresden. Momentan wird in der Wilhelma das neue Menschenaffenhaus gebaut. Entsprach das alte den inzwischen geltenden Standards nicht mehr?
Dieter Jauch: Doch, aber man soll ja nie lediglich den Mindestanforderungen genügen, sondern nach mehr streben. Und: Die Mindestanforderungen markieren für die Tiere nicht den Himmel auf Erden, sondern die Grenze zur Hölle. So weiß man, dass Affen gerne ein großes Gehege nutzen; andererseits entscheidet über die Qualität nicht allein die Fläche, sondern auch die Ausstattung. Im jetzigen Haus haben wir z. B. keine Naturböden. Diese sehr nüchterne »Badezimmerarchitektur« – wie man sie nicht ganz zu Unrecht nennt – ist nicht unbedingt schlecht, aber wenn ich im Affenhaus immer jemanden abstellen muss, der den Leuten sagt: »So schlecht, wie ihr denkt, geht’s den Affen gar nicht«, dann kann ich Geschichten erzählen soviel ich will, man glaubt sie nicht.
Geschichten erzählen?
Ja, das ist für mich als Zoodirektor fast das Wichtigste. Wenn Sie Tiere im Zoo halten, verfolgen Sie damit ja ein bestimmtes Anliegen. Z. B. den Erhalt einer Population von im Freiland bedrohten Tieren. Das ist ein ehrenwertes Ziel und manchmal gelingt es auch. Aber das ist für mich nicht das Vordringlichste. Mir geht es v. a. um das »Erzählen« von Geschichten über Tiere und für Tiere. Wenn es mir mit einer guten Geschichte gelingt, den Besucher auf unaufdringliche Weise auf bedrohte Tierarten und ihre Lebensräume aufmerksam machen und vielleicht sogar für das eigene Fehlverhalten zu sensibilisieren, dann ist das mindestens ein erster Schritt und ein kleiner Erfolg.
Was bedeutet das Erzählen von Geschichten wiederum für die Gebäudearchitektur und die Gehege? Funktioniert somit eine Kulissenarchitektur – eine Nachbildung der realen Welt, in der die Spezies lebt – besser? Oder passt auch eine eher abstrakte, moderne Architektursprache?
Der Besucher hat heute eine gewisse Vorstellung wie ein Tier zu halten ist, damit es sich wohlfühlt – möglichst in Regenwaldkulisse oder Vergleichbarem, obwohl das dem Tier relativ egal ist. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg standen andere Aspekte im Vordergrund: Gefragt war zunächst eine schlichte Architektur – Sichtbeton und geflieste Wände. Man baute Gehege, die nüchtern und v. a. hygienisch waren. So konnte man Tiere, die damals zu einem Großteil aus dem Freiland kamen – mit einer Parasitenbürde bis über die Halskrause –, zumindest physisch gesund bekommen und erhalten. In dieser Zeit entstanden sehr viele Zoogebäude; in der Wilhelma gut an ihrem »Brutalo-Betonstil« zu erkennen. So baute u. a. das für Zooarchitekturen bekannte Schweizer Büro Rasser und Vadi 1967 auch hier. Später, als Veterinärmedizin und Pharmazie weiter waren und die Tiere kaum noch aus dem Freiland kamen, spielten diese Aspekte keine so entscheidende Rolle mehr. Dazu kommt, dass die Menschen mehr reisen, Eindrücke sammeln, exotische Tiere und Landschaften erleben; also tolle Bilder im Kopf haben, die in Konkurrenz zum Zoo stehen. »Elefantendschungel« und dergleichen sind modern und schießen in vielen Zoos aus dem Boden. Wenn man die heutigen Gehege anschaut, sind diese leider fast ausschließlich mit Kunstfelsen möbliert.
