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Europäisches Denkmalschutzjahr 1975

… in die Jahre gekommen
Europäisches Denkmalschutzjahr 1975

Eine nach dem Krieg jahrelang geduldete Abrisswut historischer Bausubstanz führte in den siebziger Jahren zu einer Gegenbewegung, die 1975 im Denkmalschutzjahr mündete. Was vor dreißig Jahren so hoffnungsvoll begann und bis in die neunziger Jahre auch zu erfreulichen Ergebnissen führte, droht heute dem allgemeinen Sparzwang zum Opfer zu fallen.

After the war a frenzy of demolishing historic buildings was tolerated for years until in the 1970s a countermovement culminated in the Architectural Heritage Year of 1975. What was begun thirty years ago with great hope, achieving good results well into the 1990s, is today to a large extent victim of the general shortage of funds.

Text: Ulrike Wendland

Liest man heute in den zeitgenössischen Büchern, Aufsätzen, Zeitschriften- und Zeitungsartikeln der siebziger Jahre zum Thema Denkmalpflege und Stadterneuerung, so beeindrucken die Ausführlichkeit, der Tiefgang und die Leidenschaft der Debatten. Auffällig ist, wie selbstverständlich manche Denkmalpfleger und Planer nicht nur die Situation unserer Denkmale und Altstädte, sondern auch noch die Verteilung des Kapitals verändern wollten. Doch wurden in jenen Jahren theoretische und methodische Grundlagen erarbeitet, die heute als selbstverständlich gelten.
Das Europäische Denkmalschutzjahr markiert den Beginn »moderner« Denkmalpflege in Westdeutschland. Methodisch und theoretisch wurde an die um 1900 erarbeiteten Standards einer theoriegestützten, wissenschaftlich fundierten Denkmalpflege angeknüpft. Der Denkmalbegriff, der das Denkmal als Geschichtszeugnis versteht, wurde endlich konsequent angewandt. Das sich wandelnde Geschichtsverständnis ließ auch die Artefakte der Industriekultur und Alltagsgeschichte, die Bauten des 19. und 20. Jahrhunderts, denkmalwürdig werden. Eine ganzheitlichere Betrachtungsweise der überlieferten gebauten Umwelt setzte sich durch: Der Ensembleschutz bekam einen deutlich höheren Stellenwert, die Integration denkmalpflegerischer Ziele in die Stadtplanung und -sanierung begann.
In den einzelnen Bundesländern wurden Denkmalschutzgesetze erlassen. Durch den drei- oder vierstufigen Aufbau der Denkmal- behörden gelang es, Kommunen, Kreise und die Länder an den Genehmigungs- und Beratungsprozessen zu beteiligen. Fördermittel wurden in merkbaren Mengen für die Denkmalpflege zur Verfügung gestellt – als direkte Zuschüsse, im Rahmen der Städtebauförderung und Dorferneuerung oder aus Sonderprogrammen. In den Denkmalbehörden wurde das Personal aufgestockt und zunehmend besser qualifiziert. Denkmalpflege war ein interdisziplinäres Arbeitsfeld von Kunsthistorikern, Volkskundlern, Historikern, Bauforschern, Naturwissenschaftlern, Archäologen, Restauratoren, Planern, Architekten und Handwerkern geworden.
Die Denkmalpflege verließ ihre elitäre Insel und öffnete sich gegenüber der Gesellschaft, den Bürgerinitiativen, der Politik und der Stadtplanung. Es waren diese Kräfte von außen, der gesellschaftliche Druck und die in die Ämter eintretende junge Konservatorengeneration, die nach und nach die konservativen, auf das »erhabene« Einzeldenkmal konzentrierten Leitbilder der Amtsdenkmalpflege veränderten.
Die Abrisswelle in den Altstädten und gründerzeitlichen Stadterweiterungen verlangsamte sich – was weniger ein Verdienst der Denkmalpflege war als vielmehr eines entschlossener Planer, Bürger und Politiker. In dieser Zeit begann auch die Übernahme bürgerschaftlicher Verantwortung für das kulturelle Erbe und die überkommene Umwelt, setzten sich Protest und ziviler Ungehorsam als Methode durch, be- stimmte Erhaltungsziele zu erreichen. Der Widerstand gegen rücksichtslose Planung, Immobilienspekulation und die Zerstörung von Milieus wurde ein Thema – übrigens parallel zum Widerstand gegen die Vergiftung und Zerstörung der natürlichen Umwelt.
Bilanz 2005 Dreißig Jahre nach 1975 kann sich die Bilanz der Denkmalpflege sehen lassen. Vor allem gibt es viele gerettete und hervorragend in Stand gesetzte, revitalisierte und auch umgenutzte Denkmale, Ensemble und ganze Altstadtkerne. Bei der Voruntersuchung und Bauforschung, bei der denkmalgerechten Instandsetzung, beim neuen Bauen in alter Umgebung und Weiterbauen am Denkmal sind die Standards deutlich gestiegen. Viele Bundesländer haben die Erfassung, Ausweisung und Unterschutzstellung der Denkmale weit vorangetrieben. Das Projekt Denkmaltopografie hat zwar nicht das gesteckte Ziel erreicht, dennoch sind beachtliche Ergebnisse erarbeitet worden. Wir haben inzwischen ein Netzwerk Denkmalpflege aus amtlichen und ehrenamtlichen Kräften, das sich um die Denkmallandschaft kümmert. Dazu gehören auch die Stiftung Denkmalschutz und weitere Stiftungen mit ähnlichen Zielen.
