Konzentrierte und anregende Gesprächsrunde: Wilfried Dechau, Ulrike Kunkel und Hubertus Adam (von links)
Foto: db deutsche bauzeitung
Ein Gespräch unter Chefredakteuren der db

Zwischen Erinnerung und Zukunft

In den jüngsten Abschnitt der 150-jährigen Geschichte der db fallen gravierende Veränderungen der Medienwelt, die natürlich auch in die Architekturszene hineinwirken. Ein Gespräch mit Chefredakteurin Ulrike Kunkel und Chefredakteur a. D. Wilfried Dechau über Aufgaben und Bedeutungswandel von Architekturzeitschriften in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten, geführt vom Schweizer Architekturkritiker und db-Autor Hubertus Adam.

Zwischen Erinnerung und Zukunft

Interview: Hubertus Adam
Hubertus Adam: Herr Dechau, Sie sind 1980 in die db-Redaktion eingetreten, wurden 1988 Chefredakteur und hatten diese Funktion bis 2004 inne. Und Sie, Frau Kunkel, sind 2005 zur db gekommen und seit 2009 Chefredakteurin. Zusammen blicken Sie also auf mehr als 35 Jahre Zeitschriftengeschichte zurück. Was hat Sie zum Architekturjournalismus und speziell zur db geführt?
Wilfried Dechau: Ich habe in Braunschweig Architektur studiert und hätte anschließend in einem Architekturbüro beginnen können. Das fand ich nach dem Studium allerdings viel weniger attraktiv als vorher. Ich wurde stattdessen Assistent am Lehrstuhl für Baukonstruktion und Industriebau von Walter Henn. Die Tätigkeit erlaubte Zeit für eigene Projekte, beispielsweise für eine Studie über Braunschweiger Schrebergärten. Ich bin im Winter dorthin gegangen, wenn niemand mehr da war. Ich wollte die Gartenlauben fern der Rosenromantik sehen und habe sie in Schwarz-Weiß fotografiert. Mich interessierte, was die Leute daraus machen. Partizipation war ein Schlagwort und Selbstbau.
HA: Das klingt nach Bernard Rudofsky und der »Architecture without architects« …
WD: Richtig. Die Ausstellung, die aus dem Projekt resultierte, hieß angelehnt an Rudofsky auch »Gestaltung mit und ohne Architekten«. Mit dieser Ausstellung bin ich durch die Architekturabteilungen der Hochschulen gezogen, z. B. nach Braunschweig, Kassel, Darmstadt, Karlsruhe, München und Graz. Ich habe Texte dazu verfasst und über das Schreiben habe ich viele Leute kennengelernt, die damals die Szene der Architekturzeitschriften bestimmten: Paulhans Peters vom Baumeister, Ulrich Conrads von der Bauwelt und Karl Wilhelm Schmitt von der db. Mit Schmitt habe ich mich einmal in Darmstadt getroffen und da fragte er mich, ob ich nicht bei ihm in der Redaktion anfangen wolle. Gleich am nächsten Tag sagte ich zu. Es war eine sehr komfortable Situation: Ich war wohl der Richtige, auch wenn ich offensichtlich der einzige Kandidat gewesen war.
HA: Frau Kunkel, Sie sind eine Generation später zur db gekommen, nämlich 2005, als die Zeitschrift gerade in einen neuen Verlag, die Konradin Mediengruppe, integriert worden war. Mit welchem Erfahrungshintergrund sind Sie damals bei der db angetreten?
Ulrike Kunkel: Mein Weg dorthin war nicht völlig geradlinig. Ich hatte zunächst in Berlin Germanistik studiert, dann schwerpunktmäßig Städtebau und Stadtplanung. Hatte ich meine berufliche Zukunft zunächst ganz klassisch in einem Architekturbüro gesehen, ließ auch bei mir der Drang dazu im Laufe des Studiums nach. Für mich stellte sich recht früh die Frage, wie man einen interdisziplinären Ansatz auf einer theoretischen Ebene verfolgen kann. Stark beeinflusst hat mich die Bauwelt, die ich früh abonniert hatte und die lange Zeit für mich hinsichtlich der Auseinandersetzung mit Architektur und gebautem Raum prägend war.
