Empfangsgebäude Arnhem-Centraal

Neu in Arnheim (NL)

~Paul Andreas

Während sich die Deutsche Bahn nach wie vor schwer tut, den Begriff der Baukultur mit Leben zu füllen, haben die Niederlande den Anschluss an das ICE- und Thalys-Streckennetz als umfassende städtebauliche Herausforderung erkannt und genutzt. In Arnheim wurde nun der letzte Streich einer hochverdichtenden und infrastrukturell komplexen Neuordnung eingeweiht: Die neue Empfangshalle, die sich als biomorph gekrümmter Monocoque über 60 m stützenfrei aufspannt, kreiert wunderbares »Strömungstheater«: Während zwei Wirbelstützen, die die Konstruktion tragen aber auch mit ihr ganz verwachsen scheinen, den Blick spektakulär in die Höhe zwirbeln, manövrieren die Boden- und Balkonrampen den urbanen Nomaden geradezu intuitiv durch den Raum. Kompakt, auf äußerst kurzen Wegen werden die vier verschiedenen Niveaus erreicht, auf denen Park- und Fahrraddecks, ein Indoor-Busbahnhof, die Zugplattformen oder ein Kongresszentrum mit den angeschlossenen Taxi- und »Kiss&Ride«-Zonen liegen. Dank ihrer verdichteten Vernetzung und der komplexen porösen Raumstruktur sind diese Umstiegsziele in fast ständiger Sicht- und Greifweite, der Reisende kann sich permanent nach allen Seiten »angebunden« fühlen. Durch die großen augenartigen Öffnungen des Monocoque, der nicht wie geplant aus Beton, sondern – man staune – sowohl der Eleganz der Konturen als auch der Kosten wegen wie ein Bootsrumpf aus Stahlplatten geschweißt wurde, fällt dabei viel indirektes Tageslicht, und auch die Bewegungsflüsse im Außenraum werden sichtbar: Durch die verschiedenen Bodenniveaus, zwischen die sich die Empfangshalle wie eine transitorische Schaltzentrale legt, setzt sich der Bahnhof auch jenseits der Zugänge fließend in eine modellierte Vorplatzlandschaft fort. Raffiniert gabeln sich dabei die Wege, führen durch das Gebäude hindurch und auf unterschiedlichen Ebenen an ihm vorbei. Besonders die Dopplung und Parallelführung des großen Rampenbalkons kreiert mannigfaltige zufällige Begegnungen, die die Grenze zwischen Innen und Außen absichtsvoll auf den Kopf stellen. Dieses Gebäude ist ein spät realisierter, aber dringend fälliger Quantensprung im Bahnhofsbau – gerade in Deutschland sollte er zum Nachdenken anregen!
Standort: Stationsplein 38, NL-6811 Arnheim Architekten: UNStudio, Amsterdam, mit Arup Amsterdam Bauzeit: Gesamtprojekt 1997-2015, Eröffnung Empfangsgebäude: Nov. 2015