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Prozesse entwerfen – Systeme entwickeln

Architektur der Sukzession
Prozesse entwerfen – Systeme entwickeln

Urbanes Service Design: mobil-analog-digitale Infrastruktur, invOFFICEfor architecture, urbanism und design
Ein halbes Jahrhundert Frieden in Westeuropa sowie die durch die Globalisierung beschleunigten Bewegungen der Menschen und des Kapitals haben das Arbeitsfeld für Architekten und Planer erweitert. Das Selbstverständnis von Deutschlands Architekten, das aus der Schnellbau-Wachstumsepoche der Nachkriegszeit stammt, wird in Frage gestellt. Es geht heute immer mehr um das Begleiten und Steuern der Wachstums-, Transformations- und Recyclingszyklen der Stadtlandschaft.

Bei diesen Prozessen – in diesen Kontext gehört der Begriff der schrumpfenden Stadt – handelt es sich nicht nur um eine kurze Phase einer gedämpften Wachstumsdynamik, die vom Zeitgeist zelebriert und durch Verlustängste dämonisiert wird. Diese Entwicklungen stehen den meisten europäischen Nachbarn noch bevor, während in Deutschland bereits intensiv über diese Themen reflektiert und an ihnen gearbeitet wird. Und da gilt es, aus dem Problem eine Herausforderung zu machen und eine für die Bewältigung der Zukunftsaufgaben wichtige Expertise im Umgang mit den Zyklen der Stadtlandschaft zu entwickeln.
Es ist notwendig, die Wachstumsfixierungen abzuwerfen, um die Zyklen von Baustruktur und Nutzung, die in die Kreisläufe der Stadtlandschaft eingebettet sind, steuern zu können. Nur so können die diesen Prozessen innewohnenden Chancen genutzt werden, um ein Weniger an Bebauung nicht unbedingt zu einem Weniger an Lebensqualität werden zu lassen.
Dabei hilft es, die Fixierung auf das Bauen abzulegen und einen ganzheitlichen Blick zu entwickeln, der den gesamten Raum der Stadtlandschaft berücksichtigt, der nicht nur die bebauten, sondern auch die unbebauten Flächen, nicht nur die physisch-architektonischen, sondern auch die digital-medialen Räume in die Transformationsprozesse des Städtischen einbezieht. Das Planen von Objekten wird somit zum Entwerfen von Prozessen, zum Entwickeln von Systemen.
Sukzessionsfelder und Prozesse Der Blick auf die Entwicklungsprozesse unserer Umwelt verändert sich automatisch, wenn die Zweiteilung in Stadt und Landschaft zu Gunsten einer ganzheitlichen Betrachtung der Stadtlandschaft aufgehoben wird. Wenn die Flächen, die durch den Abriss von Bebauung im Laufe der Stadtumbauprozesse entstehen, nicht nur als Löcher und Diskontinuitäten einer »perforierten« Stadt gesehen werden, sondern auch als Potenziale einer landschaftsbasierten Stadtentwicklung.
Diese im Prozess des Stadtum- und -rückbaus entstehenden Freiräume können zu vergleichsweise geringen Kosten zur Qualifizierung bestehender städtischer Strukturen eingesetzt werden. Solche Freiraumnutzungen eignen sich als temporäre Lösungen, die die Verfügbarkeit von Flächen für eventuell in der Zukunft aufkommenden Bedarf nicht blockieren und somit nicht zum Hindernis für die langfristige Dynamik und Handlungsfähigkeit der Stadt werden.
Vor dem Hintergrund der Finanznot der Kommunen und der damit einhergehenden Probleme bei der Finanzierung der Pflege und Unterhaltungskosten durch die öffentliche Hand werden seitens der Schwesterdisziplin der Architektur, der Landschaftsarchitektur, sowie des aufkommenden Arbeitsbereichs der landschaftsbasierten Stadtentwicklung oder »Landscape Urbanism« kostenreduzierte Ansätze für diese neu entstehenden urbanen Grünräume gesucht. Sukzessionsgrün als »urbane Wildnis« erscheint dabei als eine (Zwischen-)Lösung für die neu entstehenden Brachen in der Stadt.
