Startseite » Diskurs » Form als Ergebnis, nicht als Voraussetzung

Diskurs
Form als Ergebnis, nicht als Voraussetzung

Man muss die Architektur der Kabelwerkgründe nicht mögen – räumliche Qualitäten und das vorbildliche Planungsverfahren lohnen aber den genaueren Blick Im siegreichen Wettbewerbsbeitrag hatte dyn@mosphäre eine Ordnungsstruktur entwickelt, ohne die Bebauung festzulegen Das Luftbild zeigt die hohe Dichte im Norden der Siedlung gegenüber den flacheren Bauten im Süden Bauplatz C: Die bunten Vorstufen des Häuschens im Grünen stammen aus dem Büro Schwalm-Theiss & Gressenbauer Das Programm wurde Name: Vom Dach des »Poolhauses« aus schweift der Blick über das Quartier und den Wiener Süden Kühle Eleganz: das halböffentliche Treppenhaus im Poolhaus der pool Architektur ZT GmbH Vor dem Poolhaus erstreckt sich der Otto-Bondy-Platz. Lichtdesign: Andreas Zoufal
Zehn Jahre sind im Städtebau keine lange Zeit. Im Wiener Süden entstand in dieser Zeitspanne ein neues Stück Stadt mit Vorbildcharakter. Auch im Hinblick auf deutsche Praxis lohnt die genaue Betrachtung von Planungsprozess, Bürgerbeteiligung und Zwischennutzung der »Kabelwerkgründe«, einem Quartier, dessen Formen und Strukturen aus kontextuellen Bezügen und dem Freiraum heraus entwickelt wurden.

