… in die Jahre gekommen

Paketposthalle in München

Wie ein Dinosaurier lagert die große Halle mit ihrem auffällig gefalteten Tonnengewölbe neben dem breiten Gleisbett des Münchner Hauptbahnhofs. Jeder Zugreisende, der Augen für Architektur hat, nimmt diesen Eindruck staunend mit in die Stadt der Frauentürme, die so wenig bekannt ist für Bauten der Moderne und der Ingenieurleistungen. Was ist das?, fragt sich so mancher auf dem Streckenabschnitt zwischen Friedenheimer und Donnersberger Brücke. Was war das? Wäre die vorrangige Frage.

  • Architekten: Rudolf Rosenfeld, Herbert Zettel mit Ulrich Finsterwalder und Helmut Bomhard
    Tragwerksplanung: Paul Gollwitzer
  • Kritik: Ira Mazzoni
    Fotos: Sigrid Neubert; Leandro Mazzoni
Die alte Paketposthalle galt zur Zeit ihrer Erbauung als ein technisches Wunder. Die »weitgespannteste Halle der Welt aus Fertigteilen« diente als großer Bahnhof und Umschlagplatz für Postpakete. 15 Gleise führten in das 145 Meter weite, bis zu 30 Meter hohe und 124 Meter tiefe Gewölbe, das sich aus 1582 Betonfertigteilen zusammensetzt. Eine rekordverdächtige, minimalistische Schalenkonstruktion in der Tradition der 1924 von Walther Bauersfeld, Franz Dischinger und Ulrich Finsterwalder entwickelten Zeiss-Dywidag-Tonnen: Dünner als die Schale eines Hühnereis!, posaunte die Presse. Gewölbedicke und Gewölberadius haben ein Verhältnis von 1: 375, die stabile Fragilität einer Eierschale wird mit dem Verhältnis 1:75 angegeben. Der Clou an dieser Konstruktion: Sie ist nicht nur Tragwerk, sondern auch Gebäudehülle und kommt ohne zusätzliche Dachhaut aus.
Logistik der kurzen Wege
Die Gleishalle bildete das Herz eines Logistikzentrums der kurzen Wege. Dem Querbahnsteig im Westen vorgelagert war ein elf Meter hoher Flachbau für die Paket- und Päckchenverteilung. Expressiv gliederten die Wendel der Paketrutschen die 64 x 176 Meter große Durchgangspackkammer. Personalräume und Betriebsbüros schlossen sich in einem zweigeschossigen Riegel an. Seitlich wurde der Paketbahnhof von der Kraftfahrzeugladehalle im Süden und den hufeisenförmig um einen Anfahrtshof gebauten Zustellhallen im Norden gerahmt, die jeweils direkt an den Querbahnsteig andockten. Im Kopfbau der Zustellungshalle, ist das Paketpostamt München 3 für Direktabholer zur Arnulfstraße hin erschlossen. Ein achtgeschossiges Punkthochhaus für die Postverwaltung setzt an der Arnulfstraße einen Auftakt- und Abschlussakzent für das Ensemble. Abgerückt im westlichen Gartenzwickel lag im Scheitelpunkt eines Wegefächers die zweigeschossige Kantine.
»Wir haben damals alles geplant und gebaut, vom städtebaulichen Entwurf über Fassadendetails bis hin zur logistischen Infrastruktur – das war ein tolles Team!«, schwärmt Rudolf Rosenfeld und blättert die akribisch archivierten Unterlagen durch, die von einer hohen Planungskultur in der Bauabteilung der Oberpostdirektion sprechen. Da sind die Schwarz-Weiss-Fotos vom Gipsmodell der Gesamtanlage. Die sogenannte Amtslösung bildete die Grundlage für die statischen Berechnungen von Paul Gollwitzer und für die präzise Ausschreibung, deren klar gegliederter handschriftlicher Entwurf einen nur staunen lässt. Sah Rosenfelds Entwurf noch ein reines Betontragwerk in Form einer Stützenlinienparabel mit Stahlbeton-Hohlkastenbindern, verbindenden Stahlbetonpfetten und einer leichten Dachhaut aus Aluminiumblech vor, so überzeugte die von Dyckerhoff & Widmann in den Wettbewerb eingebrachte Sonderlösung des gefalteten, bogenförmigen Flächentragwerks aus vorgefertigten Betonelementen vollauf. Die eleganten Auflager hat dann Rosenfelds Abteilung passend entwickelt.