Zur Entwicklung von urbanen Freiräumen, die das städtebauliche und sozialräumliche Kontinuum aufrechterhalten, werden auch Lösungen gesucht, die zwar günstig, aber auch gepflegter sind. Gestaltete land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen der »urbanen Landwirtschaft«, deren Ertrag die Pflege- und Unterhaltungskosten decken kann, werden zum Beispiel als Energieproduzenten eingesetzt (Energiepflanzen für Biomasse zur Energieerzeugung).
Beide hier kurz erläuterten Ansätze zum Umgang mit städtischen Brachen, die »urbane Wildnis« und die »urbane Landwirtschaft«, sind kreislauf- und prozessorientiert. Dem symbiotischen Verhältnis zwischen »urbaner Agrikultur« als Energieproduzentin und (Energie konsumierender) urbaner Kultur liegt ein Kreislaufdenken zugrunde. Hier werden nicht nur städtische Freiflächen entworfen, sondern der ganze Lebenszyklus der Anlagen ist Gegenstand des Entwurfs. Die Unterhaltungskosten werden berücksichtigt, die spätere Umnutzung der Flächen ist ins Konzept integriert – (Zwischen-)Lösungen, die Phasen der urbanen Sukzessionszyklen im dynamischen, permanenten, transformatorischen Prozess der Stadtlandschaft markieren.
Sicherlich liegt der Landschaftsarchitektur eine solche Orientierung am Prozess nahe, da sie mit wachsender und vergehender Materie zu tun hat. Aber auch in der Architektur sind mehrere Ansätze zu finden, in denen Kreisläufe berücksichtigt werden. Dabei geht es nicht nur um Energiekreisläufe (Gebäude als Energiewandler) oder Materialkreisläufe (Materialrecycling und Recycling-Materialien), sondern auch um Lebenszyklen ganzer Gebäude bis zur »Demontagefabrik«. Das Augenmerk der Architektur verlagert sich von der Fertigstellung neuer Objekte auf den Umgang mit der vorhandenen Substanz. Umnutzung, Bauerhaltung, Bauerneuerung und Facility Management wurden längst als Zukunftsfelder erkannt.
Urbane Netzwerke und Systeme Erfindungsreiche Entwürfe für teilweise knifflige Kombinationen von unterschiedlichen Nutzungen unter einem alten Dach sind zunehmend gefragt; und dies auch, wenn die Bausubstanz in reichlichem Maße vorhanden ist, da die Bauunterhaltung der kritische Kostenfaktor ist.
Zur Bereitstellung baulicher »Hardware« kommt eine neue Aufgabe hinzu, die der (Software-)Programmierung des Gebauten. Solche Mehrfachnutzungen (für unterschiedliche Tages- und Wochenzeiten) von Gebäuden können durch digitale Technologien unterstützt werden. Gebäude können mit Hilfe von soft tools »programmiert« werden. Diese elektronischen Zugangskontrollen der constant identification werden längst bei vielen Hotels sowie Büro- und Betriebsgebäuden eingesetzt. Sicherheits-(Kontroll-)technik ist heute eine Wachstumsbranche.
Unterstützt durch die Allgegenwart digitaler Netzwerke, schreiten zur Zeit die »Deterritorialisierungs«-Prozesse fort, in deren Rahmen sich die Nutzungen vom baulichen Rahmen und örtlichen Fixierungen lösen. Digitale Technologien und mediale Räume saugen teilweise Funktionen aus den realen beziehungsweise architektonisch-urbanen Räumen ab: Der Buchversand im Internet treibt den Nachbarschaftsbuchladen in den Bankrott.
