Andreas becker und anke kunzmann, seit 2005 in dubai

… hier ist gerade so viel möglich

Jeder Architekt hat, wenn er sich dazu entschließt, sein berufliches Glück im Ausland zu suchen, ganz individuelle Gründe. Neugier, Abenteuerlust, wirtschaftliche oder ideelle Ziele oder einfach nur der Wunsch, überhaupt einen Job zu haben, werden dabei oft genannt. Für uns waren es bei unseren unterschiedlichen Auslandsaufenthalten jedenfalls immer wieder andere.

Text: Andreas Becker Fotos: Andreas Becker, Anke Kunzmann

Wir wollten schon immer ins Ausland. Kurz entschlossen brachen Anke und ich deshalb nach unserem Diplom an der TU Braunschweig 1996 für vier Monate nach San Francisco auf, um dort den Start in die Karriere zu suchen. Leider wurde daraus nichts, denn wir merkten schnell, wie wichtig es ist, vorab ausreichende Informationen über das Gastland zu sammeln, die Visa- und Arbeitsbestimmungen zu kennen – und dass neben Engagement und Geduld auch Berufserfahrung gefordert wurde. So kehrten wir nach Deutschland zurück, um uns gezielt zu wappnen. Während der nächsten viereinhalb Arbeitsjahre nutzten wir Reisen nach Kanada, in die USA und nach Australien, um vor Ort weitergehende Informationen bei lokalen Architektenvertretungen zu sammeln. Außerdem fuhren wir nie ohne englischsprachige Kurzbewerbungen in der Tasche in den Urlaub.
Als wir im Oktober 2000 während eines Australienurlaubs in Sydney nach einigen Gesprächen in Architekturbüros beide Jobs angeboten bekamen, wurde der Traum, im Ausland zu arbeiten, dann endlich Realität. In Vorbereitung unserer Abwesenheit regelten wir die Aussetzung der Zahlung und den Erhalt des Anspruchs auf Arbeitslosengeld und sicherten uns das Recht auf Wiedereinstieg in die gesetzliche Krankenkasse (wichtig!). Für den Australienaufenthalt schlossen wir eine private Auslandskrankenversicherung ab. Die Versorgungskammer hatte einen neuen, privat zu zahlenden Beitragssatz für uns festgelegt. Im Mai 2001 begannen dann dreieinhalb erlebnis- und lehrreiche, aufregende und wegbestimmende Jahre in Sydney. Das Schulenglisch in ein Berufsenglisch zu verbessern, war eine ebenso ›
› große Herausforderung wie sich auf einem fremden Kontinent zurechtzufinden. Diese internationale Berufserfahrung hat uns aber Türen geöffnet und das Selbstbewusstsein gestärkt, etwas Neues und Unerprobtes zu wagen. Ohne Sydney hätte es Dubai für uns vielleicht nicht gegeben.
Sydney – eine Etappe
PTW Architects, ein international tätiges Büro, erwies sich als ein sehr guter Arbeitgeber. Die Projekte, an denen wir verantwortlich mitarbeiten konnten, reichten von großen Wohnbauvorhaben in Sydney bis hin zum National Swimming Centre Peking für die Olympischen Spiele 2008. Projektpartnerschaften mit chinesischen Büros oder auch mit Foster and Partners ermöglichten zusätzliche Erfahrungen. Was zunächst für ein Jahr geplant war, verlängerte sich schnell auf zwei. In diese Zeit fiel auch die Geburt unserer Tochter Marlene und wir wurden zur Kleinfamilie.
Nach dreieinhalb Jahren Australien kam allerdings der Punkt, an dem wir eine grundlegende Entscheidung über unsere Zukunft treffen mussten. Unser Visa-Status (gesponsertes Businessvisum) ließ wenig Veränderungsspielraum zu, der eingefrorene Anspruch auf Arbeitslosengeld in Deutschland drohte auszulaufen und das seit der Geburt unserer Tochter weggefallene zweite Gehalt machte sich schmerzlich bemerkbar. Dazu kamen die in Deutschland fortlaufenden Kosten (Versicherungen, Architektenversorgungswerk, Miete). Schweren Herzens kehrten wir deshalb Ende 2004 nach Deutschland zurück, wurden vom deutschen Sozialsystem aufgenommen und nach kurzer Zeit fand ich auch eine befristete Anstellung bei Foster and Partners in Berlin.
