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Wie aber wollen wir leben?

Diskurs
Wie aber wollen wir leben?

Die Neugestaltung der Sternbrauerei in Salzburg und die Entwicklung eines innenstadtnahen Areals in Graz stecken zwar noch in den Anfängen, lassen aber schon jetzt neue Ansätze für den Städtebau des 21. Jahrhunderts erkennen.

~Karin Tschavgova

»Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.« Für die Stadtplaner europäischer Städte des 21. Jahrhunderts scheint dieser Ausspruch des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt noch immer zu gelten. Stadtplanung ist heute meist von einem Pragmatismus, der sich nicht lange mit Theorien aufhält, der große Entwürfe und zukunftsweisende Weichenstellungen, etwa den Verkehr betreffend, scheut und selbst gegebene Leitlinien nicht einhält. Vorausschauende Stadtentwicklung wird ersetzt durch eine Planung, die reagiert. Infrastruktur wird »nachgebessert«, verkehrsberuhigende Maßnahmen werden nachträglich umgesetzt. Themen wie Verdichtung, Lückenfüllung, Umnutzung von Industriebrachen oder Sanierung und Aufwertung von abgewohnten Quartieren verweisen auf Reparaturmaßnahmen – Visionen sind dies nicht. Aber brauchen wir solche überhaupt?
Wer sein Unternehmen »Asset One« nennt, legt bereits mit der Namensgebung ein Bekenntnis ab. Das englische »asset« hat mehrere Bedeutungen, alle mit Ausnahme von »Vorzug« verweisen auf materielle Werte – auf Anlagegut, Vermögen, Vermögensgegenstand und -wert, auf Gewinn. Hier plant jemand, Vermögenswert zu steigern, sein Anlagegut zum Bestseller zu machen. Asset One ist ein privater Immobilienentwickler mit Sitz in Graz. Von anderen Unternehmen seiner Branche unterscheidet er sich schon durch die Gesamtgröße seiner Liegenschaften. Das Unternehmen besitzt 1,2 Mio. Quadratmeter Grund an vier Standorten in Österreich. Mehr als Dreiviertel der Flächen, das sind 93 Hektar, sind als Bauland ausgewiesen, etwa 96 Prozent davon liegen in Graz.
Seit einigen Jahren steigt die Einwohnerzahl der zweitgrößten Stadt Österreichs wieder kontinuierlich an, 2006 zählte man 250 000 Einwohner. Der Liegenschaftsbesitz von Asset One beträgt fast ein Prozent der städtischen Gesamtfläche ohne Waldanteil. Er stammt aus nicht mehr betriebsnotwendigen, großteils unbebaut belassenen Flächen, die nach dem Verkauf der österreichischen Brau Union an den Heineken Konzern veräußert wurden; das war 2005. Seit damals ist das Unternehmen besonders umtriebig. Ein Kernstück der Grazer Liegenschaften bilden die Reininghausgründe, ein beinahe unbebautes Areal im Westen der Stadt, 530 000 Quadratmeter groß und nicht mehr als eineinhalb Kilometer vom Innenstadt begrenzenden Gürtel der Stadt entfernt. Doch es wurden weder Bebauungspläne entwickelt noch Parzellierungen vorgenommen. Zum Nachdenken über die adäquate Form der »Stadt«, über Aufbau und Inhalt eines lebenswerten Quartiers verordnete sich das Unternehmen Zeit und ein Budget von kolportierten 12 Mio. Euro. Außerdem wurde das Projekt »werkstadt 017« ins Leben gerufen. Ein »gebautes Ergebnis« wird erst 2017 erwartet. Als Output eines prozesshaften gruppendynamischen Nachdenkens liegt nun vorerst ein Buch vor: 32 Grazer und Grazerinnen – Studenten, Professoren, Kaufleute, Industrielle, Manager, Journalisten und Künstler – gründeten eine Redaktion und erarbeiteten in vier Gruppen »Konzeptionen des Wünschenswerten«, worunter werthaltige Vorstellungen vom Leben in einer Stadt mit hoher Lebensqualität zu verstehen sind. Interviews wurden geführt, von außergewöhnlichen innovativen Projekten berichtet und eine abschließende Reise in andere europäische Städte unternommen: Leben, Arbeiten, Bildung und Urbanität waren die Themen der Ressorts – Kopenhagen, Cambridge, London und Barcelona das Ziel der Forschungen vor Ort.