Doch das Amazonienhaus in der Wilhelma hat ebenfalls Kunstfelsen …
Ja, das ist richtig. Wir haben sogar Kunstbäume in dem Tropenhaus, aber auch Holz und v. a. viele echte Pflanzen. Da dort Tiere leben, die eine hohe Luftfeuchtigkeit benötigen und aus klimatechnischen Gründen die heiße Luft vom Dach des (Glas-)Hauses wieder abgesaugt wird, stellten die Architekten zunächst »Edelstahlrüssel« in den Raum. Wir fanden das unpassend für den »Urwald« und haben daher Bäume, Rinden- und Felsstrukturen nachbilden lassen und die Technik dahinter versteckt. Natürlich ist das immer eine Gratwanderung zwischen Kitsch und Kunst. Man kann zu der einen und oder der anderen Seite hin übertreiben. Das beste Haus im Zoo ist ohnehin das, was man nicht sieht; im Vordergrund steht das Tier. Beim neuen Menschenaffenhaus werden wir eine nüchterne Architektur haben, mit Sichtbeton und nur einigen Pflanzentupfen.
Welche Aspekte spielen bei der Gehegeplanung eine besonders wichtige Rolle?
Licht spielt bei der Gestaltung von Gehegen z. B. eine sehr wichtige Rolle. Tagaktive Tiere sehen meist Farben, während es für nachtaktive oft nur Hell und Dunkel gibt. Es kann also zu viel Licht sein, aber auch zu wenig. Ein Tier, das ständig nur im Bodenbereich eines Regenwalds lebt, braucht keine Wüstensonne, andererseits sonnen sich die meisten Tiere gerne einmal.
Aber das perfekte Klima, die perfekten Licht-, Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse lassen sich ja ohnehin nicht immer erreichen, oder nur mit immensem Aufwand.
Dann muss man die ökologische Valenz eines Tieres untersuchen, das heißt: Wie anpassungsfähig ist das Tier? Es gibt euryöke und stenöke Tiere, letztere können nur eine sehr enge Bandbreite vertragen. Kann ich ihnen das benötigte Klima nicht bieten, sollte ich sie auch nicht halten.
Wodurch werden die Tiere zusätzlich irritiert – wenn sie sehr viele Menschen sehen? Die vielleicht noch dazu an die Scheibe klopfen. Oder ist das sogar eine willkommene Abwechslung für ein Tier in Gefangenschaft?
An die Scheibe zu klopfen, ist auf jeden Fall grenzwertig. Selbst, wenn man bedenkt, dass Stress gesund sein kann. Die Menschenaffen leiden aber z. B. unter der mangelnden Besucherzahl im Winter. Denn sie betrachten natürlich auch das, was jenseits ihres Geheges ist; das gehört mit zu ihrer belebten Welt. Ihnen ist dann schlicht und ergreifend langweilig, so dass man sie zusätzlich beschäftigen muss. Schließlich haben sie gelernt, dass von den Menschen im Zoo keine Gefahr ausgeht. Sie sind höchstens lästig, werden aber toleriert.
Wie merken Sie, ob sich ein Tier wohlfühlt? Nehmen wir z. B. die Eisbären. Man liest viel über Knut, wie er in seinem Gehege in Berlin kauere, Fellverlust hätte …
Ganz so schlimm ist es sicher nicht. Knut ist aber in der Tat eine Handaufzucht, er ist also auf den Menschen geprägt, was nachteilig ist. Wir in der Wilhelma hatten einhellig beschlossen, dass wir das nicht so machen wollten. Hätte unsere Eisbärenmutter ihr Kind nicht angenommen, hätten wir nicht eingegriffen. Zugegeben, es gehören gute Nerven dazu und auch die Bereitschaft zur Härte gegen sich selbst. Aber die Tiermutter wird schon einen Grund haben, warum sie ihr Kind nicht annimmt.
