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Landschaft als Kapital

Die »IBA See« – Regionalentwicklung auf neuen Wegen
Landschaft als Kapital

In der Niederlausitz im Urstromtal der Elster zwischen Lauchhammer und Weißwasser, Hoyerswerda und Guben wird seit 150 Jahren Braunkohletagebau und seit fünfzig Jahren Rekultivierung betrieben – nun aber in einer neuen Qualität sowohl landschaftsplanerisch als auch städtebaulich und architektonisch. Die Fäden zwischen Städten und Kreisen, der Großindustrie und internationalen Forschungsprogrammen knüpft bis 2010 die Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land in Großräschen, kurz IBA See, mit jeweils eigenständigen Projekten im gesamten Großraum und grenzüberschreitend nach Polen. Dabei ist es ein wesentliches Ziel, die Potenziale der Landschaft sichtbar zu machen.

Text: Gudrun Escher

Für die Bergbaufolgebetreuung ist seit Anfang der neunziger Jahre die »Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft« LMBV zuständig, so auch für die Flutung von Restlöchern und die Verdichtung der Uferbereiche, die anders nicht begehbar wären. Um die künftige 7000 Hektar große Seenkette zu erschließen, werden 13 Verbindungskanäle mit Schleusen gebaut. Der Überleiter zwischen dem bereits »fertigen« Senftenberger See und dem Geierswalder See, der noch geflutet wird, ist einen Kilometer lang und unterquert bei dem Dorf Kleinkoschen eine Bundesstraße und die Schwarze Elster in ihrem neuen Flussbett. Auch das Schleusenwärterhäuschen, entworfen von zinnober architektur Dresden, ist schon fertig. Um dem Baustellentourismus ein Ziel zu geben, hat die »Schau(Bau)Stelle« dort festgemacht, ein acht Meter langes Überlandboot, das nach Entwurf von raumlabor berlin zu einer Aussichtsplattform auf Stelzen umfunktioniert wurde und nach Bedarf weiterziehen kann.
Ein zweiter Aussichtspunkt zwischen dem Sedlitzer, dem Geierswalder und dem Partwitzer See steht fest auf einem der wenigen Restpfeiler der vorbergbaulichen Landschaft und ist als weithin sichtbare Landmarke erst kürzlich fertiggestellt, ebenfalls im Auftrag der LMBV. Der 2005 siegreich aus einem Wettbewerb hervorgegangene Entwurf von Stefan Giers, München, setzt auf wetterfesten Cortenstahl. Wie beim Schiffsbau wurden daraus zwei im Winkel zueinander stehende, dreißig Meter hoch aufragende Hohlkörper zusammengeschweißt, an deren offener Seite sich kreuzende Verstrebungen Treppenaufgänge bilden.
Imagegewinn als Wirtschaftsfaktor
Tourismus kann nur Zubrot sein zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, aber eine Region, die touristisch floriert, hat auch sonst gute Aussichten. Dies hat nach anfänglichen massiven Widerständen die LMBV verstanden und fördert die IBA-Projekte mit Nachdruck. Anders wäre es undenkbar, dass das Abrutschen riesiger Sandmassen bei Altdöbern, ein Unfall bei der Verdichtung, jetzt zum Anlass für ein Landschaftskunstwerk nach Entwurf von Charles Jencks und Andreas Kipar wird. Gut so, meint der Geschäftsführer der IBA See, Rolf Kuhn, denn die IBA ist zeitlich begrenzt, die Aufgaben aber bleiben. Auch das Energieunternehmen Vattenfall, an das die Lausitzer Braunkohle AG verkauft wurde, hat gelernt und nutzt den Imagegewinn. Das »Lausitzer Seenland« ist inzwischen positiv besetzt als Ferienregion und als Energieland: Der erste Windpark steht, und ein Teil des abgeräumten Kokereigeländes Lauchhammer zu Füßen der Biotürme soll zum Solarpark werden. Auch der dritte große Arbeitgeber der Region, das Kunststoffwerk der BASF in Schwarzheide profitiert, denn Fachkräfte kommen nur in ein attraktives Umfeld.
Die IBA See ist eine Bauausstellung, für die wenig neu gebaut wird. Eher setzt sie auf »Innovation in einem innovationsfeindlichen Milieu«, wie es der Stadtforscher Wolfgang Siebel ausdrückte, und auf Zeichen. Das begann mit den IBA-Terrassen in Großräschen am Rand der Grube Meuro. Dort so zu bauen, überstieg den ortsüblichen Geschmack bei Weitem und war schwer durchsetzbar, aber heute feiern die Leute hier Hochzeit. Unweit stand lange das Lehrlingsheim mit klassizistischer Giebelfront als einsame Ruine, jetzt hat ein Privatinvestor dort ein florierendes Tagungshotel eingerichtet. Solche Beispiele lassen erkennen, dass das Bewusstsein sich verändert hat, dass dieses Neue auch in der Bevölkerung angenommen wird. Spürbar ist das vor allem in der lebendigen, jungen Stadt Cottbus, aber auch in Senftenberg, wo am See in die Büros des Staumeisters aus DDR-Zeiten, statt sie abzureißen, das Strandhotel mit Qualitätssiegel einzog und mit dem Architekturbüro ipro ein Wettbewerb für einen Stadthafen mit Seebrücke vorbereitet wird.
