AFRITECTURE (München)

~Roland Pawlitschko

Wenn die Besucher am Eingang dieser Schau gebeten werden, sich ihres Schuhwerks zu entledigen, dann vor allem, damit die am Boden ausgebreiteten Texte und Zeichnungen bis zum Ausstellungsende möglichst gut lesbar bleiben. Wer dies als Geste des Respekts gegenüber den dort präsentierten Inhalten empfindet, liegt jedoch auch nicht ganz falsch. Zu sehen sind nämlich 26 bemerkenswerte Projekte des gemeinschaftlichen und sozial engagierten Bauens zwischen Kapstadt, Addis Abeba und Timbuktu. Ausgewählt wurden sie vom neuen Direktor des Architekturmuseums, Andres Lepik, und der Co-Kuratorin Anne Schmidt – nicht in erster Linie, um schöne Bilder zu zeigen, sondern v. a., um von den jeweiligen Hintergründen, Bauprozessen und Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte vom kleinen Ort Gando in Burkina Faso. Hier, rund 150 km südöstlich der Hauptstadt Ouagadougou wurde Diébédo Francis Kéré geboren, der als erstes Kind des Dorfs eine Schule besuchte und heute ein Architekturbüro in Berlin führt. Dass er seine Heimat dennoch nie aus den Augen verlor, zeigen die seit 2001 gemeinsam mit den Menschen in Gando realisierten Projekte, mit denen nicht nur lokale Bauweisen weiterentwickelt, sondern der Dorfbevölkerung zugleich völlig neue Perspektiven eröffnet werden. Neuestes, auch in der Ausstellung erläutertes Bauwerk ist ein Frauenzentrum zur Verbesserung der Lebensumstände von 300 Frauen aus der Region.
Bei diesem wie auch bei allen anderen Projekten (Wohnungsbauten und Schulen ebenso wie Kindergärten, Krankenhäuser und Museen) steht nicht das bloße Abwickeln von Bauaufgaben im Vordergrund. Architekten aus einheimischen und internationalen Büros, aber auch Architekturstudenten aus aller Welt erscheinen hier nicht als Besserwisser oder bloße Dienstleister. Sie sind vielmehr gesellschaftlich engagierte Menschen, die sich mit dem auseinandersetzen, was die jeweiligen Orte und Traditionen charakterisiert. Insofern knüpft Andres Lepik hier im Architekturmuseum direkt an seine Ausstellungen im New Yorker MoMa (Small Scale, Big Change: New Architectures of Social Engagement) oder im Frankfurter DAM (Think Global – Build Social) an und geht damit weit über Afrika hinaus. Schließlich führt er den Besuchern eine Kultur der Beteiligung vor, die auch hierzulande, und nicht erst seit Stuttgart 21, von immer mehr Menschen zu Recht eingefordert wird.
Obwohl die lineare Anordnung der nach geografischen Standorten sortierten Projekte grundsätzlich für eine klar strukturierte Ausstellung sorgt, entsteht am Ende doch ein allzu buntes, an improvisierte Studentenworkshops erinnerndes Sammelsurium. So befinden sich auf braunen Wellpappewänden bzw. -bodenplatten irgendwie unentschlossen neben- und übereinander aufgebrachte Bilder, Pläne, Skizzen und Texte, während die Besucher mit zahllosen Abreiß-Fragebögen und Klebe-Notizzetteln immer wieder eingeladen werden, persönliche Statements zu hinterlassen. Von erfreulicher Klarheit und Ästhetik hingegen präsentiert sich der Katalog, der mit vielen Essays und weiteren Projektbeispielen in Zukunft zweifellos zu den Standardwerken über Architektur in Afrika zählt.
Bis 12. Januar. Afritecture – Bauen mit der Gemeinschaft. Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München, Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr, www.architekturmuseum.de