Doch Sie fragten, wie wir merken, ob ein Tier sich wohlfühlt: Den Gefühlszustand merken wir an seinem Verhalten, bei jedem Tier. Sie müssen das Normalverhalten und das Verhalten in Ausnahmefällen, draußen in der Wildnis und im Zoo, miteinander vergleichen. Wenn man sieht, dass sich das gleicht, können Sie auch davon ausgehen, dass sich das Tier wohlfühlt. Dieser Verhaltensvergleich ist übrigens eine der wichtigsten Aufgaben für den Tiergartenbiologen. Und auch umgekehrt ist diese Verhaltensforschung eine große Chance: Sie können im Zoo Verhaltensbeobachtungen machen, die Sie in der Natur nicht machen können, weil die Distanz zum Tier zu groß ist. Im Zoo verliert der Mensch seinen Feind- charakter, Fluchtdistanzen schrumpfen. Ernährungsbiologische, fortpflanzungs- und verhaltensbiologische Beobachtungen im Zoo sind auch für die Freilandbiologie eine wichtige Grundlage.
Inwiefern kann die Architektur dazu beitragen, dass sich ein Tier wohlfühlt?
Oft sind es ganz banale Dinge, die eine Rolle spielen. Es gibt z. B. eine Dissertation eines Schweizer Tierarztes mit dem Titel »Tod durch Verhalten«. Er hat in der Pathologie untersucht, worauf Todesfälle bei Zootieren zurückzuführen sind. So gab es etwa bei Hornträgern viele Stich- und Stoßverletzungen. Häufig waren diese Tiere in Gehegen, die an den Gehegegrenzen mit spitzen Winkeln abschlossen. Das ist ein Kardinalfehler. Denn der Überlegene treibt beim Zweikampf den Unterlegenen in die Ecke. Kommt dieser nicht mehr heraus, senkt er die Hörner und verletzt den anderen. Des Weiteren gab es viele Knochenbrüche oder Sehnenabrisse bei Jungtieren. Sie waren beim Aufstehen ausgerutscht, weil die Böden zu glatt waren. Schließlich das Bewegungsbedürfnis vieler Arten: Früher hat man eher recht kleine Gehege geplant, inzwischen werden sie größer. Aber man macht heute durchaus gutwillig den Fehler, zu große Gehege zu bauen.
Ein Fehler? Inwiefern kann ein Ge- hege denn zu groß sein?
(…) Für das Tier spielt es natürlich keine Rolle. Aber wir müssen hier auch an den Besucher denken: Er muss schließlich die Chance haben, die Tiere zu sehen. Und nicht jedes Tier benötigt ein besonders großes Gehege. Löwen sind z. B. ausgesprochen faul, die bewegen sich genauso weit wie sie müssen und solange sie müssen, etwa zur Jagd. Oder eine Stallbox für ein Huftier, diese Tiere sind schreckhaft. Wenn eine Box zu groß ist und die Tiere bei bestimmten Störungen in Panik geraten, rasen sie gegen die Wand und brechen sich das Genick.
Woher weiß der Architekt, worauf er bei der Planung achten muss? Welche Gesetze und Vorgaben gilt es einzuhalten?
Zunächst gibt es die Zoorichtlinie der EU, das ist eine bindende Guideline. Hier wird grundsätzlich festgelegt, wie ein Zoo zu führen ist. Dann die schon erwähnten Mindestanforderungen an die Haltung bestimmter Tiere. Außerdem haben die Europäischen Erhaltungszuchtprogramme in Gremien von Fachleuten Haltungsrichtlinien für einzelne Tiergruppen erarbeitet, die Handreichung bieten sollen für eine gute zukunftsträchtige Zootierhaltung. Für den Bau der neuen Menschenaffenanlage haben wir die Haltungsrichtlinien für Bonobos und Gorillas bereits beim Wettbewerb den Unterlagen beigefügt.
Wie verläuft der Planungsprozess? Welche Beteiligten kommen in welcher Phase zusammen und ab wann werden z. B. Tierpfleger und Kuratoren in einen Wettbewerb mit einbezogen?
