Startseite » Architektur »

Von Desinteresse bedroht

Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau in Berlin
Von Desinteresse bedroht

Gerade einmal fünfzehn Jahre ist es her, dass die db in der Rubrik »… in die Jahre gekommen« Ludwig Leos markant wie provokativ in den Tiergarten gesetzten Umlauftank der Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau (VWS) vorstellte1. Seit 1995 steht das Bauwerk (1968–75) unter Denkmalschutz. Doch veränderte Eigentumsverhältnisse und der rasante Fortschritt in der Computersimulation stellen die Instandhaltung und die weitere Nutzung des Gebäudes in Frage.

    • Architekt: Ludwig Leo

  • Text: Christian Brensing, Elisabeth Plessen Fotos: Ulrich Rossmann
Abgeplatzter PU-Schaum am Umlaufkanal, Moos und Pflanzenbewuchs, verblasste Farben, Rostflecke und durchgerostete Metallpaneele an der Außenhaut des Messstands, verwitterte Fenster und Fassaden im Bereich der angeschlossenen weiteren Versuchanlagen und Institutsbereiche – die schlechte bauliche Verfassung des Umlauftanks fällt schon von Weitem auf. Der mangelnde Unterhalt des Gebäudes geht mit einer auf ein Minimum reduzierten technischen Ausnutzung einher. In diesem weltweit technologischen und der Größe nach einzigartigen Versuchsfeld für Kavitationsversuche mit Schiffsrümpfen und Propellern fristen zurzeit gerade noch drei Mitarbeiter ihr Dasein und sind mit der »Abwicklung« letzter Aufträge beschäftigt. Das war nicht immer so, denn die Versuchsanstalt blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück.
Auf der kleinen Insel im Landwehrkanal am westlichen Zipfel des Tiergartens wurden 1903 auf Veranlassung von Kaiser Wilhelm Versuchsgebäude mit innen liegenden Strömungsrinnen erbaut. Das schmale Grundstück ist heute komplett mit Bauwerken besetzt, was für den Architekten Ludwig Leo der Grund war, statt eines traditionell horizontal angeordneten Umlauftanks die Vertikale zu wählen. Für Leo, der »seltsam besessen von der Technik ist, man hört ihn, wenn überhaupt, von nichts anderem reden als von Druck, Spannung, spezifischem Gewicht etc.« (Leon Krier), müssen der beengte Bauplatz und die technisch-funktionalen Anforderungen die richtige Art der Herausforderung gewesen sein.
Pink-blaues Technikdenkmal
Mit eben solcher Bravour wie er das zeitgleiche DLRG-Heim in Berlin-Pichelsdorf (1968–73) diagonal aus dem Havelufer wachsen ließ, stemmte er im Fall des VWS die bis zu sechs Meter Durchmesser dicken und 3300 m³ Wasser fassenden Röhren senkrecht in die Höhe. Auf dem in Pinkfarben gehaltenen Umlaufkanal sitzen, aufgesattelt über fünf Decks, die in hellblau gehaltenen Messstände.
Massiv und dennoch grazil erhebt sich die Großform, gefasst und getragen von einem Stahlskelett, über die horizontal lang gestreckten Klinkerbauten, die die herkömmlichen Schlepprinnen beherbergen. Die expressive Kubatur, basierend auf dem Spiel von Quader und Zylinder sowie die durch extreme Farbwahl (hellrosa und hellblau) hervorgehobenen Bauteile lassen auf den ersten Blick an eine poppig-bunte Großskulptur denken. Nichts lag dem »Radikalfunktionalist« (Dieter Hoffmann-Axthelm) Ludwig Leo jedoch ferner als eine vorgezogene postmoderne Verspieltheit. Poetische Strenge ist das wohl passende Attribut für dieses Bauwerk, dessen Ausdruckskraft in der klaren Anordnung seiner Funktionen liegen. ›
› In der plastischen Großform liegt ein rein sachlich-funktionaler Kern von ebenfalls großer Bildhaftigkeit. Die Decks ähneln Schiffsmaschinenräumen, die Farbgebung erinnert an Ozeanriesen: dunkelgrüne Böden und Stützen sowie weiße Decken und Wände. Von zwei umlaufenden Galerien hat man über zwei Decks Einblick auf das Versuchsfeld. Die elf Meter lange und fünf Meter breite Messstrecke überwölben stählerne Abdeckhauben, die bei Atmosphärendruck als konventioneller Umlauftank und bei unterdruckfester Abdeckung der Messstrecke auch als Kavitationstank mit freier Wasseroberfläche und verstellbarem Boden betrieben werden können. Mittels zwei in einem separat zugänglichen Maschinenhaus – äußerlich gut erkennbar durch zwei riesige horizontale Auslässe mit Schalldämpfern – untergebrachten 2750 PS Schiffsdieselmotoren kann eine Strömungsgeschwindigkeit von bis zu 10m/sec erreicht werden. Die so möglichen Unterdruckversuche sind in dieser Größenordnung einmalig.
Namhafte Fürsprecher