Paketposthalle wird Briefzentrum
Der sorgfältig von Rudolf Rosenfeld und Herbert Zettel in der Oberpostdirektion München geplante und gebaute, bahnbedingte Paketkosmos gehört längst der Vergangenheit an. Am 31. Mai 1997 verließ der letzte Zug die Faltbogenhalle, die ein Jahr zuvor offiziell Denkmalstatus erlangt hatte. Die Post hatte, um konkurrenzfähig zu bleiben, ein neues Paketzentrum auf der grünen Wiese gebaut, weit weg von der Bahn und ganz nah am Straßenfernverkehr. Der Strategiewechsel weg vom Postkurswagen hin zum Laster hatte Folgen. Seit 1995 wurde über einen Verkauf des Geländes an der Arnulfstraße spekuliert. Gerüchte vom bevorstehenden Abriss der Paketposthalle kursierten. Die Presse war alarmiert. Studenten der Münchner Architekturfakultäten von TU und FH lieferten auf Anregung ihrer Lehrer Ingrid Krau und Patrick Deby weitreichende städtebauliche Entwicklungsmodelle. Die Halle mit Kino, Bibliothek oder Konzertsaal wurde als Keimzelle eines neuen Stadtteils imaginiert. Verkehrsmuseum, Messe, Freizeitpark, Mall schienen unter dem schützenden Gewölbe machbar.
Ganz pragmatisch entschloss sich die Post, die Halle selbst zu nutzen: Als Briefzentrum BZ80. Das Büro Speer in Stuttgart erhielt den Auftrag zur Umplanung. Nachdem alle Gleise und Bahnsteige entfernt worden waren, wurde auf dem 20.000 Quadratmeter großen, überdachten Bauplatz eine schlichte, reversible Industriehalle aus Stahlfachwerk (System Donges Stahlbau) für die Briefsortieranlagen errichtet. Wie eine Schublade steckt die unspektakuläre Maschinen- und Bürohülle unter dem gefalteten Gewölbe. Anstelle der abgerissenen Durchgangspackkammer entstand an der westlichen Stirnseite eine wesentlich kleinere Anfahrtszone für LkWs. Da es für die seitliche Kfz-Ladehalle keine betriebliche Notwendigkeit mehr gab, wurde sie bis zum Tiefgeschoss abgetragen. Auf der neu aufgebauten Decke des Lager- und Bürotrakts wurde Parkgrün gepflanzt. So steht die legendäre Paketposthalle inzwischen ziemlich frei und hat nur eine Funktion: passive Klimahülle für das Briefzentrum. Zwischen ihren hausgroßen vor Ort gegossenen Auflagern wuchern Büsche und Kräuter. Der Dachauslauf des Faltgewölbes wird von den Postmitarbeitern als regensicherer Fahrradunterstand und Pausenvorhof genutzt. Zwar ist die Halle immer noch Landmarke für alle Münchner Postler und gehört, wie auf dem Ersttagsstempel des Briefzentrums vom 25. Juni 1998 zu sehen, zur Corporate Identity des Unternehmens, aber außer den Fensterputzern, die die Shed der Stahlkiste vom Staub befreien, und den Fachleuten, die regelmäßig das Betongewölbe inspizieren, kommt niemand mehr in den Genuss des einmaligen Hallenraums. Man mag das beklagen, aber ganz generell ist so ein unambitionierter Unterbau die denkmalverträglichste Umnutzungsmöglichkeit, zumal eine stete Wartung der inzwischen patinierten, aber materiell und konstruktiv besterhaltenen Betonschale garantiert ist.
In Zukunft wird die alte Postpakethalle in den Mittelpunkt eines neuen Stadtviertels entlang der alten Gleisanlagen rücken. Bahnreisende werden sie dann aus dem Blick verlieren. •