Energieberatung nach VDI 3922, Blatt 2

Kompetenz von Energieberatern

Vor der energetischen Gebäudesanierung steht meist eine Energieberatung. Doch woher soll man wissen, ob der Berater für das jeweilige Bauwerk die nötige Kompetenz mitbringt? Genau dafür bietet die Richtlinie VDI 3922 Blatt 2 jetzt einen Test an.

Text: Undine Stricker-Berghoff; Abbildungen: VDI

Das Blatt 2 der VDI-Richtlinie wurde neu verfasst und 2019 nach einem vorausgegangenen Einspruchsverfahren als sogenannter Weißdruck herausgegeben. Es kann von allen am Bau Beteiligten genutzt werden, um Wissen und Erfahrung von Energieberatern einzuschätzen. Der Test ist noch freiwillig; eine Verpflichtung durch die Verwaltung bzw. Legislative wird aber angestrebt. Zurzeit kann die Verbindlichkeit hergestellt werden, indem die Technische Regel in Ausschreibungen bzw. Verträgen festgeschrieben wird.

Als Energieberater wird hier definiert: »Experte für Energiefragen, der Energieaudits durchführt, Energiemanagementsysteme einführt oder andere Energieberatungsdienstleistungen erbringt. … Der Begriff ›Energieberater‹ kann sich sowohl auf Einzelpersonen als auch auf ein Team beziehen.« Die Beratungstiefe wird in Blatt 1 mit »Tiefe einer Studie« angegeben: Wo gibt es gewerkeübergreifend welche Einsparpotenziale? Welche Potenziale kann man mit welchem Effekt und Aufwand realisieren?

Der Markt für Energieberatungen ändert sich

So stellt sich das Umfeld für Energieberatungen gegenwärtig dar: Laut EU-Kommission sind 35 % der Gebäude in der EU über 50 Jahre alt. 75 % des Gebäudebestands sind ineffizient. Nur 0,4-1,2 % des Gebäudebestands werden pro Jahr renoviert. Energieberater dienen dem übergeordneten Ziel »Energieeffizienz in Gebäuden«. Laut Bafa liegt Baden-Württemberg mit fast 50 % auf Platz 1 der geförderten Energieberatungen. Die GEB-Energieberater-Umfrage 2019 stellte fest: Energieberater sind motiviert, umweltbewusst, gut ausgelastet, älter. Sie werden inzwischen besser bezahlt, aber es gibt weniger Nachfrage nach ganzheitlichen Energieberatungen.

Schon heute findet man im Internet kostenlose Online-Energieberatungen, z. B. www.homeqgo.nl. In VDI 3922 Blatt 2 steht dagegen: »Eine vollständige Automation der Beratungsleistung wird auch bei weitgehender Digitalisierung aller Produkte und Prozesse als nicht möglich angesehen und auch nicht als sinnvoll erachtet.« Inwieweit also werden die in den Blättern 1 und 2 der VDI 3922 beschriebenen Vorgehensweisen weiterhin Anwendung finden? Eine Veränderung in der Energieberatung – zuerst wohl bei Wohngebäuden – und damit eine erneute Überarbeitung der VDI 3922 wird somit bereits absehbar.

Stand der Arbeiten an der VDI-Richtlinie

»Die Qualifizierung und Zertifizierung von Energieberatern sollte verbessert werden. Für die Qualifizierung sollten einheitliche Eingangsvoraussetzungen, Inhalte und Prüfungskriterien sowie gegebenenfalls Kategorien geschaffen werden.« So steht es im Positionspapier »Klimaschutz und Energiepolitik« der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik (VDI-GBG) [1]. Die Mitgliederumfrage 2018 der VDI-GBG lieferte folgende Einschätzungen zu Energieausweisen:

  • 79 % der Mitglieder stellten fest, Energieausweise beschreiben die energetische Qualität eines Gebäudes.
  • 58 % forderten, Energieausweise nur von speziell geschulten Energieberatern ausstellen zu lassen.
  • 65 % konstatierten, dass Energieausweise auf Basis von Verbrauchsdaten keine Auskunft über die Energieeffizienz von Gebäuden geben, und
  • 49 % forderten, Energieausweise auf Grundlage einer Bedarfsberechnung auszustellen.

Die Meinung der Basis wurde 2019 vom VDI-GBG-Vorstand im sogenannten Message House »Energieberatung« zusammengefasst, publiziert und in die politische Diskussion eingebracht (siehe Abb. 1).

Die VDI-Richtlinien erscheinen wie DIN-Normen im Beuth Verlag. Die erste Fassung der VDI 3922 »Energieberatung in Industrie und Gewerbe« bestand aus nur einem Blatt und erschien als Weißdruck im Juni 1998. Aufgrund des festgestellten Bedarfs und der alle fünf Jahre stattfindenden Überprüfung der Inhalte auf Aktualität wurde sie überarbeitet. Dabei wurde sie inhaltlich geteilt und in die folgenden drei Blätter erweitert:

  • VDI/BTGA/GIH 3922 Blatt 1 »Energieberatungsprozess und -methoden«, Entwurf 11/2019, 44 S., Einsprüche bis 30 April 2020 an die VDI-GEU
  • VDI/BTGA-MT 3922 Blatt 2 »Feststellen der Kompetenz von Energieberatern«, Weißdruck 1/2019, 56 S. »MT« steht dabei für das neue VDI-Richtlinien-Format »Mensch und Technik«, das weniger technikbezogene Inhalte standardisiert.
  • VDI 3922 Blatt 3 »Planung der Gebäudeenergetik – Grundlagen«, Weißdruck 1/2019.