HA: Hatten Sie ein Schlüsselerlebnis, das dazu führte nicht in die Architekturpraxis einzusteigen?
UK: Dafür war mein Auslandsstudium in Venedig entscheidend, denn dort ging es weniger um das Entwerfen als um das Analysieren. Wichtig war auch die Venedig-Erfahrung selbst – eben weil es ja eine sehr spezielle Stadt ist, durch die man sich nur zu Fuß oder auf dem Wasser bewegt und in der man eine andere Perspektive entwickelt. Als ich in Deutschland weiterstudierte, habe ich das Fach Kunstgeschichte hinzugenommen und kam so auch mit dem Thema Design in Berührung. Nach meinem Diplom habe ich einige Jahre als Kuratorin am Vitra Design Museum gearbeitet. Als Quereinsteigerin war ich dann Assistentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. Während dieser Zeit wurde mir klar, dass mir die umfassendere Perspektive der Architektur besser gefällt und ich in dieses Feld zurückkehren wollte. Die db war mir natürlich immer ein Begriff gewesen, gerade wegen ihrer besonderen Bildsprache; viele Heftcover aus den 90ern waren mir noch sehr gut in Erinnerung.
HA: Herr Dechau, blicken wir einmal an den Anfang Ihrer Zeit bei der db zurück. Wie sah die Zeitschrift 1980 aus?
WD: Sie war zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich dünn, die Leserzahl war vergleichsweise gering, sie lag damals bei etwa 3 000. Die Auflage ist dann sukzessive gestiegen, da die Anzeigenerlöse immer besser wurden; die Hefte wurden dicker und dicker. In den 80er Jahren ließ sich ein Jahrgang noch zu einem Band binden, in den 90ern, sozusagen in den fetten Jahren, mussten es dann zwei Bände sein. Die wohl wichtigste, mit Heft 1/81 eingeführte Neuerung waren die Themenhefte. Stankowski + Duschek entwickelten ein neues Erscheinungsbild. Der Entwurf für das Cover mit ganzseitigem Bild des Künstlers Peter Reuter stammte von Rambow, Lienemeyer und van de Sand. Das Bild diente dazu, das Thema anschaulich begreifbar zu machen. Dieser Gedanke war wichtig, als wir den neuen Layoutrahmen entwickelten, der ziemlich radikal war. Das Januarheft 1981 war das erste im neuen Layout – ich bin im Mai 1980 gekommen. Wenn wir den Neuauftritt nicht hätten durchsetzen können, dann wäre ich wieder gegangen. Das war die erste Kraftprobe. Das Heft sollte sich mit dem Titelbild, das sich auf den Hauptteil bezog, einprägen.
HA: Inwiefern war der neue Auftritt wichtig, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen? Spielte dieser Gedanke überhaupt eine Rolle?
WD: Natürlich war das bereits ein Thema. Wir waren und sind die einzigen, die damit spielten und spielen, dass der Leser mit Bildern geleitet wird. Die Bauwelt war – und ist – typografisch geprägt, beim Baumeister war zwar ein Bild auf dem Titel, das aber meist eines der Gebäude aus dem Heft zeigte. Wir hingegen suchten einprägsame Bilder auf einer abstrakteren Ebene. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Titelbild der 90er Jahre, es ging um Suburbia, die Ränder der Städte. Zu dieser Zeit ging die Redaktion gerne gegenüber dem Verlag in der Stuttgarter Neckarstraße Pizza essen. Viele Leute lassen ja den Pizzarand übrig – und genau diese Ränder habe ich fotografiert, und fertigwar das Titelmotiv. Der Anzeigenleiter war nicht begeistert, aber ich habe meine Aufgabe als Chefredakteur darin gesehen, auch solche Ideen durchzusetzen.
