Startseite » News »

Luigi Snozzi (1932-2020)

Der Architekt als Sand im Getriebe
Luigi Snozzi (1932-2020)

~Hubertus Adam

Es gibt Architekten, die sich als Dienstleister verstehen. Und solche, die lieber Sand als Öl im Getriebe sein wollen. Luigi Snozzi zählte zu Letzteren, mit voller Überzeugung. Widerständig sein, das war sein Credo als bekennender Sozialist. Wenn sich die Absolventen einer Architekturschule eines Tages nicht in den Büros »verwerten« ließen, habe die Schule einen großen Schritt nach vorne gemacht, lehrte er seine Studierenden – vorwiegend als Entwurfsprofessor an der EPF in Lausanne 1985-97. Was er ihnen aber v. a. vermittelte: die Leidenschaft für eine sozial verantwortliche Architektur.

Die genaue Analyse des Vorhandenen stand bei ihm stets am Anfang des Entwurfs. Er orientierte sich weniger an Aldo Rossi als an Carlo Aymonino. Ihn interessierte nicht das Einzelobjekt, sondern vielmehr dessen Beziehungen zum Ort, zum Territorium, zur Stadt.

Snozzi forderte den reflektierten Architekten, der sich seiner Rolle bewusst sei: »Jeder Eingriff bedingt eine Zerstörung, zerstöre mit Verstand.«

1932 in Mendrisio geboren, eröffnete Snozzi 1958, nach dem Studium an der ETH Zürich, sein eigenes Architekturbüro in Locarno, in den 60er Jahren arbeitet er mit seinem einstigen Studienkollegen Livio Vacchini zusammen.

Mit seiner Haltung eckte er an, sein gebautes Werk nimmt sich vergleichsweise bescheiden aus, in vielen internationalen Wettbewerben blieb er letzten Endes erfolglos.

Die Ausstellung »Tendenzen – Neuere Architektur im Tessin« führte letztlich zum internationalen Durchbruch der jüngeren Tessiner Architektur. Mit der Casa Kalman (1974-76) an einem extremen Steilhang in Minusio realisierte Snozzi eines seiner wichtigsten Werke.

Ein Glücksfall ist, das Snozzi in Monte Carasso ab 1977 auch seine städtebaulichen Vorstellungen umsetzen konnte. Der gesichtslose Vorort von Bellinzona wurde auf Basis eines von ihm erarbeiteten Richtplans über Jahrzehnte neu strukturiert und zu einem lebendigen Ort. Das verfallene Kloster, tief greifend umgebaut, avancierte zum Nukleus einer städtebaulichen Reaktivierung. An einer Ringstraße reihen sich die öffentlicheren Bauten, dahinter liegen die Wohnquartiere. Das Beispiel Monte Carasso lehrt, wie Snozzi aus der Analyse des Vorgefundenen etwas Neues schuf. »Es gibt nichts zu erfinden, alles ist wiederzuerfinden«, lautet ein weiterer seiner Aphorismen.

Am 29.12.2020 ist Luigi Snozzi an den Folgen einer Covid-19-Infektion in Minusio gestorben.

Aktuelles Heft
Anzeige
Anzeige
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
Anzeige