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Loft in Aalst (B) von Pascal François Architects

Loft in Aalst (B)
Modernes Höhlengleichnis

Im belgischen Aalst transformierte ein Ehepaar eine ehemalige Textilfabrik zu einem rund 750 m² großen Loft — statt wie ursprünglich geplant eine geräumige Villa als Neubau zu errichten. Doch wie integriert man luxuriöses Wohnen in ein Gebäude ohne Fenster und Aussicht, das ausschließlich über Sheddächer belichtet ist? Das Ergebnis steht im Spannungsfeld zwischen hell und dunkel, offen und geschlossen, schwer und leicht.

Architekten: Pascal François Architects
Tragwerksplanung: UTIL – Frans Leenaerts

Text: Katja Pfeiffer
Fotos: German Bourgeat, Thomas De Bruyne (Cafeïne)

35 Jahre ist es her, dass aus dem Hinterhof der Slotstraat 12 das letzte Rattern einer Nähmaschine zu hören war. Zeitgleich verstummten auch all die anderen Geräusche von Spindeln und Webstühlen, die im flandrischen Aalst über mehrere Jahrhunderte den Ton angegeben hatten. Bis in die 1960er Jahre war die Textilindustrie dort ein starker Wirtschaftszweig; heute hingegen führt sie nur noch ein Nischendasein. Fabrikbauten und Werkstätten wie die ehemalige Anlage an der Slotstraat zeugen von dieser stadtprägenden Vergangenheit.

Einteilung in zwei Zonen

Das rund 18 x 18 m große, zweigeschossige Fabrikgebäude an eben jener Adresse wurde Anfang der 1920er Jahre errichtet, weiß der ortsansässige Architekt Pascal François zu berichten. Er machte sich im Auftrag eines befreundeten Paares Ende 2017 ans Werk, das Gebäude, das zwischenzeitlich als Lager genutzt wurde, als deren Hauptwohnsitz in ein großzügiges Stadthaus zu transformieren. Der Weg dahin verlief aber nicht geradlinig. So waren die beiden Eheleute bereits über mehrere Jahre hinweg auf der Suche nach einem Standort für eine neue Bleibe gewesen. Ursprünglich hatten sie vor, sich einen Neubau errichten zu lassen oder ein neues Penthouse zu erwerben. Schließlich wurden die beiden durch Zufall auf die ehemalige Textilfabrik aufmerksam. Im Herbst 2019, ein Jahr nach Baubeginn, zog das Paar, das selbst im Baugewerbe tätig ist und an der Ausführung beteiligt war, in die Slotstraat 12 ein.
»Was wir bei unserem ersten Ortsbesuch zu Gesicht bekamen, war ein mit allerlei Gerümpel vollgestelltes Bauwerk ohne Fenster, und das EG lag unter einer sehr massiven Stahlbetonstruktur – zu niedrig, um daraus einen bewohnbaren Raum zu schaffen«, erinnert sich der Architekt. Andere Voraussetzungen fand er in der darüberliegenden Ebene vor: Diese zeigte sich stützenfrei und wurde von einem Sheddach mit filigranem stählernen Tragwerk überspannt. »Bauen im Bestand bedeutet erst einmal, die vorhandene Substanz zu ›lesen‹. Ich entwickelte die Idee, das Haus in zwei funktionell getrennte Zonen einzuteilen. Auf Straßenebene unter der massiven Betonstruktur befindet sich die sogenannte Night Zone mit intimen Schlaf- und Privaträumen, auf der lichten oberen Ebene die Day Zone bzw. der eigentliche Loft bzw. Wohnraum.«

Licht als gestalterisches Leitmotiv

Um an Raumhöhe zu gewinnen, ersetzte er den bestehenden inneren Kern durch ein neues Stahlbetontragwerk und hob das Niveau der Decke über dem EG an. Das Dachtragwerk, eine stählerne Fachwerkkonstruktion, blieb in seiner Grundstruktur erhalten. Wie in Industriehallen üblich, orientieren sich hier die Öffnungen nach Norden, um den Raum gleichmäßig und schattenfrei auszuleuchten. Transparente wie auch geschlossene Dachflächen erneuerte François und passte sie den energetischen und akustischen Erfordernissen an, die sich durch die Nutzungsänderung ergeben hatten.

Natürliches Licht erhält die Night Zone über zwei neu in das Volumen integrierte Innenhöfe, einer an der östlichen Gebäudeecke, ein zweiter schräg gegenüberliegend. Auf dieser Bauwerksseite bildete der Architekt im OG auch eine knapp 3,5 m tiefe Terrasse aus. Hierfür wurde das Dach geöffnet und drei der bestehenden Sekundärträger gekappt. In die Bodenplatte ließ er zur Belichtung des darunterliegenden Bades runde Oberlichter ein.

