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Positiver Schock

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Positiver Schock

Lange hat es gedauert. Nach einigen Jahren Planungsstopp, weil das 170 Mio. Euro teure Projekt noch nicht komplett finanziert war, wurde das Musée des Confluences in Lyon Ende Dezember endlich eröffnet. Das von Coop Himmelb(l)au konzipierte Haus mit seinen unsagbaren Ausmaßen von 180 m Länge, 90 m Breite und fast 40 m Höhe ist damit Krönung und Auftakt des Lyoner Stadtentwicklungsgebiets Perrache, in dem sich auch schon Odile Decq, Christian de Portzamparc und Jakob + MacFarlane architects austoben durften.
»Wie baut man etwas dort, wo noch nichts ist?«, fragt Architekt Wolf Prix bei einer Exklusivführung durch sein neues Museum. »Also haben wir uns davon inspirieren lassen, was hier prägend ist.« Die Rede ist von den drei Flüssen: vom Zusammenfluss (Confluences) der Rhône und Saône, der dem Museum seinen Namen gibt und der sich als bauliche Metapher in Form eines Glasstrudels (nichts anderes als eine dreidimensionale, mehrachsige Abtragung der Dachlast) im Foyer wiederfindet, sowie vom dritten, nämlich unüberhörbaren Verkehrsfluss. Es ist, als würde sich der Bau, der an der Fassade wie die BMW-Welt in München mit glasperlengestrahltem Edelstahl bekleidet ist, gegen die A7 stemmen und die stets zu schnell fahrenden Autos mit seiner auffällig rhythmisierten Form an die Möglichkeit der Geschwindigkeitsreduktion gemahnen. »Der Reiz des Gegenteils«, so Prix.
Von außen betrachtet ist das Museum, das der Architekt als sein bislang spannendstes und komplexestes Projekt bezeichnet, nun ja, himmelb(l)au halt. Seine eigentlichen Stärken entfaltet der Bau, der in sich 37 unterschiedliche Geometrien vereint und entsprechend heterogen daherkommt, im Innern. Dass es sich dabei ausgerechnet um ein naturhistorisches Museum mit aufgespießten Schmetterlingen und Mammutskeletten handelt, sieht man ihm beim besten Willen nicht an.
Die meisten Tiere werden in einer Art und Weise inszeniert (Corian, Stahl, Gitterkäfige, Rampen, Glaskästen und dramatische LED-Beleuchtung), als handle es sich um teure Konsumobjekte. Untergebracht sind sie in schlichten Blackboxes, in räumlich getrennten Ausstellungsräumen, die links und rechts eines breiten Gangs aufgefädelt sind. Die Räume sind so organisiert, dass sie unabhängig voneinander temporär bespielt und umgestaltet werden können. Mehrere Lastenlifte, die vom Keller hochfahren, ermöglichen einen getrennten Zugang.
»Das ist mehr als nur ein klassisches Museum«, sagt Direktorin Hélène Lafont-Couturier. »Üblicherweise wird Geschichte rückwärtsgewandt erzählt. Hier nicht. Hier verschmelzen Natur und Architektur zu einer neuen Geschichte, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft erzählt.« Nur den Fingerprint als Eintrittskarte in die einzelnen Ausstellungssäle, den sich Prix gewünscht hatte, musste man vorerst noch ad acta legen. Doch des Architekten Hoffnung stirbt zuletzt: »Wer weiß, vielleicht beim ersten Relaunch?«
~Wojciech Czaja
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