HA: Ging es auch um inhaltliche Abgrenzung von der Konkurrenz?
WD: Unterm Strich haben wir alle mehr oder minder das Gleiche gemacht. Es gab sicherlich immer eine leichte Konkurrenz unter den Zeitschriften, aber untereinander war man sich nie spinnefeind. Wir waren Kollegen und zogen am gleichen Strang. So waren wir alle keine Vorreiterin in Sachen Postmoderne. Wir waren auf der Suche nach Bauten, um es ganz banal auszudrücken, die uns gefielen.
UK: Eine Abgrenzung der Titel untereinander ist meiner Meinung nach wichtiger geworden als es noch vor 20 Jahren der Fall war. Die Setzung der Heftthemen ist dafür von essenzieller Bedeutung. Es gibt Themen, von denen ich weiß, dass Bauwelt, Baumeister oder Detail sie nicht aufgreifen würden. Ein Heft wie »Retrospektiv« behandelt ein aktuelles Thema, mit dem viele Architekten ihr Geld verdienen, das aber in anderen Medien nicht auftaucht. Oder unsere Ausgabe über Südtirol mit seiner umtriebigen Architektenszene. Diese genießt zwar seit einigen Jahren eine gewisse Aufmerksamkeit. Doch die Herangehensweise ist entscheidend: Wie blicke ich auf eine Stadt oder eine Region? Für das Südtirol-Heft bin ich einige Tage durch die Region gefahren, um mein Gefühl für deren Eigenheiten weiterzuentwickeln, um ›
› die Atmosphäre einzufangen und um Kontakt zur dortigen Architekturszene aufzunehmen. Nur so können Hefte entstehen, die nicht aus einer austauschbaren Ansammlung von Projekten bestehen. Der Mehrwert entsteht durch die Auswahl. Und das hebt uns ab, selbst wenn ein anderer Titel das gleiche Thema aufgreifen würde.
WD: Auch zu meiner Zeit fand die Abgrenzung v. a. über die Ausgaben zu speziellen Themen statt, nicht über jene Hefte, die den Großteil des Redaktionsprogramms ausmachten – Hefte zu »Industriebau«, »Holz als Baustoff« und ähnliches.
HA: Zeitschriften müssen auch vermarktet werden und Anzeigenabteilungen können gemeinhin mit derlei handfesten Heftthemen mehr anfangen. Ist es nicht schwer in diese Richtung abstraktere Themen zu vermitteln?
UK: In der Gesamtschau hat jedes Heft seine Funktion. Denn sperrigere Themen werden mitgetragen durch konventionellere Hefte, die etwa Handfestes haben. Für die Außenwirkung ist es wichtig, dass die Zeitschrift sich beidem widmet: dem Speziellen und dem Allgemeinen.
WD: Eine Redaktion benötigt die allgemeineren Hefte auch zum Durchatmen – um Kraft zu gewinnen für Hefte, die mehr Einsatz fordern. Man kann nicht jedes Heft so intensiv und persönlich anlegen, für spezielle Heft bedarf es mehr Kraft, weil auch mehr Herzblut hineinfließt.
UK: Die Themenauswahl einerseits und die Projektauswahl anderseits, das sind sicher mit die herausforderndsten Tätigkeiten einer Redaktion. Die allgemeinen Veränderungen in der Medienlandschaft haben es mit sich gebracht, dass der Konkurrenzdruck auch unter den Architekturfachzeitschriften größer geworden ist. Deshalb stellt sich auch die Frage: Bringt man ein Projekt, wenn es gut in ein Heftthema passt, auch dann noch unter dem eigenen Blickwinkel, wenn es schon in einem anderen Titel behandelt wurde oder ist das eine zu starke Wiederholung?
