db-Redaktion im Gespräch mit Markus Käfer (Produktmanager, Hansa) und Michael Zeisel (Produktdesigner, Designbüro Noa)

Armaturen neu gedacht

Care-Produkte, denen man ihre Barrierefreiheit nicht unmittelbar ansieht und die sich deshalb auch für das generationenübergreifende Privatbad eignen, hat Hansa mit der um 360° drehbaren Handbrause »Hansamedijet Flex« und der modular aufgebauten Spezialarmatur »Hansamedipro« entwickelt. Dabei wurden bestehende Produkte nicht — wie zumeist üblich — einfach modifiziert, sondern ihr Entwicklungsprozess auf einem »weißen Blatt Papier« komplett neu gestartet. Wichtige Gestaltungsimpulse gaben u. a. intensive Gespräche mit der GGT Deutsche Gesellschaft für Gerontotechnik sowie mit Planern, Architekten, Nutzern, Installateuren und Immobilienbetreibern. Herausgekommen sind Innovationen, die neben Augenscheinlichem auch ausgeklügelte Details aufweisen.

Interview: Barbara Mäurle

db: Seit wann besteht die Zusammenarbeit zwischen Hansa und dem Designbüro Noa?
Markus Käfer: Die Entwicklung der dritten Generation der Küchenarmatur »Hansamix« war 2001 das erste Projekt, bei dem wir inklusive eines großen Workshops intensiv zusammengearbeitet haben. Seitdem wird der Großteil unserer Produkte von Noa entwickelt. Wir benötigen die Designer als Spezialisten, die hundertprozentig in der Designwelt zuhause sind und auch Einflüsse von außen wahrnehmen, die wir durch unsere »Sanitärbrille« nicht mehr sehen können.
Herausforderung Armaturendesign: Wo liegen die Besonderheiten bei der Gestaltung einer Armatur?
Michael Zeisel: Gar nicht mal so sehr die Technik, in erster Linie ist es das Gesamtbad selbst, das sich stetig weiterentwickelt und zu dem die Armatur passen muss. Gesellschaftliche Trends üben großen Einfluss darauf aus, was im Bad passiert. Dazu hat der Nutzer eine bestimmte Erwartungshaltung an Funktion und Aussehen einer Armatur. All dies gilt es mit dem technischen Herstellungsprozess in Einklang zu bringen. Hilfreich ist auch, dass unser Büro einen Schwerpunkt auf Küche und Bad hat. Da wir auch für andere Kunden aus diesem Umfeld arbeiten, behalten wir stets das große Ganze im Auge.
Markus Käfer: Bestimmte Standard-Baugruppen und -Baugrößen müssen mit Rücksicht auf die Produktionsabläufe unbedingt eingehalten werden.
»Hansamedijet Flex« ist eine Handbrause, die sich durch ihre Handhabung vollständig von herkömmlichen Brausen unterscheidet. Welche Gestaltungsidee steckt dahinter?
Zeisel: Insbesondere älteren Leuten fällt es schwer, etwas in der Hand zu halten und das Handgelenk dabei abzuknicken. Mithilfe des um 360° drehbaren Griffs lässt sich der Brausenkopf ohne Kraftaufwand in zahlreichen Positionen anwenden und dabei immer gut greifen. Egal ob man ältere Leute wäscht, Kinder oder sich selbst. Auch die Dusche an sich lässt sich leichter reinigen. Ein Griff also, der unendlich viele Möglichkeiten bietet.
Wird die Hansamedijet Flex auch in professionellen Pflegeeinrichtungen angenommen?
Käfer: Wir haben hier bereits sehr gute Resonanzen, sowohl von Pflegenden als auch von Gepflegten, da man durch die freie Bedienbarkeit immer die Kontrolle über die Brause behält.
Der um 360° drehbare Brausenkopf mit dem ergonomischen Griff fällt sofort ins Auge. Welche weiteren Besonderheiten sieht man erst auf den zweiten Blick?
Käfer: Auf Kundenwunsch lässt sich der Strahlboden abnehmen, um ihn leichter reinigen zu können. Auf diese Weise lassen sich unhygienische Schmutz- und Kalkablagerungen an der Kante rasch beseitigen. Ebenfalls wichtig waren uns die Strahlöffnungen: sie sind bewusst größer gewählt und bieten einen laminaren, gleichmäßigen Strahl. Damit ist die Gefahr deutlich reduziert, dass gesundheitsgefährdende Aerosole entstehen.
Was sind Aerosole und warum sind sie gefährlich?
Käfer: Aerosole sind winzige Wassertropfen, die Krankheitserreger in sich tragen können und über Einatmen in den Körper gelangen. Gefährlich ist dabei nur eine bestimmte Wassertropfengröße: Entweder die Wassertropfen sind zu klein für die Bakterien, oder sie sind zu groß um eingeatmet werden zu können. Dazwischen gibt es eine sehr gefährliche Größe. Hat man mit Legionellen verkeimtes Wasser, führt die Produktion von Aerosolen am Wasserstrahl dazu, dass der Mensch die Bakterien einatmet.
Zeisel: Bei herkömmlichen Brausen wird Luft von außen angesaugt, der Wasserstrahl dadurch aufgeschäumt und es entsteht ein feiner Nebel. Bei einem laminaren Wasserstrahl, wie er bei den größeren Noppen der Hansamedijet Flex entsteht, passiert dies exakt nicht. Der Wasserstrahl ist »rein«, weich und spritzt weniger. Übrigens fühlen sich auch Kinder mit dem weicheren Wasserstrahl wohler, da ihre Haut dünner ist und damit empfindlicher.