Eine vielfältige Öffentlichkeitsarbeit auch durch die amtlichen Institutionen informiert das Publikum über die Belange von Denkmalschutz und -pflege. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, ursprünglich gegründet, um die deutschen Aktivitäten für das Denkmalschutzjahr vorzubereiten, kümmert sich seitdem um Öffentlichkeitsarbeit auf Bundesebene. Und der Tag des offenen Denkmals verzeichnet von Jahr zu Jahr steigende Besucherzahlen.
Es gibt Förderprogramme von Kommunen, Ländern und vom Bund sowie von der Stiftung Denkmalschutz. Steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für Erhaltungsmaßnahmen an Denkmalen erleichtern zumindest einem Teil der Denkmaleigentümer die Lasten.
In den Ämtern arbeiten gut ausgebildete Konservatoren und Konservatorinnen, auf dem freien Markt gibt es zahlreiche Bauforscher und auf Denkmalpflege spezialisierte Architekten, ebenso Restauratoren und Handwerker mit profunden Vorbildungen und Erfahrung. Wir haben ein institutionalisiertes Netzwerk spezialisierter Naturwissenschaftler. Und selbst Baustoffhersteller bemühen sich, denkmalgerechte Produkte zu entwickeln und zu verbessern. Nicht wenige der Forderungen, die in den Siebzigern zu Recht erhoben wurden, gingen nach und nach in Erfüllung.
Und heute? Trotz der geschilderten Erfolge ist die Denkmalpflege in Deutschland in einer schwierigen Situation. Die wirtschaftlich angespannte Lage, die Baukrise wirken sich natürlich auf die Investitionsbereitschaft in denkmalgeschützte Immobilien negativ aus. Die demografische Entwicklung, schrumpfende Städte, viele Leerstände nicht nur in den ostdeutschen Ländern machen die Situation nicht einfacher. Denkmalschutzgesetze und Landesbauordnungen werden im Rahmen allgemeiner Deregulierungsbemührungen abgeschwächt. In der Folge sinken die Eingriffsmöglichkeiten amtlicher Denkmalpflege. Organisationsstrukturen werden so verändert, dass die politische Einflussnahme auf denkmalfachliche Entscheidungen steigt. Personal in Denkmalbehörden wird abgebaut – und die Kürzungen sind oft überproportional im Vergleich zu anderen Behörden. Stand die Quantität der Aufgaben schon immer in einem Missverhältnis zum vorhandenen Personal, so reicht es jetzt vielerorts nicht mal mehr zum Notbetrieb. Denkmalschutz und -pflege werden dadurch zum Ärgernis – denn nicht nur die Denkmale, sondern vor allem ihre Eigentümer haben ein Recht auf Betreuung, auf die Dienstleistung Denkmalpflege. Gute Denkmalpflege ist nicht arrogantes Hineinregieren in Vorhaben, sondern geldwerte Beratung durch erfahrene Spezialisten. Denkmalbehörden mit Personaldefizit sind störender für die Eigentümer und die anderen Partner der Denkmalpflege als starke Institutionen. Fördermittel für Maßnahmen an Denkmalen werden zusammengestrichen oder ganz eingestellt. Der materielle und psychologische Anreiz für Eigentümer, denkmalpflegerischen Mehraufwand zu leisten, sinkt damit automatisch.
Unser Image bröckelt. Viele Bürger und Politiker sind nicht gut auf den Denkmalschutz zu sprechen – sei es aus der Verallgemeinerung einzelner negativer Erfahrungen mit Denkmalpflege, sei es aufgrund von Vorurteilen. Der Vorwurf ist oft, dass die Denkmalpflege die freie Entfaltung vieler Bauprojekte und damit die wirtschaftliche Entwicklung verhindere. Außerdem seien denkmalfachliche Auflagen zu einschränkend, zu kostspielig und ohne Erstattung des Mehraufwandes nicht zumutbar. Die Denkmalzahlen seien zu hoch und müssten dringend reduziert werden. Und viele Denkmale seien zu jung, zu banal oder zu hässlich. Besonders an den denkmalwürdigen Nachkriegsbauten kristallisiert sich der Unmut.
Die öffentliche Meinung ist geteilt. Einerseits gibt es großen Zulauf beim Tag des offenen Denkmals oder vergleichbaren Veranstaltungen (bei Umfragen über den Stellenwert von Denkmalschutz und -pflege werden traumhafte Zustimmungswerte erreicht), andererseits regiert bei Politikern wie Bürgern nicht selten das Prinzip – »schon, aber nicht bei uns«, wenn es um Denkmalschutz im eigenen Umfeld oder im Eigentum geht.