WD: Ich war in dieser Hinsicht beinahe wie ein Autist. Ich bin davon ausgegangen, dass ein Heft dann, wenn es einem selbst gefällt, auch beim Leser gut ankommen wird.
UK: Für mich stellt sich das anders dar, Wilfried. Es gibt Themen, zu denen muss man als Diskursteilnehmer – und so verstehe ich das Zeitschriftenmachen – eine Meinung haben und diese auch veröffentlichen. Es kann nicht darum gehen, bloß zu berichten. Zentral ist meine Haltung als Chefredakteurin, die Haltung der Redakteure und unserer Autoren. Das ist das Stück Diskurs, den ich mit einer Zeitschrift prägen kann. Es gibt daher für mich gewisse Themen, aus denen man sich professionell gesehen nicht heraushalten kann.
HA: Die db entsteht in Stuttgart. Welche Bedeutung hat der Standort für das Heft?
WD: In Stuttgart gab es z. B. einen Günter Behnisch, einen Frei Otto. Die vertraten wichtige Positionen, die selbstverständlich berücksichtigt wurden. Außerdem ist Stuttgart seit Langem ein Nest von guten Ingenieuren: Fritz Leonhardt, Jörg Schlaich, Werner Sobek … Auch das schlägt sich in den Heftthemen nieder.
UK: Zeitschriftenmachen ist nicht unabhängig von dem Ort, an dem man lebt und arbeitet. Auch wenn ich nicht aus Stuttgart komme, fließt zumindest unbewusst eine spezifische Perspektive in die Heftthemen ein. Und für nächstes Jahr planen wir sogar ein Stuttgart-Heft. Andererseits finde ich es manchmal schade, dass man in einer ziemlich saturierten Gegend sitzt. Vom Pioniergeist mit kleinen Architekturbüros, wie er etwa in Berlin spürbar ist, findet sich hier wenig. Dafür gibt es die räumliche Nähe zur Schweiz und zu Österreich, man hat also andere Einflüsse als in Berlin. Und das schlägt sich natürlich auch in den Heften nieder.
HA: Die db erscheint zehnmal im Jahr. Ist dieser Erscheinungsrhythmus Ihrer Meinung nach ideal?
WD: In den »fetten Jahren« hatte ich mal einen zweiwöchigen Erscheinungsrhythmus vorgeschlagen. Das stieß allerdings auf großen Widerstand. Weil niemandem klar sei, wann zwei Wochen vorbei seien – im Gegensatz zu einer Woche oder einem Monat. Einen vierteljährlichen Turnus finde ich aber auch schwierig.
UK: Eine zu geringe Frequenz ist problematisch, weil aus Leserperspektive der Zusammenhang der Hefte verlorengeht. In heutiger Zeit, wo wir das Printprodukt mit dem Online-Auftritt ergänzen, halte ich das zehnmalige Erscheinen für einen sehr adäquaten Rhythmus. Durch unsere Website und den Facebook-Auftritt muss das Heft weniger aktuell sein. Und so kann man mediengerecht auswählen was besser in der Printversion oder online aufgehoben ist. Insofern halte ich es für einen positiven Effekt auf das Zeitschriftenmachen, dass es die übrigen Medien gibt.
HA: Könnte man nicht einen radikalen Schnitt vollziehen und alle auf das Temporäre zielenden Information in das Online-Portal auslagern?
UK: Das wäre natürlich möglich, aber wir haben uns anders entschieden, weil es auch innerhalb des Hefts eines Rhythmus bedarf. Eine Zeitschrift ist kein Fachbuch. Durch kürzere und längere Beiträge entsteht Abwechslung. Daher halte ich u. a. auch Ausstellungs- und Buchrezensionen im Heft für wichtig.
HA: Wie aber gehen Print und Online wirklich zusammen? Mir scheint, dass derzeit noch niemand eine wirkliche Strategie hat, dass mehr oder minder erfolgreich experimentiert wird.
