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Diskurs
Ramses, der reichlich Berappende

Wenn kleine Bürgermeister und bedeutende Staatsmänner sich mit Großbauten in die Geschichte einschreiben wollen, spielen ein paar Dukaten mehr oder weniger keine Rolle. Es ist letztlich der Steuerzahler, der

~Christian Marquart

für solche neuzeitlichen Pharaonengräber aufkommen muss. Franzosen sind es gewohnt, dass ihre Präsidenten »Grands Projets« nicht nur anstoßen, sondern meist vor Ablauf ihrer Amtszeit fertigstellen (lassen). In Deutschland werden große Projekte auch mal unabhängig vom Ehrgeiz kleiner und großer Regenten realisiert – in Hamburg etwa die »Elbphilharmonie«. Die Bürger waren ganz trunken von der Aussicht, ein schickes Konzerthaus – perspektivisch finanziert von Mäzenen und durch ein paar immobilienwirtschaftliche Kniffe – zum Schnäppchenpreis auf einen alten Hafenspeicher draufzusetzen. Hat nicht funktioniert: Heute sind die Kosten der Elbphilharmonie ins Skandalöse gewachsen, das Haus ist noch lange nicht fertig, bezahlen werden es die Bürger.
Wir erforschen mit Raketen und Robotern weit entfernte Gestirne, schaffen es aber nicht, die Kostendynamik schon gewöhnlichster Bauvorhaben im Griff zu behalten. Ein Mysterium – die Ursachenforschung läuft fast immer ins Leere. Vielen Akteuren, die an solchen Großprojekten beteiligt sind, gelingt es, eigene Verantwortlichkeiten schlicht zu leugnen; oder diese werden in Kaskaden endlos weitergereicht, bis am Ende nur noch ein paar Tölpel auf der Baustelle als Kostentreiber identifiziert werden; oder es sind die unkalkulierbaren Ereignisse – erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu!
Bauvorhaben der öffentlichen Hand werden von den Parlamenten nur durchgewinkt, wenn die Budgets »stimmen«, gleich von vornherein. Deshalb werden Projektkosten systematisch kleingerechnet; denn sie sollen die kommunalen Haushalte in näherer Zukunft nicht spürbar belasten.
Politiker finden es klammheimlich prima, dass Großprojekte sehr viel Zeit benötigen: Werden anfängliche Kalkulationen irgendwann als Milchmädchenrechnungen entlarvt, sind viele von ihnen nicht mehr im Amt. Ist aller Ärger schließlich vergessen, können sie sich ihre »Leuchtturmprojekte« als visionäre Großtaten wieder zurechnen lassen – seien es Bibliotheken, die nicht mehr genug Geld für Bücher haben (überall), pompöse Kulturfabriken im Sparbetrieb (Dortmunder U), Tiefbahnhöfe ohne Ausbauperspektive (Stuttgart) oder ein rekonstruiertes Stadtschloss, das schwer zu nutzen ist (Berlin). Niemand lacht heute über Exkanzler Kohl, der 1990 die deutsche Wiedervereinigung mit Erlösen aus der Privatisierung ostdeutscher Industrien finanzieren wollte!
Die bedrohlichsten Kostenrisiken wurzeln aber in der Tradition, Bauvorhaben zu einem Zeitpunkt zu budgetieren, an dem weder Betriebskonzepte noch Baupläne ausgereift sind. Pläne werden erst nach dem Projektstart präzisiert; oft genug sind sie danach noch mehrfach korrekturbedürftig. Mit der Zuverlässigkeit eines Naturgesetzes halten sich genau daran später jene Bauunternehmen schadlos, die den Zuschlag für ihr detailliert, aber eigentlich viel zu früh beschriebenes Leistungsangebot bekamen. Weil es das niedrigste sein musste, war es kaum auskömmlich; profitabel werden Leistungsentgelte am Bau deshalb erst durch ein ausgefuchstes »Claim Management«. Fundament dieses Nachforderungsmanagements sind eben die von der Bauherrschaft veranlassten Planänderungen – und Behinderungsanzeigen: Akteure am Bau bezichtigen sich wechselseitig der Terminverschleppung oder des Pfuschs. Die Juristen machen daraus schließlich Nachtragsforderungen, mit deren Begleichung die Baukosten rasant anschwellen.
Eine schlichte Logik. Sie beschreibt den Kern des Problems, garantiert aber eben keine effiziente finanzielle Steuerung. Für ein wirksames Controlling wäre nicht nur die immer gern beschworene Kostentransparenz notwendig, sondern mehr Realismus im Perspektivischen einer Planung und v. a. mehr »Kostenwahrheit« und Redlichkeit im Umgang mit allen Beteiligten – seien das nun Parlamente oder ausführende Firmen. Kostenexplosionen bei öffentlichen Bauprojekten lassen sich weniger durch Diagramme vermeiden, die unliebsame Abweichungen »just in time« protokollieren; eher schon durch die Analyse notorisch kontraproduktiver Handlungsweisen und Abläufe.
Geiz ist so geil: Fördergelder der EU, des Bundes und der Länder geben nicht selten falsche Anreize. Mit Antragsfristen und Wahlkampfzeiten, für die man »Erfolge« braucht, bauen Politik und Verwaltung zudem massiven Zeitdruck auf, der zunächst die konzeptuelle Durchdringung eines Vorhabens torpediert und im Folgenden den technischen Umsetzungsprozess in ein heikles Terminkorsett zwängt. Aus der Verkettung von Pannen werden dann leicht größere Planungsfehler; und diese können sich in konsequenter Vernetzung – wie es etwa der »Fall« Flughafen Berlin Brandenburg nahe legt – zum kostspieligen Desaster aufschaukeln.
Dann sind die Regierenden kompromittiert, keineswegs die Architekten. Das wusste schon Carl Barks, Schöpfer der Familie Duck aus Entenhausen. In einer vom Sand zugewehten ägyptischen Pyramide stößt der Schatzsucher Dagobert Duck auf eine Inschrift: »Ich, Ramses, der da genannt wird der reichlich Berappende, berappte bei den erhöhten Baupreisen der Antike so reichlich, dass meine Schatzkammer leer ist. Ich bitte meine Nachfahren um Verständnis.«
Der Autor ist freier Publizist und Herausgeber der Zeitschrift »Kultur«; des Weiteren Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Er lebt in Stuttgart.
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