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Weniger neu bauen und stattdessen mehr Altbausubstanz erhalten, sanieren und umnutzen

Neues Laborgebäude für das Umweltbundesamt
Mangelhaft nachhaltig

~Jürgen Tietz
 

Unser Umgang mit der Welt muss deutlich verantwortungsbewusster werden. Nicht erst morgen, sondern heute. Dazu gehört eine andere Haltung beim Bauen. Das bedeutet konkret, weniger Neubau und stattdessen viel, viel mehr Altbausubstanz zu erhalten, sie weiter- und umzubauen – Stichwort »graue Energie«. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, es ist aber trotzdem wünschenswert, dass diese schon lange von der Denkmalpflege vermittelte Haltung nun endlich in die Köpfe der Gesellschaft einsickert.

Doch auch dieser Wandel braucht offenbar viel Zeit. Beispielsweise beim Umweltbundesamt (UBA). Eigentlich mahnt das UBA laut und vernehmlich und will bei allem aufklären, was die Umwelt betrifft. Es mischt sich ein bei Fragen der Mobilität und der Luftqualität und weiß, dass bei der Umweltbilanz von Milch die Weidehaltung die Stallhaltung schlägt, wie im aktuellen Internetauftritt nachzulesen ist.

Ab und an befasst sich das UBA auch mit Architektur. So hat in seinem Auftrag gerade eine hochkarätig besetzte Jury zum zweiten Mal den »Bundespreis Umwelt und Bauen« verliehen, der in mehrere Kategorien aufgegliedert ist. Ziel ist es, anhand guter Beispiele Werbung für umweltschonendes Bauen zu machen. In der Dokumentation der Preisträger des vergangenen Jahres heißt es: »Was nützt eine Idee, wenn sie niemand umsetzt? In Bezug auf die Themen Umwelt und Bauen gibt es zahlreiche hervorragende Ideen und Konzepte, die jedoch bisher noch zu wenig Eingang in die Baupraxis finden. Der Gebäudebereich ist ein Schlüsselsektor, um Klimaneutralität zu erreichen.« (www.umweltbundesamt.de/dokument/nachhaltige-gebaeude-quartiere-oekologische).

Aber was nutzen Preise für gute Ideen, wenn die Auslober sich nicht selbst an ihre Leitideen halten? Wer gute Vorbilder fördert, muss sich an seinen eigenen Maßstäben messen lassen und mit gutem Beispiel vorangehen. Doch daran hapert es am Standort Berlin des UBA. Dort werden dringend neue Labore benötigt. Unter der Regie des »Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung« (BBR) wurde daher ein Wettbewerb für ein neues Laborgebäude an der Straße Unter den Eichen in Zehlendorf ausgeschrieben. Gewonnen haben rw+ Architekten aus Berlin. Ihr Entwurf sieht vor, das vorhandene gründerzeitliche Gebäude, das ab 1903 nach Plänen des Oberbaurats Johann Hückels (1855-1921) entstand und bis 2011 von der Bundesanstalt für Risikobewertung genutzt wurde, um einen neuen Laborflügel zu ergänzen. Ziel ist es, den einst für das »Kaiserliche Gesundheitsamt« errichteten, weitläufigen Dahlemer Campus insgesamt einer neuen Nutzung zuzuführen. Übrigens handelt es sich um einen Standort mit bedrückender Geschichte: Während des Dritten Reichs fanden dort sogenannte rassenhygienische Forschungen statt, in deren Konsequenz Tausende Sinti und Roma ermordet oder zwangssterilisiert wurden.

Nach 1945 wurde das Gelände vom »Zentralinstitut für Hygiene und Gesundheitsdienst« weiter genutzt. Eine durch die Bundesbaudirektion geplante Erweiterung folgte 1962/63. Diese (denkmalwerte) Ergänzung soll nun für den Laborneubau weichen, da sich die heute geltenden hohen technischen Anforderungen an Laborbauten nicht mehr in den alten Baukörper einfügen lassen. Dabei steht beim Bundespreis »Umwelt & Bauen« eigentlich »die energetische Sanierung von Bestandsbauten« im Vordergrund. Dort bestünde »aus Sicht des Klimaschutzes der größte Handlungsbedarf«. Wohl wahr. Doch weil die Planungen für den langfristig vorgesehenen Standort des UBA in Berlin-Marienfelde noch nicht abgeschlossen sind, wird zunächst der Neubau in Dahlem verwirklicht. Neubau statt Umnutzung. Graue Energie, ade. Natürlich gibt es immer Gründe, warum neu zu bauen gerade praktischer erscheint, als den Bestand umzunutzen. Die Verhältnisse, sie sind nicht so. Das wusste schon Bertolt Brecht. Gelegentlich können die Gründe für einen Neubau sogar stichhaltig sein. Mit der Bauwende wird es allerdings schwierig, wenn sich selbst ein Umweltbundesamt aus der Umnutzungsdebatte herausschlängelt.

Der ganze Fall legt den vorherrschenden Denkfehler offen, der noch immer im System festsitzt: Anstatt neue Nutzungen aus dem vorhandenen Bestand heraus zu entwickeln und zu schauen, was passt und was nicht, wird versucht, die Nutzungen in den Bestand hineinzupressen, sodass der unter den Anforderungen fast zwangsläufig in die Knie gehen muss. Das gilt übrigens sowohl für einzelne Gebäude als auch für ganze Quartiere. Die Folge ist Abriss statt Sanierung. Das Primat des Neubaus gegenüber dem Umzug geht damit in die nächste Runde.

Eine massive Mitschuld an der verfahrenen Situation haben die immer bizarrer anmutenden Anforderungen an die (technische) Ausstattung von Gebäuden, zumal bei Sonderbauten wie Laboren. Eine wirkliche Bauwende kann aber nur dann gelingen, wenn Lowtech zum neuen Hightech wird. Wenn die hochgeschraubten Ansprüche ans Bauen endlich heruntergeschraubt werden und der Bestand mit seiner »grauen Energie« als Potenzial wertgeschätzt und nicht als Last empfunden wird. Auf diesem Weg muss das Umweltbundesamt gemeinsam mit allen Bundesbehörden nicht nur löbliche Preisverleihungen feiern, sondern bei ihrem eigenen Gebäudebestand mit allerbestem Beispiel vorangehen. Mit einer Kehrtwende in Berlin bietet sich dafür eine nachhaltige Gelegenheit.

Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.

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