Der Energienutzungsplan

Energie nach Plan

Wird es neben Flächennutzungs-, Bebauungs- oder Dorferneuerungsplänen mittelfristig auch Energienutzungspläne – rechtlich vorgeschrieben oder auch nur auf freiwilliger Basis – geben? Die Idee scheint nicht abwegig, wenn man sich die Notwendigkeit dafür bewusst macht. Ein Energienutzungsplan stellt sich als geeignetes Planungsinstrument für Kommunen dar: Er bietet ihnen einen hilfreichen Überblick über sinnvolle Energiekonzepte und eine Entscheidungsgrundlage für eine nachhaltige Energienutzung in ihrem Einzugsgebiet. Was ein solcher Plan leisten kann und soll, wird bei der Betrachtung seiner Erstellung deutlich, für die derzeit auch ein Leitfaden entwickelt wird.

Text: Christian Huber

Immer mehr Kommunen machen sich Gedanken über die Zukunft der Energieversorgung, über Möglichkeiten der Energieeinsparung und den effizienten Energieeinsatz. Oft sind dafür hohe Energiekosten, ein Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Ressourcen, gesetzliche Rahmen- bedingungen und Anfragen von Investoren ausschlaggebend. In Deutschland forschen zugleich viele Institute an der zukünftigen Energieversorgung von Städten. Dabei geht es häufig um Detailbetrachtungen für spezielle Siedlungsbausteine und um den Einsatz innovativer Technologien in Pilotanlagen. Am Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik an der TU München wurde der Energienutzungsplan entwickelt. Dieser zeigt Konzepte für die gesamte Kommune auf, welche energetischen Einsparmöglichkeiten sinnvoll und welche Maßnahmen für die zukünftige Energieversorgung notwendig sind. Die Umsetzungsstrategien betreffen Neubau und Bestand, Zentrum, Siedlungsrand und Umfeld. Private Haushalte werden ebenso wie Gewerbe, Handel, Dienstleistungen, Industrie und öffentliche Liegenschaften in die Konzepte eingeschlossen. Der Energienutzungsplan befindet sich rein theoretisch in der gleichen Planungsebene wie ein Flächennutzungsplan und ist das Ergebnis eines politischen sowie fachlichen Planungsprozesses, der die zukünftige energetische Entwicklung der Kommune darstellt. Im Rahmen von Forschungsprojekten wird die Methodik eines solchen Energienutzungsplans derzeit an der TU München erprobt und weiterentwickelt. Eines davon ist ein Projekt im Landkreis München, bei dem zusammen mit den Bayerischen Staatsministerien für Umwelt und Gesundheit, für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie, der Obersten Baubehörde und dem Landratsamt München, ein Leitfaden am Beispiel von sechs Gemeinden erstellt wird, wie Kommunen die Energienutzungsplanung umsetzen können.
Drei Schritte vorab
Am Anfang eines Energienutzungsplans steht eine genaue Analyse – sowohl des vorhandenen als auch eine Prognose des zukünftigen Energie- bedarfs. Der erste Analyseschritt wiederum ist die Datenerhebung, für die es verschiedene Möglichkeiten gibt:
Zum einen die simple Befragung der Verbraucher; in den untersuchten Gemeinden konnten dadurch jedoch nur etwas über 10 % der mit Energie versorgten Gebäude erfasst werden. Zum anderen kann der Energiebedarf der privaten Haushalte mit Hilfe von Kennwerten über die Gebäudealtersklasse ermittelt werden. Die bereits vorhandenen Bauarchive in den Kommunen bieten dafür eine gute Grundlage. Des Weiteren konnten in mehreren Gemeinden über Begehungen neben der Gebäudekubatur und dem Baualter auch der aktuelle Sanierungszustand und bereits erfolgte Maßnahmen zur Energieeinsparung ermittelt werden. Und auch mit Hilfe chrono-logischer Luftbilder ist eine Einteilung der Gebäude nach Siedlungstypen und deren Baualter möglich.
Das Forschungsprojekt zeigt, dass die passende Methode zur Datenerhebung je nach örtlichen Gegebenheiten wie Größe der Kommune, typologische Gemeinsamkeiten der Siedlungsgebiete oder Nutzbarkeit der vorhandenen Archive ausgewählt werden muss. Anders als bei der heute üblichen CO2-Bilanzierung ist das Ergebnis dann nicht ein einzelner »Benchmarking«-Wert, denn bei dem mittlerweile in vielen Kommunen angewendeten Verfahren wird nur die Menge des Treibhausgases Kohlendioxid, das in der Gemeinde oder der Stadt verbraucht wird, errechnet. Dieser Gesamtwert in Tonnen CO2 kann zwar gut als Vergleichswert mit anderen Kommunen oder als Ausgangsbasis für die kommenden Jahre herangezogen werden – mehr ist mit dieser einen Zahl jedoch nicht machbar. Für konkrete Maß-nahmen über machbare Energieversorgungskonzepte und realistische Einsparmöglichkeiten ist eine kleinteiligere »Kartierung« der Ergebnisse notwendig.
In einem zweiten Schritt kommt eine Stärken-Schwächen-Analyse der vorhandenen und bereits geplanten »Energieinfrastruktur« hinzu. Informationen zu den großen, Energie liefernden Anlagen wurden in allen Gemeinden von der Kommune oder den Energieversorgern bereitgestellt. Für die An-lagen in den privaten Haushalten konnten in einigen Gemeinden mit Hilfe der Kaminkehrer gute Einschätzungen zum aktuellen Stand der »Energieproduzenten« – Wärmepumpen, Pelletöfen etc. – gemacht werden. Dies ist wichtig, um zum Beispiel realistische Werte für eine zukünftige Nahwärmeversorgung zu erhalten oder die bereits verbrauchten Biomasseressourcen durch Kachelöfen und Holzheizungen zu erfassen. Mit Hilfe der Daten kann auch der Handlungsbedarf für alternative Energiekonzepte aufgrund bevorstehender Kesselerneuerungen dargestellt werden.
Ein dritter Analyseschritt ist die sogenannte Potenzialanalyse der regional vorhandenen Energieressourcen. Dabei wird das energetische Potenzial einer Gemeinde bzw. Stadt im Bereich der Umwelt- und Abwärmeenergie, der energetisch verwertbaren Erzeugnisse sowie der Abfälle aus Produktion, Land- und Forstwirtschaft dargestellt. Aufgezeigt werden die zeitliche Verfügbarkeit, die ökologische Verträglichkeit und der Aufwand zur Bereitstellung der Energiequellen. Besonderes Augenmerk liegt beispielsweise bei den Gemeinden im Landkreis München in der Einbindung geplanter Tiefengeothermie-Anlagen zur Wärmenutzung und um die gemeindeübergreifende Versorgung mit Biomasse.
Gerade bei den Energiepotenzialen ist der Blick in die Region notwendig und wird zu Recht von vielen Kommunen als ein Beitrag zur regionalen Wertschöpfung angesehen. Im Rahmen der Energieleitplanung muss untersucht werden, in wieweit Entwicklungen in einem Gebiet die Maßnahmen in einem anderen beeinflussen. Können Städte und das nahe Umland oder Gemeinden mit ihren Nachbargemeinden gemeinsame Konzepte für eine regionale Energieversorgung entwickeln? Eine Schwierigkeit zeigt sich jedoch immer wieder bei der Bewertung der landwirtschaftlichen Flächen: Die Diskussion um »Tank oder Teller«, also ob auf entsprechenden Ackerflächen eher regionale Energie- oder eher Nahrungsmittelproduktion stattfinden soll, muss und kann nur auf gesellschaftspolitischer Ebene entschieden werden.
Alle im Boot
Diese drei Analyseschritte sind die Basis für die Energiekonzepte der Kommune. Der wesentliche Unterschied des Energienutzungsplans zu einem typischen Machbarkeitsgutachten besteht in dem gemeinsamen Dialog mit den beteiligten Akteuren, um gemeinschaftlich akzeptierte Konzepte zu entwickeln. Bürger sowie Großverbraucher werden wie Landwirte und Waldbauern, Anlagenbetreiber und Energieversorger, Verwaltung und Politik, Planer und Handwerker über in den moderierten Prozess eingebunden. Die Prozesse – Bürgerversammlungen, Workshops etc. – dafür sind aus der Stadtentwicklungsplanung bekannt und können angepasst auch für den Energienutzungsplan angewendet werden.
Die Handlungsmöglichkeiten für die Kommunen reichen dabei von der energetischen Sanierung ihrer eigenen Liegenschaften – die jedoch nur etwa 2-5 % des Energieverbrauchs der Kommune ausmachen – bis hin zur unabhängigen Initialberatung. Bei vielen realisierten Projekten zeigt sich immer wieder, dass durch den Vorbildcharakter der Kommune schnell weitere Mitstreiter gefunden werden können. Mit einigen Kommunen wird derzeit gemeinsam überlegt, inwieweit die Erstellung von Wärmenetzen durch neu gegründete oder vorhandene Gemeindewerke realisiert werden kann. Die Konzepte aus dem Energienutzungsplan sind auch Grundlage für die Aufstellung neuer Bebauungs- und Stadtentwicklungspläne. •