Weiter nach Dubai
Gegen Ende der befristeten Anstellung, Mitte 2005, machte mich eine Freundin auf eine Arbeitsmöglichkeit in Dubai aufmerksam; das dortige Partnerbüro suchte Mitarbeiter. Die Unsicherheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt und die positiven Erfahrungen in Australien ließen ein weiteres Auslandsabenteuer nicht unerreichbar scheinen. Der Ausdruck Wirtschaftsflüchtling ist hierbei sicherlich nicht aus der Luft gegriffen.
Ich sandte meinen Lebenslauf und einige Arbeitsproben nach Dubai und erhielt per E-Mail einen vorbereiteten Vertrag zur Unterschrift zurück. Ohne mich wirklich vorher auf Dubai vorbereitet zu haben, ging das doch ein wenig schnell. Das Büro reservierte ein Hotelzimmer, und so flog ich für drei Tage zum »Meet and Greet«; in der Tasche die Familien-Checkliste (Wohnungsangebote und -preise, Kindergartenmöglichkeiten, Supermarktangebote etc.), um möglichst einen allumfassenden Eindruck der Boomtown Dubai zu bekommen. Schon vier Wochen später trat ich meine Stelle als Senior Architect bei Cansult Ltd an und nach weiteren vier Wochen war die Familie in Dubai wieder vereint.
Das Büro: Aufgaben und Arbeitssituation
Cansult Ltd., ein ursprünglich kanadisches Büro, hat schon früh den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf den Mittleren Osten verlagert und ist in den Emiraten und weiteren Nachbarländern Dubais mit Niederlassungen vertreten. So konnten sie als eines der ersten ausländischen Büros gleich zu Beginn der boomenden Bautätigkeit und der damit verbundenen Nachfrage nach Ingenieur- und Entwurfsleistungen tätig werden. Im Oktober letzten Jahres fusionierte Cansult Ltd mit Maunsell, einer ebenfalls im mittleren Osten erfolgreichen Ingenieurgesellschaft mit australischen Wurzeln, um gemeinsam als 17. Tochter in dem weltweit operierenden Firmenverbund AECOM einzutreten. Städte- und Infrastrukturplanung, Tragwerksplanung und Haustechnik, Straßen und Brücken, ›
› Architektur und Landschaftsplanung sowie Projektmanagement sind die Schwerpunkte des breiten Leistungsangebotes. Durch seine interdisziplinäre Ausrichtung ist das Büro in der vorteilhaften Lage, Bauherren Gesamtpakete anzubieten.
Da in Dubai kein nicht lokal registrierter Architekt ohne örtliches Partnerbüro (mit entsprechenden Lizenzen) bauen darf, ergaben sich für Cansult Maunsell / AECOM schon Projektpartnerschaften mit gmp, Schlaich Bergermann und Partner oder HOK.
In der Abteilung Hochbau arbeiten etwa fünfzig Architekten und Ingenieure, mehrheitlich westlicher Herkunft, unterstützt von einer Heerschar indischer Bauzeichner. Die Architekten und Ingenieure des Dubai-Büros erarbeiten überwiegend die Konzepte für Projekte. Nach der Entwurfsphase werden diese an die Kollegen im Nachbaremirat Sharjah übergeben. Dort werden die Ausführungspläne und die Ausschreibungsunterlagen erstellt, künstlerische Oberleitung und Bauherrenkontakt bleibt allerdings bei den Entwurfsverfassern in Dubai.
Die meisten Projekte, die augenblicklich in Dubai entstehen, werden von Großinvestoren initiiert. In der Konzept- und Entwurfsphase sind weder die zukünftigen Betreiber noch Endnutzer bekannt. Häufig hat der Bauherr deshalb auch keine sehr klare Vorstellungen davon, was er eigentlich möchte. So ist man leider oftmals auf Vermutungen und Annahmen angewiesen und muss generell sehr flexibel sein. Unvollständige Bauvorschriften tragen ebenfalls nicht immer zur Planungssicherheit bei.
Unwissenheit und Willkür bei den Ämtern und Planungsbehörden in Dubai und angrenzenden Emiraten stellen ein sehr großes Problem dar. Da keine gewachsenen Regularien und Vorschriften existieren, legen die meisten Firmen bei ihren Planungen internationale bzw. amerikanische Codes zugrunde. Außerdem gilt es, in unterschiedlichen Bezirken der Stadt jeweils speziell erarbeitete »Design Guidelines« zu befolgen, die oftmals lückenhaft und in sich widersprüchlich sind. Selbst innerhalb dieser Gebiete werden Vorschriften von Projekt zu Projekt geändert oder neu ausgelegt.