Zu keiner Zeit hat es an Bewunderern für Ludwig Leos Technikbau im Tiergarten gefehlt. Der publikums- und publizitätsscheue Architekt hält sich stets in bescheidener Zurückhaltung, fern jeglicher Interpretation und Thematisierung seines Werks. Dafür ergreifen andere seine Partei, angefangen bei dem schon zitierten Leon Krier, über Lord Norman Foster bis hin zu Peter Cook. Letzterer stellt den Umlauftank auf eine Stufe mit Olbrichs Wiener Secessionsgebäude oder dem Hochzeitsturm auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Man muss sich aber nicht dermaßen weit von Berlin entfernen, um eine vergleichbare architektonisch-technische Parallele zu finden: Mendelsohns Potsdamer Einsteinturm ist das perfekte Pendant zu dem Umlaufkanal. Die Ähnlichkeit liegt begründet in der Annäherung des Architekten an einen komplexen technischen Apparat, dessen Innenleben er mit einer wahrhaft suggestiven Form umgibt.
Danaergeschenk?
Ein Danaergeschenk sei es gewesen, als Mitte der neunziger Jahre der Berliner Senat als Bauherrennachfolger per Fusionsstrukturgesetz die Schleuseninsel und damit auch die Versuchsanstalt der TU Berlin übergeben habe, kommt aus dem Büro des Präsidialamtes der TU die unmissverständlich klare Aussage. – Die Anlage als trojanisches Pferd?
Sie sei aufgrund ihrer Struktur als Dienstleister und ihrer damit einhergehenden wirtschaftlichen Ausrichtung nicht in eine akademische Versuchsanstalt umwandelbar gewesen. Da hier Entwicklung und hydrodynamische Untersuchungen, aber keine Forschung betrieben wurden, wie es dem Hochschulauftrag entspräche, sei eine Integration in maritime Institute nicht möglich gewesen. Das habe zu dem Sonderkonstrukt geführt, ›
› die VWS als so genannte Zentrale Einheit (ZE) in eine neue Rechtsform gemäß dem Hochschulgesetz zu überführen. Als solche hätte sie Dienstleistungen für andere Institute der TU durchführen können. Einen Bedarf habe es allerdings hier nie gegeben. So sei der VWS die Ge-nehmigung erteilt worden, befristet für Dritte Aufträge zu übernehmen. Schon länger aber habe die VWS ihre Dienstleistungen nicht mehr kostendeckend vermarkten können, da hoch entwickelte Computerprogramme an die Stelle von Versuchen getreten seien. Die TU selbst könne sich den Unterhalt nicht mehr leisten. 2001/02 habe sich das Kuratorium deshalb zur Schließung entschlossen, mit der Auflage, laufende Vorhaben zu Ende zu führen. Spätestens in diesem Sommer müssten alle Arbeiten dazu abgeschlossen sein.
Noch ist die Website aktiv, versprechen die Angebote Modellversuche, Berechnungen, Beratungen und Gutachten (www.tu-berlin.de). Unter Forschungs- und Dienstleistungsprojekte, dem immanenten Widerspruch der Einrichtung Rechnung tragend, stammt der letzte verzeichnete Auftrag vom Anfang des Jahres 2002. Einige Klicks weiter, unter »Organisationsstruktur« wird dann aber das Ausmaß der Abwicklung deutlich. Zwar sind noch mehr als die tatsächlich vor Ort tätigen drei Mitarbeiter aufgeführt, Geschäftsführung und Bauunterhaltung aber stehen vakant als N.N..
Die angespannte Haushaltslage, so ist weiter aus dem Präsidialamt zu hören, habe Mitte letzten Jahres zur Entscheidung geführt, nahezu alle angemieteten Räumlichkeiten aufzugeben und die Institute in den Gebäuden der Schleuseninsel unterzubringen. Diese werde zu einer Campus-Insel der TU werden. Und tatsächlich sitzen auch heute schon im Bürotrakt über der Schlepprinne Verhaltensforscher und Psychologen. Eine Frage drängt sich jedoch bei diesen Ausführungen auf. Die nur unweit gelegene Schiffbau-Versuchsanstalt Potsdam GmbH (SVA), 1953 gegründet und mit einem ähnlichen Dienstleistungsangebot, scheint dererlei wirtschaftliche Probleme nicht zu kennen. Auf der Website finden sich große Aufträge, das letzte Update ist erst wenige Tage alt.
Vorhersehbare Zukunft
So auskunftsfreudig sich das Büro des Präsidenten der TU Berlin gibt, so wenig sind aus der Bauabteilung der TU Informationen über den weiteren Umgang mit dem Gebäude zu erhalten. Das Szenario scheint vorhersehbar. In wenigen Monaten wird die Abwicklung der letzten Aufträge zur Stilllegung der Anlage führen. Weitere Institute werden auf die Schleuseninsel ziehen. Irgendwann wird der Zustand der Versuchsanlage so schlecht sein, dass der finanziell hoch belasteten TU eine Sanierung nicht mehr zugemutet werden kann. Spätestens dann wird die Sinnfrage erneut gestellt werden: Wofür diese Anlage erhalten, die keine Verwendung ermöglicht? Und dann wird der Senat der Stadt Berlin als Oberste Baubehörde und Oberste Denkmalbehörde sich selbst den Abriss genehmigen können. Schon sind einige nicht mehr benötigte Versuchs- und Einrichtungsgegenstände an das Institut in Potsdam verkauft worden. Hier würde sich im Zuge denkmalpflegerischer Überlegungen einer Opposition die Frage anbieten, ob und in welchem Maße die Denkmaleigenschaften denn überhaupt noch gegeben sind? •
1 Gerhard Ullmann: … in die Jahre gekommen, Die Poesie des Banalen, db deutsche bauzeitung, 1/92, Seiten 76–79
Aktuelles Heft
Anzeige
Anzeige
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
Dachterrassen – Gefälle und Entwässerung
1, 2 oder 3?
Anzeige
/* ]]> */