Dafür aber entdecken die großen Buchhäuser zunehmend die Marktlücke des (Buch-)Eventspace. Die Telearbeit, sei es nur an wenigen Tagen der Woche, hat Konsequenzen nicht nur für das Raumangebot, sondern auch für die Struktur, die Qualitäten und die Standortwahl von Bürogebäuden, die jetzt immer stärker Raum für die kommunikativen Elemente des Arbeitsalltags bieten sollen. Dies modifiziert die Raum-Hierarchien und verändert die Qualitäten der gebauten Umwelt. Es verringert auch den Bedarf an gebautem Raum.
Und trotzdem wird im Umgang mit den Problemen der »Schrumpfung« der Ausbau von medialen Räumen für die Übernahme von Funktionen aus dem physisch-urbanen Raum vorgeschlagen: »Schrumpfen kann man lernen – zum Beispiel durch Reisen nach Skandinavien«, schreibt Elisabeth Niejahr in der Zeit und fährt fort: »Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck besuchte im Mai 2004 das dünn besiedelte Finnland, wo schon heute Jugendliche aus entlegenen Dörfern per Videounterricht mit ihren Lehrern kommunizieren und Krankenhäuser auf dem Land sich bei schwierigen Eingriffen per Video von Experten in Helsinki helfen lassen.«1
Mediale Dienste werden als Lösung für Infrastruktureinrichtungen gesehen, die nicht ausgelastet sind und daher nicht mehr unterhalten werden können. Der Einsatz mobiler Dienste gilt als Mittel, um der Netzausdünnung der sozialen Infrastruktur entgegenzuarbeiten und somit auch für die weniger beweglichen Teile der Bevölkerung – Senioren und ärmere Menschen – in schrumpfenden Regionen Lebensqualität zu gewährleisten. In dem soeben zitierten Artikel wird der Filmvorführer, der über die Dörfer zieht, und der Rufbus, der die einzelnen Fahrgäste an den Ort ihrer Wahl bringt, erwähnt. Solche Modelle kombinierter mobiler und medialer Dienstleistungen werden in mehreren Regionen im Westen und Osten der Republik getestet.
Diese können sich gleichzeitig einfachster Lowtech-Mittel bedienen und aktuelle Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologie berücksichtigen. Zur Zeit werden die Schnittstellen, über die die Bewohner der reicheren Hälfte der Welt ständig online miteinander verbunden sein können, immer kleiner und somit mobiler, etwa mit Hilfe der radio-frequency identification (RFID)-Chips, die überall, von Hemden und Joghurtbechern bis hin zu Haustieren, im wörtlichen Sinne einsetzbar sind.
Gleichzeitig wird die Immobilie zur Schnittstelle. Das Haus entwickelt sich zu einer »intelligenten« Netzwerk-Umgebung, ähnlich dem Auto, dem connected car, das nicht nur ein Projekt von Microsoft, sondern längst schon Realität ist. Bei den heutigen ambient intelligence- und domotica-Anwendungen, dem so genannten digital home, e-home oder smart home, geht es erst einmal um digitale Musik-, Video- und Fernsehunterhaltung. Trotzdem stand die letzte Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas voll mit Haus-Prototypen, in denen Heizung, Kühlschrank und spezielle Kontrollmodule der Tele-Pflege und der Tele-Medikation für Senioren sowie Pflegeroboter kabellos mit dem Computer oder dem Personal Digital Assistant kommunizieren können.
Sicherlich gilt es, bei der Gebäudeplanung diese im Wandel begriffenen Nutzungen des Raumes und die somit sich verändernden Gebäudetypologien zu berücksichtigen: Das größere Haus, das auch als Heimarbeitsplatz dient, und das in der vom Nutzungsdruck befreiten, »entspannten« Stadt Wirklichkeit werden kann, das Bürogebäude, das vor allem für Jours fixes benutzt wird und daher vor allem kommunikativen und repräsentativen Anforderungen zu genügen hat, der zum Event-Raum umfunktionierte Buchladen oder der neu entstehende Bedarf nach kleinmaßstäblichen Distributionszentren für Teleshopping und nach auf Stundenbasis mietbarer Konferenzräumen mitten im Wohngebiet.
