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Großwohnsiedlung Leipzig-Grünau - Neue Ergebnisse der Langzeitstudie

Soziologische Langzeitstudie
Vielfalt in der Großwohnsiedlung

Vor 45 Jahren wurde der Grundstein für die Großwohnsiedlung Grünau im Leipziger Westen gelegt. Sie ist heute Heimat für fast 45.000 Menschen. Seit 1979 werden in einer international einmaligen Langzeitstudie regelmäßig die Hoffnungen und Ängste, Wahrnehmungen und Einschätzungen der dort lebenden Menschen untersucht.

Koordiniert wird die Langzeitstudie »Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau« vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Aktuelle Ergebnisse zeigen: Die Mehrheit der Grünauer ist mit ihrem Stadtteil zufrieden – allerdings nehmen die Sorgen um das soziale Miteinander zu.

Ab- und Aufschwung der Großwohnsiedlung

Die Großwohnsiedlung Grünau entstand zwischen 1976 und 1989 am westlichen Stadtrand Leipzigs und ist mit acht Wohnkomplexen das größte Plattenbaugebiet der Stadt. Bis zum Ende der DDR lebten hier mehr als 85.000 Menschen. Nach der Wiedervereinigung führte ein starker Einwohnerverlust von rund 50 Prozent zu einem hohen Leerstand von Wohnungen sowie von Infrastruktur- und Versorgungseinrichtungen. Durch Abriss, Umbau, Sanierung und Neubau von Wohnanlagen sowie dem Ausbau von Schulen und Kindertagesstätten erlebte der Stadtteil ab 2010 einen Aufschwung – und ein allmähliches Bevölkerungswachstum, das bis heute anhält.

»Ein umfangreiches Angebot an Grün- und Erholungsflächen, gute Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz, umfassende Infrastruktur wie Einkaufsangebote, Ärzte und Sportmöglichkeiten sowie bezahlbare Mieten. Das sind Gründe, warum sich viele Grünauer in ihrem Stadtteil wohlfühlen«, sagt die Sozialwissenschaftlerin Prof. Sigrun Kabisch vom UFZ, die an der Studie von Beginn an beteiligt war.

Für die jüngste Untersuchung »Grünau 2020« wertete Sigrun Kabisch mit ihrer UFZ-Kollegin Janine Pößneck 736 Fragebögen aus, ergänzt durch Interviews mit Vertretern von Grünauer Einrichtungen, lokalen Wohnungsunternehmen und von Ämtern der Stadt Leipzig.

Organisch ergänzt

Steigende Zufriedenheitswerte

Die neuen Ergebnisse der mittlerweile elften Erhebung belegen die Beliebtheit der Großwohnsiedlung: 59 Prozent der Befragten fühlen sich in Grünau uneingeschränkt wohl, 38 Prozent machen Einschränkungen und nur 3 Prozent fühlen sich nicht wohl. 40 Prozent der Befragten leben seit mindestens 30 Jahren in Grünau. »Mit zunehmender Wohndauer steigt die Identifikation mit dem Stadtteil stark«, sagt Janine Pößneck.

Zugleich kämpfen Großwohnsiedlungen wie Leipzig-Grünau in der Öffentlichkeit mit Vorurteilen. So wird immer wieder an der Zufriedenheit mit der Wohnqualität in den Plattenbauten gezweifelt. Die Langzeitstudie belegt jedoch, dass seit den 1990er Jahren die Zufriedenheit stark gestiegen ist: Während sich 1995 nur 49 Prozent der Befragten in ihrer Wohnung wohlfühlten, stieg dieser Wert im Jahr 2015 auf 68 Prozent. Seitdem blieb er stabil. Die angemessene Größe der eigenen Wohnung, die Bezahlbarkeit der Miete, die Ruhe in einer Umgebung mit vielen Grünflächen und dort, wo vorhanden, ein Aufzug oder ein eigener Balkon, sind Vorzüge, die die Befragten an ihrer Wohnsituation sehr schätzen.