UK: Tatsächlich werden Online und Print immer noch viel zu selten vernetzt gedacht. Da liegen sicher noch entscheidende Potenziale brach. Das Problem besteht aber auch darin, dass man mit Online zwar Aufmerksamkeit erzielen, aber kaum Geld verdienen kann.
HA: Inwiefern entwickelt sich das Leseverhalten hin zu digitalen Medien? Ist das eine Gefahr für das Produkt Fachzeitschrift?
UK: Architekten und Planer sind optisch und haptisch anspruchsvolle Menschen. Das spricht dafür, dass sie auch in Zukunft Informationen einem gedruckten Produkt entnehmen wollen, das auch einen ästhetischen Genuss darstellt. Es gibt schon lange Vorhersagen, dass Zeitschriften an Stellenwert einbüßen würden und fast alles nur noch online geschehe. Das ist bisher nicht eingetreten, eher sogar das Gegenteil. Andererseits registrieren wir, dass parallel zur allgemeinen Entwicklung heutige Architekturstudenten Fachzeitschriften deutlich weniger nutzen. Wenn diese eine Aufgabe bekommen, recherchieren sie im Internet und wenn sie dort nicht fündig werden, können sie die Aufgabe nicht lösen. Ich hoffe, dass sie diese Sackgasse irgendwann erkennen und sich ihr Verhalten mit fortschreitendem Alter ändert.
HA: Leserbindung ist ein immer wichtigeres Thema. Print wird durch Online ergänzt, aber es gibt auch andere Formate, mit denen die db in Erscheinung tritt.
WD: Zu meiner Zeit haben wir begonnen den Leser mit Titelbildwettbewerben mit ins Boot zu holen. Dann kamen als großangelegte Projekte zur Leserbindung die Preise hinzu: Der Balthasar-Neumann-Preis für Architektur und Ingenieurleistungen und der Europäische Preis für Architekturfotografie. Nicht zuletzt bekam man als willkommenen Nebeneffekt – etwa durch die wechselnde Zusammensetzung der Jury – vielfältige Kontakte zu Architekten und Kritikern. Diese Aktivitäten brachten natürlich viel für das Renommee der Zeitschrift.
UK: Die Punkte, die Du erwähnst, Wilfried, sind auch heute wichtig: Man gewinnt Kontakte zu Architekten, vernetzt sich mit Experten, von denen dann wieder die Hefte profitieren. Es geht sehr viel um Aufmerksamkeit, die immer wichtiger wird. Es reicht nicht mehr aus, einmal im Monat mit einem neuen Heft präsent zu sein, sondern man muss sich immer wieder durch andere Produkte und Aktivitäten in Erinnerung bringen. Letztlich geht es darum, am Architekturdiskurs teilzunehmen, Themen zu setzen und voranzubringen. Manche davon lassen sich anders besser kommunizieren als in Heftform. So etwa das Thema »Suffizienz«, das wir aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs in die Fachwelt der Architekten eingeführt haben, und bei dem uns als Auftakt ein ganztägiger Kongress mit 15 Rednern passender erschien als eine Auseinandersetzung in Form von Artikeln. Das Heft zum Thema folgte im Jahr darauf (2015) und dann gekoppelt an einen zweiten Kongress. Um den Diskurs zu befördern, kreiert man neue Formate und schafft um das Heft herum Satelliten. Je nach Thema kann das ein Kongress sein, ein Workshop, ein Buch oder natürlich auch ein Wettbewerb wie unser 2014 ins Leben gerufener, »Respekt und Perspektive. Bauen im Bestand«.
HA: Herr Dechau, das Thema Architekturfotografie war und ist eines Ihrer großen Anliegen. Blickt man in die Fachzeitschriften, so ist die Bildsprache der Architekturfotografie eher konventionell. Nicht zuletzt, weil sie durch die Auswahl der Architekten gefiltert ist. Kritische Fotos gelangen so gar nicht erst in die Redaktionen.