Die Verlustrate an Denkmalen ist im steilen Anstieg, weil nicht mal mehr Fördermittel wenigstens zu ihrer Sicherung zur Verfügung stehen oder weil die wirtschaftliche Unzumutbarkeit des Erhaltes leicht nachgewiesen werden kann. Die demografische Entwicklung tut – nicht nur im Osten – ein Übriges. Zugleich gehen Steuermillionen in Projekte der touristischen Inszenierung und Ortsbildpflege, bei denen es nicht um historische Authentizität geht, sondern um Stimmungs- und Erlebniswerte. Rekonstruktionsprojekte wie das Potsdamer Stadtschloss finden spielend leicht die Unterstützung der Politik, der Sponsoren und privater Spender.
Seit dem Erstarken der Denkmalpflege und der erhaltenden Stadterneuerung in den Siebzigern ist in den Städten und Dörfern viel banale, historisierende Anpassungsarchitektur entstanden. Der Plan, das 1960 abgerissene Braunschweiger Schloss als Einkaufszentrum wieder erstehen zu lassen, ist gewiss eines der krassesten Beispiele für diese Fehlentwicklung. Dies war eine der ungewollten Folgen des Aufbruchs um 1975. Es sind aber nicht diese geschilderten Gründe allein, die die schwierige Positionen der Denkmalpflege in der sich wandelnden Gesellschaft bedingen. Auch die Institutionen der Denkmalpflege haben einen Anteil an manchen Fehlentwicklungen und ihrem negativen Image: Manche Projekte sind stecken geblieben, zum Beispiel die Denkmaltopografie Deutschland. Dabei ist die Vermittlung der Denkmalwerte an das breite Publikum A und O der Akzeptanz. Fehlende Aufklärung über Denkmalausweisungen gegenüber Eigentümern und Kommunalpolitikern erzeugen das Gefühl des Ausgeliefertseins und der amtlichen Willkür. Dass stellenweise die Denkmalausweisungen quantitativ und inhaltlich übertrieben wurde, sollte korrigiert werden. Allerdings braucht es dazu keine Klassifikationsmodelle, sondern vernünftige Revisionen der Denkmallisten.
Die Denkmalwerte ganzer Epochen und Gattungen sind nach wie vor schwer vermittelbar. Große Teile der Gesellschaft und ihrer Repräsentanten haben weiterhin einen Denkmalbegriff, nach dem die zu schützenden Artefakte alt, schön und erhaben sein müssen. Eine Hochofenanlage, ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, die Schule aus den sechziger Jahre fallen in der kollektiven Bewertung aber nicht unter alt, schön und erhaben. Uns Denkmalpflegern ist es bislang nur unzureichend gelungen, für diese schwierigen Denkmale auch die emotionale Unterstützung zu finden. Manchen Akzeptanzproblemen liegen Kommunikationsdefizite zwischen amtlicher Denkmalpflege und ihren Adressaten zugrunde. Das Selbstverständnis als Beratungsinstitution ist steigerbar. Dies gilt auch für die Kooperation mit der ehrenamtlichen Denkmalpflege und den Bürgerinitiativen – schließlich sind diese seit 200 Jahren die wichtigsten Motoren und Multiplikatoren für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes.
Die denkmalpflegeinterne Debatte um Leitbilder und Ziele und die Rolle in der gewandelten Gesellschaft wird nicht (mehr) geführt. Das ist gefährlich, weil dreißig Jahre nach dem Aufbruchsjahr der Denkmalpflege deutliche Warnsignale registrierbar sind. Desinteresse oder gar Überdruss in der öffentlichen Meinung und in der Politik gegen amtliche Denkmalpflege und ihre Leitbilder gefährden die Institution erheblich – obwohl die Pflege des kulturellen Erbes in den meisten Ländern sogar in der Verfassung festgeschrieben ist. Derzeit riskieren wir alle miteinander, Politiker, Ministerialverwaltungen, Kommunen und Amtsdenkmalpfleger, das seit 1975 Erreichte leichtfertig zu verspielen.
Wir Denkmalpfleger müssen die Zielstellungen der siebziger Jahre teilweise korrigieren, um uns und der Gesellschaft, für die wir arbeiten, nicht weiterhin unerreichbare Ziele zu definieren. Doch auch die Politiker sollten sich ihrer Verantwortung für die historischen Artefakte und die Erscheinung unserer Städte und Dörfer wieder bewusster werden. Denkmalpflege ist Teil der Baukultur. Die sorgsame Pflege des Bestandes ist ein Akt der Nachhaltigkeit. In Zeiten der Globalisierung sind es gerade die unverwechselbaren Ortsbilder, ist es die authentische Substanz, die Orte auch als Wirtschaftsstandorte attraktiv machen. Und auch in Schrumpfungsprozessen sollten die Denkmale die Anker sein und nicht schnell zu entsorgende Schandflecken. Das Europäische Denkmalschutzjahr war eine Reaktion auf die schmerzlichen Verlusterfahrungen am kulturellen Erbe. Hoffentlich ist ein neuer Aufbruch zu schaffen, ohne dass erst wieder dramatische Verluste an unwiederbringlichen Bauten zu verzeichnen sind!
U. W.
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