Ungerechtfertigtes Stigma

Zudem werden die Großwohnsiedlungen oft als soziale Brennpunkte bezeichnet. »Das ist ein ungerechtfertigtes Stigma, das unhinterfragt, pauschalisierend und respektlos wiederholt wird. Dadurch wird erschwert, dass Grünau als Zuzugsort für Wohnungssuchende infrage kommt. Wir können das Stigma mit unseren wissenschaftlichen Ergebnissen widerlegen«, sagt Sigrun Kabisch. So sei zunächst die Großwohnsiedlung weniger als ganze Einheit, sondern vielmehr differenziert in ihrer sozialräumlichen Kleinteiligkeit zu betrachten – genauso wie eine Mittelstadt mit einer vergleichbaren Einwohnerzahl, in der es begehrte und weniger begehrte Viertel gebe.

Während in Grünau einige Teilräume über besonders ausgeprägte Gunstfaktoren wie etwa gute Nachbarschaftsbeziehungen, hohe Zufriedenheit mit der Wohnung, Sauberkeit, Ruhe und ein gutes Versorgungsangebot verfügen, treten in anderen negative Entwicklungen im sozialen Miteinander hervor. Die Befragten beklagen hier vor allem den Zuzug von Störenfrieden, zunehmende Vermüllung, Einbrüche und Diebstähle. Sie führen dies auf Weg- und Zuzüge in der Nachbarschaft zurück. »Dort, wo der Bewohneraustausch besonders spürbar war, hat sich das Vertrauen innerhalb der Nachbarschaft verringert«, erklärt Sigrun Kabisch.

Grüner Gegenpol

Stabiler Anteil an Höherqualifizierten

Den Befragungen zufolge weist die Bewohnerschaft von Grünau seit Jahrzehnten einen relativ stabilen Anteil von 20 bis 25 Prozent Hoch- und Fachhochschulabsolventen auf. Feststellen konnten die beiden UFZ-Sozialwissenschaftlerinnen auch, dass der Anteil Höherqualifizierter unter den langjährig ansässigen, älteren Bewohnerinnen und Bewohnern vergleichsweise hoch ist. Doch auch unter jenen, die in den vergangenen sechs Jahren zugezogen sind, befindet sich ein beachtlicher Anteil Höherqualifizierter.

»Wir haben jedoch registriert, dass gerade diese gut ausgebildeten Bewohnerinnen udn Bewohner häufig nach wenigen Jahren Grünau wieder verlassen. Um diese zu halten, bedarf es entsprechender Angebote wie beispielsweise große und bezahlbare Wohnungen für Familien, eine gut ausgebaute soziale Infrastruktur sowie passende Freizeitangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene«, sagt Sigrun Kabisch.

Herausforderungen im sozialen Miteinander

Besondere Folgen hatte der unerwartet starke Zuzug von Migranten und Geflüchteten nach Grünau in den Jahren 2015/2016. Laut Leipziger Einwohnermelderegister verdoppelte sich deren Zahl nahezu von 5.148 im Jahr 2015 auf 9.307 im Jahr 2020. Viele Neuankömmlinge fanden eine Wohnung nur in den Teilräumen mit hohem Leerstand und dort, wo sich bereits zuvor soziale Probleme zeigten. Dadurch überlagerten sich unterschiedliche Herausforderungen im sozialen Miteinander, und es entwickelten sich hier Merkmale sozialer Brennpunkte. »Es ist aber nicht gerechtfertigt, diese Ausprägungen auf gesamt Grünau zu übertragen«, betont Sigrun Kabisch.

Um zu erfahren, wie die Migrantinnen und Migranten ihr neues Leben in der Großwohnsiedlung meistern, führten die UFZ-Forscherinnen Gruppendiskussionen und Einzelgespräche durch. Sie fanden heraus, dass die Migranten ähnlich wie die schon länger ansässige Bevölkerung mit ihrem Wohnort und ihrer Wohnung zufrieden sind, ihr Wohnumfeld und ihre Nachbarschaft aber durchaus auch kritisch sehen. Dies betrifft den Umgang mit Alkohol und Drogen in der Öffentlichkeit, die Vermüllung oder eigene Erfahrungen von Alltagsrassismus und Beleidigungen. Auch vermissen sie Kontakte zu Grünauerinnen und Grünauern in ähnlichen Lebenssituationen wie zum Beispiel Mütter mit kleinen Kindern. Eine große Hürde stellen mangelnde Deutschkenntnisse dar. »Für unterschiedliche Nutzergruppen angepasste Sprach- und Kontaktangebote vor Ort sind erforderlich, um im Alltag ein stärkeres Miteinander zu ermöglichen«, bilanziert Janine Pößneck.

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