WD: Architekten sind es gewohnt, dass ihre Bauten gleichsam mit Werbefotografie dargestellt werden. Und Architekturfotografie ist Werbefotografie. Wenn die Bilder nicht so sind, wie es die Architekten wünschen, bekommt man es à la longue nicht durch. Ich habe vereinzelt Versuche unternommen, Fotografen – meist waren es Gewinner im Architekturfotografie-Preis – mit einer völlig anderen Optik zu beauftragen. Aber das lässt sich nur im Idealfall umsetzen, weil es schlicht zu aufwendig und zu teuer ist.
UK: Das ist in der Tat ein Problem. Ein bisschen entschärft man die Situation dadurch, dass man die Kritik auf der Textebene vornimmt. Es wird in der db nie über ein Gebäude geschrieben, das nicht ein unabhängiger Autor gesehen hat. Aber was beim schnellen Durchblättern wirkt, ist das, was das Bild kommuniziert.
WD: Als ich zur db kam, war es durchaus noch üblich, lediglich das Material der Architekten zu publizieren, auch deren Projekttexte. In den 80er Jahren, als die finanzielle Basis sich verbessert und die Redaktion vergrößert hatte, etablierte ich das Prinzip, dass die Projekte von einer Person aus der Redaktion besucht werden, dass diese Person oder ein externer Autor die Kritik verfassen und dass wir Fotos in Auftrag geben.
UK: Eigene Fotos sind durch die inzwischen wirtschaftlich schwierigere Lage von Fachmedien ›
› heute meist nicht mehr möglich. Das Prinzip, dass die Texte von neutralen Personen – externen Autoren oder Redaktionsmitgliedern – verfasst werden, ist dagegen unverrückbar. Es ist mittlerweile ein Alleinstellungsmerkmal der db, denn in den anderen Medien sickern die Kommentare der Architekten immer stärker ein.
HA: Viele Architekten haben mittlerweile ihre Pressearbeit professionalisiert. Das mag einerseits von Vorteil sein, weil das benötigte Material professionell aufbereitet wird andererseits häufen sich die Wünsche Texte vor Veröffentlichung gegenzulesen …
WD: Ich habe mich dem stets verweigert, und es wurde letztlich auch akzeptiert.
UK: Die gleiche Erfahrung mache ich auch. Aber gerade bei großen Büros, die Pressearbeit wirklich professionell betreuen lassen, fängt es an, zweischneidig zu werden. Man profitiert zwar von der schnelleren Bereitstellung, ist aber auch mit standardisiertem Material konfrontiert. Und darüber hinaus wird versucht zu steuern, wo und in welcher Reihenfolge das Material in den Zeitschriften publiziert wird. Dadurch wird Einfluss genommen, ohne dass direkt in den Text interveniert werden muss. Das ist keine erfreuliche Entwicklung.
WD: Kurz gesagt: Die Welt der Architekturzeitschriften wird nicht besser, wenn die PR-Abteilungen in den Architekturbüros professioneller werden.
HA: Erinnern Sie sich spontan an Lieblingshefte, Ausgaben, die Sie besonders gelungen fanden?
WD: Mir fallen eine ganze Reihe ein. Z. B. das Heft, bei dem ich durch die Brille des Fahrradfahrers in die Welt blickte und für eine fahrradgerechte Stadtplanung plädieren wollte. Oder mein erstes Heft als Chefredakteur, das ich komplett dem Gedanken der Rubrik »In die Jahre gekommen« widmete. In diesem findet sich ein Beitrag von Wolfgang Pehnt, der einen eigenen, 20 Jahre alten Artikel kommentiert. Bezeichnend einer seiner Anmerkungen: »Nicht nur Architektur ist zeitbedingt, sondern auch Architekturkritik«. Dann erinnere ich mich an das Heftthema »Alltag in«. Darin ging es um Schönaich, eine Ortschaft, die nicht so schön ist, wie sie klingt, aber auch nicht hässlicher als andere. Wir haben versucht, mit Gesprächen nachzuvollziehen, wie ein Ort so wird, wie er aussieht. Und dann noch das zur damals gerade fertigwerdenden Storebelt-Brücke erschienene Heft über Brücken: Ich bin insgesamt viermal dort gewesen und habe fotografiert. Es war der erste Anstoß, Baustellen zu begleiten, was dann mein Leben nach der db prägen sollte.
