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Heiss, heiss, Baby!

Klimaangepasstes Bauen
Heiß, heiß, Baby!

Heiß, heiß, Baby!
Foto: Rajiv Bajaj auf Unsplash
Der Klimawandel verlangt nach einer neuen Architektur. Es geht nicht mehr allein darum, das Aufheizen des Planeten zu verhindern oder wenigstens zu vermindern, sondern es geht auch darum, sich bereits jetzt an den wärmeren Planeten anzupassen. Wir brauchen eine klimaoptimierte Architektur. Und die wird anders aussehen als bisher.

~Christian Schönwetter

Der Sommer 2022 war der sonnigste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und gab einen Vorgeschmack darauf, was uns künftig wohl regelmäßig bevorsteht: Besonders in den dicht bebauten Zentren unserer Dörfer und Städte wird es wochenlang sehr, sehr heiß. Die Wärme staut sich in Straßen, Plätzen und Höfen, Menschen schlafen schlecht, die Produktivität sinkt und energiefressende Klimaanlagen laufen auf Hochtouren. Aber v. a. steigt die Zahl der Hitzetoten. Das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes betont, dass schon in der Vergangenheit in den meisten Jahren mehr Menschen an sommerlicher Hitze als im Straßenverkehr starben. Stadtplaner und Architekten müssen also mit vereinten Kräften versuchen, die Temperaturen in den entsprechenden Quartieren zu senken.

Es gilt, das tradierte Bild der steinernen Stadt zu hinterfragen – nach dem Motto »Mehr Vegetation wagen«. Laut einer Studie der TU München und der Uni Würzburg ist ein Grünflächenanteil von 30 bis 40 % nötig, um sommerlichen Hitzestress zu vermeiden. Innerstädtische Straßen und Plätze müssen also in großem Stil entsiegelt werden, Bäume mit ihren kühlenden Effekten sind kein »Nice-to-have« der Stadtgestaltung, sondern ein »Must-have« für erträgliche Temperaturen. Gleichzeitig gerät das Paradigma »Innenentwicklung vor Außenentwicklung« unter Druck, denn wir brauchen die letzten freien Grundstücke der Innenstädte auch als Vegetations- und Versickerungsflächen. Wo bereits alles bebaut ist, müssen Fassaden viel stärker begrünt werden als bisher. Dies stellt Entwerfer vor neue Herausforderungen: Wenn Häuser nicht einfach von einem grünen Pelz überwuchert werden sollen, ist es nötig, die Bepflanzung proaktiv als integralen Bestandteil der Architektur zu konzipieren. Statt eines Fassadenplaners wird immer häufiger ein Baubotaniker mit am Tisch sitzen.

Und wenn sich Gebäude nicht begrünen lassen? Dann gibt es andere Möglichkeiten, ein übermäßiges Aufheizen der Hülle zu verhindern und zu einem erträglichen Mikroklima im Außenraum beizutragen. Von Stadtfassaden aus Sichtmauerwerk oder -beton sollten wir uns verabschieden, um dünneren, leichteren Bekleidungen den Vorzug zu geben, die weniger Wärme speichern. Oder wir lagern dem Baukörper vollflächig eine Schicht aus Leichtbau-Elementen vor, seien es zarte Balkonkonstruktionen, Lamellen, Sonnensegel ö. Ä., seien sie fest oder beweglich. Über die Fenster hinaus gilt es, ganze Gebäudeansichten zu verschatten. Nicht zu unterschätzen ist auch die Farbwahl – dunkle Fassaden werden laut BUND unter Sonneneinstrahlung bis zu 40 °C wärmer als die Umgebungstemperatur, helle Fassaden dagegen nur 5 °C.

Für ein angenehmes Innenraumklima im Sommer sollten die Fensterflächen nicht zu groß sein, für ausreichend Helligkeit und passive Solargewinne im Winter aber auch nicht zu klein. Der optimale Anteil an der Gebäudehülle lässt sich per Simulationsrechnung ermitteln. Denkt man dies konsequent zu Ende, ergeben sich neue Ansätze für eine klimaoptimierte Architektur. Bei dichter, städtischer Bebauung wäre es sinnvoll, die Öffnungen eines Gebäudes deutlicher zu variieren: In stärker verschatteten Bereichen wie dem EG oder der Innenecke eines Blockrands könnten die Fenster größer ausfallen und nach oben von Stockwerk zu Stockwerk kleiner werden. Die Fassade würde indirekt zu einem Abbild der Besonnung.

All dies betrifft dicht besiedelte Viertel, während Einfamilienhausquartiere der Vorstadt oder gar ländliche Streusiedlungen weniger unter der Hitze ächzen. Dort bietet es sich an, die zunehmende solare Einstrahlung stärker als bisher zur Energiegewinnung zu nutzen. Kollektoren und Photovoltaik, früher nur in sonnenreichen Gegenden wirtschaftlich, werden sich an mehr Standorten lohnen. Sie werden häufiger das Erscheinungsbild der Häuser prägen, ob auf dem Dach oder – in den letzten schneereichen Gegenden – an den Fassaden.

Wenn wir mit klimagerechtem Bauen Ernst machen, wird die Architektur wieder spezifischer auf den Ort eingehen. Gebäude in der Stadt werden anders aussehen als auf dem Land, an der Nordsee anders als in den Alpen. Wir dürfen eine Vielfalt der Gestaltung erwarten, die sich aus einer inneren Logik statt aus formalen Vorlieben speist. Es kann sich ein neuer Regionalismus auf technisch höherem Niveau entwickeln, ein Regionalismus 2.0 – nicht aus Gründen des Heimatschutzes, sondern des Klimaschutzes, nicht aus Nostalgie, sondern aus Notwendigkeit.

Der Autor lebt und arbeitet in Stuttgart und verantwortet als Mitglied der db-Redaktion den Heftteil db-Metamorphose.

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