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Fritz Koenigs Anwesen Ganslberg droht aus Mangel an Fürsorge zu verfallen

Mangel an Fürsorge: Fritz Koenigs Anwesen Ganslberg droht zu verfallen
Fritz Koenigs Erbe verfällt

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Katastrophen verlangen nach einem starken Bild, einem Symbolbild, an das sich das Vorstellungsvermögen heften kann. So geschah es mit einer Skulptur, die Millionen Menschen gesehen, aber wohl nur wenige wahrgenommen hatten, ehe sie zum Symbol wurde.

~Bernhard Schulz

30 Jahre lang stand die »Große Kugelkaryatide«, besser bekannt als »The Sphere«, die Kugel, vor den Zwillingstürmen des World Trade Centers in New York, ehe sie der Anschlag des 11. September 2001 auf alle Fernsehbildschirme und Zeitungsseiten brachte. Beschädigt, aber nicht vernichtet, war sie an ihrem Platz zurückgeblieben, ein Symbol der Zerstörung und zugleich der ur-amerikanischen Zuversicht, sich von diesem Anschlag nicht besiegen zu lassen.

Später, mit dem beginnenden Wiederaufbau des zerstörten Areals, wurde die Skulptur in den nahen Liberty Park versetzt – und entschwand der medialen Aufmerksamkeit wieder, die ihr für eine kurze Zeit so übergroß zuteilgeworden war. Ähnlich erging es ihrem Schöpfer, dem Bildhauer Fritz Koenig. Der 1924 geborene Bildhauer zählt nicht zu den bekanntesten, wohl aber bedeutendsten Künstlern seiner Generation, die durch den Krieg um ihre Jugend gebracht worden war und in der Nachkriegszeit eine gänzlich neue, unverdorbene Formensprache finden musste. Koenig fand sie in der Geometrie, die er aus ihrer Abstraktheit zu lösen und zu kraftvollen Skulpturen, für die der Begriff der Bildhauerei doppelt angemessen ist, zu formen verstand. Bei den der aktuellen Kunst gewidmeten Folgen II und III der Kasseler documenta war Koenig denn auch in den Jahren 1959 und 1964 vertreten.

Bildhauerei braucht Platz, und so richtete sich Koenig in der Nähe seiner Wahlheimatstadt Landshut auf einem Pferdehof im niederbayerischen Ganslberg ein. Hier entstanden die Skulpturen, die an zahlreichen öffentlichen Orten Aufstellung fanden, hier wurde auch die riesige Sphere konzipiert. Hier trug Keonig seine eigene Sammlung zusammen, u. a. von 100 afrikanischen Skulpturen, hier schuf er sich sein eigenes Reich, einen Kunst-Ort aus verschiedenen, in die Landschaft eingepassten Bauten. Eigens für die Arbeit an der über 7 m hohen Sphere ließ er eine hölzerne Halle mit 10 m Firsthöhe an den Hang bauen.

Dieser Künstlerort ist in Gefahr. In Gefahr, zu verfallen, aus Mangel an Fürsorge seitens der Stadt Landshut, der das Areal nach Koenigs Tod – er verstarb hochbetagt mit 92 Jahren im Jahr 2017 – als Treuhänderin einer eigenen Stiftung zufiel. Entsprechende Berichte in der Presse schreckten auf. Demnach ist das Gelände nicht länger im früheren Zustand zu besichtigen, sind die afrikanischen Skulpturen in einer städtischen Lagerhalle weggeschlossen.

Im Unterschied zu anderen Ländern hat Deutschland keine starke Tradition der Künstler-Verehrung in Gestalt ihrer Häuser oder Landsitze; München ist mit den beiden museal umgeformten Häusern des Lenbachhauses und der Villa Stuck eher die Ausnahme. Bildhauerei hat ohnedies einen schweren Stand. Anders in Ganslberg, wo der ursprüngliche Zusammenhang von Leben und Werk, von Natur, Inspiration und eigener Schöpfung zumindest nachzuempfinden wäre.

»Nirgends in Deutschland jedoch existiert ein derart komplexes Gefüge aus ein halbes Jahrhundert lang bespielten Arbeits- und Ausstellungshallen mit Wohnhaus. Selbst weltweit sucht man lange Vergleichbares«, beklagt der Kritiker Stefan Trinks in der FAZ. Wir besitzen nicht die Skulpturenparks eines Eduardo Chillida, so malerisch am Meer gelegen, oder eines Henry Moore – dem übrigens Koenig für den New Yorker Auftrag vorgezogen wurde. Ein anderer Ort mag einem in den Sinn kommen – die Insel Hombroich unweit von Neuss am Niederrhein. Sie ist kein genuiner Künstlerort, eher ein Freiluftmuseum mit eigenen Ausstellungsbauten; und dennoch in gewisser Weise verwandt, hat doch der Düsseldorfer Bildhauer Anatol an der Entstehung der Insel ebenso mitgewirkt wie dort auch selbst gearbeitet. Ohne beständige Pflege ist ein solcher Ort auf der Scheidelinie von Natur und Kunst nicht zu erhalten. Das »Koenig-Reich«, als das das Hofgelände in Ganslberg geadelt wurde, bedarf einer solchen Pflege, aber ebenso eines Konzepts, das über die bloße Verewigung der Bauten und Objekte hinausgeht.

Letztlich aber weist der unwürdige Zustand des Koenig-Areals zurück auf den schweren Stand der zeitgenössischen Bildhauerei hierzulande. Gerade Koenig hat gewichtige Aufträge ausgeführt, erinnert sei an den »Klagebalken« von 1995 zur Erinnerung an die zwölf Opfer des Münchener Olympia-Attentats 1972. Wenig bekannt ist er als Schöpfer der vergoldeten Bronzeplastik der »Apokalyptischen Frau« als Fassadenschmuck der West-Berliner Kirche Maria Regina Martyrum, die Anfang der 60er Jahre durch die Katholische Kirche als Gedächtniskirche für die Opfer des NS-Regimes errichtet wurde. Ein weiteres von Koenig geschaffenes Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus befindet sich auf dem Gelände des KZ Mauthausen. Es ist eine bittere Pointe, dass ausgerechnet Koenigs so zukunftsgewandtes Werk der Sphere durch ein verbrecherisches Attentat in Mitleidenschaft gezogen und so zu dessen beredtem Mahnmal wurde.

Ohne Fritz Koenigs vielfältiges Œuvre darauf reduzieren zu wollen, ist dies ein Aspekt, der in einer zukünftigen, produktiven Nutzung des Ganslbergs eine Rolle spielen könnte und sollte. Wenige Bildhauer haben auf die Herausforderungen der Denkmalgestaltung so eindrückliche und zugleich autonome Lösungen gefunden wie Koenig. Sein Arbeits- und Lebensort ist es wert, bewahrt zu werden und zu künftigen Besuchern zu sprechen.

~Der Autor ist nach 33 Jahren als Kulturredakteur beim Berliner Tagesspiegel als freier Kunst- und Architekturkritiker tätig.

Website
»Freundeskreis Fritz Koenig e.V., Landshut«

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