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Handbuch zum Stadtrand

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Handbuch zum Stadtrand

Handbuch zum Stadtrand
Gestaltungsstrategien für den suburbanen Raum. Hrsg. von Vittorio Magnago Lampugnani, Matthias Noell, Gabriela Barman-Krämer u. a. 320 Seiten mit zahlreichen Abbildungen Gebunden, 49,90 Euro, 79 sFr. Birkhäuser Verlag, Basel, 2007

~Christoph Gunßer

Das Team vom Netzwerk Stadt und Landschaft der ETH Zürich hat sich hier die verstädterte Landschaft des Glattals vor der eigenen Haustür vorgenommen, um exemplarisch Strategien vorzuführen, wie diese zerschnittene, zersiedelte, verbaute »Zwischenstadt« nachträglich an Gestalt gewinnen kann. Es blendet dabei bewusst die ganze Komplexität der Entwicklung aus und konzentriert sich auf räumliche Reparaturmöglichkeiten. Darin folgt die Studie Kevin Lynchs Ansatz vom »Bild der Stadt«: Schaffung von Identifikationsorten, Verdeutlichung von Grenzen, Vernetzung, Schaffung von Kohärenz, Stärkung des öffentlichen Raumes – das sind die Ziele; Knoten, Relikte, Siedlungsinseln, Restflächen, Zerhäuselung, Transiträume und Superkomplexe im suburbanen Raum die Gegenstände der Studie.
Nach einer wissenschaftlichen, ziemlich langatmigen Klärung von Methoden und Begriffen geht es ab Seite 100 richtig zur Sache, vor Ort. In zumeist trostlosen Fotos und analysierenden Planskizzen werden neun Situationen in den sechs Gemeinden des Glattals vorgestellt. So weit, so trist, so alltäglich.
Doch nun folgt das Kontrastprogramm: Zunächst stellen die Autoren rund zwanzig für die genannten Ziele vorbildliche Orte aus der Geschichte des Städtebaus vor. Dem Ansatz der Analogie von Rossi und Ungers zufolge gilt es, aus der Geschichte zu lernen, statt bei der Erfindung aus dem Nichts immer wieder dieselben Fehler zu machen. Als Identifikationsort bietet sich so La Grande Arche in La Défense an, zur Verdeutlichung von Grenzen die Weiße Stadt in Berlin, für Vernetzung das bekannte Lehrbeispiel Radburn, aber auch der jüngst entstandene Riemer Park in München und die Flussräume in Zürich. Im von Natur aus pluralistischen Suburbia wohl eher fragwürdige Kohärenz sollen strenge Siedlungsbilder aus Villeurbanne und Eisenhüttenstadt versinnbildlichen. Die Rotterdamer Lijnbaan, ein Vorstadtplatz in Barcelona wie Snozzis Monte Carasso führen gestärkte öffentliche Räume vor. Schließlich projizieren die Autoren ihre Vorbilder auf die Situationen im Glattal: Barragáns Satelliten-Türme aus Mexiko finden sich am Flughafenanschluss Kloten wieder, die Siedlung Halen im zerhäuselten Dietlikon, Villeurbanne in Opfikon-Glattbrugg, die Lijnbaan am Konsumstrip. So anschaulich wie provokant zeigen die Collagen/Überlagerungen, was eine stringente architektonische Gestaltung bewirken würde. Doch widerspricht nicht gerade diese dem Wesen von Suburbia, mag sich da mancher Skeptiker fragen, sind das nicht die alten, immer alles ordnenden Architektenträume? Indes, es gibt schon viele gelungene, auch pragmatischere Beispiele als die gezeigten, wo ein Umbau am Stadtrand allen eine lebenswertere Umwelt gebracht hat. Und Querdenken hat schließlich noch niemandem geschadet.
Das übersichtlich gestaltete Handbuch taugt jedenfalls als Anstoß, verfahrene Situationen neu zu betrachten und die alltägliche Hässlichkeit in Frage zu stellen.
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