Jasper Morrison – »Thingness« (Zürich)

In seiner mittlerweile rund drei Jahrzehnte umspannenden Karriere hat der britische Designer Jasper Morrison ein Werk geschaf-fen, das in Qualität und Vielfalt seinesgleichen sucht. Wer die überragende Rolle verstehen möchte, die er heute in der internationalen Designszene spielt, muss in die 80er Jahre zurückblicken. Es war die Endphase der Postmoderne. Architektur und Design drohten zu einer formalen Spielerei und zum bloßen Styling zu verkommen. In dieser Situation tauchte plötzlich ein junger Brite auf und zeigte ein paar Arbeiten von zeichenhafter Einfachheit, die eine neue Ernsthaftigkeit und ein sicheres Gefühl für schlichte und dennoch ansprechende Formen erkennen ließen. Was war das für eine Offenbarung! Innerhalb kurzer Zeit wurde Jasper Morrison zum Hoffnungsträger der jungen Generation und zum bewunderten Vorbild für unzählige Designer, die kurz nach ihm ihre Karriere begannen. In seiner eigenen hatte er das große Glück, in Giulio Cappellini und Rolf Fehlbaum bald einflussreiche Förderer zu finden. Heute, Jahrzehnte später ist Morrison, der konsequent auf die Macht des Einfachen und den stillen Reiz des Normalen setzt, zwar nicht mehr Avantgarde, aber noch immer ganz oben und ziemlich weit vorne im Design. Und das, ohne sich, wie andere, immer wieder neu erfinden zu müssen.

Unter dem Titel »Thingness« präsentiert der Designer im Museum für Gestaltung in Zürich jetzt die erste umfassende Retrospektive auf sein Werk. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Centre d‘innovation et de design au Grand-Hornu in Belgien entstand, ist materialreich, gehaltvoll und – wie nicht anders zu erwarten – denkbar unprätentiös aufgemacht. Morrison schuf für die chronologisch geordnete Schau ein einfach konstruiertes, von einer Staffelei inspiriertes hölzernes Regalsystem mit zwei Ebenen. Auf der unteren Ebene, deren Höhe je nach Größe der gezeigten Objekte variiert, werden die originalen Objekte gezeigt, auf der oberen gibt es dazu begleitende Informationen in Form von Fotografien, Entwurfszeichnungen und Erläuterungstexten. Das wirkt in sich stimmig, geht inhaltlich aber leider, wenn überhaupt, nur wenig über das hinaus, was der Designer über seine Arbeit schon in den eigenen Publikationen gezeigt und geschrieben hat.
Zumindest für Leute, die mit seinem Werk bereits leidlich vertraut sind, dürfte deshalb die parallel zur Retrospektive gezeigte Ausstellung »My Collection« fast spannender sein. Morrison hat dafür aus der Sammlung des Museums für Gestaltung rund 60 Exponate – vorwiegend Alltagsgegenstände, Möbel und Plakate – herausgesucht, die ihm besonders interessant erschienen. »My Collection« präsentiert Morrisons individuellen und professionellen Blick auf die schweizerische Designgeschichte. Schon die Auswahl ist vielsagend. Die Kommentare zu den Objekten aber offenbaren eine reflektierte Gestalter-Persönlichkeit, die ihre Einschätzungen und Erkenntnisse klar und prägnant zum Ausdruck bringen kann. Indirekt ermöglichen sie somit einen tiefen Einblick in das Denken und die Werteskala eines führenden Designers unserer Zeit.
Bis 5. Juni. Jasper Morrison – »Thingness«, Museum für Gestaltung Zürich – Schaudepot im Toni-Areal, Pfingstweidstraße 96, CH-8005 Zürich, Di-So 10-17, Mi bis 20 Uhr, www.museum-gestaltung.ch