Oft können die neu gegründeten Genehmigungsbehörden dieser Areale nur durch großen persönlichen Einsatz der Architekten davon überzeugt werden, den Genehmigungsprozess formal und sachlich zu begleiten; eine konstante Herausforderung.
Der Umgang mit örtlichen Handwerkern und Firmen erweist sich ebenfalls als Geduldspiel. Überwiegend pakistanische Arbeiter, oft ungelernt und unterbezahlt, setzen in Zwölf-Stunden-Schichten und Sechs- bis Siebentage-Wochen Architektenentwürfe um. Bei der Mehrzahl der neu entstandenen Villen und Apartmentgebäude ist neben der daraus resultierenden oft mangelhaften Ausführungsqualität allerdings auch die Entwurfsqualität ein Problem. Beim Anblick mancher Gebäude wünscht man sich häufig, der Architekt hätte sich bei seinem Griff in die reiche »Stilkiste« der Geschichte auf nur eine Epoche beschränkt; schmerzhafte Beispiele in Stucco Lustro, gerne auch in Pink, säumen die Straßen.
Erstes eigenes Projekt
In wenigen Monaten ist der Baubeginn für eines meiner ersten Projekte in Dubai. Der Bauherr und das Büro ließen mir freie Hand beim Entwurf des 27-geschossigen Büroturms West Bay Tower in der Business Bay, eines neuen Gewerbegebietes in zentraler Lage, auf dem zurzeit 220 Büro- und Wohntürme mit bis zu 70 Geschossen entstehen. So konnte ich hier meine sehr persönliche Vorstellung eines modernen Bürogebäudes konzipieren und umsetzen. Doch solche Freiheiten sind nicht die Regel.
Seit einem knappen halben Jahr sind unsere Büros in Dubai und Sharjah außerdem schwerpunktmäßig mit der Planung der Al Waab City in Doha beschäftigt. Auf 117,5 Hektar soll hier eine Stadt in der Stadt mit 585 Villen, 1550 Apartments, einer Shoppingmall, Kino, Hotel, Supermarkt, Bürogebäuden sowie der gesamten Infrastruktur entstehen. ›
› Die Bauherren wünschen sich für das Gebiet eine moderne Übersetzung traditioneller arabischer Stilelemente und eine spezifische Wiedererkennbarkeit. Meine Aufgabe ist der Entwurf zweier Bürogebäude mit 80 000 m2 und 90 000 m2 BGF: Das »kleinere« Gebäude befindet sich inzwischen in der Detailplanung, das größere werde ich Mitte Mai an die Kollegen in Sharjah übergeben.
Leben in Dubai
Mein Gehalt ist aufgeteilt in ein Grundgehalt und Pauschalen für Unterkunft und Transport. Die betrieblich angebotene private Krankenversicherung ist seit neuestem Pflicht bei Casult Maunsell / AECOM, die Firma trägt fünfzig Prozent der Beiträge. Unser monatlicher Eigenanteil von 160 Euro für die gesamte Familie ist im Vergleich zu einer deutschen Privatversicherung fürs Ausland günstig, das Leistungsspektrum allerdings auch geringer. Weder Zahnarztbesuche noch Vorsorgeuntersuchungen sind darin enthalten. Pro Arztbesuch wird eine Eigenbeteiligung verlangt und generell dürfen die anfallenden Kosten pro Jahr pro Person umgerechnet 100 000 Euro nicht überschreiten, was im Ernstfall eng werden kann. Erst kürzlich wurde Schwangerschaft ins Leistungspaket aufgenommen, was uns besonders entgegenkommt, da unser zweites Kind unterwegs ist. Die Regierung in Dubai arbeitet an einem generellen gesetzlichen Versicherungskonzept, aber keiner weiß Genaueres über dessen Umfang oder wann es in Kraft treten soll. Abu Dhabi hat kürzlich eine Krankenversicherungspflicht für alle Einwohner eingeführt.
Da Dubai bisher noch keine Einkommensteuern erhebt, landet der Bruttoverdienst (ungefähr das Doppelte meines letzten deutschen Verdienstes) auf meinem Konto. Hiervon gehen allerdings in voller Höhe auch unsere Beiträge zur Rentenversorgung an das Architektenversorgungswerk in Deutschland ab. Überhöhte Mieten, Schulgeld für den Privatkindergarten/ -schule, der notwendige Unterhalt zweier Autos und steigende Lebenshaltungskosten reduzieren die Summe leider erheblich.