Aber darüber gilt es, die Häuser als Schnittstellen eines dynamisierten Raumes zu begreifen und sich nicht nur mit dem Entwurf des Bauobjektes zu beschäftigen, sondern sich dem Entwickeln von Systemen in der Ganzheit ihrer immobilen, mobilen und Netzwerk-Elemente zu widmen. Das heißt, nicht nur Gehäuse zu entwerfen, sondern auch ihre wechselnden Nutzungen und Umnutzungen mitzuprogrammieren. Eine solche prozessorientierte Betrachtung berücksichtigt nicht nur die Fertigung des Objekts, sondern auch seinen Tages-, Wochen- und Lebenszyklus bis hin zu seinem Recycling. Dies bedeutet aber nicht unbedingt ein Weniger an Architektur. Die von ihren entterritorialisierten Nutzungen emanzipierten und mehrfach nutzbaren Räume müssen nicht neutral im Sinne von charakterlos sein.
Architektur und Attraktoren Für die 2008 in Beijing stattfindenden Olympischen Spiele steht ein Gesamtbudget von 40 Milliarden Euro zur Verfügung. Davon werden voraussichtlich nur zehn Prozent für die Stadien und Sportanlagen ausgegeben, während etwa vierzig Prozent in Hard- und Software für Infrastruktur und Informationstechnologie fließen werden.
Trotzdem sind diese architektonischen Großprojekte für das – eigentlich mediale – Event der Olympischen Spiele als Imageträger in der Konkurrenz der globalen Ökonomie der Aufmerksamkeit von großer Bedeutung. Schon heute werden Stadien-Projekte und Hochhäuser als Bilder des neuen China implementiert.
Auch der sich abzeichnende Wandel der Einstellung der chinesischen Führung zu architektonischen Großprojekten, der eventuell deren – bereits diskutierten – Stopp zur Folge haben könnte, ist keine Absage an die Architektur. Er wird Ausdruck des sich verändernden und an die internen (ökonomischen, sozialen, ökologischen) Schwierigkeiten anpassenden Selbstbildes dieses aufsteigenden Giganten sein. Auch die Wiederentdeckung der zum großen Teil schon zerstörten historischen Bausubstanz durch den chinesischen Staat ist Ausdruck dieser beginnenden Neuorientierung. Auch hier wird Architektur symbolisch eingesetzt.
Eine Architektur, die sich nicht so sehr als Funktionsgehäuse versteht, wird immer stärker zur Repräsentationshaut. Dafür eignet sich nicht nur die Einzelgeste des extravaganten Solitärs. Auch die durch Architektur gewährleistete Einbettung in Lokalität, die durch kulturelle Eigenart und Überlieferung, durch Klima, Ressourcen und Topografie bestimmt wird, kann diese identitätsstiftende Funktion mit übernehmen.
Architektur heute hat jedoch nicht nur kompensatorische Funktion als Reaktion auf unsere »Hochgeschwindigkeits- und Kurzzeitgesellschaft« mit ihren dynamisierten Räumen und ihrer beschleunigten Zeit. Architektur als Attraktor kann Bezugspol sein, sowohl als bleibendes Bild, als auch als an den Moment gebundene Taktilität, und ist damit eine Voraussetzung für das nachhaltige Bestehen in dieser sich immer schneller drehenden Welt.
Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar
1 Elisabeth Niejahr: »Mehr Wohlstand für alle – Die Deutschen werden weniger. Dies ist kein Grund zur Panik, sondern auch eine Chance«, in Die Zeit Nr. 43, 14. Okt. 2004
Prof. Elizabeth Sikiaridi und Prof. Frans Vogelaar sind Partner von invOFFICE for architecture, urbanism and design
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