Üblicherweise lässt sich bei Brausen beliebig zwischen verschiedenen Strahlarten wählen. Warum ist das bei der Hansamedijet Flex nicht der Fall?
Käfer: Das hat technische Hintergründe: Entweder der Strahlboden lässt sich für die Reinigung abnehmen oder er bietet mehrere Strahlarten.
Zeisel: Es wurde ein Strahlbild entwickelt, das bei den häufigsten Anwendungen wie Abduschen, Haare waschen und Aufwärmen gleichermaßen funktioniert.
Die Armatur Hansamedipro passt sich durch drei austauschbare Griffe unterschiedlichen Lebenssituationen und Einsatzbereichen individuell an. Wie funktioniert das?
Zeisel: Hintergrund der Entwicklung ist der Wunsch der Nutzer nach einem normalen Umfeld ohne Stigmatisierung. Sie wünschen sich ein Bad, das die eine oder andere körperliche Einschränkung kompensiert und gleichzeitig nicht danach aussieht – den Komfort also nicht darunter leiden lässt. Zu Beginn nutzt man z. B. den langen Objekthebel [3], der sich im Vergleich zu einem Standardgriff präziser greifen lässt. Später kann dieser durch den Objektbügelhebel [4] oder den Sicherheitshebel [5] ausgetauscht werden.
Käfer: Die gesamte Armatur besitzt reinigungsfreundliche, weiche Flächen ohne Kanten. So ist die Verletzungsgefahr geringer.
Auf welche körperlichen Einschränkungen hat Sie die GGT aufmerksam gemacht?
Zeisel: Lässt das Sehvermögen nach, hilft die optisch hervorgehobene, größere Kennzeichnung für Warm- und Kaltwasser. Außerdem dürfen sich Designer nicht irgendwelche absolut neuen Funktionsprinzipien ausdenken, da das Erinnerungsvermögen im Alter nachlässt und bereits Gelerntes schneller abrufbar ist. Die Zusammenarbeit mit der GGT ergab außerdem, dass bestimmte Bügelbreiten eingehalten werden müssen. Zudem muss es eine Armatur aushalten, dass man sich an ihr festhält, z. B. bei einem plötzlichen Schwindelanfall. Die Hebel sind abgeflachter gestaltet und können auch mit dem Ellenbogen bedient werden, wie es in medizinischen Bereichen vorgeschrieben ist.
Sind deshalb die Armaturen auch etwas »gedrungener« gestaltet?
Zeisel: Generell haben Designer die Tendenz, alles etwas kleiner und filigraner zu gestalten. Das ist bei diesen Produkten aber nicht unbedingt erwünscht gewesen, da viele Menschen Wertigkeit mit Volumen gleichsetzen. Eigentlich ist die Form der Armaturen nichts anderes als ein Zylinder, der durch seine weichen Formen immer noch geometrisch – also modern – wirkt, trotzdem funktionale Aspekte wie Reinigungsfreundlichkeit und Sicherheit erfüllt.
Käfer: Gerade bei der Reinigungsfreundlichkeit haben wir darauf geachtet, dass die Haube der Hebel keinen Hinterschnitt besitzt. Die Hebelführung wurde so konstruiert, dass Reinigungsmittel nicht in die Armatur hineinlaufen können.
Sie haben verschiedene Sicherheitsaspekte angesprochen …
Käfer: Der schon erwähnte Sicherheitshebel minimiert das Risiko sich zu verbrühen. Bei einer Standardarmatur wird der Hebel angehoben und dann die Temperatur eingestellt. Die Sicherheitshebel lassen sich nicht heben, sondern starten mit Kaltwasser in der Mittelstellung. Je weiter sie nach links geschwenkt werden, desto wärmer wird das Wasser. Ebenfalls Verbrühschutz bieten die Thermostat-Armaturen mit der gängigen 38°-Sperre. Diese Kartuschen haben außerdem den Vorteil, dass auch die Warmwasserversorgung unmittelbar abgestellt wird, sollte das Kaltwasser schlagartig ausfallen. Außerdem sind die Armaturen so konzipiert, dass die Oberflächen immer kühl bleiben. Unsere »Thermo Cool«-Funktion, die alle Produkte haben.
Die Produkte entsprechen den Kriterien des Universellen Designs. Fließen die neuen Erkenntnisse auch in zukünftige Entwicklungen mit ein?
Zeisel: Diese Produkte entsprechen ja nicht nur den Prinzipien des Universellen Designs, sondern sind außerdem barrierefrei. Die gemachten Erfahrungen fließen sicherlich auch in neue Produkte ein, aber generell versuchen wir, in Themen zu denken. Jedes neue Thema erfordert eine neue Herangehensweise.
An welchen neuen Themen wird – auch im Hinblick auf ISH 2015 – gerade gearbeitet?
Käfer: Da möchten wir noch nicht zu viel verraten. Ein großes Thema wird auf jeden Fall die Weiterentwicklung des Montagesystems »Hansamatrix« sein, das auf einem strengen Planungsraster basiert. Damit können alle Armaturen – von der Waschtischarmatur bis zum Thermostat – gleichmäßig und passgenau im Abstand von 24 mm oder einem Vielfachen davon nahezu frei im Raum platziert werden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Hansa Metallwerke www.hansa.de