Generell ist die Kostenentwicklung in Dubai unberechenbar. Der Mietspiegel stieg allein in den letzten 18 Monaten um über 80 Prozent, die Kindergartengebühren wurden gerade um zehn Prozent auf 5 500 Euro Jahresbeitrag erhöht. Besonders schmerzlich bei fast 16 Wochen Ferien im Jahr, die den beruflichen Wiedereinstieg von Anke hier annähernd unmöglich machen. Große Ersparnisse kann man als Alleinverdiener mit Familie in Dubai nicht ansammeln, aber wir kommen gut zurecht und unser Lebensstandard hat sich gegenüber Deutschland trotzdem gesteigert. Aber alles hat seinen Preis: So muss man sich an eine reguläre 45-Stunden-Woche, die sich aber meist auf über 50 Stunden einpendelt, gewöhnen. Überstunden werden nicht bezahlt und 22 Urlaubstage sind auch nicht üppig. Zum Glück wechselte das Büro vor meiner Zeit schon zu der 5-Tage-Woche, was in Dubai aber eher die Ausnahme darstellt.
Architekturkultur
Das anhaltend große Medieninteresse an der Stadt und ihrer Entwicklung führt allmählich zu einem Umdenken auch über die planerische Qualität der Gebäude. Immer mehr international renommierte Firmen gründen Niederlassungen und wünschen sich dafür repräsentative Bauten. Türme schießen wie Pilze aus der Erde und in den Zeitungen wird fast jede Woche ein neues Großprojekt vorgestellt. Sofern es nicht das größte, längste, höchste oder teuerste der Welt ist, hält sich die Aufmerksamkeit darüber aber in Grenzen. Mittlerweile gibt es in Dubai und Abu Dhabi Pläne dazu, Bauten von so bekannten Kollegen wie Zaha Hadid, Foster and Partners sowie Tadao Ando, Frank O. Gehry und Jean Nouvel zu verwirklichen. Solche Beispiele direkt vor der Haustür und ihre Auswirkung auf den Immobilienmarkt werden sicherlich dazu beitragen, auch die Qualität der Alltagsarchitektur in den Emiraten zu verbessern.
Fazit
Die Arbeit im Ausland, der Kontakt und Umgang mit Kollegen aus den unterschiedlichsten Nationen und Kulturen sowie die Erfahrungen mit den jeweils landesspezifischen und lokalen Eigenheiten haben unseren Erfahrungshorizont erweitert. Und die Auftragslage von Cansult Maunsell ist nicht nur sehr gut, sondern es warten auch spannende Projekte, so dass Dubai für uns weiter interessant bleibt.
Leider ist eine Stadt wie Dubai für die meisten eher eine Art »Umsteigebahnhof« als eine Endstation. Viele westliche Familien verlassen Dubai so schnell wie sie kamen. Ein wenig Umbruchstimmung, verbunden mit wachsender Unsicherheit in der »Auswanderer-Gemeinschaft« lässt sich nicht leugnen. Denn generell darf man nicht vergessen, dass dies kein demokratisch regiertes Land ist. Auch wenn der Scheich von Dubai nach bestem Wissen und Gewissen regiert, ist das Wohlergehen der »Expat Community« nicht seine oberste Priorität. Gesetze und Regularien werden oft erst verabschiedet, wenn sie für uns schon schmerzhaft überfällig sind, wie beispielsweise der Mieterschutz. Sie können außerdem gegebenenfalls genauso rasch wieder außer Kraft gesetzt werden. Vielen westlichen Familien sind diese Unwägbarkeiten zu groß, um sich hier längerfristig niederzulassen. Ein Großteil unseres Bekanntenkreises wird Dubai in diesem Jahr verlassen, manche planmäßig, manche aber auch, um nicht am Ende mit größten finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert zu werden.
Wir persönlich haben uns im Laufe der Zeit mit dem sehr eigenen »Dubai-Leben« angefreundet, auch wenn es manche Einschränkung bedeutet und besonders die langen extrem heißen Sommer eine große Herausforderung darstellen. Sofern sich in der großen Weltpolitik keine drastischen Änderungen ergeben, wird in Dubai auch in den nächsten Jahren weiter geplant und gebaut werden und dank des steigenden internationalen Architekteneinflusses werden immer qualitativ hochwertigere Bauwerke entstehen.
Auf die viel gestellte Frage »… und wie lange bleibt Ihr noch so?«, antworten wir derzeit meist mit »noch eine unbestimmte Weile, gerade ist hier so viel möglich …« oder: »Wir haben noch nicht genug gespart und der Job ist gerade so sicher!« •