Forum des Halles, 1979

… in die Jahre gekommen

Das Forum des Halles steht wieder im Mittelpunkt der Diskussionen, vor allem, weil sich vor zwei Jahren der damals neu gewählte Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë vorgenommen hat, sich damit auseinander zu setzen. Dabei wurde es eigentlich nie ruhig um das Projekt, an dem sich die Geister nach wie vor scheiden. Die Diskussionen begannen bereits mit der Verlagerung des Großmarktes aus dem Stadtzentrum und dem darauf folgenden, unglücklichen Abriss der eisernen Markthallen von Victor Baltard 1971. The Forum des Halles is again the centrepoint of discussion, above all because two years ago it was intended by the newly elected Mayor of Paris, Bertrand Delanoë, to reconsider the matter. The project had never come to rest and opinion was still deeply divided. The controversy had already begun with the transfer of the central market from the city centre and the subsequent unfortunate demolition of Victor Baltard’s cast iron market halls in 1971.

Das Projekt einer Neubebauung auf der zentralen Stadtbrache machte von Anfang an Probleme. Denn für dieses Prestigeprojekt im Herzen der Hauptstadt des zentralisierten Frankreich interessierte sich jeder, der Rang und Namen hatte. Ein erster städtebaulicher Wettbewerb wurde in den 60er Jahren von dem Präsidenten Charles de Gaulle ausgeschrieben. Ihm folgte 1969 Georges Pompidou, welcher seine eigenen Wettbewerbe für das Centre Pompidou und das Forum des Halles auslobte.

