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Fahrrad-und Fußgängerbrücke »Lille Langebro« in Kopenhagen (DK), WilkinsonEyre

Elegante kleine Schwester
Fahrrad-und Fußgängerbrücke »Lille Langebro« in Kopenhagen (DK)

In einer lang gezogenen Kurve schwingt sich die »Lille Langebro« über den Kopenhagener Innenhafen. Mit  der Fahrrad- und Fußgängerbrücke haben WilkinsonEyre und BuroHappold ein äußerst elegantes Bauwerk verwirklicht, das sich harmonisch in seine  Umgebung einfügt.

Architekten: WilkinsonEyre
Tragwerksplanung: BuroHappold

Kritik: Julia Wäschenbach
Fotos: Rasmus Hjortshøj – COAST

Dünn wie eine Rasierklinge verbindet die Lille Langebro die beiden Seiten des Innenhafens miteinander. Aufgrund der Schlankheit ihrer Konstruktion und ihrer geschwungenen Form inszeniert die Fahrrad- und Fußgängerbrücke den Blick von der Kopenhagener Verkehrsader Vester Voldgade, die vom Rathaus in Richtung Wasser führt, auf den Stadtteil Christianshavn auf der anderen Seite des Innenhafens, und haucht der vormals einigermaßen brachliegenden Gegend Leben ein. In einer sanften Kurve soll die 160 m lange Brücke zudem den Stadtwall, der sich auf der Christianshavner Seite am Wasser entlang schlängelt, optisch fortsetzen.

Die beiden Hauptträger sind als dreieckige Stahlhohlkastenprofile ausgebildet. Während sie an den beiden Brückenenden jeweils mit einem liegendenDreiecksprofil beginnen richtet sich das Dreieck zur Brückenmitte hin in einer geschwungenen Kurve zunehmend auf. Diese flache Konstruktion und die damit verbundene Öffnung des Blicks für Radfahrer und Fußgänger macht die Lille Langebro einzigartig, stellte aber auch eine Herausforderung dar; dies, zumal die Durchfahrt sowohl für kleinere Freizeitboote als auch für große Schiffe in dem vielbefahrenen Innenhafen möglich sein muss. Letzteres erforderte den Einbau zweier drehbarer Brückensegmente. »Die schlanke Formgebung haben wir durch eine neuartige Koppelung der drehbaren Segmente erreicht«, erklärt Ingenieur Simon Fryer vom BuroHappold, Projektpartner von WilkinsonEyre. »Mit Hydraulikzylindern werden sie fest zusammengeklemmt. Das bedeutet, dass sich die Brücke bei geschlossener Position so verhält, als ob sie eine durchgängige Tragstruktur hätte.« Ohne diese Lösung hätte das Tragwerk wesentlich stärker dimensioniert werden müssen.

Entlastung der »grossen Schwester«

Gedacht ist die ca. 12 Mio. Euro teure Lille Langebro als Ergänzung und Entlastung der »großen Schwester« Langebro, einer parallel verlaufenden, stark befahrenen Brücke, die neben Kraftfahrzeugen bis vor Kurzem noch täglich 40 000 Fahrräder passierten. Einen Teil hat die Lille Langebro inzwischen übernommen: Laut dem Bauherrn, der privaten dänischen Stiftung Realdania, überqueren seit Juli 2019 durchschnittlich rund 11 300 Fußgänger und Radfahrer das Bauwerk. Für Erstere ist ein 3 m breiter Fußweg vorgesehen, für Letztere ein 4 m breiter Fahrradweg, der in zwei Spuren unterteilt ist.

Mit seinem Entwurf für die »kleine« Langebro setzte sich 2015 das britische Büro WilkinsonEyre in einem von der Stiftung Realdania ausgeschriebenen Wettbewerb gemeinsam mit dem für die Tragwerksplanung zuständigen Ingenieurbüro BuroHappold gegen vier Konkurrenten durch. Die Expertise der Architekten im Brückenbau hat nicht nur ihnen selbst dabei geholfen, mit dem Konzept zu überzeugen, sondern auch den Ingenieuren von BuroHappold die Zusammenarbeit erleichtert. »Anders als bei einem Gebäude muss man als Architekt viel darüber wissen, wie eine Brücke konstruiert wird, um sie entwerfen zu können«, sagt Simon Fryer.

Alternativen zu der Stahlkonstruktion gab es für WilkinsonEyre nicht: Beton wäre viel zu schwer gewesen, Holz zu witterungsempfindlich. »Neue Technologien machen es einfacher, Stahl so zu formen, dass man selbst diese sehr eleganten Kurven realisieren kann«, sagt Jim Eyre, Mitgründer und Direktor von WilkinsonEyre.

Skandinavisches Design als Vorbild

Beim Entwurf der Stahlbrücke haben sich die Architekten die Grundzüge des klassischen skandinavischen Designs zum Vorbild genommen. »Wir haben die Brücke nicht als etwas Muskulöses, Kräftiges vor uns gesehen«, sagt Jim Eyre. »Ein großer Teil des dänischen Designs ist sehr simpel und elegant. Wir wollten der Brücke mit der Kurve einen solchen eleganten Ausdruck verleihen, fast wie den einer Messerklinge.«

