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Neue Häuser für Riyadh

Competition for the Modern Saudi House
Neue Häuser für Riyadh

Entwurf von Ulrich Gradenegger und Patrick Stremler an der Universität Karlsruhe (TH), Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen, Professor Alex Wall; GLORA_lab for planning in a global context; Dipl.-Ing. M. S. Peter Gotsch

1. Preis der Studentenwertung beim Internationalen Wettbewerb für Architekten und Studenten 2004
Vor dem Hintergrund des enormen Bevölkerungszuwachses von acht Prozent pro Jahr steht die Stadt Riyadh, Saudi Arabien, unter starkem Druck. Allein in diesem Jahr muss Wohnraum für über 400000 neue Einwohner geschaffen werden. Seit 1978 arbeitet die staatliche Entwicklungsgesellschaft Arriyadh Development Authority (ADA) an Lösungsansätzen, die dem Wachstum informeller Siedlungen entgegenwirken.
Mit Hilfe des internationalen Wettbewerbs »Competition for the Modern Saudi House« versucht die ADA, internationale Kompetenz zur Lösung des Problems zu aktivieren.
Im Vordergrund der Ausschreibung standen neben den kulturellen Besonderheiten des Islams und dem extremen kontinentalen Wüstenklima eine hohe Reproduzierbarkeit und damit die Erschwinglichkeit für den Durchschnittsbürger.
Die Familie wird im Islam als die Urzelle der Gesellschaft verstanden. Deshalb ist das eigene Wohnhaus, welches der Familie den notwendigen Schutz ihrer Privatsphäre bietet, von besonderer Bedeutung. Hieraus leitet sich das Bedürfnis nach Differenzierung von privaten, weiblichen und öffentlichen, männlichen Bereichen sowohl im städtebaulichen Gefüge als auch im einzelnen Haus ab. Dieses Bedürfnis ist angesichts der extremen sozialen und baulichen Dichte, welche die Struktur arabischer Städte prägt, besonders wichtig.
Das Programm des Wettbewerbs wurde sehr präzise formuliert. Das Raumprogramm orientiert sich an den Bedürfnissen einer durchschnittlichen, siebenköpfigen saudi-arabischen Familie. Die zu bebauende Parzelle von 12,5 mal 26 Metern liegt in einem orthogonalen Block mit 22 Parzellen, welcher beidseitig von etwa 15 Meter breiten Straßen flankiert wird.
Insbesondere im Hinblick auf den unerschöpflichen räumlichen Reichtum der gewachsenen arabischen Stadtkultur erschien der gegebene Rahmenplan als ein für den Kontext nur bedingt geeigneter Import westlichen Städtebaus. Entsprechend legten wir besonderen Wert darauf, über die Wettbewerbsausschreibung hinaus, das Haus als Teil seines städtischen Kontextes zu betrachten und diesen mitzugestalten.
Transformation und Interpretation Der Entwurf übersetzt die Struktur traditioneller islamischer Hofhäuser und Städte in die heutige Zeit. Das Wohngebiet ist hierarchisch strukturiert aufgebaut. Die Raumzelle bildet die kleinste und am besten geschützte Grundeinheit für den einzelnen Bewohner. Das Haus, ein Konglomerat mehrerer Raumzellen, ist das private Refugium der Familie. Mehrere Häuser sind um einen fußläufig erschlossenen, halb-privaten Innenbereich angeordnet. Dieser ermöglicht die Kommunikation zwischen den Familien einer Nachbarschaft.
Aufbauend auf dieser Grundidee entwarfen wir ein einfaches Raummodul, welches nach Wunsch auf zwei bis drei Etagen zwischen zwei konstruktiven Schotten eingeschoben werden kann. Die Module laufen auf Schienen und können jederzeit an jeder beliebigen Position fixiert werden. Im Inneren des Hauses entsteht dadurch eine poröse Struktur aus verschatteten Resträumen, die als Innenhöfe und Terrassen die Privatsphäre des familiären Lebens garantiert. Gleichzeitig ermöglicht die durchlässige Staffelung der Raummodule eine stetige natürliche Durchlüftung des Hauses. Verstärkt wird der entstehende Kühlungseffekt durch den Einsatz von Pflanz- und Wasserbecken.
Mit dem entwickelten System ist es möglich, eine Vielzahl individueller Grundrisse zu erstellen und das Haus den Bedürfnissen seiner Bewohner anzupassen.
In der Addition der Wohnhäuser erzeugt diese Individualität eine mit der traditionellen arabischen Stadt vergleichbare Dynamik und Vielfalt der Räume.
Konstruktive Angemessenheit Eine Schotte bildet das Rückgrat zweier jeweils angrenzender Wohneinheiten. Diese nehmen sowohl die horizontale und vertikale Erschließung als auch sämtliche Versorgungsinfrastruktur auf. Über einfache Steckverbindungen werden die haustechnischen Einrichtungen der Raummodule an die zentrale Infrastruktur angeschlossen und bleiben damit flexibel.
Das Konzept wird auf der Konstruktionsebene fortgeführt. Die Verwendung einer modularen, industriell vorgefertigten Struktur stellt nach unserer Ansicht die einzige Möglichkeit dar, den enormen Bedarf an kurzfristig benötigtem, erschwinglichem Wohnraum bereitzustellen. Ebenso wurde die Anzahl der verwendeten Einzelteile auf ein Minimum reduziert.
Mit Rücksicht auf das heiße kontinentale Wüstenklima werden drei alternative Materialien mit hoher Wärmespeicherkapazität und Trägheit – so genannte Phasenwechselmaterialien – zur Auswahl gestellt. Konventionelle Stahlbeton-Fertigteile, vorgefertigte Stampflehm-Elemente oder Kunststoff-Hohlkörper, die vor Ort mit Sand und Paraffin befüllt werden. Im Hinblick auf einen zügigen Bauablauf werden die einzelnen Elemente im Werk in transportfähige Elementgrößen vormontiert. Endmontage und Einschub in die Schotten erfolgen schließlich mit Hilfe eines Mobilkranes oder eines großen Gabelstaplers. U. G., P. S.
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