Zunächst einmal wird in der Regel zusammen mit der zuständigen Bauverwaltung das Konzept entwickelt. (…) Der Zoo hat meist recht konkrete Vorstellungen, diese werden in einer Nutzeranforderung präzisiert. Das war bei uns ein dickes Buch. Dann wird ein Wettbewerb ausgelobt – wir sind hier beim öffentlichen Bauen, und schon aufgrund der Bausumme muss ein Wettbewerb ausgeschrieben werden. In unserem Fall, beim Menschenaffenhaus, kommen die Gelder z. T. vom Land, außerdem haben wir einen starken Förderverein mit 26 000 Mitgliedern, der über die Hälfte der Bausumme zur Verfügung stellt.
Handelte es sich um einen geladenen Wettbewerb?
Ja, es wurden ca. 25 Architekten aufgefordert, mitzumachen.
Hatten Sie bei der Auswahl der Büros ein Mitspracherecht?
Ja. Die Aufgabe, für einen Zoo zu planen, ist derart ungewöhnlich für einen Architekten, dass man davon ausgehen kann, dass, auch bei einem Wettbewerb mit sehr guten Büros, nicht viel Rechtes rauskommt. Die meisten planen vielleicht einmal im Leben ein Zoogebäude und da fehlt ihnen die Erfahrung. Außerdem ist es wahnsinnig schwer, diesen ganzen Wust von Ideen und Vorschriften in den Entwurf einzubauen. Ich habe bislang verschiedene Architekten kennengelernt, Auer+Weber bauten für uns die große Voliere und das Amazonienhaus, meines Erachtens – das mag jetzt ein bisschen vermessen klingen – eines der schönsten Zoogebäude überhaupt. Peter Cheret plante den Schaubauernhof – er hat die Zwänge des Tiergärtners einfach akzeptiert und was sehr Schönes daraus gemacht. Hascher und Jehle planen gerade das Affenhaus. Ich habe bislang mit Architekten meist gute Erfahrungen gemacht, aber manchmal ärgere ich sie auch, indem ich den Satz des früheren Züricher Zoodirektors Heini Hediger zitiere: »Das gefährlichste Tier im Zoo ist der Architekt.« Ähnliches sagte Bill Conway, die große Eminenz in Amerika, der sowohl den Central Park Zoo als auch den Bronx Zoo leitete: »Gib nie dem Architekten die Chance, in deinem Zoo ein Denkmal zu errichten.« Genauso wenig darf man sich selbst als Zoodirektor ein Denkmal setzen wollen. Denn nach 30 Jahren gehört ein Zoogebäude eigentlich abgerissen, bis dahin haben sich so gut wie alle Ansichten darüber geändert, was ein gutes Zoogebäude ist. Allenfalls die Hülle darf erhaltenswert sein, das Innere muss multifunktional sein. Für mich verbietet es sich daher eigentlich von selbst, zu kostbare und zu teure Gebäude zu bauen.
Nochmal zurück zum Wettbewerb: Waren Sie selber Mitglied der Jury?
Ja, das war allerdings ein Glücksfall, keine Selbstverständlichkeit. Ich war Sachpreisrichter und durfte sogar noch einen erfahrenen Kollegen hinzunehmen. Meine Mitarbeiter waren beratend beteiligt. Als der Wettbewerb entschieden war und es in die konkrete Planung ging, kamen auch Tierpfleger dazu. Diese sind oft die Korrekturinstanz, um die Spinnereien von Zoodirektoren, Kuratoren und Architekten wieder auf den Boden zu bringen.
Herr Jauch, vielen Dank für das Gespräch und Ihre Zeit.
  • Das Interview führten Christine Fritzenwallner und Ulrike Kunkel am 3. Februar in der Stuttgarter Wilhelma.
  • Dieter Jauch, geboren 1947 in Schwenningen am Neckar, ist Biologe und seit 1989 Direktor der staatlichen Anlagen und Gärten in Stuttgart. Er ist Honorarprofessor an der Universität Stuttgart.
»Die Aufgabe, für einen Zoo zu planen, ist derart ungewöhnlich für einen Architekten, dass man davon ausgehen kann, dass, auch bei einem Wettbewerb mit sehr guten Büros, nicht viel Rechtes herauskommt.«