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Auf Sand gebaut

Hochwasserschutz in der Hafencity
Auf Sand gebaut

Riesige Sandberge auf der HafenCity-Baustelle zeugen von den besonderen Bedingungen eines Stadtentwicklungsgebietes, das bis vor Kurzem noch bei jeder Sturmflut unter Wasser stand. Anstatt Hamburgs Hauptdeich bis an die südlichen Kais der HafenCity zu verschieben, wird das Gelände mit großem Aufwand über die kritische Marke von 7,50 Metern über Normalnull aufgeschüttet und so flutsicher gemacht.

Text: Thies Schröder

Schon vor 2000 Jahren, lange vor dem Bau erster Deiche, schützten sich Küstenbewohner mit Warften vor dem Hochwasser, was der römische Chronist Plinius so beschrieb: »In großartiger Bewegung ergießt sich … zweimal im Zeitraum eines jeden Tages und einer jeden Nacht das Meer über eine unendliche Fläche und offenbart einen ewigen Streit der Natur in einer Gegend, in der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört. Dort bewohnt ein beklagenswertes Volk hohe Erdhügel, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind.« Von einem beklagenswerten Volk im Einfluss der Tide kann in Hamburg nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Die Wasserlage Hamburgs ist ein eindeutiger Standortvorteil. Der Hafen ist trotz seiner Entfernung zur Nordsee bis heute der wichtigste Seehafen Deutschlands. Und er ist weiterhin tideabhängig. Sperrwerksbauten, wie wir sie an der Themse zum Schutz Londons oder an der Maas zum Schutz Rotterdams kennen, sind im Hamburger Hafen nie errichtet worden. Stattdessen geht es darum, die Elbe für die Hochseeschifffahrt bis hinauf nach Hamburg nutzbar zu halten. Die HafenCity, die im Elbtal entsteht, muss daher auf den täglichen Tidehub ebenso wie auf außergewöhnliche Sturmfluten vorbereitet sein.
Wie also kommen Bewohner und Besucher, etwa der geplanten Elbphilharmonie, bei jeder Wasserlage in die HafenCity und aus dieser heraus? Oder fallen Konzerte und Geschäfte bei Sturmflut einfach aus?
Insel Hafencity
»Der wichtigste erste Schritt waren die Brücken«, erläutert Projektmanager Jürgen Rux, der im Team der HafenCity Hamburg GmbH für die Infrastrukturentwicklung zuständig ist. »Stellen Sie sich eine Verbindung zwischen Inseln und dem Festland vor. Das Festland ist die Innenstadt Hamburgs, größtenteils auf dem Geestrücken errichtet und von einem Deich gegen die Fluten der Elbe gesichert. Dieses Festland haben wir mit den Inseln, den nun umgenutzten Hafenanlagen, durch Brücken verbunden. Erst durch diese dauerhaft nutzbaren Rettungswege konnte mit dem Bau der HafenCity begonnen werden.« ›
› Zu Beginn der Gesamtplanung war erwogen worden, die Hauptdeichlinie an die südliche Kante des Geländes zu verschieben. Doch hätte dies die Realisierung der HafenCity um Jahrzehnten verzögert. Denn um ein sicheres Bauen zu gewährleisten, hätte vor dem ersten Spatenstich der gesamte Deich verlegt sein müssen. Eine abschnittsweise Entwicklung der Quartiere wäre unmöglich gewesen. So blieb nur die Aufschüttung der ehemaligen Kaianlagen von 5,50 Metern über Normalnull auf 7,50 Meter. Eine Höhe, die auf Berechnungen des für Hochwasserschutz zuständigen Landesbetriebes Straßen, Brücken und Gewässer zurückgeht. Seit 1985 passt dieser seine Berechnungen zu den sogenannten »Hundertjährigen Hochwasserereignissen« immer wieder den prognostizierten Anstiegen der Meeresspiegel an. Mit einer Hauptdeichlinie von 7,50 Metern Höhe wähnt man sich also auch für die fernere Zukunft auf der sicheren Seite. Zum Vergleich: Das verheerende Hochwasser von 1962, das bis heute als eines der einschneidenden Ereignisse der Stadtgeschichte gilt (ein Sechstel der Stadt wurde überflutet und 315 Menschen starben), erreichte eine Höhe von 5,10 Metern über NN. Der höchste bisher in Hamburg gemessene Pegelstand am 3. Januar 1976 betrug 6,45 Meter über NN. Für die HafenCity wäre eine Sturmflut dieses Ausmaßes heute kein Problem, während die Speicherstadt und auch andere Hafengebiete unter Wasser stünden. Die letzte Sturmflut ereignete sich im November 2007 schon während der Bauphase der HafenCity. 