Pompidou starb jedoch fünf Jahre später, und sein Nachfolger, Valéry Giscard d’Estaing lenkte das Projekt nach seinen Interessen. Dazu kam 1977 die Wahl des ehrgeizigen Politikers Jacques Chirac zum Bürgermeister des Stadt Paris, der das Projekt direkt zur Chefsache erklärte. So präsentiert sich das Forum des Halles heute als eine Collage von Großprojekten verschiedener Architekten und Ingenieuren, die von verschiedenen Bauherren unter wechselnden politischen Bedingungen und mit wechselnden Programmen auf einem engen innerstädtischen Raum realisiert worden sind.
Exempel der Zukunftsorientierung Das 1979 eingeweihte »Forum des Halles« drückt in seinen funktionellen und architektonischen Aspekten, vor allem aber in dem Vertrauen, städtebauliche Probleme durch technische Möglichkeiten lösen zu können, die allgemein herrschende Haltung seiner Zeit aus. Es ist einer der wenigen Orte in Paris, wo man die Metropole findet und spürt – ein Ausdruck der Dynamik einer Millionenstadt, die sich sonst so gerne als eine Ansammlung von überschaubaren, pittoresken Stadtvierteln, wie in Amélie Poulain, präsentiert.
Eigentlich handelt es sich bei dem Forum des Halles in erster Linie um ein bedeutendes Infrastrukturprojekt im Herzen der Stadt: ein unterirdischer Bahnhof, in dem sich heute auf dem vierten und fünften Untergeschoss drei Regionallinien (RER) und fünf Metrolinien kreuzen und täglich um die 800000 Menschen durch die engen Betongänge und Hallen strömen.
Eingebunden ist dieser unterirdische Bahnhof in einen unterirdischen Komplex in welchen auf den oberen drei Ebenen das erste Einkaufszentrum Europas mit heute jährlich 40 Millionen Kunden und 70000 Quadratmetern Fläche angesiedelt wurde und der später um einen zweiten Teil aus verschiedenen öffentlichen Einrichtungen erweitert wurde.
Ende der 60er Jahre wurde die Verlagerung des Großmarktes aus dem Stadtzentrum aus hygienischen und städtebaulichen Gründen unvermeidbar. Der Ausbau der Regional- und Métrolinien sollte die Entwicklung der Stadt Paris und die Konstruktion der Villes nouvelles begleiten, das Projekt eines unterirdischen Knotenpunktes wurde eines der Hauptargumente für den Abriss der Markthallen von Victor Baltard. Doch zeigen die schon vorher ohne Abriss unter dem Arc de Triomphe und der Oper Garnier gebauten Metro- und RER-Stationen, dass die Zerstörung der gusseisernen Hallen von Baltard wohl ein weitgehend politisch motivierter Akt war.
Es ging darum, ein Zeichen zu setzen und sich gegen die Orientierung an der Vergangenheit zu wenden. Das neue Projekt des Forum des Halles sollte ein gebautes Beispiel der Zukunft werden. Modern, elegant, funktional: Der neue Bau sollte das marode Zentrum von Paris aufbrechen, durchlüften und die wachsende Peripherie sowie das neue Geschäftsviertel La Défense mit der Pariser Innenstadt verbinden.
Zusammen mit dem Centre Pompidou, 1977 in unmittelbarer Nachbarschaft fertig gestellt, wurde ein größerer Teil der das Gelände umgebenden, in oft unbewohnbarem Zustand befindlichen Wohnungsbauten abgerissen und neu errichtet. Das gesamte Viertel sollte modernisiert werden. Die Architekten Renzo Piano und Richard Rogers hatten das Centre Pompidou als kommunizierende Maschine geplant. Mit seiner gesamten, auf der Außenseite sichtbaren Infrastruktur und einem großen öffentlichen Vorplatz sucht das Gebäude die Beziehung mit seiner Umgebung. Auch wenn es um seine Architektur immer noch Diskussionen gibt, hat es sich hervorragend in die Stadt eingefügt. Das Projekt des Forum des Halles von den Architekten Claude Vasconi et Georges Pencréac’h mit den überirdischen Pavillons des Architekten Jean Willerwal hat es hingegen nie geschafft, einen Bezug zu seiner Umgebung aufzubauen; dies sei, so die Kritik, sein hauptsächlicher Makel. Größtenteils eingegraben, ist es isoliert von seiner Umgebung geblieben und auf sich selbst konzentriert. Daran haben auch die von Paul Chemetov entworfenen öffentlichen Einrichtungen (1985) trotz ihrer beeindruckenden Architektursprache nicht viel ändern können.
Schnittpunkt Peripherie – Zentrum Das Forum scheint mehr mit den Pariser Vororten als mit seiner unmittelbaren Umgebung verbunden zu sein. Die ohne übergeordnetes Konzept aufeinander folgenden Projekte des Areals haben auf der Oberfläche eine Aneinanderreihung von Orten erzeugt, die nicht aufeinander bezogen sind. Besonders die Berührungspunkte zwischen dem Forum und der Umgebung hinterlassen den Eindruck, dass das Projekt niemals richtig fertig gestellt wurde.
Seit seiner Eröffnung hat der unterirdische Teil des Forum des Halles jedoch seine Rolle aus funktioneller und sozialer Sicht erfüllt. Der Verkehrsknotenpunkt hat die Stadt, die Vororte und über den Anschluss an die Flughäfen ganz Frankreich mit dem Zentrum von Paris verbunden; das erste Einkaufszentrum Europas wurde durch seine Lage kommerziell ein Erfolg. Doch besonders auf sozialer Ebene hat sich das Forum als erfolgreicher erwiesen als anfangs gedacht. Geplant als eher luxuriöses Einkaufszentrum für die besser verdienende Mittelschicht, hat es sich im Laufe der Jahre auch den anderen Gesellschaftsschichten geöffnet und ist zum Treffpunkt von Paris und seiner Vororten geworden. Auch die Jugendlichen der Peripherie, die in dem oberirdischen Paris oft unerwünscht sind, haben sich das Forum des Halles als Treffpunkt gewählt, möglicherweise weil sie nur hier ein Stück Peripherie im Zentrum von Paris finden. Für den Architekten Francois Roche ist dies ein Grund, die Architektur von Les Halles unter Denkmalschutz zu stellen, vor allem wegen seiner einzigartigen sozialen Bedeutung, die dieser Ort hat und der sich nicht von der Neobourgeoisie vereinnahmen lasse. Deswegen wolle man ihn zerstören, umbauen, säubern.1
Doch sind es beileibe nicht nur ideologische Gründe, die eine Sanierung und einen Umbau nötig machen. So haben sich in den letzten Jahren die konstruktiven und funktionellen Probleme gehäuft. Die 1986 auf der Oberfläche fertig gestellten Pavillons Willerwals waren schlecht gebaut, sind schlecht gealtert und haben eigentlich nie richtig funktioniert. Mangelhaft isoliert und undicht, sind sie heute zum großen Teil unbenutzbar. Der Park und sein fragmentiertes Design ließen den Wunsch nach einer zusammenhängenderen und übersichtlicheren Grünfläche offen, die Verbindung zwischen Ober- und Unterwelt beschränkt sich auf ein paar Rolltreppen, die im Untergrund verschwinden. Die Untergeschosse sind labyrinthisch und schwierig zu überwachen.
Projets les Halles Daher wurde im letzten Jahr ein Wettbewerb unter vier Teams ausgelobt.2 Dieser Wettbewerb schließt dort an, wo man in den achtziger Jahre aufgehört hat. Es geht um ein architektonisches Lifting, darum, die Verbindung der Oberfläche mit den unterirdischen Anlagen zu verbessern. Das existierende Programm aus Verkehrsknotenpunkt, Kommerz, öffentlichen Einrichtungen und Park wird nicht in Frage gestellt. Doch die Stadt möchte diese auf fünf Untergeschossen aufeinander gestapelte Konzentration der städtischen Funktionen entflechten und zugänglicher machen, die Funktionen neu verteilen und neue Beziehung zu der Umgebung knüpfen. Inwieweit man dabei auf die etwas schizophrene Haltung der 8000 Anwohner, die im Zentrum einer Millionenstadt wohnen wollen und sich nach dem romantisierten Lebensgefühl der 50er Jahre sehnen, Rücksicht nimmt, oder ob man das zukünftige Forum des Halles weiter als dynamischen urbanen Raum definiert, bleibt abzuwarten. Dass der Bürgermeister Bertrand Delanoë sich durch das Projekt wiederum politisch in Szene setzen und seine Wiederwahl vorbereiten will, liegt in der Tradition der Großen Projekte Frankreichs. Vereinfacht wird die ganze Sache dadurch allerdings nicht. C. H.
Forum des Halles Bauherr: SEMAH Architekt: Claude Vasconi, Georges Pencreac’h Mitarbeit: Jacques Bouton Beratung Tragwerksplanung: Jean Prouvé Fertigstellung: 1979