Kompetenztest sichert Qualität von Energieberatern

Blatt 2 wurde betreut und herausgegeben von der VDI-GBG unter dem Vorsitz der Autorin. Die Richtlinie wird vom Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung (BTGA) mitgetragen (www.btga.de). Stefan Tuschy, Technischer Referent beim BTGA, skizziert die nächsten Schritte: »Natürlich ist die Bekanntmachung bei den Mitgliedsunternehmen sowie in entsprechenden Fachgremien notwendig. Danach ist sicherlich auch mit politischer Seite zu diskutieren, inwiefern die neuen Vorgaben in einem verordnungsrechtlichen Rahmen umgesetzt werden können.«

Das Ziel von Blatt 2 ist die »Sicherung und Erhöhung der Qualität der Energieberater«. Zugleich verbessert es die »Transparenz für Auftraggeber der Dienstleistung ›Energieberatung‹ z. B. bei der Umsetzung des Energiedienstleistungsgesetzes und der DIN EN 16247 Energieaudits oder der Einführung der DIN EN ISO 50001 Energiemanagementsysteme.« Es kann als Basis z. B. für private, verordnungsrechtliche und gesetzliche Prüfungen zur Kompetenzfeststellung von Energieberatern und als Curriculum zu deren Ausbildung dienen. Fünf VDI-Energieberater-Profile wurden entwickelt: für Wohngebäude, Nichtwohngebäude, Fertigungstechnik, Verfahrenstechnik und Verkehr (s. Abb. 2). Die Anforderungen an die Profile werden in sechs Kompetenzbereiche (Technik – Komponenten; Technik – Netze/Transport; Technik – Anlagen; Daten; Markt, Recht, Finanzen; Management) gefasst, die in 30 Kompetenzfelder und in der nächsten Ebene in 136 Kompetenzkategorien aufgefächert sind. In der Tabelle ist die dreistufige Gliederung z. B. bis auf die mittlere Ebene »3.4 Gebäudehülle« zu sehen. Für das Kompetenzfeld »Elektrische Verbraucher« finden sich im Richtlinientext drei Beispiele: Anhang B – Beleuchtung, Anhang C – Pumpen, Anhang D – IKT-Kennzahlen IT.

Auf diesen Inhalten wird der (Online-)Kompetenztest zum VDI-Energieberater aufbauen. Kenntnisse (abrufbares Wissen) und Fertigkeiten (Anwendung von Wissen) werden geprüft. Die Prüfungsfragen/-aufgaben stammen aus einem Fragenpool. Anzahl und/oder Schwere entsprechen der Wichtung der Kompetenzkategorie aus der Kompetenzmatrix von 0 bis 3. Keine Voraussetzung für zukünftige VDI-Energieberater ist übrigens ein formaler Nachweis der Ausbildung als Meister, Techniker und/oder Bachelor sowie Praxiserfahrung. Die Kompetenztests werden bei der DEnBAG (Deutsche Energie-Berater und -Auditoren Gesellschaft) in zwei DBU-Projekten erarbeitet und getestet, wobei das erste Projekt abgeschlossen und das zweite gegenwärtig in der Testphase ist. In einem Zertifizierungsprogramm legt der VDI zusammen mit DIN CERTCO das Verfahren fest. Parallel arbeitet die Universität Kassel an der Zertifizierung von Energieeffizienz-Experten für Gebäude, hier im Rahmen eines BfEE-Projekts. Zurzeit läuft unter Mitwirkung des VDI die Pilotphase mit rund 40 Schulungsteilnehmern. Das Verfahren setzt sich aus schriftlicher Prüfung, Beratungsbericht und Fachgespräch zusammen. Das Ergebnis führt ab 2020 zu einem Zugang zu Bafa-Programmen für speziell qualifizierte Energieberater, die sich dadurch wiederum zur Teilnahme an den Beratungsprogrammen des Bundes qualifizieren.

Weitere Aktivitäten des VDI zur Energieberatung

Um dem Wunsch der VDI-Mitglieder und dem Bedarf am Markt zu entsprechen, engagiert sich der VDI neben der Erarbeitung der VDI 3922 u. a. auch im Umfeld der Energieberatung, etwa hier:

  • Hannover Messe ab 2018 mit dem fachlichen Schwerpunkt »GebäudeEnergetik«
  • Webinar »Energieberatung – Kompetenz durch Wissen!«, nur für VDI-Mitglieder kostenlos im Webinar-Archiv
  • Koordinierung der VDI-Themen Nachhaltigkeit/Ressourceneffizienz beim Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden
  • Projekt »Dialog Energieeffizienz« in der BMWi-Initiative »Deutschland macht’s effizient«.

{Weitere Informationen:
[1] Klimaschutz und Energiepolitik: Handlungsempfehlungen für den Gebäudebereich, VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Oktober 2010;
www.vdi.de/ueber-uns/presse/publikationen/details/klimaschutz-und-energiepolitik-handlungsempfehlungen-fuer-den-gebaeudebereich


Undine Stricker-Berghoff

Studium des Maschinenbaus, Thermische Verfahrenstechnik, an der Ruhr-Universität Bochum. Mitarbeit
bei der ERPAG, Lugano (CH), als Energieberaterin. U. a. Geschäftsführung der VDI-Gesellschaft Technische Gebäudeausrüstung und der IHK zu Lübeck, zusätzlich Produktmanagerin VDI-Richtlinien.