5,40 Meter über NN meldete die Einsatzzentrale. Die Bauunternehmen waren auf eine solche Situation vorbereitet und konnten rechtzeitig reagieren.
Die Bauten selbst haben ein Erdgeschossniveau von 8 Metern über NN. Mit einer Handskizze verdeutlicht Bauingenieur Jürgen Rux das Prinzip: Die Straßenräume des neuen Stadtteils bilden quasi das stabile Rückgrat, an das sich die Bauten andocken. Links und rechts der Straßen gleichen die Tiefgaragen den Niveauunterschied zwischen der ursprünglichen Geländehöhe und der aufgeschütteten Straße aus. Die Garagen und Funktionsräume werden in diesem Fall nicht in die Tiefe, sondern quasi zu ebener Erde auf den bisherigen Kais erbaut, wobei sie ähnlich wie Tiefgaragen als Weiße Wannen ausgeführt werden. Die Gründungskosten für die Bauten der HafenCity entsprechen dabei denen im übrigen Innenstadtgebiet Hamburgs, wo in der Regel ebenfalls eine Tiefgründung notwendig ist. Zusammen mit den späteren Straßen bilden diese Unterbauten eine hochwassersichere Infrastruktur.
Schnelle Gründung durch Sandmanagement
Um einen schnellen Baufortschritt zu gewährleisten, nutzen die HafenCity-Ingenieure eine Bautechnik, die sich schon in den Niederlanden und auf der Baustelle der Airbus-Werkserweiterung im Mühlenberger Loch bewährt hat. Die Straßenflächen werden mit Sand überschüttet, bis eine Höhe von etwa 10 Metern über NN erreicht ist. Darunter steht im Elbtal ein sandiger Boden, durchzogen von bindigen, tonigen Lagen. Das hohe Gewicht der überdimensionierten Sandschicht führt zu einer schnellen Verdichtung dieser Bodenschichten. Ein tragfähiger Untergrund entsteht. Beschleunigt wird dieser Prozess, der unter natürlichen Bedingungen Jahre in Anspruch nehmen würde, durch eingeschlitzte Kapillarstrümpfe, also durch eine Art vertikale Drainage. Mit Gaze umhüllte Kunststoffröhren werden bis in den Unterboden getrieben und wirken dort wie ein Docht, der die Feuchtigkeit aus dem Boden zieht. Die Setzung des Bodens lässt sich mittels dieser Technik auf drei Monate abkürzen. Die großen Sandberge im Baugebiet zeugen von diesem Sandmanagement.
In das Stadtentwicklungsgebiet zu integrieren sind auch bestehende Gebäude, die nicht auf die neue Niveauhöhe angehoben werden können. So sind Bauten wie der Kaispeicher B, heute Internationales Maritimes Museum, weiterhin durch Fluttore gesichert. Auch entlang des Sandtorkais mussten in die Neubauten Fluttore und Schotten integriert werden, da aufgrund der gegenüber – niedriger – gelegenen Speicherstadt die Straße nicht erhöht werden konnte.
Es gibt sie also weiterhin in der HafenCity, die Herausforderung Hochwasser. Und deshalb gibt es nicht nur ein neues Straßenniveau, sondern auch für jedes Gebäude Flutschutzbeauftragte und regelmäßige Flutschutzübungen. Dort lernt man, zum Schutz des eigenen Lebens die entsprechenden Hochwasserwarnungen zu beachten. »Nicht immer sind alle vernünftig«, weiß Rux. »Ein PKW-Besitzer musste bei der Sturmflut im letzten November auf dem Parkplatz am Magdeburger Hafen zu seinem Auto waten. Obwohl längst gewarnt worden war. Und dann kommen noch die Geländewagenfahrer und erproben ihre Fahrkünste bei Hochwasser«, schüttelt Rux den Kopf. •
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