Henry van de Velde (Weimar)

~Ralf Wollheim

In ganz Weimar werben Plakate mit der Aufschrift »Alleskünstler«. Zu Recht, denn Henry van de Veldes Werke sind an vielen Orten zu entdecken: die heutige Bauhaus-Universität, sein eigenes Wohnhaus Hohe Pappeln, das Nietzsche-Archiv und eine umfangreiche Sonderausstellung im Neuen Museum zeigen sein Werk in einer seltenen Ausführlichkeit. Und auch die Anspielung auf den Alleskönner stimmt, denn van de Velde entwarf ein eigenes Universum: Häuser und Wohnungseinrichtungen bis hin zum Brieföffner, Porzellan und Besteck inklusive Hummergabeln oder Menukartenhaltern und auch noch die passenden Reformkleider für die Dame des Hauses. Als Künstler des 19. Jahrhunderts strebte er nach dem Gesamtkunstwerk, nichts Geringeres als die Verschönerung und damit Verbesserung der Welt strebte er an. Und er begann gleich mit seinem eigenen Haus. Obwohl er eigentlich Malerei studiert hatte, fühlte er sich zum Gestalter berufen und entwarf 1895 sein Haus Bloemenwerf (Stuhl aus Haus Bloemenwerf s. Abb.) in Belgien. Ganz der englischen Arts und Crafts Bewegung verbunden und nach dem Vorbild von William Morris’ Red House entwickelte er es von innen nach außen, verzichtete auf Repräsentation und ließ Wohn- und Arbeitsräume ineinander übergehen. Passend zu dem Manifestcharakter des Hauses integrierte er Vitrinen mit Keramiken, wählte beispielhafte Tapeten und präsentierte Gemälde von sich und befreundeten Künstlern. Dabei ist die Architektur erstaunlich schlicht und kommt wie die Möbel fast ohne Ornamente aus. Die schnörkellose Einrichtung erregte schnell Aufmerksamkeit und einzelne Möbel wurden auf verschiedenen Ausstellungen gezeigt, so auch in Paris in der Galerie Art Nouveau. Allerdings waren die Möbel für den französischen Geschmack zu schlicht, ohne Raffinement und wurden verspottet. Ganz anders in Deutschland, hier fand die konstruktive Logik der einfachen Schränke, Stühle und Tische schnell begeisterte Anhänger. Besonders die ersten Entwürfe für sein eigenes Haus, aber auch viele spätere haben mit dem gängigen Klischee des Jugendstils wenig gemein. Die »hemmungslose Phantasie« eines Victor Horta war ihm ein Graus, bei ihm sollte die Gestaltung der »Vernunft« entsprechen. So werden in der Ausstellung, die Thomas Föhl kuratierte, Möbel von V. Horta und D. G. Rossetti neben denen von van de Velde präsentiert und erst ein vergleichender Blick enthüllt seine relativ funktionale Gestaltung. Bei allen geschwungenen Linien und Silhouetten ist hier bei näherem Hinsehen ein Wegbereiter der Moderne zu entdecken. Doch viele der rund 700 Exponate in der sehr sehenswerten Ausstellung sind noch reine Luxusprodukte, in Handarbeit für reiche Mäzene gefertigt, keine Produkte des Industriezeitalters. Erst in den 30er Jahren, zurück in Belgien, arbeitet er für weniger exklusive Kreise und entwirft neben den Waggoneinrichtungen auch das Kaffeegeschirr für die belgische Staatsbahn. Sein Spätwerk ist eine überraschende Entdeckung der Ausstellung. Zahlreiche unbekannte Wohnhäuser, eine Bibliothek in Gent und v. a. seine Pavillons für die Weltausstellungen in Paris 1937 und New York 1939 zeigen einen Architekten, der mit einer ruhigen Linienführung, Materialkontrasten und spannungsvollen Kompositionen in der Moderne angekommen ist.
Bis 23. Juni. Neues Museum Weimar, Weimarplatz 5, 99423 Weimar, Di-So 11-18 Uhr, Katalog 39,90 Euro, Rahmenprogramm: www.vandevelde2013.de