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Safety first

Diskurs
Safety first

Abrissarbeiten: vom Industrieareal zum Campus des Wissens (Seite 37) Collage: Andrea Näpflin, Basel
Safety first – Wieder Panzersperren am Brandenburger Tor

Bei der Zeremonie am 6. Oktober 2004 zum ersten Spatenstich für die neue US-ameri- kanische Botschaft in Berlin bedankte sich Botschafter Daniel R. Coats beim Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit dafür, dass der Berliner Senat so engagiert mit den amerikanischen Vertretern zusammengearbeitet habe. Selbst ohne Kenntnis diplomatischer Floskeln nährt die Formulierung den Verdacht, dass Herr Coats damit eher das Gegenteil zum Ausdruck bringen wollte, dass es nämlich in der Planungsphase erhebliche Differenzen gab. Und dies wahrlich nicht grundlos: Zwar betonte Herr Coats in seiner Rede, dass das Botschaftsprojekt von den Verbesserungen am Pariser Platz profitiere, die US-Amerikaner waren aber gleichzeitig sehr auf die Einhaltung einer neuen Sicherheitsrichtlinie für ihr Gebäude bedacht, die dem Platz erheblich schadet. Irritierend an den jahrelangen Verhandlungen und noch viel mehr am Ergebnis dieser ist, dass die Amerikaner einer zentralen Botschaftsaufgabe – nämlich der Repräsentation im Gastland, also dem Ver- und Eintreten für die Werte des Heimatlandes – offenbar weniger Bedeutung beimessen, als ihrem neuen Bedürfnis nach »gefühlter Sicherheit«. Oder steht womöglich die Sicherheitsrichtlinie für einen neuen Grundwert der US-Politik, der nun auch repräsentiert werden muss: Safety first? Zu den Sicherheitsmaßnahmen der neuen US-Botschaft in Berlin gehört nämlich nicht nur ein übertrieben wehrhafter Zaun entlang der Ebertstraße – solche Einfriedungen sind bei Botschaften längst üblich, wobei man sich unwillkürlich fragt, wozu eigentlich eine wehrhafte Burg in einem befreundeten Staat nötig ist. Nein, die neue Botschaft wird auch noch durch unzählige »Poller« gesichert. Dabei ist Poller übrigens noch eine wohlmeinende Formulierung für diese »Beinahe-Panzersperre«, denn die Poller sind aus Stahlbeton und in einem durchgehenden Stahlbetonbesockel verankert! Sie sollen einen Sicherheitsabstand zur Botschaft garantieren, folgerichtig stehen sie entlang der Ebert- und Behrenstraße an den Kantsteinen, wozu die Behrenstraße extra nach Süden verschwenkt werden musste. Dafür wurde in Kauf genommen, dass nördlich des Denkmals für die ermordeten Juden Europas nur noch ein schmaler Bürgersteig verbleibt und der Großstadtverkehr nun wenige Meter von den Stelen entfernt vorbeibraust. In nördlicher Richtung führt der geforderte Sicherheitsabstand am Platz des 18. März (westlich des Brandenburger Tors) zu einer Verlängerung der »Pollerreihe« bis unmittelbar an den südlichen Flügelbau des Tors. So wird der Kleihues-Bau der Commerzbank mal eben mit »eingepollert«. An der östlichen Seite des Tors setzt sich dies auf dem Pariser Platz fort; hier wird auch die Zufahrt zur Botschaft (und der DG-Bank) »verpollert«. Die Grünfläche davor allerdings nicht – trauen sich Terroristen etwa nicht auf Grünflächen, deren Betreten untersagt ist?
Dass die künftig durch eine monströse Pollerreihe verunstaltete Südseite des Brandenburger Tors die berühmte Berliner Kodderschnauze zu manch einer bissigen Bemerkung verführen wird, ist bereits jetzt sicher. Aber auch die Touristen werden sich fragen, weshalb die gute Stube Berlins, und dazu ist der Pariser Platz samt Brandenburger Tor längst geworden, durch eine Panzersperre geteilt wird. Die Touristen werden sich auch wundern, weshalb in der Südwestecke des Platzes (US-Botschaft) diesem Sicherheitswahn gefolgt wird, in der Nordostecke (Französische Botschaft) aber nicht. Und an der Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße werden sie erneut irritiert sein, denn dort ist wegen der Britischen Botschaft gleich die gesamte Fahrbahn bis zur Behrenstraße gesperrt. Nun ist bekannt, dass die USA und Großbritannien wegen des Irakkrieges weltweit Anschläge befürchten, aber rechtfertigt dies wirklich derart starke Eingriffe in den öffentlichen Raum, und zwar nicht nur temporär, sondern dauerhaft? Werden künftig die Linden »abgepollert«, weil die Russen tschetschenische Anschläge provozieren? Setzt sich dieses Muster bei jeder weiteren politischen Zuspitzung fort? Werden nach und nach alle Botschaften großräumig gesichert, weil die Arroganz der Macht in Panik umschlägt, und muss ein Gastgeberland die Beschränkungen seines öffentlichen Raums klaglos hinnehmen, weil die große Politik nun einmal so ist, wie sie ist? Jürgen Thesing
Der Autor ist freischaffender Stadtplaner in Berlin
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