Als Quintessenz dieses Prozesses wurde ein »Netzwerk an Wertebündeln, die zentrale Wünsche an (die) Zukunft verdichtet darstellen« herausgefiltert. Schlagworte wie »Magie des Unnormierten, die Kultur des Scheiterns, maximale Differenz, Kunst als Lebensmittel, die Neubewertung der Arbeit, rasche Entschleunigung, Überschreitung kultureller Grenzen, neue Formen von Sicherheit und gemeinsame Rituale« lesen sich wie ein Gegenentwurf zur heutigen europäischen Gesellschaft. Spätestens hier stellt sich angesichts der Komplexität der angesprochenen Themen die Frage, wie es gelingen könnte, daraus konkrete Eigenschaften einer urbanen Lebens- und Arbeitsqualität zu generieren und sie auf den zu konzipierenden Ort und seine Bebauung zu übertragen; wie einen Rahmen definieren, der »ein gewünschtes Maß an Sicherheit und Orientierung gibt, aber auch Raum für gestalterische Freiheiten in Hinblick auf unser Leben lässt …«.
Erste konkrete Massnahmen in Graz
Asset One plant für die Dauer des Nachdenkens noch zwei bis vier Jahre ein. Als bislang einziger konkreter Schritt wurde entlang zweier Ränder des Areals ein grünes Band gepflanzt, ein Zeichen dafür, dass nicht durch die voreilige Festlegung einer bebauungsfreien Grünzone Vorgaben für die künftige Stadtgestalt gemacht werden sollen. Diese Maßnahme schränkt nicht allzu sehr ein und lässt sich gleichermaßen als freundliche Geste der Einladung an Anrainer zur gemeinsamen Nutzung oder auch als Abgrenzung interpretieren.
Die Grazer Stadtplanung ist in den Prozess des Vor- und Nachdenkens durch regelmäßige monatliche Gespräche eingebunden. Sie stand der Initiative der Investoren, die in die Hand nahmen, was eigentlich Aufgabe ihrer Ressorts wäre, von Anfang an wohlwollend gegenüber. Schon in den Zukunftsgesprächen waren der Stadtbaudirektor und der Leiter der Stadtplanung vertreten. Pikanterie am Rande: Beide waren nicht in ihrer offiziellen Funktion tätig, sondern wie alle anderen Vordenker als Privatpersonen und Bürger der Stadt. Ein kluger Schachzug des Unternehmens? Jedenfalls ein ungewöhnlicher Schritt, wie alles, was bisher an Entwicklungsplanung geschah. Mit der Stadtplanung muss kooperiert werden, weil ihre Vorgaben in Form von Widmungs- und Bebauungsplänen oder Verkehrskonzepten von den beschlussfähigen politischen Organen sanktioniert werden müssen. Gesetz den Fall, es gelänge, die vorhandenen Liegenschaften durch einen ebenso klugen wie marktwirtschaftlich attraktiven Bebauungsplan aufzuwerten und den neuen Stadtteil zum Hotspot zu machen, so wäre das Ziel, das hinter all den Anstrengungen des De- velopers steht, erreicht: die Wertsteigerung der Liegenschaften und ein gewinnbringender Verkauf an Bauträger. Eine Garantie für eine »gute Stadt« wäre damit jedoch noch nicht gegeben, schreibt doch ein Bebauungsplan nur einen groben Rahmen vor. Ihr Gelingen hängt von weiteren Faktoren ab: von der Verwertungslogik und dem guten Willen jener neu hinzugekommener Investoren, die in der Grundlagenfindung definierten Rahmenbedingungen und Standards einzuhalten. Dazu zählen Bau- und Niedrigenergiestandards, architektonische und freiräumliche Qualitäten sowie Cafés oder Ärztepraxen im Sinne einer lebendigen Durchmischung, wie sie Citoyens an der gewachsenen Stadt schätzen. Innovative Modelle der Wohnbauförderung müssten gefunden werden. Nicht zuletzt braucht ein zukunftsweisendes Projekt eine Kommune, die ihrer Aufgabe, für soziale und öffentliche infrastrukturelle Einrichtungen zu sorgen, vorausschauend nachkommt. Wer baut Kindergärten, Schulen, Büchereien ohne Konsumzwang? Was tun, wenn die finanzielle Ausstattung der Kommunen fehlt? Anreize für Bauträger, auch in das Gemeinwohl zu investieren, etwa in Form eines Punktevergabesystems, müssten erdacht werden und in ein verbindliches, gesetzlich abgesichertes Regelwerk einfließen. ›
› Ansätze dazu gibt es, etwa beim mehrjährigen prozesshaften Verfahren zur Bebauung des Stadtwerkeareals in Salzburgs Stadtteil Lehen, doch selbst dort fällt es der städtebaulichen Begleitgruppe unter der Leitung von Thomas Sieverts schwer, Bauträger von der Notwendigkeit neuartiger Bebauungskonzepte zu über- zeugen.
In Graz sind Fragen der städtebaulichen Qualität und Identitätsbildung, der verträglichen Durchmischung von Funktionen, Freiräumen und Bebauung, der Verkehrsanbindung noch offen. Vieles ist denkbar.
Blick nach Salzburg
Auf dem Areal der früheren Sternbrauerei in Salzburgs Stadtteil Riedenburg, das ebenfalls im Besitz von Asset One ist, hat die Planung bereits Gestalt angenommen. Der Wert von Absichtserklärungen und der Schwierigkeitsgrad ihrer Umsetzung lassen sich hier konkreter ablesen. Für den Wettbewerb an diesem einzigartigen, schwer zu bebauenden Ort an der steilen Felswand eines ehemaligen Steinbruchs, der das Fassadenmaterial etlicher Salzburger Prachtbauten lieferte, gab es viel Lob. Achtzehn namhafte Architekturbüros aus allen Teilen der Welt wurden zu einem Verfahren eingeladen, das exzellent vorbereitet war und das man sich einiges kosten ließ. Die New Yorker Architektinnen Gisue und Mojgan Hariri gewannen das einstufige Verfahren mit einem Projekt, das in skulptural geformten Baukörpern, die wie herabgefallene kristalline Steinbrocken vor der Felswand arrangiert sind, Wohnungen beherbergt. Dazwischen befinden sich teils öffentlich zugängliche Freiräume und eine Wasserfläche sowie einige Bestandsbauten, denen öffentlich zugängliche Nutzungen zugeführt werden. Ein alteingesessenes Beisel, traditioneller Ort der Kommunikation für viele Bewohner des Viertels, soll nach Umbauarbeiten als einfaches Gasthaus wieder auferstehen.
Die Sternbrauerei wurde zum Vorzeigeprojekt, mit dem sowohl die Gremien der Stadt als auch das Denkmalamt und die Altstadtkommission hoch zufrieden sind. Noch ist nicht gebaut, die Bauverhandlung findet erst im Januar 2008 statt. An einigen Abänderungen des Wettbewerbskonzepts zeigt sich jedoch, dass im Prozess der Realisierung selbst dann Abstriche gemacht werden müssen, wenn ambitionierte, sich als Visionäre verstehende Projektentwickler auch als Bauträger fungieren. Das auf Straßenniveau vorgesehene »Haus der Architektur« – ein zugegebenermaßen finanzschwacher Mieter – hat sich zurückgezogen, nachdem ihm die dafür ursprünglich vorgesehenen Flächen der alten Brauereigewölbe entzogen und kaum adäquate Ersatzflächen ohne Öffentlichkeitswirksamkeit im Obergeschoss angeboten wurden. Die Anzahl hochpreisiger Wohnungen mit größerer Fläche wurde als Ergebnis einer Marktanalyse erhöht und das Projekt selbst gibt sich in seiner architektonischen Ausformung nun schlichter.
Die »Konzeptionen des Wünschenswerten«, haben ohne Segmentierung Lebensraum für unterschiedliche soziale Schichten propagiert. »Nicht die maximale finanzielle Verwertung der Liegenschaften ist Ziel, sondern deren zukunftsträchtige und nachhaltige Entwicklung. An erster Stelle der Projekte steht die Suche nach Lebensqualität.« Ob der anlässlich des Spatenstichs erstmals präzisierte Anspruch des Immobilienentwicklers wirklich qualitativ hochwertige Quartiere und Stadtteile, die nachhaltig und Ressourcen schonend gebaut werden und ein lebendiges, vielschichtiges Mit- und Nebeneinander gewährleisten, hervorbringen kann, wird sich zeigen. In Salzburg schon 2009, in Graz erst 2017. Manchmal, heißt es, werden Wunder – in diesem Fall Visionen – wahr. •
Die Autorin ist Architektin und schreibt für Tageszeitungen und Fachmagazine über Österreich. Sie bietet zudem Architekturführungen für Erwachsene und Kinder an.
Literaturhinweis: • Konzeptionen des Wünschenswerten. Was Städte über die Zukunft wissen sollten. Cernin Verlag, 2006, ISBN 978-3-7076-0214-2 • Türme & Kristalle–Towers & Crystals. Wettbewerb ehemalige Sternbrauerei Salzburg/Sternbrauerei site redevelopment competition. Pustet Verlag, 2007, ISBN 978-3-7025-0572-1
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