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Ruinöses Ruinenraunen

Diskurs
Ruinöses Ruinenraunen

Sie ist wieder da – Albert Speer seniors Ruinenwerttheorie wabert erneut durch die deutschen Feuilletons. Noch im Verfall würden seine monumentalen Bauten geadelt werden, hatte Hitlers Lieblingsarchitekt Jahre nach dem Ende des »Dritten Reichs« verkündet und damit unterstrichen, welch grandioser Selbstvermarkter der verurteilte Kriegsverbrecher war. Unermüdlich wob er an seinem eigenen Mythos und sorgte mit seiner verlogenen Legitimationsstrategie dafür, dass ihm die Nachgeborenen bis heute auf den Leim gehen.
Gerade deshalb erscheint die aktuelle Debatte über einen langsamen Verfall der Zeppelintribüne auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, die der Historiker Norbert Frei losgetreten hat und dabei die Moralkeule schwingt, fatal: »Ist es wirklich sinnvoll, ja moralisch angemessen, die natürlich nicht allein in Nürnberg reichlich vorhandenen Zeugnisse nationalsozialistischen Größenwahns unter Hinweis auf den Denkmalschutz und unter Einsatz aller Möglichkeiten moderner Material- und Bautechnik vor dem Verfall zu retten?«, fragte er in der Wochenzeitung »Die Zeit«.
Dabei sind die Nürnberger Rahmenbedingungen eigentlich klar. Bereits 2004 hatte die Stadt in ihren Leitlinien zum künftigen Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände festgelegt, »Zeppelinfeld und -tribüne in ihrer baulichen Substanz zu erhalten«. Um dies zu gewährleisten, finden derzeit Untersuchungen am Baudenkmal statt. Sie sollen helfen, ein angemessenes denkmalpflegerisches Vorgehen zu formulieren und damit auch belastbare Zahlen für eine Instandsetzung zu ermitteln. Klar ist bereits jetzt, dass die Stadt Nürnberg die Finanzierung nicht alleine stemmen kann. Muss sie auch nicht, denn die Bundesregierung wird ihr zur Seite stehen. Im Koalitionsvertrag betonen CDU/CSU und SPD, dass sie »authentischen Orten (…) eine wesentliche Funktion für die Geschichtskultur in Deutschland« beimessen. Und authentischer als das Reichsparteitagsgelände geht es wirklich nicht. Geradezu idealtypisch lassen sich an dem riesigen Areal die NS-Architekturideologie und -nutzung ablesen, aber auch die Wege und Umwege der bundesdeutschen Aufarbeitung der Geschichte an einem Täterort.
Wünschenswert wäre mehr Ehrlichkeit. Wem die Kosten (die bisher noch nicht einmal genau zu beziffern sind) für die Erhaltung der Zeppelintribüne zu hoch sind, der soll das sagen, anstatt sich argumentativ zu winden. Die Verfallsbefürworter müssen sich allerdings auch fragen lassen, ob es »moralisch angemessen« ist, durch die Hintertür die böse kleine deutsche Schlussstrichdebatte wiederzubeleben.
Neu ist der Disput um Erhalt oder Abriss des gebauten NS-Erbes ohnehin nicht. So stritt man vor 20 Jahren im frisch wiedervereinten Berlin über die Zukunft der Ministeriumsbauten der NS-Zeit. Damals beinah abgerissen, werden ehemaliges Reichsluftfahrtministerium oder einstiges Propagandaministerium heute weitergenutzt, sind als gebaute Zeitdokumente Teile des Stadtbilds.
Also alles schon mal da gewesen? Sicherlich – und auch wieder nicht. Denn jede Generation muss für sich aufs Neue entscheiden, wie sie mit der Geschichte und ihren Zeugnissen umgeht. 2015 ist nicht mehr 1994! Durchaus zu Recht stellt Norbert Frei in seinem Beitrag fest, dass »die Verquickung von Geschichte und Geschäftsinteressen« bei manchen Architekturführungen allzu offensichtlich ist, Gruselfaktor NS-Geschichte eingeschlossen. Doch das ist kein Problem der Denkmalpflege, ja nicht einmal der Stadtplanung. Das ist eine bildungspolitische Frage, nämlich wie Geschichte an die Nachgeborenen vermittelt werden soll. Dafür sind in erster Linie die Opferorte aber auch die Täterorte unverzichtbar. An ihnen kann Geschichte erzählt und am Objekt anschaulich gemacht werden. Das funktioniert jedoch nur, solange es die Objekte gibt. Insofern gilt es, diese »unbequemen Denkmale«, wie der immer noch lesenswerte Denkmalpfleger Norbert Huse sie einmal nannte, als Bausteine der Erinnerungs- und Stadtlandschaft zu erhalten und zu pflegen.
Nürnberg will sich der aktuellen Kritik stellen und im Herbst im Rahmen eines Symposiums darüber diskutieren, wie der zeitgemäße Umgang mit einem Täterort wie dem Reichsparteitagsgelände aussehen kann. Vielleicht kommt dabei ja auch heraus, das Massenveranstaltungen auf dem Zeppelinfeld nicht mehr die angemessene Nutzung sind, sondern stattdessen eine großflächige Gestaltung sinnvoll wäre, wie sie etwa an der Gedenkstätte Berliner Mauer vorbildlich gelungen ist – auch wenn darin stets die Gefahr der Ästhetisierung des Grauens lauert. Das wachsende öffentliche Interesse an der Geschichte des »Dritten Reichs«, das sich in rund 200 000 Besuchern pro Jahr in Nürnberg ausdrückt, sollte jedenfalls nicht mit dem langsamen Verfall der Objekte beantwortet werden. Ein Verfall der deutschen Erinnerungskultur wäre die unerwünschte Folge. Statt also in eine fatale Schlussstrichdebatte einzusteigen, gilt es, den momentanen Diskurs als Anstoß zu nehmen, endlich die baulichen Hinterlassenschaften des »Dritten Reichs« Bundesland für Bundesland vollständig in Topografien zu dokumentieren. Dafür fehlt es weder am historischen noch am baugeschichtlichen Sachverstand, sondern am politischen Willen – und an der Finanzierung. Schon vor 20 Jahren hat Winfried Nerdinger mit »Bauen im Nationalsozialismus. Bayern 1933-1945« gezeigt, wie eine solche Dokumentation aussehen könnte – es ist auch ein Zeitdokument, dass sie bis heute ohne Nachfolger geblieben ist.

~Jürgen Tietz
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.

Die Museen der Stadt Nürnberg
informieren auf der Website des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände über den
» künftigen Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände.

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