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Phänomen Nervi

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Phänomen Nervi

Von den ersten Patenten bis zur Ausstellungshalle in Turin 1917–48. Von Claudio Greco. 302 Seiten mit 400 Farbabbildungen und Plänen. 24,5 cm. Gebunden, 49 Euro, 76 sFr. Quart Verlag, Luzern, 2008

~Harald Kloft

Die Publikation von Claudio Greco schließt eine Lücke in der umfangreichen Literatur zum Werk des genialen italienischen Baumeisters des 20. Jahrhunderts. Berühmt geworden vor allem durch die Originalität seiner Stahlbetontragwerke in Form aufgelöster Rippenstrukturen, wurde seitens der Architekturkritik immer wieder versucht, das »Phänomen« Nervi in die Diskussion über die Moderne einzubringen. Dass eine Annäherung an die Person Nervi über den architekturtheoretischen Weg wenig erfolgreich war, beschreibt Luigi Ramazotti 1989 in einem Essay in der arcus Schriftenreihe: »Während sich Nervi aus der Architekturdiskussion heraushält, gelingt es der Kritik weder, ihn in die fertigen Schemata einzuordnen, noch findet sie Anhaltspunkte, wie sich seine hinderliche Einzigartigkeit begründen ließe.«
Auch die Ingenieure taten sich mit seinen Bauten schwer. Stefan Polónyi beispielsweise bewunderte in Nervi den gestaltenden Architekten: »Nervi war eigentlich Architekt, unabhängig von seiner Ausbildung. Er war Ingenieur doctus, aber Architekt natus.« Dem Ingenieur Nervi hielt er dagegen vor, ornamentale Konstruktionen zu entwerfen, deren statische Interpretation nicht immer stichhaltig seien.
In diesem Kontext ist es ein besonderer Verdienst des Autors, neben der fundiert recherchierten Rekonstruktion vieler bislang unbekannter Lebensabschnitte von Nervis Biografie, wie die Jahre der Ausbildung und die frühen Berufsjahre, das Selbstverständnis des Ingenieurs Pier Luigi Nervi (be)greifbar zu machen. Dies gelingt ihm, indem er sein Werk in den Zusammenhang mit der besonderen Entwicklungsgeschichte des modernen italienischen Ingenieurbaus stellt, deren Erfolge in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf eine lange Tradition von Forschungen und Entwicklungen zurückgehen.
Die Grundlage für das bemerkenswerte Buch bilden bisher unveröffentlichte Aufzeichnungen und Originaldokumente, die der Autor in mehrjährigen Recherchen zusammentrug. Das Buch besticht, neben der analytischen Tiefe, besonders durch die hochwertige Reproduktion des Bildmaterials, angefangen von Fotoaufnahmen der Bauwerke, über Baustellenbilder und Werkstattzeichnungen, bis hin zu Entwurfsskizzen und Wettbewerbsplänen. Claudio Greco zeichnet das Bild eines entwerfenden Ingenieurs Nervi, der, geleitet durch Intuition und Fachkenntnis sowie dem stetigen Bestreben nach der wirtschaftlichsten Herstellungsmethode, konsequent die vorliegenden Erkenntnisse seiner Zeit umsetzte und dessen Werk und Methodik heute mehr denn je Vorbildfunktion für die formsuchenden Architekten und Ingenieure unserer Zeit haben. Pier Luigi Nervi: Ingenieur designatus!
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