~Christian Holl

Am 19. Dezember 1997 wurden die Werke der Kabel- und Drahtwerke AG in Meidling, dem 12. Wiener Gemeindebezirk, geschlossen. Kurz danach erwarb eine Eigentümergemeinschaft aus acht Bauträgern das Areal. Ende November 1998 war bereits der städtebauliche Ideenwettbewerb für ein gemischt genutztes Quartier entschieden. Die siegreiche Arbeitsgemeinschaft dyn@mosphäre (Rainer Pirker Architexture Team und The Poor Boy’s Enterprise) hatte aus Bebauungsregeln, Haustypen, Wegeverbindungen und kontextuellen Bezügen in einem strategischen Konzept eine Ordnungsstruktur entwickelt, ohne die eigentliche Bebauung schon festzulegen. Ähnlichkeiten mit dem Entwurf, mit dem Rüdiger Lainer 1992 den Wettbewerb für das Flugfeld Aspern in Wien gewann, lassen sich nicht leugnen. Doch während Lainers aufsehenerregender Entwurf nicht umgesetzt wurde und das Flugfeld nun auf der Basis einer konventionellen Planung entwickelt wird, ist auf dem Kabelwerkareal das Experiment gewagt worden. Mit Erfolg: Zehn Jahre später ist das mehr als acht Hektar große Gelände fast vollständig neu bebaut. Etwa 950 Wohnungen sind hier seit 2004 entstanden, etwa dreißig Prozent der Fläche werden gewerblich und kulturell genutzt. Breit variiert das Angebot an Wohnungsgrößen und -typen sowie an Rechtsformen, es reicht von Eigentumswohnungen bis zu Studentenwohnungen und temporär vermietbaren Apartments. Arztpraxen, Büros und Geschäfte werden durch ein Kulturzentrum und einen Kindergarten in umgebauten Fabrikbauten ergänzt.
Auf dem nach Süden hin abfallenden Gelände wurden Dichte und Gebäudehöhen gestaffelt, um jede Wohnung gut belichten zu können. Auf dem Dach eines Gebäudes im dichter gefügten Norden steht den Kabelwerk-Bewohnern ein Schwimmbad zur Verfügung, von hier aus bietet sich ein grandioser Ausblick, unter anderem auf Alt-Erlaa, wo ebenfalls ein Schwimmbad auf dem Dach zum Erfolg der Anlage beiträgt (siehe db 10/2001). Die GFZ-Werte steigen von 1,2 im Süden auf 3,9 im Norden des Areals an. Schade, dass von den alten Fabrikanlagen, bis auf einen Rest an der das Gelände im Westen begrenzenden Oswaldgasse, nur wenig erhalten blieb.
Würdigung der Planung
Mit dem Otto Wagner Städtebaupreis wurde das Kabelwerkprojekt allerdings schon 2004 ausgezeichnet, als vom neuen Stadtteil vor Ort noch so gut wie nichts zu sehen war. Gewürdigt wurde ein außergewöhnlicher, intensiver Planungsprozess, eingeleitet von einem bereits 1996 abgehaltenen Workshop, begleitet von einer regelmäßigen Bevölkerungsbeteiligung. Für ein kooperatives Planungsverfahren hatte man unter der Leitung von Rüdiger Lainer eine Arbeitsgruppe aus Siegern des städtebaulichen Wettbewerbs, Vertretern des Magistrats und der Bauträger, Freiraumplaner sowie dem von den Bauträgern bestimmten Architekten gebildet, die in über zwanzig Sitzungen das Projekt konkretisierten und die einzelnen Bausteine aufeinander abstimmten. Unter anderem erarbeitete diese Gruppe Testentwürfe, um zu überprüfen, wie sich das Konzept des Wettbewerbssiegers umsetzen ließe. Eine städtebauliche Begleitgruppe unter der Leitung von Thomas Sieverts (Bonn) diskutierte und korrigierte die von der Arbeitsgruppe erstellten Ergebnisse und gab Impulse für deren weitere Arbeit. Von Anfang an hatten Anwohner die Gelegenheit, den Planungsprozess zu verfolgen und zu beeinflussen. So wurde der ursprünglich autofreie Anteil der Siedlung von fünfzig Prozent deutlich gesenkt, denn dies hätte nur den Druck auf die Stellplätze der angrenzenden Gebiete erhöht. Eine für derartige Vorhaben ungewöhnlich wohlwollende Haltung der Anwohner gegenüber dem neuen Projekt war der Lohn.
Und ein weiteres strategisches Instrument half, dem Kabelwerk schon während der Planungsphase ein positives Image in der Nachbarschaft, aber auch in der Stadt Wien zu verschaffen. Seit 1999, über den Abbruch der meisten Fabrikanlagen 2002 hinaus bis zum Baubeginn 2004 wurde das Areal sozial und kulturell zwischengenutzt. Die Kulturarbeit, in die insbesondere Kinder und Jugendliche einbezogen wurden, erleichterte der Bevölkerung die Annäherung an das Quartier; nach und nach entwickelten die Anwohner selbst Initiativen – beispielsweise Raku-Töpfereikurse oder den Bau eines japanischen Holzbrennofens. Allerdings mussten die Grundstückseigentümer zu dieser Form der Zwischennutzung mit sanftem politischen Druck auch erst überredet werden, denn sie hegten Bedenken, dass die Kulturträger aus der Zwischennutzung weiterreichende Rechtsansprüche ableiten würden.
Prozess und Form
Ebenso wichtig für die Bewertung des Kabelwerk-Modells wie der kooperative Planungsprozess ist der kreative Umgang mit dem planungsrechtlichen Instrumentarium und der städtebaulichen Konfiguration. Letztere wirkt auf dem Plan zunächst unübersichtlich, stellt sich vor Ort aber als selbstverständlich und angenehm in den Verhältnissen von Freiraum und Bebauung dar. ›
› Der Planung liegt das Prinzip zugrunde, nicht das architektonische Objekt oder eine Bebauungsfigur, sondern den Freiraum zum strukturellen Gerüst der Siedlung zu machen und um diesen herum sich die Bebauung erst entwickeln zu lassen.