Im Spannungsfeld der Kontraste

Eine fast vollständig öffenbare Glasschiebewand und ein durchgängiger Bodenbelag lassen Außen- und Innenraum des Lofts miteinander verschmelzen. Gefertigt ist der Boden aus 16 cm langem, 8 mm breitem und 24 mm dickem Stabparkett aus Eichenholz – schwarzgefärbt, steht es in Kontrast zu den hellen Tönen von Decke und Dachfachwerk. »Es ist nicht die Art von Boden, die wir an diesem spezifischen Ort gefunden haben, aber durchaus an anderen Industrieanlagen in Gent und Aalst. Wir wollten ein robustes Material und damit an den ursprünglichen Nutzen des Gebäudes anknüpfen«, so der Architekt. In gleicher Weise zeigen sich auch die Oberflächen von Wandeinbauten, Eingangstür und der als Privatkino genutzten Black Box in der Mitte des Lofts. Allerdings hat das Holz hier eine andere Textur; es wurde sandgestrahlt – »2 mm tief, so, dass man die Adern des Holzes sieht«, stellt François klar. Im EG kontrastieren die dunklen Flächen zu einem Bodenbelag aus hellem, glattem Putzmörtel und Decken und Stützen aus Sichtbeton. Licht ist auch in diesem Teil des Gebäudes das wesentliche Gestaltungselement. Ausformuliert hat es der Architekt als eingelassene LED-Linien in Wänden und Decken, fokussierte Kegel aus Strahlern und als natürlich-weiches indirektes und teilweise durch Vorhänge gefiltertes Zenitlicht. Im tageslichtlosen Teil des Nachtbereichs liegt der »Man Cave«, ein Weinlager mit Bartheke und der vielleicht privateste Raum im ganzen Haus.

Die Frage nach dem Wesen der Dinge

François‘ Architektur spricht eine Sprache der Gegensätze von hell und dunkel, offen und geschlossen, schwer und leicht. Darüber hinaus drängt sich eine weitere Lesart auf, die der Frage nach der Wahrnehmung bzw. des Wesens der Dinge zwischen Schein und Sein: Verblendet sind die Umfassungsmauern mit einem neuen, aber für die Region typischen, stark strukturierten Ziegelstein – er erinnert an eine einst blühende, heute verblichene industrielle Vergangenheit. Ein weiteres Beispiel: Im östlichen Innenhof wurde der stählerne Fachwerkträger von außen komplett mit dämmenden Aluminiumverbundplatten umhüllt. Dies war zwar notwendig, um Kältebrücken zu reduzieren, die der Träger als durchgehendes Bauteil darstellt. Allein die Funktion zu erfüllen war dem Architekten aber nicht genug: »Ich wollte, dass man in einen offenen, blauen Himmel sieht. Das Aluminium haben wir deshalb hochglanzpoliert, sodass es wie ein Spiegel wirkt.« Die Tragkonstruktion verschwindet damit als solche vollständig im Sichtfeld – nur wer es weiß, erkennt, dass hier eine optische Täuschung vorliegt. Im gleichen Sinnzusammenhang ist auch die illusionistische Wandmalerei im dunklen EG zu interpretieren, die den Betrachter ob der realistischen Darstellung einer Parkgarage in die Irre führt. In die andere Richtung blickend, schaut er in einen langgestreckten, anderthalb Geschosse hohen Raum. Den Baukörper hatte François neu hinzugefügt, um den Bestand an die Straße anzubinden und um einen repräsentativen und sicheren Ort zu schaffen, an dem der Bauherr seine wertvollen Wagen parken kann. Getrennt werden Hauptbau und neues Volumen durch ein großes, schweres Tor. Mit Riemchen bekleidet, täuscht es eine echte Mauer vor. Verschlossen und verschwiegen erscheint auch die mit schwarzen Holzlamellen beplankte Straßenfront. Sie ist die einzige sichtbare Fassade der Slotstraat 12 – fensterlos und anonym.


Standort: Slotstraat 12, B-9300 Aalst
Bauherr: privat
Architekten: Pascal François Architects, Aalst (B)
Tragwerksplanung: UTIL – Frans Leenaerts, Schaerbeek (B)

Beteiligte Firmen:
Heizungsanlage: Heizkessel mit Brennstoffzelle, Viessmann, Allendorf, www.viessmann.de
Heizkörper: Design-Radiator, Vola, Horsens, www.vola.com
Küchenarbeitsplatte: Corian und Eiche, Corian, www.corian.de

 

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