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Ausstellung bis 5. Mai

Von Arts and Crafts zum Bauhaus (Berlin)

~Franziska Puhan-Schulz

Wie frei darf die Form sein? Wie viel Rücksicht muss sie auf die Funktion nehmen? Ist Design Kunst? Und sollten Gestalter eher mit dem Handwerk oder der Industrie zusammenarbeiten? Dass diese Fragen schon bereits 50 Jahre vor der Gründung des Bauhauses in der englischen Arts and Crafts-Bewegung entwickelt wurden, thematisiert die Ausstellung im Bröhan-Museum anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums. Die Vorgeschichte des Bauhauses wird in chronologischer Reihenfolge anschaulich vorgestellt: von der Arts and Crafts-Bewegung in England und der Glasgow School – mit den prominenten, hochlehnigen Stühlen von Charles Rennie Mackintosh – über den Wiener Jugendstil, den Deutschen Werkbund, die holländische Gruppe De Stijl – eine Spielzeugschubkarre von Rietfeld treibt das Prinzip Reduktion auf die Spitze (s. Abb. oben) – bis zum Weimarer und Dessauer Bauhaus. Die Ausstellungsmacher relativieren den Mythos vom Bauhaus als Ikone und Höhepunkt der Moderne, indem sie die Industrialisierung in England, der Ende des 19. Jahrhunderts größten See- und Kolonialmacht Europas, als Ausgangspunkt eines Diskurses über Kunst und Design setzen.

Der Rundgang im Böhan-Museum beginnt mit dem Red House im ländlichen Bexleyheath (1860), des ersten Wohnhauses von William Morris, der als Gründer der Arts and Crafts-Bewegung gilt und der für die Einheit von Kunst und Handwerk lebte. Im Weiteren werden vor jeweils farblich abgestimmtem Hintergrund rund 300 Exponate aus einem halben Jahrhundert Kunst- und Designgeschichte präsentiert, ausgewählt mit Humor und Kennerschaft von den Kuratoren Tobias Hoffmann und Anna Grosskopf. Möbel, historische Fotos und Porträtaufnahmen der Gestalter selbst, Entwurfszeichnungen, Grafiken, Metallkunst, Leuchten, Keramiken, Tapeten und Gemälde. Wer sich für den Diskurs über europäisches Design und die zugrundeliegenden Einflüsse interessiert, ist hier genau richtig.

Präsentiert werden einmal mehr wunderbare Objekte u. a. von William Morris, Charles R. Mackintosh, Josef Hoffmann, Adolf Loos und Marcel Breuer, aber auch nur selten öffentlich gezeigte Exponate aus Privatsammlungen sowie Filme – Werke von Designerinnen sind fast gar nicht vertreten.

Beim Ausstellungsrundgang begegnet man auch wundersamen Begriffen wie »Sitzmaschine« und »mechanische Ästhetik«, die auf die künstlerische Auseinandersetzung mit frühen industriellen Fertigungsmöglichkeiten hinweisen. Das Konzept, Einrichtungsgegenstände von hoher Qualität zu günstigen Preisen herzustellen, gab es unter dem Begriff »Maschinenmöbel« schon kurz nach 1900. Die ausgestellten Beispiele wohldurchdacht zerlegbarer Möbel fanden allerdings damals nicht den gewünschten Grad der Verbreitung. Erst dem Bauhausdirektor Hans Meyer gelang schließlich die Zusammenarbeit mit der Industrie, die bereits Gropius unter dem Motto »Kunst- und Technik« propagiert hatte.

Bis 5. Mai. Von Arts und Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design – eine neue Einheit! Bröhan-Museum, Schlossstraße 1a, 14059 Berlin,
Di-So 10-18 Uhr, Katalog: Tobias Hoffmann (Hrsg.), Deutsch/Englisch, 40 Euro im Museum. www.broehan-museum.de