Vergangenheit mit Zukunft
Die IBA-Projekte bauen einen Spannungsbogen zwischen Visionen für die Zukunft und dem Bewahren des Alten auf. Reminiszenzen an die Vorgeschichte des Industriezeitalters sind die nachgebaute Slawenburg Raddusch oder die Parklandschaften des Fürsten Pückler in Bad Muskau und Branitz, die jetzt grenzüberschreitend wiederhergestellt wurden. Jüngere Vergangenheit dokumentieren das Dieselkraftwerk Cottbus des Kraftwerkbauers Werner Issel von 1928, in das die Architekten Anderhalten aus Berlin ein Kunstmuseum hineinbauten, oder die Biotürme, die als Teil der Betriebswasserkläranlage für die Großkokerei Lauchhammer nur periphere Bedeutung hatten, jetzt aber, zusammen mit dem Absetzbecken, als Denkmal überdauert haben – entgegen dem ursprünglichen Votum der Stadt. Imposant genug sind die sechs Turmtropfkörpergruppen zu je vier Rundtürmen für die Verrieselung phenolbelasteter Abwässer über mit Bakterien besetzter Hochofenschlacke. In Ziegeln hochgemauert stehen sie im Raster von 8 x 8 Metern, sich fensterlos nach oben leicht verjüngend, 22 Meter hoch. Das mit der Sanierung beauftragte Cottbuser Ingenieurbüro Jähne Göpfert zog den Architekten Frank Zimmermann hinzu, um einen der mittleren Türme begehbar zu machen, ohne mit einer aufgesetzten Plattform die Silhouette zu stören. Zimmermann, der bereits den Rückbau in der Cottbuser Plattenbausiedlung Sachsendorf-Madlow beispielgebend betreut hatte, hängte zwei stählerne Kanzeln in 16 und 19 Metern Höhe außen über Stahlträger an. Deren Verglasung kann windabhängig geöffnet werden. So hält sich die Inszenierung gegenüber dem Baubestand zurück, setzt aber gleichzeitig neue Signale.
Während ein Förderverein den Betrieb der Biotürme übernommen hat, wurden Sanierung und Umbau aus dem Fonds finanziert, den Bund und Länder gemeinsam für die Folgekosten des Bergbaus bereitstellen, Geld, das auch ohne IBA ausgegeben würde. Als 1998 engagierte Bürger die Idee einer IBA propagierten, war die Infrastruktur kaputt, das Land abgebaggert, die Arbeit weg, und bis heute ist der Bevölkerungsschwund lediglich verlangsamt. Mit den IBA-Projekten als Motor jedoch bietet die Region wieder Standortvorteile für wirtschaftliche Entwicklungen und obendrein kann sie Kompetenzen in der Qualifizierung einer Landschaft vorweisen, die sich erst in Jahrzehnten auswirken werden. Ein Thema ist dabei die »schwimmende Architektur«, das visionär Neue, das die IBA auf den Weg bringen will. Zwar gibt es bereits eine privat betriebene, schwimmende Tauchschule und den Prototyp eines Ferienhauses, aber beide sind von der Ver- und Entsorgung vom Ufer aus abhängig. Die Idee eines bezahlbaren, autarken, mobilen Schwimmkörpers ist in Zeiten steigender Meerwasserspiegel so brisant, dass es für den dazu ausgeschriebenen Wettbewerb auch Anfragen aus Indien und China gab. Leider konnten nur Beiträge aus Europa berücksichtigt werden. Dies alles ist eingebettet in die Arbeit des neuen Kompetenzzentrums Schwimmende Architektur an der BTU Cottbus und Teil des Antrags der IBA, in das IBIS-Programm der EU für »Innovative Building in Shorelines Areas« aufgenommen zu werden, Laufzeit 2009–11.
Dann sind die zehn Jahre der »ersten IBA der Nachmoderne«, wie Andreas Kipar es ausdrückt, bereits abgelaufen. Aber ein »Haus der Regionen« soll die Fäden weiter zusammenhalten, denn es bleibt noch viel zu tun, nicht nur seit der Abbau der Kupfervorkommen unterhalb der Braunkohle bei Spremberg in greifbare Nähe gerückt ist. Zuvor noch bekommt das Rathaus der Kleinstadt Spremberg 50 000 Euro Fördergeld der Stiftung Lebendige Stadt für die Realisierung seines Energiesparkonzeptes. •
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