Um das klare, geschwungene Design, das der Brücke seine Leichtigkeit verleiht, zu unterstreichen, wurden die Stahloberflächen der Brücke ausschließlich in Weiß gehalten. Das Sonnenlicht und dessen Reflexionen auf dem Wasser schaffen ein Farbspiel, das sich verändert, je nachdem, von welcher Seite das Licht auf die Brücke fällt. Im Kontrast dazu sind die vier Brückenpfeiler in Dunkelgrau gehalten, »um ihre visuelle Wirkung zu minimieren und die fließenden Linien der Brücke weiter zu betonen«, wie WilkinsonEyre erklärt.Während die Stahlbeton-Brückenpfeiler vor Ort entstanden sind, wurde der gesamte Überbau der Lille Langebro in einer Fabrikhalle in Rotterdam gefertigt und auf dem Seeweg nach Kopenhagen transportiert. »Ein riesiger Kran kam zum Einsatz, um die Brücke einzuheben«, sagt Ingenieur Simon Fryer. »Die meisten Teile waren dabei schon zusammengebaut, bevor sie angeliefert wurden, sodass die Montage vor Ort möglichst wenig Zeit in Anspruch nahm.« Das hatte u. a. den Vorteil, dass der Schiffsverkehr im Innenhafen während der Errichtung der Brücke minimal behindert wurde.

Überraschendes Element

Ganz natürlich fügt sich die Brückenkonstruktion heute in ihre Umgebung ein. Mit der Lille Langebro schaffen die Planer den optischen Eindruck einer in einem Stück konstruierten Stahlbrücke, die auf beiden Seiten fließend in das bestehende Wegenetz übergeht und bei der sich nicht auf den ersten Blick erschließt, wie sie größere Schiffe passieren lassen kann. »Ich finde dieses überraschende Element wunderbar – man erkennt nicht auf Anhieb, dass die Brücke sich öffnen lässt, bis es dann geschieht«, sagt Jim Eyre. Nähert sich ein größeres Schiff, drehen sich die beiden Brückensegmente, die auf den beiden mittleren Pfeilern gelagert sind, um 90 ° und lassen es passieren.

Eine wichtige Rolle für die Stiftung Realdania, die das Bauwerk der Kommune Kopenhagen »geschenkt« hat, spielte die Einbindung des 2018 eröffneten BLOX-Gebäudes, das u. a. das dänische Architekturzentrum (DAC) beheimatet. Ihm zu Füßen ist nun auch ein neuer Ort in der Stadt entstanden, der zum Verweilen einlädt und nicht nur zum Durchqueren taugt. »Wenn man eine Brücke interessant macht und ihr eine attraktive Form gibt, dann wird sie zu einem Treffpunkt, vielleicht sogar zu einem Ziel«, sagt Jim Eyre. Gleichzeitig unterstreicht Kopenhagen mit der Lille Langebro seinen Ruf als fahrradfreundliche Hauptstadt in Europa, in der in den vergangenen Jahren gleich mehrere Fahrradbrücken über das Wasser entstanden sind – wie z. B. die 2014 eröffnete Cykelslangen, entworfen von Dissing + Weitling.

Mit der Lille Langebro ist WilkinsonEyre und BuroHappold ein Bauwerk gelungen, das mit seiner hohen ästhetischen Qualität und Funktionalität auf die ganze Umgebung ausstrahlt. Das innovative Tragwerkkonzept macht dabei die ausgesprochene Leichtigkeit der Lille Langebro erst möglich.


Foodtrucks auf der einen Seite, sonnenbadende Kopenhagener auf der anderen: Beim Spaziergang über die Lille Langebro war unsere Kritikerin Julia Wäschenbach überrascht, wie viel Leben die Fahrrad- und Fußgängerbrücke der Gegend eingehaucht hat.


  • Standort: Lille Langebro, DK-Kopenhagen
    Bauherr: Realdania By & Byg, Kopenhagen
    Architekten: WilkinsonEyre, London
    Tragwerksplanung: BuroHappold, Bath
    Geotechnikplanung: NIRAS, Allerød
    Brückenmechanikplanung: Eadon Consulting, Rotherham
    Landschaftsarchitektur: Urban Agency, Kopenhagen
    Lichtplanung: Speirs and Major, London
    Abmessungen: 160 m Länge, 7 m Breite, 5,4 m Durchfahrtshöhe in der Mitte, bei gedrehten Brückensegmenten 35 m Durchfahrtsbreite mit unbegrenzter Durchfahrtshöhe
    Baukosten: keine Angaben
    Wettbewerbsgewinn: Juli 2015
    Bauzeit: April 2017 bis Juli 2019
    Beginn der Stahlbauvorfertigung: 2017
    Fertigstellung: Juli 2019
  • Beteiligte Firmen:
    Bauunternehmen: Kooperation von Mobilis Danmark, Kopenhagen (Betonbau), Hollandia Infra, Krimpen aan den IJssel (Stahlbau) und SHGroup (Brückenmechanik)

WilkinsonEyre


Jim Eyre

Architekturstudium an der University of Liverpool, 1980 BA und an der AA, London, 1983 MA. 1986 Mitarbeit bei Chris Wilkinson, 1987 Büro mit Chris Wilkinson. 1997–98 Gastprofessur am IIT, Chicago. 2003-04 Gastprofessur an der Harvard-University. Gastvorträge u. a. in Yale, Berkeley und am Bauhaus, Weimar. 2009 Ehrendoktorwürde an der University of Liverpool.


BuroHappold


Simon Fryer

Bauingenieurstudium an der Southampton University, 1989 MA. Mitarbeit bei G. Maunsell and Partners, London und Hongkong. Seit 2001 Mitarbeit bei BuroHappold. Fachpublikationen. Gastvorträge an der University of Bath.

 


Julia Wäschenbach

Studium der Journalistik an der TU Dortmund und der Universität Stockholm, 2011 Diplom. 2013-18 Skandinavien-Korrespondentin der dpa. Seit 2019 freie Journalistin in Skandinavien, schreibt u. a. Analysen, Reportagen, Magazin-Geschichten, Interviews und Porträts.

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