Festgelegt waren die den Freiraum strukturierenden Sockelgeschosse, die das formale wie das funktionale Grundgerüst bilden. In ihnen sind Wohnungen ausgeschlossen, dafür können Gewerbe-, Gemeinschaftsräume und Werkstätten errichtet werden.
Im Bebauungsplan wurden außerdem Raumkanten definiert, um sicherzustellen, dass Platzräume wie gewünscht entstehen. Auch Bebauungshöhen und die maximale Kubatur sind festgelegt; wie das Volumen aber auf dem Baufeld unterzubringen sei, war planungsrechtlich nicht ausgewiesen worden.
Ein »Schüttmodell« half im diskursiven Planungsprozess, die Bebauungsform zu finden. Die prinzipiell bebaubaren Flächen werden dabei mit Plexiglas in den jeweils zulässigen Höhen umrandet. Ein Granulat steht in der Menge zur Verfügung, die dem zulässigen Volumen für dieses Grundstück entspricht. Damit kann man nun die Behälter befüllen und unterschiedliche Verteilungen innerhalb des möglichen Volumens gegeneinander abwägen.
Eine aus dem Kontext entwickelte Mischung aus öffentlichen, halböffentlichen und privaten Freiräumen, aus autofreien und geschützten Plätzen, aus übersichtlichen Verbindungen und intimen Gassen mit differenzierten Räumen und Stimmungen entstand. Dem Wunsch nach möglichst hoher Ausnutzung des Grundes gaben Planer und Stadt im Norden allerdings etwas zu weit nach, hier ist die Bebauung zu dicht geraten, sind die privaten Freiräume nicht mehr ausreichend vor Einblicken geschützt.
Vorbild trotz kleiner Schwächen
Es bleibt die Frage, ob die schnelle Realisierung dem Gebiet gutgetan hat. Die Übergänge zum Bestand sind trotz aller Bemühungen, Alt und Neu miteinander zu verknüpfen, deutlich sichtbar. Die Einzelobjekte wirken bisweilen formal aufdringlich, man hätte sich an manchen Stellen etwas mehr Zurückhaltung in der architektonischen Gestaltung, etwa in der Farbwahl gewünscht. Auch wird man kritisch beobachten, wie sich die gleichzeitige Alterung von Freiräumen und Gebäude auswirken wird. Als schwere Hypothek könnte sich erweisen, dass so gut wie keine Spielräume blieben, durch Bebauung ergänzend und korrigierend einzugreifen.
Trotzdem: Das Wiener Experiment könnte gerade in Deutschland dazu anregen, sich nicht stets nur auf das Modell des vielerorts schon zum Dogma erstarrten Blocks in all seinen dichten und aufgelockerten Variationen zu verlassen. Die Kabelwerke zeigen, dass auch andere Formen es ermöglichen, in der Dichte räumliche Vielfalt und an Raum- und Erlebnisqualitäten reiche Quartiere zu schaffen. Richtig ist, dass es dazu eines aufwendigen Begleitverfahrens bedurfte. Richtig ist aber auch, dass rigidere Strukturen in gleicher Weise solch intensiver Begleitverfahren bedürfen. Der Erfolg der Tübinger Südstadt zeigt dies, aber gerade deren Erfolg hat möglicherweise verdeckt, dass eine auf dem Block aufbauende städtebauliche Form allein noch nicht der Garant für ein funktionierendes Quartier ist. München-Riem führt dieses Dilemma deutlich vor Augen, wurde doch hier zu wenig die Frage des Freiraums beachtet, das Verhältnis von Dichte und Bebauungsform stimmt hier einfach nicht mehr. Dass man gerade in München das Experiment der Werkbundsiedlung abgebrochen hat, mit dem man andere Formen urbaner Dichte hätte untersuchen können, schmerzt daher doppelt. Aber auch Großprojekte wie die Hamburger HafenCity (siehe db 7/2008) oder für das Areal nördlich des Berliner Hauptbahnhofs, für das im Mai der Wettbewerb entschieden wurde, hätten Chancen zu einem Verfahren geboten, in dem Form und Prozess sich wechselseitig bedingend entwickeln können.
Wien zeigt, dass man sich nicht dazu verführen lassen darf, allein auf der Ebene der Form zu diskutieren. Form, Kommunikation, Aushandlungsprozesse und ein kreativer Umgang mit dem planungsrechtlichen Instrumentarium gehören zusammen. In Wien war diese ganzheitliche Betrachtung schon zum Thema des Wettbewerbs gemacht worden.
Das Kabelwerk kann Vorbild sein, gerade weil man der Form nicht vertraute, sondern sie erst aus dem Kontext und der Aufgabe entwickelte und für die Umsetzung originelle rechtliche Festsetzungen traf. Zwar ließ sich einiges, was die Wettbewerbssieger vorgeschlagen hatten, etwa die radikale Flexibilität der Nutzungsbausteine, nicht umsetzen. Aber nehmen wir einmal die Regelung der Bonuskubatur: Etwa zwanzig Prozent des Volumens durften zusätzlich errichtet werden, wenn damit größere Raumhöhen angeboten, Gemeinschaftsanlagen erweitert und die Erschließungsflächen vergrößert wurden.
Dadurch entstanden Räume mit einer Großzügigkeit, die dem Quartier guttun. Allein diese Großzügigkeit möchte man vielen anderen neuen Quartieren wünschen.
Der Autor ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Architektur und Städtebau und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart.
Weiterführende Links: www.kabelwerk.at www.kabelwerk.at (»Kabelwerk – Entwurfsprozess als Modell«, Magistrat der Stadt Wien, MA 18)
Tags
Aktuelles Heft
Anzeige
Anzeige
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
1 Parksysteme von KLAUS Multiparking im YachtHotel Helvetia in Lindau

Bis ins Detail

Anzeige