UK: Über die Länder- und Regionenreihe hatte ich schon gesprochen, auch über das Heft »Suffizienz«. Die Ausgabe »Retrospektiv« über eine neue Rückwärtsorientierung im Baugeschehen steht für mich repräsentativ dafür, wie ich eine Zeitschrift verstehe: Man muss Themen aufgreifen, die noch nicht so beackert sind; die vielleicht auch unbeliebt, aber von großer gesellschaftlicher Bedeutung sind. Bei besonderen Ausgaben muss ich zudem an eine Heftserie denken, die wir 2008 begründet haben: Jeder Redakteur stellt im Dezember unter dem Titel »Redaktionslieblinge« sein Lieblingsobjekt aus dem Jahr vor. Es wird immer wichtiger, die Hefte und die Geschichten mit den Personen zu verknüpfen, und mit dieser Serie gibt es die Möglichkeit, sich persönlicher mit den Machern des Hefts zu identifizieren. Ich schätze aber auch die Möglichkeit, sich mit einem Material in einem ganzen Heft detailliert auseinandersetzen zu können, wie etwa mit dem »Putz«.
HA: Frau Kunkel was hat sich verändert, seitdem Sie 2005 in die Redaktion eingetreten sind? Und welche weiteren Veränderungen wünschen Sie sich?
UK: Die Bedingungen, unter denen alle Zeitschriften heute produziert werden, sind schwieriger geworden. Man macht mit weniger Leuten genauso umfangreiche Hefte, der Anspruch daran ist in der zunehmenden Konkurrenz der Medien zudem noch gestiegen. Als ich den Posten übernommen habe, gab es an Projekten zusätzlich zum Heft nur den Balthasar-Neumann-Preis. Unter meiner Leitung sind dann weitere Formate hinzugekommen: Der neue Wettbewerb »Bauen im Bestand«, Workshops, Kongresse, Abendveranstaltungen, begleitende Publikationen. Das ist alles in den letzten sieben Jahren entstanden, außerdem ein erweiterter Online-Auftritt und der Aufbau des Social-Media-Angebots.
Beim Heft selbst ging und geht es darum, immer wieder auf die jeweils veränderte Situation hin zu optimieren. Rubriken wurden aufgegeben, andere neu entwickelt. Mit der db in ihrer heutigen Form haben wir einen guten Stand. Größere Veränderungen stehen nicht an, die db wird angenommen, nachgefragt und geschätzt. Gesellschaftlich relevante Themen zu suchen und in die Hefte zu bringen, auch immer wieder Themen zu entwickeln, die überraschen und aus dem Rahmen fallen, ist für mich und für die gesamte Redaktion eine reizvolle Aufgabe. Wenn ich einen Wunsch hätte, so diesen: Aus der Fachzeitschrift heraus zu versuchen, das Thema Architektur und gebaute Umwelt stärker auch in einer breiten Öffentlichkeit zu verankern.
Ich danke Ihnen beiden für das Gespräch.
Das Gespräch fand am 6. September in den Räumen des Verlags in Leinfelden-Echterdingen statt.

Das Gespräch führte der Schweizer Architekturkritiker Hubertus Adam. Er war von 1998 bis 2012 Redakteur der Zeitschrift archithese und von 2013 bis 2015 Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums.