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Zeilgalerie »Les facettes« in Frankfurt

Raum- und Einkaufsspektakel
Zeilgalerie »Les facettes« in Frankfurt (1992)

Im Auftrag des berüchtigten »Baulöwen« Jürgen Schneider entstand im Herzen der Frankfurter Innenstadt eine Ladengalerie, der sich nur schwer ein Etikett wie »Shopping Center« oder »Mall« aufdrücken lässt. Mit komplexen Geometrien in Grund- und Aufriss schuf Rüdiger Kramm einzigartige Raumerlebnisse, die womöglich in dieser Form nicht mehr lange existieren – der Bau soll umfassend revitalisiert werden. Das zu Grunde liegende, als »brandaktuell« propagierte Einkaufskonzept ist in diesem Gebäude jedoch schon umgesetzt – bereits seit knapp zwanzig Jahren.

    • Architekten: Kramm & Strigl; 3deluxe
      Tragwerksplanung: Arge Ingenieurbüros Mühlschwein und Thiele

  • Kritik: Enrico Santifaller
    Fotos: Enrico Santifaller u.a.
Wer zum Begriff »Zip-Shopping« bei Google Aufklärung sucht, stößt unter anderem auf ein Video, in dem Bernd Thomsen über aktuelle Einkaufs-Trends berichtet. Der in feines Tuch gewandete Chef des strategischen Unternehmensberaters Thomson Group entschuldigt seine Anglizismen, um dann eine mit dem Logo »5P« (Product, Price, Placement, Promotion, People) bezeichnete Sammlung gängiger Marktparameter vorzustellen. An »All-in-one-Orten« würden in zwanzig, dreißig Jahren öffentliche Funktionen und Shopping-Bereiche verschmelzen, wobei das Wichtigste sei, Orte für Wohlfühlen und Erlebnis zu schaffen. Darüber hinaus würden sich ausdifferenzierte Lebensstile in Konsummotiven ausdrücken, und die Individualisierung sei der größte Konsumtrend überhaupt. ›
› Was da ganz aktuell und zukunftssicher unter regelmäßiger Einblendung einer rasant laufenden Uhr inszeniert wird, haben Soziologen wie Pierre Bourdieu und Ulrich Beck schon vor einem Vierteljahrhundert beschrieben. Was die Äußerungen Thomsens dann doch interessant macht, ist der Auftraggeber seiner Studie: Georg Glatzel, CEO der IFM Immobilien, eines ausgewiesenen Revitalisierungsspezialisten. Dieser hat im Sommer 2008 die Zeilgalerie »Les facettes« für rund 51 Millionen Euro erworben und will sie nun unter dem Leitbild »Zip-Shopping« umrüsten. Jene Vertikalpassage, die an den Tagen nach der Eröffnung im September 1992 jeweils bis zu 200 000 Besucher anzog. Das zu Grunde liegende Konzept nahm für sich in Anspruch, eine ganz neue Dimension des städtischen Einkaufens zu erschließen, indem es Fachhändler mit differenzierten kulinarischen Angeboten, ein Rundfunkstudio mit einem Nachtclub, eine Erlebnisetage mit öffentlichen Funktionen verknüpfte. (Das damals noch sogenannte Arbeitsamt richtete eine kleine Abteilung im »Les facettes« ein.) Das Gebäude verführte die Lokalpresse zu Lobeshymnen und erntete selbst in den zurückhaltenderen Fachmagazinen anerkennendes Erstaunen. Die Feuilletonisten jubilierten: Michael Mönniger sah sich »überwältigt vom Sicht-, Licht- und Raumerlebnis in dieser Mischung aus Lunapark und Piranesi-Kerker«. Dieter Bartetzko fühlte sich an ein »avantgardistisches Raumschiff« erinnert. Peter M. Bode kommentierte kurz und bündig: »Paradiesischer Kommerz«.
Kaufrausch im Übermut
Die Zeilgalerie entzog sich allen Konventionen und Typologien. Kein Warenhaus, keine Shopping-Mall, weder Basar, noch Passage. Eine vertikal gerichtete, in Spiralen aufsteigende, um ein lichtdurchflutetes Atrium sich windende Einkaufsstraße – 750 Meter lang mit behindertengerechtem Neigungswinkel von 6 Grad. 58 Fachgeschäfte dicht gedrängt, Schaufenster an Schaufenster, und, oberhalb der Hochhausgrenze von 22 Metern, die Erlebnisetage, darüber ein Dachgarten, darüber wiederum ein öffentlicher Aussichtsturm. Dieser war damals der höchste Punkt in der Bankenmetropole, von dem aus die Allgemeinheit – also nicht nur die Mitarbeiter in den Wolkenkratzern – einen Panoramablick auf die Skyline werfen konnte. Die vom Büro Kramm & Strigl, Darmstadt, entworfene und ausgeführte, äußerst anspruchsvolle Architektur des Gebäudes entsprach kongenial dem ehrgeizigen Handelskonzept. Und das obwohl die Bedingungen – eine 35 Meter breite, dreiseitig umschlossene Baulücke – alles andere als einfach waren. Die Fassade zum Beispiel ist nicht nur klassisch vertikal gegliedert, sondern reagiert sehr differenziert auf ihre Nachbarn. Sie bietet zum Kaufhof hin eine konvexe Front, in der Mitte, zur Hauptwache gedreht, ein Schaufenster zur Belichtung des dahinterliegenden Atriums, zur Post hin (heute befindet sich hier Massimiliano Fuksas’ Shopping Mall »MyZeil«) eine mehrschichtige Glas-Metallblech-Fassade mit einer von Rüdiger Kramm konzipierten kinetischen Lichtplastik, die auf die Witterungsverhältnisse und die Geräuschkulisse der Umgebung reagierte. Dazu im Inneren ein opulent-übermütiger Material-, Farben- und Formenmix: blau hinterleuchtete Glasquadrate, weißer Terrazzo, gebrochene Spiegelwände, ochsenblut-rote Stahlstützen, marineblaue T-Träger, Alu-Lochbleche, Glasaufzüge, mattsilberne, mit Lichtschienen unterfangene Tonnengewölbe, schließlich das Glasdach mit Hohlspiegeln, die Sonnenlicht ins Atrium leiten sollten. Auch die Konstruktion war anspruchsvoll und innovativ. Schlitzwände, Deckelbauweise, Stahlverbundstützen und -Decken sowie das elegante Raumfachwerk unter dem Glasdach sorgten dafür, dass in der Zeilgalerie der spektakuläre Schein mit ebensolchem Sein korrespondierte.
Stelldichein der Prominenz
Etwas »überinstrumentiert« sagt Kramm heute, doch war, das legten schon die damals erschienenen Kritiken nahe, dieser Ehrgeiz der Zeit geschuldet. Als Versöhnung von Postmoderne und konstruktiver Moderne, als Antwort auf die fast gleich betitelten Ausstellungen, die Heinrich Klotz wenige Jahre zuvor im Architekturmuseum auf der anderen Mainseite präsentierte. Und: Die hochfliegende Inszenierung entsprach der Wiedervereinigungseuphorie, im Zuge derer der Mainmetropole eine gigantische Steigerung der Einwohnerzahl prognostiziert wurde – und damit auch ein ›
› Zuwachs an Kaufkraft. Die Promis gaben sich in der Zeilgalerie die Klinke in die Hand. Helmut Kohl erschien zur Bild-Wahlparty, der SPD-Bundesvorstand traf sich hier, Joschka Fischer diskutierte, Steffi Graf, Günter Jauch und Michael Schanze waren zu Gast – und immer wieder Akrobaten, Seiltänzer, Avantgardekünstler. Der Architekt wurde gelobt, der Bauherr gefeiert. Klaus-Dieter Weiß pries in db 11/1992 das »große Engagement« von Dr. Jürgen Schneider und dessen Kunstoffenheit. Weiß’ Text war ein zusammenfassender Auszug aus seinem ebenso voluminösen wie ambitiösen Buch »Urbane Handelswelten«. Der Band sollte am 10. April 1994 in diesem Gebäude präsentiert werden. Der dazu eingeladene Bauherr allerdings erschien nicht, dafür zwei Tage später in der FAZ ein Artikel mit der Schlagzeile »Königsteiner Investor Jürgen Schneider ist nicht auffindbar«, tags darauf ermittelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft. Einen Tag später erstattete die Deutsche Bank Anzeige wegen Betruges; weitere zehn Tage später – als sich allmählich der Schaden abzeichnete, den der nach Miami geflüchtete Baulöwe verursacht hatte, und die beauftragten Handwerker fünfzig Millionen DM Ausfälle befürchteten – sprach Chefbanker Hilmar Kopper von Erdnüssen.
Im Mittelpunkt dieses »Imperiums der Hoffnungswerte«, wie es einer von Schneiders Verteidigern ausdrückte, stand die Zeilgalerie. Bei diesem Gebäude waren die Tricks des Pleitiers allzu offensichtlich: Schneider hatte die Nutzfläche von real 9000 auf fiktive 22 000 Quadratmeter vergrößert, eigenhändig dreißig Mietverträge gefälscht und einen Gutachter besorgt, der ihm den Wert der Ladengalerie auf rund 950 Millionen DM schätzte. Die Bank hatte das geglaubt, obwohl ihre Zentrale kaum 500 Meter vom bewerteten Gebäude entfernt liegt. Das FAZ-Archiv verzeichnet genau 393 Artikel, die seit dem 1. Januar 1994 das Wort »Zeilgalerie« erwähnten – die meisten im Zusammenhang mit der größten Immobilieninsolvenz dieser Republik. Der eingangs erwähnte Bernd Thomsen identifizierte die Zeilgalerie als die »bekannteste Shopping-Mall Deutschlands« – der Grund wird wohl auch in der Schneider-Pleite liegen.
Der Zeilgalerie tat diese nicht gut. In den Tagen der Aufregung wurden unter anderem die Computer für die Lichtplastik geklaut – und nie mehr ersetzt. Die Banker waren mit dem Betrieb einer Ladenpassage überfordert, mehrmals wechselte sie ihren Besitzer. Keiner der Investoren erkannte das enorme Potenzial des ursprünglichen Konzepts, dieses weiterzuführen oder gar auszubauen wurde zugunsten von Lösungen, die schnelle Rendite versprachen, aufgegeben. Weitere Rolltreppen wurden eingebaut, ein riesiges IMAX-Kino aufs Dach gesetzt, das aber schnell floppte. Insgesamt erlebte das Gebäude zahlreiche Metamorphosen, doch erst im Jahre 2004 war es erstmals zu hundert Prozent vermietet.
Aus dem Schatten
Inzwischen hat sich das Umfeld verändert und der verstärkte Handlungsdruck wurde spürbar. Der IFM-Chef Glatzel ließ vor kurzem diese Definition von »Zip-Shopping« verbreiten: »Ähnlich wie bei einem Reißverschluss sollen unterschiedliche Bereiche aus Einzelhandel und Gastronomie zusammengezogen werden. Konkret soll dies durch die Öffnung der Geschäfte und die teilweise Aufhebung der klassischen Shopgrenzen geschehen.« . Nicht viel Neues – wenn man die Geschichte der Zeilgalerie kennt. Doch der neue Besitzer muss reagieren und will dafür etwa zehn Millionen ›
› Euro investieren. Der Nachbar, die gut doppelt so große Shopping Mall »MyZeil«, steht seit der Eröffnung im März dieses Jahres im Zentrum Frankfurter Aufmerksamkeit – und die Zeilgalerie im Schatten. Obwohl Fuksas’ spektakuläre Blobarchitektur zahlreiche Ausführungsmängel aufweist, erinnert die Zahl der Besucher an die ersten Tage der Zeilgalerie. Während sich der Käuferandrang im »Les Facettes« in engen Grenzen hält. Und damit geringere Ladenmieten verspricht. Die ersten Renderings des Umbaus – erstellt vom damit beauftragten Wiesbadener Büro 3deluxe – zeigen vor allem Oberflächen: Der Sockel soll deutlicher abgesetzt, der Eingang verbreitert, die Lichtplastik durch eine von »Nero Assoluto« gerahmte Medienfassade ersetzt werden. Klotzen, nicht kleckern ist das Motto.
Genaueres ist nicht zu erfahren, die Architekten wurden zum Stillschweigen verpflichtet. Wie man hört, sind städtische Behörden mit dem Umbaukonzept nicht einverstanden – bis jetzt.. Interessant an der Neuerfindung ist indes, dass sie – leider offenbar ziemlich unbewusst – an der Anfangsidee ansetzt. Freilich mit einem neuen Begriff und neuen Tapeten. •
  • Bauherr: Walter + Walter, Anwaltskanzlei, Frankfurt a. M. Architekt: Prof. Rüdiger Kramm, Darmstadt Koordinator: Axel Strigl Mitarbeiter: K. Fischer, M. Gärtner, T. Grüninger, M. Haßler, K. Hartmann, A. Hirschmüller, F. Lohmann, H. Pretzsch, I. Reger, W. Schledorn, R. Süß Architekten Umbau: 3deluxe, Wiesbaden Tragwerksplanung: Arge Ingenieurbüros Dr. Mühlschwein, Frankfurt, und Prof. Thiele, Kassel Fassadenberatung: Planungsbüro für Ingenieursleistungen K. Glass, Wiesbaden Lichtplanung: K. Bartenbach, Innsbruck Steuerung kinetische Plastik: C. Möller, Frankfurt Bruttogrundfläche: 14 700m² Umbauter Raum: 13 0000 m³ Baukosten gesamt: 120 Mio. DM Bauzeit: 1991 bis 1992; Aufstockung 3-D-Filmtheater: 1997 bis 1999 Auszeichnungen: 1996 Preis des deutschen Stahlbaus, Anerkennung; 1995 Anerkennung Deutscher Verzinkerpreis
  • Beteiligte Firmen: Stahlbau: Magnus Müller KG, Butzbach Massivbau: Strabag Bau AG, Zweigniederlassung Mainz, www.strabag.de Fassade: MBM Metallbau Möckmühl GmbH, Möckmühl, www.strabag.de Glastonne: Varitec Systems AG, Niederwangen/Bern Glas-Innenausbau: Glasfischer Glastechnik GmbH, Isernhagen, www.strabag.de Aufzug: Otis GmbH, München, www.strabag.de Fahrtreppen: Orenstein + Koppel, Hattingen
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