Aus 150 Jahren db

Vielleicht haben Sie in der letzten Ausgabe im Zeitstrahl zur Geschichte der db den kleinen Hinweis entdeckt, dass die db 1975 mit der Zeitschrift »Der Deutsche Baumeister«, herausgegeben vom BDB, fusioniert hat. Das war recht naheliegend, nahmen doch die Rubriken »Hochbau« und »Ingenieurwesen« schon in den ersten Jahrgängen der »Deutschen Bauzeitung« gleichberechtigt ihren Platz ein. In der Kolumne der ersten Ausgabe von 1975 kam dann auch der Bauingenieur Fritz Leonhardt, vorgestellt u. a. als Ehrenmitglied der Architektenkammer Baden-Württemberg, zu diesem »alten, mehr leid- als freudvollen Thema« zu Wort. Wenn beide Disziplinen so zusammenarbeiteten, »wie es sein soll«, im »vertrauensvollen Miteinander von Anbeginn der Planung«, seien das doch eher Ausnahmefälle. Schuld daran seien in erster Linie die »Hohen Schulen«, eine gemeinsame Grundlehre sei notwendig.

Diese Idee war nicht neu. Bereits 1925 beklagte ein Autor im Beitrag »Ingenieur-Architekturen« das mangelnde Verständnis der Schwesterdiziplinen füreinander und sah auch hier die getrennte Ausbildung in den letzten 40 Jahren als Ursache des Übels. Seine Forderung war ganz klar: »Alles, was gebaut wird, muss auch schön sein.« Dass allerdings gerade diese Kategorie ungeheuren Schwankungen unterworfen ist, bewies er sogleich selbst. Für ihn war das »Zweckmäßige« schön, etwa das »Motorenwerk der A. E. G.« von Peter Behrens (der Ingenieur, Karl Bernhard, wird nicht genannt). Das Fassadenbauen wird verdammt – und im Hinblick auf die Zigarettenfabrik Yenizde in Dresden doch relativiert: Immerhin könne man in deren orientalisierendem Stil einen Verweis auf die Herkunft des Rohstoffs vermuten. Doch grundsätzlich waren »Fassadenschmiede«, Ingenieure, die in der Bauabteilung von Unternehmen die architektonische Gestaltung (notgedrungen) mit übernahmen, schuld an der »Verunstaltung« der deutschen Lande. Solche »Fassadenschmiede« und »Verunstalter« gibt es auch heute noch, auf beiden Seiten, doch ob Arroganz weiterhilft? Eigentlich wollen wir ja dasselbe: gestalterische Qualität in effizienter Ausgestaltung, die sich gegenseitig durchaus beeinflussen dürfen.
1994 wurde deshalb von db und BDB der Balthasar-Neumann-Preis ins Leben gerufen. Auch zu diesem Zeitpunkt befand Laudator Jörg Schlaich, gelungene Kooperationen seien die »löbliche Ausnahme« und fügte trocken hinzu: »Wäre es anders, so wäre dieser Preis gar nicht erforderlich.« Es gehe nicht nur um die Qualität der Zusammenarbeit, ergänzte Wilfried Dechau, als damaliger db-Chefredakteur maßgeblich an der Entwicklung des Preises beteiligt, sondern insbesondere auch um die Qualität des Ergebnisses.
In seiner Rede betonte Schlaich zugleich die Existenzberechtigung jeder der Disziplinen, und das gilt heute mehr denn je. Angesichts immer komplexerer Projekte und Vorgaben ist eine weitere Spezialisierung unumgänglich, aber genauso der Respekt vor der Leistung des jeweils anderen. Die Ingenieurkammer Baden-Württemberg etwa wirbt unermüdlich um gegenseitiges Verständnis und initiiert immer wieder Reisen zu gestalterisch gelungenen Ingenieurbauwerken und weitere Veranstaltungen. I. d. R. sind sie gut besucht, doch hätten sie noch viel mehr Resonanz verdient. Damit man z. B. Äußerungen wie die eines einzelnen Studenten des Bauingenieurwesens einigermaßen gelassen nehmen kann, der Anno Domini 2015 die Information, man komme von der db, so kommentierte: »Ach, nur Architekten!« und sich abwandte. Wir hoffen, dass er mittlerweile in eine Ausgabe der db hineingeschaut hat und vielleicht sogar irgendwann einmal zu jenen Ingenieuren gehören wird, die die Idee der Zusammenarbeit hochhalten und weitertragen. Wäre schön. Denn das brauchen wir. ~dr